Borderline-Syndrom

Veröffentlicht von Onmeda-Redaktion

Das Borderline-Syndrom, auch als Borderline-Störung bezeichnet, ist eine komplexe Persönlichkeitsstörung. Menschen mit Borderline-Syndrom sind emotional instabil und leben in einem ständigen Wechselbad der Gefühle – zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Zugleich berichten sie über ein Gefühl innerer Leere. 

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Inhaltsverzeichnis

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"Borderliner" haben Probleme damit, ihre Gefühle zu regulieren und reagieren oft impulsiv. Schon eine Kleinigkeit kann genügen, dass die Gefühlslage kippt. Dies führt dazu, dass die Betroffenen schnell als launisch oder unberechenbar abgestempelt werden. 

Dieses Gefühlschaos zeigt sich auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen: Mal idealisieren die Borderline-Patienten ihren Partner, kurze Zeit später entwerten sie ihn, weil er die Erwartungen nicht erfüllen kann. Eine Borderline-Beziehung ist daher geprägt von intensiven Emotionen – sowohl von positiven als auch von negativen.

Menschen mit "Borderline" haben zudem große Angst, von ihrem Partner verlassen oder enttäuscht zu werden: Schon eine zeitlich begrenzte Trennung kann zu Misstrauen führen oder Ängste auslösen. 

Kurz erklärt: Was ist "Borderline"?

Das Borderline-Syndrom ist eine emotional instabile Störung der Persönlichkeit. Die Krankheit zeichnet sich aus durch ein fortlaufendes Muster von Instabilität in

Der Begriff Borderline entstand aus der Annahme, dass sich die Erkrankten im Grenzbereich (engl. borderline) zwischen Neurose und Psychose bewegen.

In der Lebensgeschichte der Menschen mit Borderline-Syndrom finden sich häufig massive Missbrauchserfahrungen oder andere traumatische Erlebnisse wie etwa körperliche Gewalt. Wahrscheinlich spielen auch genetische Faktoren eine Rolle.

Oft nimmt die Intensität der Borderline-Persönlichkeitsstörung ab, wenn die Betroffenen älter werden. Mit fortschreitendem Erwachsenenalter sind viele Menschen sowohl im privaten wie auch im beruflichen Bereich psychisch stabiler.

Borderline-Syndrom: Symptome

Menschen mit einem Borderline-Syndrom haben grundsätzlich Schwierigkeiten damit, ihre Emotionen zu regulieren. Dies kann zu verschiedenen Symptomen führen:

Borderline-Syndrom: Ursachen

Bei der Entstehung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung spielen vermutlich

eine Rolle.

Nach Ansicht psychoanalytischer Erklärungsmodelle handelt es sich bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung um eine sogenannte Frühstörung. Das bedeutet, dass bei den Betroffenen Strukturen und Denkmuster bestehen geblieben sind, die typisch für die frühe Kindheit sind. In dieser Zeit stehen Hass- und Neidkonflikte im Vordergrund, es besteht noch keine differenzierte Wahrnehmung der eigenen oder fremder Personen, sondern eine starre Bewertung von Menschen als "gut" oder "böse".

In den letzten Jahren wurden beim Borderline-Syndrom zunehmend Missbrauchserfahrungen als mögliche Ursachen untersucht. Dabei zeigte sich, dass die meisten der Betroffenen mit Borderline-Syndrom über schwere traumatische Erlebnisse wie sexuellen oder körperlichen Missbrauch, extreme häusliche Gewalt oder ausgeprägte Vernachlässigung in der Kindheit berichten.

Dabei ist in vielen Fällen der misshandelnde Täter eine wichtige Bezugsperson, sodass die Betroffenen mit dem Widerspruch konfrontiert werden, dass eine geliebte Person, die sie schützen sollte, identisch mit der Person ist, vor der man sich selbst schützen muss. In diesem Widerspruch ist es für Betroffene nur schwer möglich, seine Reaktionen von Wut und Ekel gegenüber der Bezugsperson wahrzunehmen und zu äußern. Möglicherweise kehren sich bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung diese negativen Gefühle dann gegen die eigene Person, sodass der Missbrauch durch die eigene "schlechte Persönlichkeit" gerechtfertigt werden kann.

Missbrauchserfahrungen können auch die spätere Beziehungsgestaltung entscheidend prägen, da gleichzeitig unvereinbare Emotionen erlebt werden: zum Beispiel die Zärtlichkeit des Täters, verbunden mit der gleichzeitigen Angst vor ihm. Dazu das Gefühl, bevorzugt zu werden, aber auch intensive Scham. Diese extreme Widersprüchlichkeit der Gefühle lässt die Betroffenen auch später im Umgang mit anderen Menschen zwischen extremen Polen hin und her schwanken.

Nicht bei allen Personen, die unter einem Borderline-Syndrom leiden, liegen Missbrauchserfahrungen vor. Allen Betroffen scheint aber gemeinsam zu sein, dass sie in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem Verhalten und Menschen immer als entweder "vollkommen gut" oder "vollkommen böse" bewertet werden. Ein typisches erlerntes Verhaltensmuster könnte zum Beispiel sein, als "gutes" Kind nie wütend sein zu dürfen. Das führt dazu, dass die Betroffen nicht lernen, angemessen mit schwierigen Situationen oder negativen Gefühlen umzugehen. Auch prägen in der Vorgeschichte einer Borderline-Störung häufig extreme emotionale Vernachlässigung oder übermäßige Strenge die Erziehung.

Erinnerung wird zur Belastung

Die Therapie von Personen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, ergab, dass die emotionalen Reaktionen der meisten schwächer werden, wenn sie über das Trauma sprechen. Bei Borderline-Patienten zeigt sich hingegen, dass ein wiederholtes Erinnern des Missbrauchs bei ihnen zu einer Zunahme der belastenden Gefühle führt. Es scheint bei ihnen eine erhöhte neurobiologische Erregbarkeit vorzuliegen. Zudem scheint die wiederholte und oft willkürliche Traumatisierung der Menschen mit Borderline-Störung dazu zu führen, dass sie ein ausgeprägtes Gespür für mögliche Bedrohungen entwickeln.

Als Konsequenz können auf scheinbar harmlose Reize extreme Reaktionen folgen, zum Beispiel sogenannte dissoziative Symptome. Dabei verlieren Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung jeglichen Realitätsbezug und fühlen sich selbst fremd. Eigene Handlungen oder Empfindungen können sie nicht mit ihrer Person in Verbindung bringen (sog. Depersonalisation).

Dissoziative Symptome können beim Borderline-Syndrom in Momenten subjektiv wahrgenommener Bedrohung auftreten. Sie sind vergleichbar mit dem Totstellreflex bei Tieren: Wenn der Person keine Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, auf die Bedrohung zu reagieren, helfen die dissoziativen Symptome dabei, sich der Situation zu entziehen. Damit ist den Borderline-Betroffenen aber die Chance genommen, zu lernen, dass sie eine wahrgenommene Gefahr bewältigen können, indem sie selbst handeln.

Die dissoziativen Symptome, wie Veränderungen der Raum- und Zeitwahrnehmung, das Gefühl, neben sich zu stehen und nichts mehr spüren zu können, erleben Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung als sehr beängstigend. Häufig beenden sie diesen unangenehmen Zustand durch selbstverletzendes Verhalten, zum Beispiel durch Schneiden und Ritzen mit scharfen Gegenständen, um sich wieder zu spüren.

Borderline-Syndrom: Diagnose

Um beim Borderline-Syndrom die Diagnose stellen zu können, müssen mindestens fünf der folgenden neun Kriterien gemäß des Diagnostischen und Statistischen Handbuchs Psychischer Störungen (DSM) beim Betroffenen vorliegen:

Die auffälligen Verhaltensweisen sind beim Borderline-Syndrom dauerhaft vorhanden und nicht auf einen umrissenen Zeitraum begrenzt. Die Störungen treten bereits in der Kindheit oder Jugend auf und zeigen sich dauerhaft auch noch im Erwachsenenalter. Mithilfe von strukturierten Interviews erfragt der Arzt, ob Symptome vorliegen, die für die Borderline-Persönlichkeitsstörung typisch sind.

Borderline-Test

Häufig kommt für die Diagnose auch ein spezieller Borderline-Test zum Einsatz – das sogenannte diagnostische Interview für das Borderline-Syndrom (DIB). In einem circa zweistündigen Gespräch versucht der Untersucher, durch Fragen und Beobachten Informationen zu verschiedenen Teilbereichen zu sammeln. Je nachdem, was der Patient sagt oder wie er reagiert, kann der Untersucher die einzelnen Bereiche und den gesamten Borderline-Test mithilfe eines Punktesystems ("Scores") auswerten.

Das DIB setzen Ärzte in der stationären Psychiatrie oder in der ambulanten psychoanalytischen Praxis ein. Es handelt sich hierbei allerdings nicht um einen Borderline-Test, der vom Patienten selbst durchgeführt wird. Solche Selbsttests, die zum Beispiel im Internet abrufbar sind, können nur Hinweise auf eine möglicherweise bestehende Borderline-Persönlichkeitsstörung geben – sie ersetzen keinesfalls die Diagnose durch einen Spezialisten.

Borderline-Syndrom: Therapie

Beim Borderline-Syndrom gestaltet sich die Therapie oft für beide Seiten – Betroffene wie Therapeuten – schwierig. Dies liegt vor allem daran, dass die Erkrankten auch in der Therapie (wie in anderen zwischenmenschlichen Beziehungen) häufig zwischen Idealisierung und Herabsetzung des Therapeuten schwanken. Unter anderem aus diesem Grund wechseln viele Betroffene mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung häufig ihren Therapeuten.

Der psychoanalytische Ansatz der Borderline-Therapie versteht die Schwierigkeiten der Betroffenen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen als Ausdruck innerpsychischer Konflikte. Im Mittelpunkt der Borderline-Therapie steht deshalb, diese Probleme zu deuten.

In den 1980er Jahren ist ein stark strukturiertes Programm speziell für die Therapie von Personen mit Borderline-Syndrom entwickelt worden. Diese sogenannte dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) ist das wissenschaftlich am besten belegte Behandlungsverfahren bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung und gliedert sich in folgende Abschnitte:

Die dialektisch-behaviorale Therapie der Borderline-Störung wurde als ambulante Behandlungsmethode entwickelt. Unter manchen Umständen, zum Beispiel bei anhaltendem lebensbedrohlichem Verhalten, ist aber zumindest vorübergehend eine stationäre Therapie ratsam. Bisherige Untersuchungen zur dialektisch-behavioralen Therapie zeigen, dass die Betroffenen mit Borderline-Syndrom insbesondere in den Bereichen der Selbstverletzungen, stationären Aufenthalte, Depressivität und sozialen Einbindung deutliche Verbesserungen zeigten.

Weitere Therapieverfahren

Neben der dialektisch-behavioralen Borderline-Therapie (DBT) gibt es weitere verhaltenstherapeutische Ansätze, deren Wirksamkeit aber weniger gut belegt ist als bei der DBT:

Der Schema-fokussierten Borderline-Therapie liegt die Annahme zugrunde, dass negative Denkmuster (Schemata) die Ursache der Persönlichkeitsstörung sind. Sie können zum Beispiel infolge von negativen Kindheitserlebnissen entstehen. Bei der SFT versuchen Therapeut und Betroffener gemeinsam, diese Schemata zu erkennen und zu verändern. Dies geschieht in drei Phasen:

Die Mentalisierungs-basierte Borderline-Therapie kombiniert psychoanalytische Ansätze mit der sogenannten Bindungstheorie. Grundlage ist die Annahme, dass Personen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung die Fähigkeit fehlt, die eigenen Erlebnisse und Gefühle sowie die anderer nachzuvollziehen und zu verstehen – also zu mentalisieren. Bei der MBT stehen daher das Erleben der Betroffenen und die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, im Mittelpunkt. Die Mentalisierungs-basierte Borderline-Therapie erfolgt in Gruppen.

Die Übertragungs-fokussierte Psychotherapie ist eine weitere Form der Borderline-Therapie. Sie setzt sich aus einer Vorbereitungs- und mehreren Therapiephasen zusammen. In der Vorbereitungsphase schließen der Betroffene und der Therapeut mündlich einen Behandlungsvertrag, in dem die Therapieziele festgelegt sind. Die einzelnen Therapieziele werden anschließend in unterschiedlichen Therapiephasen bearbeitet. So kann zum Beispiel in einer Therapiephase zu Beginn der Behandlung das Ziel im Vordergrund stehen, das eigene Verhalten besser zu kontrollieren und eigene Gefühle zu verarbeiten.

Medikamente (sog. Psychopharmaka) können beim Borderline-Syndrom die Therapie ergänzen: zum Beispiel Neuroleptika, die auch in der Schizophrenie-Therapie verwendet werden, oder selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer.

Borderline-Syndrom: Nimmt oft einen chronischen Verlauf

Beim Borderline-Syndrom kann der Verlauf sehr unterschiedlich sein. Mit fortschreitendem Alter nimmt die Intensität der Störung meist ab, sodass viele Betroffene im Erwachsenenalter sowohl im privaten wie im beruflichen Bereich psychisch stabiler sind.

Das Borderline-Syndrom nimmt oft einen chronischen Verlauf. Neben anhaltender Instabilität in verschiedenen Bereichen verlieren Betroffene mit Borderline-Persönlichkeitsstörung häufig phasenweise vollkommen die Kontrolle über ihre Gefühle. Beim Borderline-Syndrom hängt der Verlauf stark von einer angemessenen Therapie ab. Da die Borderline-Persönlichkeitsstörung durch vielfältige Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen und selbstschädigendes Verhalten gekennzeichnet ist, ist die Behandlung oft schwierig. So wechseln Betroffene mit Borderline-Syndrom zum Beispiel häufig den Therapeuten.

Typische Verhaltensweisen bei einer Borderline-Störung sind häufig bei den Betroffenen schon in der Kindheit und Jugend zu beobachten. Die Diagnose "Borderline-Syndrom" sollte aber nicht vor dem 14. Lebensjahr gestellt werden, da bis dahin die Persönlichkeit eines Menschen noch starken Entwicklungen unterliegt.

Borderline-Syndrom: Weitere Informationen

Linktipps:


Selbsthilfegruppen / Beratungsstellen:

Buchtipps:

Quellen:

Borderline-Persönlichkeitsstörung. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 25.5.2017)

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Aktualisiert am: 5. Juli 2017

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