Macht Boxen dumm?

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion

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Stimmt’s oder stimmt’s nicht? "Boxen macht dumm!"

Muskelbepackte Kerle hauen sich mit voller Wucht aufs Kinn, Schweiß und Blut spritzen: Profiboxen ist nichts für Zartbesaitete. Den Einschalt- und Zuschauerquoten zufolge zieht das Spektakel die Menschen magisch an: Volle Hallen und Sofas sind bei Spitzenkämpfen garantiert. Einerseits nachvollziehbar, andrerseits abstoßend. Nachvollziehbar ist das Interesse an einer – wenn Könner aufeinander treffen – durchaus eleganten und durch Geschick, Reaktionsschnelligkeit und körperliche Höchstleistung geprägten Sportart. Geplatzte Augenbrauen, aufgesprungene Lippen und kartoffelförmige Nasen schrecken hingegen ab. Zudem fragt man sich, was die Treffer bei den Kämpfern eigentlich anrichten. Macht Boxen auf Dauer krank? Oder gar dumm?

Ohne Zweifel: Profiboxen ist gefährlich. Die Gegner treten ohne Kopfschutz an, Ziel ist es, nach Punkten zu gewinnen oder – besser – den Kontrahenten zu Boden zu bringen. Und zwar so, dass er möglichst lange benommen liegen bleibt. Ein saftiger Knock-out krönt auch in den Augen vieler Fans den Kampf. Dass die kurzzeitige Bewusstlosigkeit beim K.o. medizinisch einer Gehirnerschütterung entspricht und sehr gefährlich sein kann, interessiert die Beteiligten meist kaum. Wohl auch nicht, dass weltweit jedes Jahr Boxer durch Hirnblutungen oder Verletzungen innerer Organe sterben. Im Unterschied zu den meisten anderen Topsportarten nehmen Akteure und Zuschauer beim Boxen schwere Verletzungen in Kauf.

Der Knock-out ist ein Beispiel für die unmittelbaren (akuten) Folgen des Boxens. Zudem wirkt sich der Sport mittel- und langfristig aus: Etwa einen Tag nach einem Niederschlag plagen jeden zweiten Betroffenen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Ohrgeräusche, Vergesslichkeit, Schwindel und Übelkeit. Langfristig schadet der Schlagabtausch vor allem den Nervenzellen. Jeder zehnte bis zwanzigste Profi leidet unter anhaltenden neuropsychiatrischen Folgeerkrankungen, also Störungen des Nervensystems und der Psyche. So etwa unter der sogenannten Boxerdemenz, die biologisch der Alzheimer-Demenz ähnelt. Betroffene werden vergesslich, reagieren verlangsamt und bekommen Probleme mit dem Sprechen.

Auch beim Boxen entscheidet die Dosis über die Wirkung – Karrieredauer und Zahl der eingesteckten Kopfschläge bestimmen maßgeblich, wie sehr die Nervenzellen zerstört werden. Ein Boxer, der seine "Nehmerqualitäten" oder "Standkraft" lobt, sollte sich eher um seine Gesundheit sorgen. Ob Boxen dumm macht, lässt sich nach bisherigen Untersuchungen weder bekräftigen noch widerlegen. Es liegt jedoch nahe, dass langjähriges Faustkämpfen ohne Kopfschutz nicht eben intelligenter macht – es sei denn, der Kämpfer ist so gut, dass er keine oder kaum Treffer kassiert.

Dr. med. Fabian Weiland

(ehem. Chefredakteur)



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