Onmeda.de Logo

Melatonin

Letzte Änderung:
Verfasst von Dr. rer. nat. Geraldine Nagel • Medizinredakteurin

Das Hormon Melatonin beeinflusst viele Bereiche des Körpers – so etwa den Schlaf und die innere Uhr. Noch vor ein paar Jahren galt Melatonin als Wundermittel, das Alterungsprozesse verlangsamen und vor Krebs schützen sollte. Viele dieser Effekte haben sich bislang nicht bestätigt – oder wurden widerlegt.

Überblick

Der Körper bildet Melatonin in der Zirbeldrüse, einem Teil des Zwischenhirns, und gibt es in den Blutkreislauf ab. Das geschieht hauptsächlich nachts beziehungsweise bei Dunkelheit. Man bezeichnet Melatonin deshalb auch als Schlafhormon oder Hormon der Dunkelheit.

Tageslicht unterdrückt dagegen die Produktion des Hormons: Bei Tag ist der Melatoninspiegel etwa zehnfach niedriger als in der Nacht. Elektrisches Licht hemmt die Ausschüttung des Hormons ebenfalls, wenn auch nicht ganz so stark. Mit zunehmendem Alter sinkt die Melatonin-Produktion zudem allmählich ab.

Melatonin beeinflusst unter anderem

Bei leichteren Schlafproblemen kann zusätzliches Melatonin deshalb helfen – richtige Schlafstörungen lassen sich damit jedoch nicht behandeln. Wer einen Jetlag rascher überwinden will, findet mithilfe von Melatonin-Tabletten möglicherweise schneller in seinen Schlaf-Wach-Rhythmus zurück.

Da es bislang kaum Erkenntnisse zur Langzeitwirkung von Melatonin gibt, ist eine langfristige Einnahme ohne ärztlichen Rat nicht zu empfehlen.

In den USA erhält man Melatonin-Tabletten ganz einfach im Drugstore oder sogar im Supermarkt – es gilt dort als Nahrungsergänzungsmittel. In Deutschland gelten Melatonin-Tabletten dagegen als Medikament und sind verschreibungspflichtig. Sie werden normalerweise kurz vor dem Schlafengehen eingenommen. Wer Melatonin einnimmt, muss vereinzelt mit Nebenwirkungen rechnen (z.B. Albträumen, Schwindel oder Kopfschmerzen). Derzeit gibt es in Deutschland nur ein einziges zugelassenes Medikament, das Melatonin als Wirkstoff enthält.

Produktion

Das Hormon Melatonin entsteht hauptsächlich im Gehirn – genauer gesagt in der Zirbeldrüse (Epiphyse, Glandula pinealis), einem Teil des Zwischenhirns. Geringe Mengen bilden jedoch auch die Netzhaut des Auges sowie der Darm.

Die Melatonin-Produktion ist an den Tag-Nacht-Rhythmus gekoppelt: Die Zirbeldrüse schüttet das Hormon vor allem bei Dunkelheit aus und nimmt auf diese Weise Einfluss auf den Schlaf. Je länger es dunkel ist, desto länger wird Melatonin ausgeschüttet. Tageslicht hemmt die Melatonin-Synthese dagegen größtenteils. Im Vergleich zum Tag findet sich nachts etwa zehnmal so viel Melatonin im Blut. Und auch die Jahreszeiten beeinflussen die Produktion des Hormons: Während des Sommers, wenn die Tage länger sind, zirkuliert weniger Melatonin im Blut als im Winter. Auch elektrisches Licht hemmt die Melatonin-Produktion: Bleibt das Licht während der Nachtschlafs an, sinkt die Melatonin-Konzentration im Blut um bis zu 50 Prozent.

© Onmeda
Die Zirbeldrüse schüttet bei Dunkelheit Melatonin aus.

Ob Licht vorhanden ist oder nicht, "erfährt" die Zirbeldrüse über Lichtsensoren (Photorezeptoren), die in der Netzhaut des Auges liegen. Nehmen die Photorezeptoren Lichtreize wahr, übermitteln sie dies an den Nucleus suprachiasmaticus (SCN), der im Hypothalamus (einem weiteren Teil des Zwischenhirns) liegt.

Der Nucleus suprachiasmaticus spielt eine wichtige Rolle für die Regulation der inneren Uhr. Von ihm aus gelangt die Information über das Licht über weitere Stationen schließlich bis zur Zirbeldrüse, die daraufhin je nach gemeldetem Status entweder vermehrt Melatonin ausschüttet oder weniger freisetzt.

Misst man die Mengen an Melatonin, die die Zirbeldrüse produziert, so findet sich in der Regel ein typischer Verlauf für die Nacht: Mit Einbruch der Dunkelheit steigt die Produktion gleichmäßig an und hat ihre höchsten Werte zwischen ein und drei Uhr nachts. Danach sinkt der Melatoninspiegel wieder.

Die Melatonin-Produktion verändert sich außerdem im Laufe des Lebens. Rund zwölf Wochen nach der Geburt bildet die Zirbeldrüse in der Nacht am meisten Melatonin. Derart hohe Konzentrationen erreicht der Körper nie wieder – denn ab diesem Zeitpunkt sinkt die Melatonin-Ausschüttung stetig. Bereits gegen Ende der Pubertät setzt die Zirbeldrüse nur noch 80 Prozent dieser anfänglichen Höchstmenge frei. Danach nimmt die Melatoninmenge schließlich mit jedem Lebensjahr langsam weiter ab. Wie stark diese Abnahme im Erwachsenenalter beim Einzelnen ist, variiert jedoch von Mensch zu Mensch.

Ausgangsprodukt für Melatonin ist die Aminosäure Tryptophan, die man in vielen Nahrungsmitteln findet, so zum Beispiel in:

Aus Tryptophan entsteht über verschiedene Zwischenstufen erst das Hormon Serotonin und schließlich Melatonin:
Tryptophan → Hydroxytryptophan → Serotonin → Acetylserotonin → Melatonin

Melatoninspiegel

Der durchschnittliche Melatoninspiegel im Blut liegt:

Niedriger Melatoninspiegel

Ein niedriger Melatoninspiegel kann folgende Ursachen haben:

Erhöhter Melatoninspiegel

Ein erhöhter Melatoninspiegel entsteht zum Beispiel durch:

Messung

Der nächtliche Verlauf der Melatonin-Konzentration im Blut lässt sich messen, wenn man jede Stunde Blutproben nimmt und diese auf ein bestimmtes Abbauprodukt von Melatonin (6-Hydroxy-Melatoninsulfat) untersucht. Alternativ kann eine Speichelprobe zwischen ein und drei Uhr nachts oder eine Analyse des Morgenurins Aufschluss geben.

Wirkung

Das Hormon Melatonin entsteht vor allem abends beziehungsweise in der Nacht, wenn es dunkel ist. Es beeinflusst den Schlaf-Wach-Rhythmus und die innere Uhr. Melatonin macht müde, fördert das Einschlafen und drosselt manche Körpervorgänge, während es andere aktiviert. So senkt Melatonin zum Beispiel in der Nacht die Körpertemperatur und stimuliert das Immunsystem.

Weitere Effekte von Melatonin (Beispiele):

© Jupiterimages/iStockphoto
Melatonin macht müde und fördert das Einschlafen.

Eine Zeit lang galt Melatonin als regelrechtes Wundermittel: So vermutete man etwa, dass das Hormon den Alterungsprozess verlangsamt oder vor Krebs schützen kann. Viele der angeblichen Wirkungen konnten bislang nicht oder nur zum Teil durch wissenschaftliche Studien bestätigt werden oder wurden sogar ganz widerlegt. Unbestritten ist dagegen der Einfluss auf den Schlaf.

Jetlag / gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus

Ein verschobener Schlaf-Wach-Rhythmus, wie zum Beispiel bei einem Jetlag nach einer langen Flugreise über mehrere Zeitzonen oder bei Schichtarbeit, kann Probleme bereiten. In solchen Fällen hilft eine Melatonin-Einnahme möglicherweise dabei, schneller in den eigenen Schlaf-Wach-Rhythmus zurückzufinden.

Maß für die Jahreszeiten

Mithilfe von Melatonin registriert der Körper, welche Jahreszeit gerade herrscht und kann – so vermutet man – auf diese Weise Körperprozesse entsprechend anpassen. In einem Teil der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) zeichnen spezielle Zellen (sog. Kalenderzellen) auf, wie viel Melatonin die Zirbeldrüse gerade ausschüttet. Da über das Jahr hinweg die Tages- und dadurch auch die Nachtlänge variiert, lassen sich mithilfe der Kalenderzellen Unterschiede zwischen heller und dunkler Jahreszeit messen. Ob dies tatsächlich Auswirkungen auf den Menschen hat und wenn ja, welche, ist noch nicht näher bekannt.

Melatonin als Anti-Aging-Hilfe?

Das Hormon Melatonin besitzt antioxidative Eigenschaften und wirkt als Radikalfänger. Man vermutet deshalb, dass sich Melatonin günstig auf der Zellalterung auswirken könnte. Bei Mäusen, die Melatonin erhielten, verlängerte sich die Lebenszeit um etwa 20 Prozent. Aus diesem Grund erlangte das Hormon seinen Ruf als Anti-Aging-Mittel, insbesondere in den USA. Ob sich diese Ergebnisse jedoch auf den Menschen übertragen lassen, ist bislang zweifelhaft. Zudem ließ sich bisher kein direkter Einfluss von Melatonin auf Zellalterungsprozesse nachweisen.

Schutz vor Krebs durch Melatonin?

Als Radikalfänger kann Melatonin Zellen bis zu einem gewissen Maß vor Schäden am Erbgut (DNA) schützen und dadurch vor einer Entartung in bösartige Krebszellen. Die Ergebnisse hierzu sind allerdings widersprüchlich: Zwar zeigte sich einerseits, dass Melatonin auf Tumoren hemmend wirken kann. Andere Studien wiesen jedoch genau das Gegenteil nach: Melatonin kann das Wachstum von Tumoren demnach auch fördern. Andererseits kann das Unterdrücken der körpereigenen Melatonin-Produktion wiederum ebenfalls das Risiko für manche Krebserkrankungen erhöhen. Bei diesem Thema besteht weiterer Forschungsbedarf.

Melatonin-Tabletten

In den USA gilt Melatonin in Tablettenform als Nahrungsergänzungsmittel, entsprechend problemlos erhält man es in Drugstores oder auch Supermärkten. In Deutschland ist es dagegen ein verschreibungspflichtiges Medikament und als Wirkstoff bislang nur in einem einzigen Präparat (für Personen über 55 Jahren mit Schlafstörungen) zugelassen. Die Tabletten nimmt man in der Regel kurz vor dem Schlafengehen ein.

Eine langfristige Einnahme von Melatonin ist in Deutschland umstritten, da unklar ist, welche Effekte die dauerhafte Hormonzufuhr für die Gesundheit haben könnte.

Melatonin-Tabletten können bei kleineren Schlafproblemen kurzfristig hilfreich sein – so erleichtern sie etwa das Einschlafen. Das Durchschlafen scheinen sie dagegen nicht wirklich zu verbessern. Das mag daran liegen, dass sich der Melatoninspiegel im Blut nach Einnahme des Hormons nur für kurze Zeit erhöht. Bei echten Schlafstörungen sind Melatonin-Tabletten Studien zufolge kaum hilfreich.

© Jupiterimages/Polka Dot Images
Nahrungsergänzungsmittel oder Medikament? In Deutschland gibt es Melatonin nur auf Rezept.

Bei einem verschobenen Schlaf-Wach-Rhythmus, wie zum Beispiel bei einem Jetlag oder bei Schichtarbeit, können Melatonin-Tabletten jedoch helfen, schneller in den eigenen Rhythmus zurückzufinden.

Da bisher nicht ausreichend bekannt ist, wie sich Melatonin-Tabletten während der Schwangerschaft auf das ungeborene Kind auswirken, ist eine Einnahme für Schwangere nicht zu empfehlen. Auch stillende Frauen sollten auf Melatonin-Tabletten besser verzichten, da Melatonin auch in die Muttermilch gelangt.

Nebenwirkungen

Die Einnahme von Melatonin-Tabletten kann in seltenen Fällen zu verschiedenen Nebenwirkungen führen, wie zum Beispiel:

Um Nebenwirkungen zu vermeiden, sollte man darauf achten, Melatonin-Tabletten wie empfohlen einzunehmen. In der Regel liegt der geeignete Zeitpunkt hierfür kurz vor dem Schlafengehen.

Melatonin in Lebensmitteln

Obst und Gemüse

Melatonin kommt auch in verschiedenen Obst- und Gemüsesorten vor – allerdings in so kleinen Mengen, dass man Berge davon verzehren müsste, um eine nennenswerte Konzentration zu erreichen: So müsste man zum Beispiel entweder 1 Tonne Gurken oder 200 Kilogramm Bananen verspeisen, um wenigstens 0,1 Milligramm Melatonin zusammenzubekommen. Zum Vergleich: Melatonin-Tabletten enthalten 2 Milligramm Melatonin.

Nachtmilch

Sogenannte Nachtmilchkristalle sind "Milchkristalle" aus Milch von nachts gemolkenen Kühen, die man portioniert erwerben und einnehmen kann. Es handelt sich hierbei im Grunde um Milchpulver aus der Nachtmilch. Nachtmilch enthält höhere Mengen an Melatonin als Tagmilch – das Nacht-Milchpulver soll sich deshalb schlaffördernd auswirken. Eine Portion enthält dabei 1,8 Nanogramm Melatonin.

Experten zweifeln diese Wirkung jedoch an: Zwar enthalten Nachtmilchkristalle etwas mehr Melatonin, die Menge ist aber immer noch so gering, dass man circa eine Million Portionen zu sich nehmen müsste, um auf die Menge zu kommen, die eine Melatonin-Tablette enthält (2 Milligramm). Eventuell verspürte Wirkungen sind daher am ehesten einem Placebo-Effekt zuzuschreiben.

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 2014)

Online-Informationen der Roten Liste: www.rote-liste.de (Stand: 2014)

Faller, A., et al.: Der Körper des Menschen. Thieme, Stuttgart 2012

Licht vor dem Einschlafen beeinflusst Blutdruck und Diabetes-Risiko. Online-Informationen des Deutschen Ärzteblatts: www.aerzteblatt.de (Stand: 17.01.2011)

Kleine, B., et al.: Hormone und Hormonsystem. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2010

Melatonin-haltige Nachtmilchkristalle: Online-Informationen von "Gute Pillen – Schlechte Pillen": http://gutepillen-schlechtepillen.de (Stand: März 2010)

Nachtmilchkristalle gegen Schlaflosigkeit sind Unsinn. Online-Informationen des Deutschen Ärzteblatts: www.aerzteblatt.de (Stand: 17.06.2010)

Tryptophan. Online-Informationen von Medline Plus, einem Service der U.S. National Library of Medicine und National Institutes of Health: www.nlm.nih.gov (Stand: 02.07.2010)

Müller, W., et al.: Tier- und Humanphysiologie. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2009

Siems, W., et al.: Allgemeine Krankheitslehre für Physiotherapeuten. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2009

Block, F.: Kompendium der neurologischen Pharmakotherapie. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2008

Krutmann, J., et al.: Hautalterung. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2008

Melatonin. Online-Informationen des Medical Center der University of Maryland: www.umm.edu (Stand: 2006)

Jacobi, G., et al.: Kursbuch Anti-Aging. Thieme, Stuttgart 2005

Benninghoff/Drenckhahn: Anatomie Band 2. Urban & Fischer, München 2004

Zimmermann, M., et al.: Burgersteins Mikronährstoffe in der Medizin. Haug-Verlag, Stuttgart 2003

Verwendung von Melatonin in kosmetischen Mitteln. Online-Informationen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR): www.bfr.bund.de (Stand: 29.08.2001)

Melatonin als Arzneimittel zulassungspflichtig – Empfehlung der Bundesinstitute erfolgt dosisunabhängig! Online-Informationen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR): www.bfr.bund.de (Stand: 14.06.1996)

"Wunderdroge" Melatonin ist kein Nahrungsergänzungsmittel. Online-Informationen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR): www.bfr.bund.de (Stand: 30.10.1995)

Letzte inhaltliche Prüfung: 04.12.2014
Letzte Änderung: 16.07.2020