Neuraminidase-Hemmstoffe

Wirkstoffgruppe || Quellen (Stand: 30. Oktober 2007)

auch bezeichnet als:
Neuraminidase-Hemmer; Neuraminidase-Inhibitoren; Sialidase-Hemmer; Sialidase-Inhibitoren; Sialinsäure-Analoga

Folgende Wirkstoffe sind der Wirkstoffgruppe "Neuraminidase-Hemmstoffe" zugeordnet

Anwendungsgebiete dieser Wirkstoffgruppe

Neuraminidase-Hemmstoffe kommen bei echter Grippe (Influenza) um Einsatz. Die in der Umgangssprache manchmal als "Grippe" bezeichneten Erkältungskrankheiten bleiben meist auf die oberen Atemwege beschränkt. Sie sind durch Symptome wie Schnupfen, Husten und mäßiges Fieber gekennzeichnet und werden durch Schnupfenviren (meist Rhinoviren) ausgelöst.

Die Grippe hingegen ist eine schwere Allgemeinerkrankung, die durch Influenzaviren verursacht und durch direkten Kontakt oder Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen wird. Die Symptome sind hohes Fieber, starke Kopfschmerzen und Gliederschmerzen sowie ein deutliches Krankheitsgefühl. Manchmal kommt es auch zu Übelkeit und Erbrechen. Häufige Komplikationen wie Lungenentzündung, Bronchitis, Entzündungen des Herzmuskels oder Hirnhautentzündung sind zumeist auf eine Sekundärinfektion mit Bakterien zurückzuführen.

Die Grippe tritt vorwiegend in den Wintermonaten auf und führt regelmäßig zu Todesfällen bei immungeschwächten und älteren Menschen. Deshalb wird diesem Personenkreis die alljährlich im Herbst angebotene Grippe-Impfung empfohlen.

Neuraminidase-Hemmstoffe verkürzen bei frühzeitigem Behandlungsbeginn (spätestens 48 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome) den Krankheitsverlauf der Grippe etwas und mildern möglicherweise die Schwere der Erkrankung. Zudem verringern die Wirkstoffe die Wahrscheinlichkeit, andere Menschen mit den Influenzaviren anzustecken.

Ist die Grippe erst voll ausgebrochen, nützen die Neuraminidase-Hemmstoffe nichts mehr. Auch eine Grippe-Schutzimpfung können sie normalerweise nicht ersetzen. Allein wenn die Schutzimpfung nicht vertragen wird, darf versucht werden, der jahreszeitlich bedingten Grippe mit Neuraminidase-Hemmstoffen vorzubeugen (Empfehlung der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft). Ein wichtiger Grund dafür ist die zunehmende Unempfindlichkeit (Resistenz) der Grippe-Erreger gegen die Wirkstoffe.

Die derzeit einzigen Vertreter dieser recht neuen Arzneimittelgruppe sind Oseltamivir und Zanamivir. Oseltamivir wird in Form von Tabletten oder Lösungen verabreicht und aus dem Verdauungstrakt in den Körper aufgenommen. Es wird erst durch Stoffwechselvorgänge im Körper in die aktive Form überführt, ist also ein Prodrug. Zanamivir wird inhaliert.

Beide Wirkstoffe sind im Allgemeinen gut verträglich. Die Einnahme von Oseltamivir führt gelegentlich zu Übelkeit und Erbrechen. Zanamivir kann bei Menschen mit Asthma Verkrampfungen der Atemmuskulatur und Atemnot auslösen.

So wirken Neuraminidase-Hemmstoffe

Viren sind winzige, unbelebte Strukturen, die keinen eigenen Stoffwechsel besitzen. Ihre Erbinformation, die entweder aus Desoxyribonukleinsäure (DNA) oder aus Ribonukleinsäure (RNA) besteht, wird von einem Eiweißmantel (Capsid) geschützt. Manche Viren sind zudem noch von einer Hülle umgeben. Um sich zu vermehren, müssen die Viren in bestimmte Zellen (Wirtszellen) eindringen. Dort missbrauchen sie Material und Ausstattung der Zellen für ihre Vermehrung. Die virale Erbinformation ist die Bauanleitung zur Bildung viruseigener Eiweiße und damit zur Herstellung neuer Viren.

Influenzaviren sind behüllte RNA-Viren. Auf ihrer Oberfläche tragen sie zwei sehr wandlungsfähige Eiweiß-Strukturen, das Hämagglutinin (abgekürzt H oder HA) und die Neuraminidase (abgekürzt N oder NA). Hämagglutinin ermöglicht den Viren das Erkennen ihrer Wirtszellen und erleichtert das Anheften und Eindringen. Die Neuraminidase ist ein eiweißspaltendes Enzym, sie ist im Anschluss an die Vermehrung notwendig zur Freisetzung der Viren aus der Wirtszelle. Zudem kann sie den zähen Schleim der Atemwege verflüssigen und so die Ausbreitung der Viren fördern.

Neuraminidase-Hemmstoffe blockieren das virale Enzym. In der Folge können sich die Viren nur schwer von ihrer Wirtszelle abkoppeln; sie bleiben sozusagen an der Zellhülle kleben. Dadurch wird die Verbreitung der Viren in den Atemwegen eingeschränkt und die Infektion weiterer Schleimhautzellen verhindert.




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