Hyperventilation, Hyperventilationssyndrom – was ist das?

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (26. Oktober 2016)

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Hyperventilation ist eine gestörte Atemregulation: Menschen, die hyperventilieren, atmen schneller und tiefer, als es körperlich nötig ist – meist, ohne sich dessen bewusst zu sein. Hyperventilationssyndrom bezeichnet die hierdurch ausgelöste Symptomgruppe.

Die Hyperventilation kann sich sich auf die unterschiedlichsten Körperfunktionen auswirken. Zustande kommt das Hyperventilationsyndrom dadurch, dass die Betroffenen verstärkt Kohlendioxid (CO2) abatmen – dies hat zur Folge,

  • dass die CO2-Konzentration im Blut sinkt,
  • wodurch wiederum der pH-Wert im Blut steigt (sog. respiratorische Alkalose: respiratorisch = durch die Atmung bedingt).
  • Das Ergebnis: Die Zellen können den Sauerstoff  aus dem Blut schlechter aufnehmen, an den Zellen sind die Austauschvorgänge gestört, die Konzentration an freiem Calcium im Blut sinkt (sog. Hypokalzämie).

Hyperventilation, Hyperventilationssyndrom: Ursachen

Als Ursachen für eine Hyperventilation kommen unterschiedliche psychische (seelische) und organische (körperliche) infrage. Allgemein gilt:

  • Ein akutes Hyperventilationssyndrom tritt meist bei völlig gesunden Menschen auf,
  • während bei Menschen, die chronisch (d.h. dauerhaft) hyperventilieren, der Hyperventilation oft eine Störung zugrunde liegt.

Tritt ein akutes Hyperventilationssyndrom infolge einer seelisch bedingten Hyperventilation auf, können zum Beispiel die folgenden Belastungssituationen dahinterstecken:

Eine körperlich bedingte Hyperventilation kann beispielsweise folgende Ursachen haben:

Wenn eine Hyperventilation körperliche Ursachen hat, kann auch eine sogenannte Zirkularatmung dahinterstecken: Diese kommt zum Beispiel beim Spielen von Blasinstrumenten bewusst zum Einsatz – vor allem beim Spielen eines Didgeridoos.

Viele Menschen, die hyperventilieren, sind sich dessen jedoch gar nicht bewusst. Sie bemerken aber unangenehme Symptome, die wiederum Angst auslösen und somit die Hyperventilation verstärken können: Es entsteht ein Teufelskreis aus sich gegenseitig bedingenden und fördernden Beschwerden.

Hyperventilation, Hyperventilationssyndrom: Diagnose

Ob bei einer Hyperventilation die Diagnose schnell gelingt, hängt vor allem von ihren Symptomen (dem sog. Hyperventilationssyndrom) ab. Zu hyperventilieren kann sich auf die unterschiedlichsten Körperfunktionen auswirken:

Welche Beschwerden im Einzelfall ein Hyperventilationssyndrom ausmachen, hängt davon ab, wie stark und wie lange die Betroffenen hyperventilieren. Entsprechend verursacht auch ein plötzlich und heftig (bzw. akut) auftretender Hyperventilationsanfall typischerweise andere Symptome als eine dauerhaft (bzw. chronisch) verlaufende Hyperventilation:

  • Eine akute Hyperventilation ist anhand der im Vordergrund stehenden beschleunigten Atmung, Atemnot und Angst meist unverkennbar und entsprechend leicht zu diagnostizieren.
  • Eine chronische Hyperventilation ist schwerer zu erkennen, weil der Körper an den dauerhaft erhöhten pH-Wert gewöhnt ist und seinen Stoffwechsel entsprechend angepasst hat. Menschen, die dauerhaft hyperventilieren, entwickeln dadurch weniger kennzeichnende Symptome; außerdem haben sie oft weitere Beschwerden, die das Hyperventilationssyndrom in den Hintergrund drängen.

Akute Hyperventilationsanfälle treten überwiegend im zweiten und dritten Lebensjahrzehnt auf; mit steigendem Alter nimmt ihre Häufigkeit ab. Frauen sind häufiger wegen akuter Hyperventilation in Behandlung als Männer. Ist die akute Hyperventilation gerade erst aufgetreten, kann der Arzt zur Diagnose auch eine Blutgasanalyse einsetzen, um die Kohlendioxid-Konzentration und den pH-Wert des Bluts zu bestimmen.

Daneben besteht bei akuter Hyperventilation die Möglichkeit, das Hyperventilationssyndrom zu Diagnosezwecken künstlich hervorzurufen: Hierzu muss man drei Minuten lang schneller und tiefer atmet als normal. Wenn durch diesen sogenannten Hyperventilationsversuch genau jene Beschwerden zu spüren sind, die auch im Alltag bei einem Hyperventilationsanfall auftreten (wie Kribbeln in Händen und Füßen, Verkrampfungen im Mundbereich, Sehstörungen, Schwindel, Gefühl des Nicht-Durchatmen-Könnens, Brustschmerzen), gilt die Hyperventilation als sicher diagnostiziert.

Bei einer chronischen Hyperventilation ist der Provokationstest hingegen oft nicht hilfreich, da der Körper sich bereits an das ständige Hyperventilieren gewöhnt hat und nicht mehr in dem Maße auf die verstärkte Atmung reagiert.

Deswegen spielt die Krankengeschichte in der Regel bei der chronischen Hyperventilation eine größere Rolle für die Diagnose als bei der akuten. Entsprechend erkundigt sich der Arzt ausführlich nach der Art und Dauer der Symptome, nach bestehenden Vorerkrankungen und eventuell eingenommenen Medikamenten. Wenn feststeht, dass es sich bei den vorliegenden Beschwerden um ein Hyperventilationssyndrom handelt, gilt es, mögliche körperliche Ursachen – wie Lungenerkrankungen, Herzschwäche und Erkrankungen des Gehirns – auszuschließen.

Je nach vermuteter Ursache für eine akute oder chronische Hyperventilation kommen eventuell weitere Untersuchungen zum Einsatz, beispielsweise eine Blutuntersuchung, eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs, ein Elektrokardiogramm (EKG) oder eine Computertomographie (CT) des Kopfs.

Hyperventilation, Hyperventilationssyndrom: Therapie

Wie eine Hyperventilation zu behandeln ist, hängt von ihrer Ursache ab. Bei einem psychisch bedingten akuten Hyperventilationssyndrom gilt es zunächst, sich zu beruhigen und sich klar zu machen, dass das Hyperventilieren harmlos ist und keine gefährliche Krankheit hinter den Beschwerden steckt.

Wirkt sich die Hyperventilation bereits auf Ihre Nerven und Muskeln aus (z.B. in Form von Ameisenlaufen, Kribbeln oder Pfötchenstellung der Hände), hilft eine kurzzeitige Tütenrückatmung gegen das Hyperventilieren. Hierzu benötigen Sie nur eine Tüte (Plastik- oder Papiertüte) – und dann:

  • halten Sie die Öffnung der Tüte über Mund und Nase und
  • atmen Sie ruhig und gleichmäßig in die Tüte.

So klingt das Hyperventilationssyndrom in aller Regel rasch ab, denn: Dank der Rückatmung steigt die infolge der Hyperventilation gesunkene Kohlendioxid-Konzentration im Blut schnell wieder an, sodass sich die Zustände im Körper wieder normalisieren.

Löst die Hyperventilation Krämpfe aus, können zur Therapie Beruhigungsmittel aus der Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine (z.B. mit dem Wirkstoff Diazepam) zum Einsatz kommen, die der Arzt im akuten Anfall spritzen kann.

Um weitere Hyperventilationsanfälle zu verhindern, sind bei einer Hyperventilation nachfolgend atemtherapeutische Maßnahmen ratsam, bei denen Sie spezielle Atemtechniken erlernen. Auch Entspannungstechniken, wie beispielsweise autogenes Training, progressive Muskelrelaxation und Yoga, können zur Therapie beitragen. Wenn Sie aufgrund ausgeprägter Angstzustände oder Ähnlichem ein akutes Hyperventilationssyndrom haben, können Ihnen eine Psychotherapie und in Extremfällen auch auf die Psyche wirkende Medikamente helfen: sogenannte Psychopharmaka (z.B. die Wirkstoffe Imipramin, Paroxetin).

Wenn eine körperliche Erkrankung wie Blutarmut (Anämie) oder eine Schwäche der Muskulatur des linken Herzens (Linksherzinsuffizienz) für eine chronische Hyperventilation verantwortlich ist, macht dies eine gezielte Therapie der Grunderkrankung notwendig.

Hyperventilation, Hyperventilationssyndrom: Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Hyperventilation, Hyperventilations­syndrom":

Quellen:

Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2017

Baenkler, H.-W., Goldschmidt, H., Hahn, J.-M., et al.: Kurzlehrbuch Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2015

Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013

Thieme-Verlag (Hrsg.): Duale Reihe Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2012

Müller, S.: Memorix Notfallmedizin. Thieme, Stuttgart 2011

Herrmann, J.M., Radvila, A.: Funktionelle Atemstörungen: Das Hyperventilationssyndrom. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 96, Nr. 38, pp. 695–697 (19.3.1999)

Stand: 26. Oktober 2016

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