Dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeits­störung)

Veröffentlicht von Onmeda-Redaktion

Menschen mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS, multiple Persönlichkeitsstörung) sind schwer traumatisiert. Ihre Psyche ist so verletzt, dass sich ihre Persönlichkeit in mehrere Teilidentitäten aufspaltet. Die einzelnen Identitäten wechseln sich ab und wissen in der Regel nichts voneinander.

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Inhaltsverzeichnis

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HINWEIS FÜR BETROFFENE: Dieser Text enthält Passagen, die möglicherweise als Auslösereize wirken könnten.

Was ist eine dissoziative Identitätsstörung?

Die dissoziative Identitätsstörung (DIS) ist eine psychische Störung, die Ärzte früher auch als multiple Persönlichkeitsstörung (MPS) bezeichnet haben.

Charakteristisch für eine DIS ist, dass eine Person zwei oder mehr unterscheidbare Teilidentitäten oder Persönlichkeitszustände entwickelt. Diese Abspaltung von einzelnen psychischen Fuinktionen nennt man Dissoziation. Jede der einzelnen Teilpersönlichkeiten verfügt über eigene Charaktereigenschaften, Verhaltensweisen und Erinnerungen. Die verschiedenen Persönlichkeiten sind dabei nie gleichzeitig vorhanden, sondern immer zu verschiedenen Zeitpunkten. Sie sind in der Regel völlig voneinander getrennt (sog. multiple Persönlichkeit).

Die einzelnen Teilidentitäten denken, fühlen und agieren unabhängig voneinander. Sie unterscheiden sich beispielsweise in ihren Namen, Vorlieben und Verhaltensweisen.

Oft kommt es vor, dass sich die Person an wichtige Informationen nicht erinnern kann, weil die Identität, die den Großteil des normalen Alltags bestreitet, sich der anderen Identitäten oft nicht bewusst ist und darum auch nicht weiß, was diese tun.

Viele Menschen setzen die multiple Persönlichkeitsstörung mit einer Schizophrenie gleich. Der Grund: Schizophrenie wird umgangssprachlich oft als "gespaltene Persönlichkeit" bezeichnet. Dieser Begriff ist jedoch irreführend, denn mit einer Persönlichkeitsspaltung oder mehreren Identitäten hat die Schizophrenie nichts zu tun.

Manche Wissenschaftler zweifeln an, dass es die dissoziative Identitätsstörung tatsächlich gibt. Andere sehen sie nicht als eigenständige Störung an, sondern verstehen sie eher als Ausprägung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Wie häufig ist die dissoziative Identitätsstörung?

In Europa wird die Diagnose DIS nur selten gestellt. Genaue Zahlen zur Häufigkeit der dissoziativen Identitätsstörung liegen nicht vor.

Dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeits­störung): Symptome

Die dissoziative Identitätsstörung (DIS, multiple Persönlichkeitsstörung) kann vielfältige Symptome verursachen.

Charakteristisch ist, dass zwei oder mehr voneinander unterscheidbare Teilidentitäten oder Persönlichkeitszustände in einer Person existieren (sog. multiple Persönlichkeit). Im Extremfall können bis zu 100 Teilidentitäten in der Person vereint sein.

In der Regel gibt es eine Identität, die den Großteil des normalen Alltags bestreitet. Diese bezeichnet man als Host (englisch: Gastgeber). Die anderen Teilpersönlichkeiten nennt man Alters (abgeleitet vom englischen alternate, sinngemäß: anders, verändert).

Typisch für eine multiple Persönlichkeitsstörung sind schwerwiegende Gedächtnislücken: Die Betroffenen können sich an wichtige persönliche Informationen nicht erinnern. Der Grund: Der Host ist sich der anderen Persönlichkeitszustände nur teilweise bewusst, sodass er sich auch nicht an deren Handlungen erinnert. Wer eine multiple Persönlichkeit hat, weiß darum manchmal nicht, wie er an den Ort gekommen ist, an dem er sich befindet, wer die Person ist, die er eben gegrüßt hat oder wer den Einkaufszettel auf seinem Tisch geschrieben hat.

Die verschiedenen Teilidentitäten unterscheiden sich meist deutlich voneinander: Sie haben verschiedene Namen, unterschiedliche Vorlieben und Verhaltensweisen. Die Charaktereigenschaften der sogenannten Alters stehen häufig im Gegensatz zum Host. Das Ausmaß, in dem die verschiedenen Identitäten untereinander kooperieren (d.h., untereinander Zugriff auf die Erinnerungen und Handlungen haben und den Wechsel der Teilpersönlichkeiten koordinieren können), ist unterschiedlich stark ausgeprägt.

Weitere Symptome, die bei Menschen mit einer dissoziativen Identitätsstörung häufig auftreten, sind zum Beispiel:

Dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeits­störung): Ursachen

In der Regel entsteht eine dissoziative Identitätsstörung (DIS, multiple Persönlichkeitsstörung) durch eine frühe Traumatisierung in der frühen Kindheit, insbesondere durch

Meist handelt es sich um Traumata, die vor dem fünften Lebensjahr entstanden sind.

Seltener lösen andere Traumata eine dissoziative Identitätsstörung aus: Infrage kommen zum Beispiel schwere Lebenssituationen wie extreme Armut oder Krieg, in denen die Kinder den Verlust von Angehörigen miterleben mussten. Auch kann es sein, dass ein Betroffener zwar traumatisiert ist, sich aber nicht mehr an die traumatischen Erlebnisse erinnern kann.

In einer schwer traumatischen Situation trennen die Kinder als Schutzreaktion das reale Geschehen vom Bewusstsein ab und schaffen so einen gedanklichen Rückzug aus der unerträglichen Situation. Eine multiple Persönlichkeitsstörung entsteht, wenn sich die Betroffenen dabei in zwei oder mehr Identitäten aufspalten, wobei jede Identität bestimmte Funktionen in den jeweiligen Situationen übernimmt und in einer ähnlichen Situation wieder zum Vorschein kommen kann.

Die Teilidentitäten erfüllen verschiedene Aufgaben:

Dissoziation als Schutzmechanismus

Die einzelnen Teilidentitäten, die bei einer multiplen Persönlichkeit zum Vorschein kommen, entstehen durch sogenannte Dissoziation.

Unter einer Dissoziation versteht man die teilweise oder vollständige Abspaltung einzelner psychischer Funktionen. Dieser Vorgang kann als eine Art Bewältigungsmechanismus in belastenden, stressigen oder traumatischen Situationen unbewusst ablaufen und lässt sich nicht steuern. Einige Hirnregionen arbeiten dann nicht weiter, sodass die Informationsweiterleitung im Gehirn teilweise blockiert ist.

Zur psychischen Störung wird dieser Schutzmechanismus dann, wenn die Teilidentitäten weiterbestehen, obwohl sich die Person nicht mehr in einer traumatischen Situation befindet – oder wenn schon geringe Alltagsbelastungen ausreichen, um Dissoziationen auszulösen.

Die Fähigkeit zur Dissoziation ist also die Grundvoraussetzung dafür, dass sich Teilidentitäten abspalten und somit eine dissoziative Identitätsstörung entstehen kann. Doch nicht jeder Mensch kann dissoziieren. Bei Kindern ist die Fähigkeit zur Dissoziation aber in der Regel gut ausgeprägt.

Dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeits­störung): Diagnose

Oft vergehen viele Jahre, bis dissoziative Identitätsstörung (DIS, multiple Persönlichkeitsstörung) als solche diagnostiziert wird. Dies kann verschiedene Gründe haben. Häufig vermutet der Arzt zunächst eine andere Krankheit hinter den Symptomen, etwa Schizophrenie oder eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Oft scheut sich eine multiple Persönlichkeit auch, von ihren Gedächtnislücken und merkwürdigen Begebenheiten – zum Beispiel von unbekannten Kleidern im Schrank – zu erzählen, obwohl dies ein wichtiger Hinweis für auf eine dissoziative Identitätsstörung sein kann.

Wichtig ist, dass der Arzt andere Erkrankungen oder Erscheinungsbilder ausschließen kann, die mit ähnlichen Symptomen einhergehen – etwa mit Bewusstseinstrübungen oder Gedächtnisverlust. Dazu zählen zum Beispiel:

Um die dissoziative Identitätsstörung zu erfassen, können ein Fragebogen zu dissoziativen Symptomen und ein Interviewleitfaden hilfreich sein.

Dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeits­störung): Therapie

Eine dissoziative Identitätsstörung (DIS, multiple Persönlichkeitsstörung) muss oft über Jahre hinweg behandelt werden – vor allem mit einer Psychotherapie. Es gibt kaum wissenschaftliche Daten darüber, welche Therapieformen am besten zur Behandlung einer dissoziativen Identitätsstörung geeignet sind. Bei manchen hilft eine kognitive Verhaltenstherapie, andere Betroffene profitieren von einer psychodynamischen Behandlungsform wie der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie.

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Auch Techniken wie das Eye Movement Desensitization Reprocessing (EMDR) können geeignet sein. Der Therapeut leitet den Betroffenen an, von dem traumatischen Erlebnis zu berichten und dabei schnelle Augenbewegungen auszuführen. Die Kombination von Augenbewegung und Konfrontation mit dem Trauma erleichtert es, das Erlebte zu verarbeiten: Die Augenbewegung regt das Gehirn so an, dass sich die Blockaden lösen können.

In Einzelfällen können bei einer dissoziativen Identitätsstörung vorübergehend Medikamente (Antidepressiva und Beruhigungsmittel) zum Einsatz kommen. Allerdings werden dadurch lediglich die Symptome gelindert – die Ursachen für die multiple Persönlichkeitsstörung bleiben durch die medikamentöse Behandlung unangetastet.

Die Suche nach einem geeigneten Therapeuten gestaltet sich häufig schwierig. Zum einen haben viele multiple Persönlichkeiten schon schlechte Erfahrungen mit Behandlungen aufgrund falscher Diagnosen gemacht. Zum anderen fällt es Menschen, die eine multiple Persönlichkeitsstörung haben, häufig schwer, Vertrauen zu fassen. Dies ist aber notwendig, um sich auf die Therapie einlassen zu können. Hilfreich kann es sein, sich an einen speziellen Traumatherapeuten zu wenden.

Dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeits­störung): Verlauf

Die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) entwickelt sich meist in früher Kindheit, bleibt aber oft bis zum Erwachsenenalter unentdeckt.

Die Intensität der Störung kann im Verlauf variieren. Zum Beispiel können die Symptome nur phasenweise auftreten oder aber ständig vorhanden sein. Belastungen und traumatische Erfahrungen verstärken die Störung typischerweise. Durch die psychische Belastung ist das Suizidrisiko deutlich erhöht.

Mithilfe einer geeigneten Therapie kann sich die Prognose deutlich bessern. Wird die dissoziative Identitätsstörung nicht behandelt, bleibt sie meist dauerhaft bestehen, wobei die Symptome mit steigendem Lebensalter jedoch häufig abnehmen. Wie die Störung verläuft, ist auch vom Ausmaß der ursächlichen Traumatisierung abhängig.

Dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeits­störung): Weitere Informationen

Linktipps:

Austauschmöglichkeiten für Betroffene/Selbsthilfe:

www.multicorner.de
Die Hilfeseite bietet Menschen mit multipler Persönlichkeit, deren Familienangehörigen, Freunden und so weiter die Möglichkeit, sich in verschiedenen Foren mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Informationen zu Therapien:

Zum Thema sexueller Missbrauch:

Quellen:

Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2017

Dissoziative Identitätsstörung. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: April 2016)

Möller, H., et al.: Duale Reihe. Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

Reddemann, L., Hofmann, A., Gast, U.: Psychotherapie der dissoziativen Störungen. Thieme, Stuttgart 2011

Arolt, V., Kersting, A. (Hrsg.): Psychotherapie in der Psychiatrie. Springer, Berlin 2010

Aktualisiert am: 16. Oktober 2018

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