Multiple Sklerose: Vererbbar oder nicht?

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (10. März 2017)

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Forschungen zur Vererbung von multipler Sklerose weisen darauf hin, dass bei der Entstehung der Krankheit genetische Faktoren zwar eine Rolle spielen, darüber hinaus aber auch Umweltfaktoren an der Entstehung einen erheblichen Einfluss nehmen. Demnach ist multiple Sklerose keine klassische Erbkrankheit. Die genetischen Grundlagen und das genaue Zusammenspiel verschiedener Einflüsse sind bisher nicht genau aufgeschlüsselt.

Was ist eine Erbkrankheit?

Eine Krankheit wird dann als Erbkrankheit bezeichnet, wenn sie durch eine DNA-Veränderung verursacht wurde. Diese sogenannte Mutation kann über eine elterliche Keimzelle, das heißt über die Ei- beziehungsweise die Samenzelle, vererbt werden. Aber auch bei einem familiär nicht vorbelasteten Menschen kann eine Erbkrankheit aufgrund von Neumutationen auftreten. Die meisten Erbkrankheiten beruhen auf dem Defekt eines oder mehrerer Gene.

Gene sind für die Codierung von Enzymen oder sonstigen Eiweißen zuständig, die an bestimmten Prozessen im Körper beteiligt sind. Wenn ein Gen defekt ist, codiert es diese Enzyme oder Eiweiße mitunter falsch oder gar nicht. Je nachdem, welche Gene betroffen sind und welche Prozesse sie im Körper beeinflussen, entstehen verschiedene Erbkrankheiten.

MS – eine multifaktorielle Erkrankung?

Neben den klassischen Erbkrankheiten, bei denen ein Gendefekt als Auslöser im Vordergrund steht, gibt es noch die sogenannten multifaktoriellen Erkrankungen. Sie entstehen durch genetische Veränderungen an verschiedenen Genen, die eine genetische Veranlagung bedingen, im Zusammenspiel mit anderen Faktoren, wie Umwelteinflüssen oder Lebensführung.

Im Gegensatz zu einer klassischen Erbkrankheit lässt sich die Ursache aber nicht ausschließlich auf Veränderungen eines oder mehrerer bestimmter Gene zurückführen.

Auch MS zählt zu diesen sogenannten multifaktoriellen Erkrankungen. Dabei scheinen neben Umwelteinflüssen sowohl Gene eine Rolle zu spielen, die Anlagen für eine höhere MS-Empfänglichkeit tragen als auch Erbanlagen, die vor einer MS schützen. Wie genau dieser vielschichtige Vererbungsweg abläuft, ist weitgehend noch ungeklärt. Möglicherweise sind Gene betroffen, die für regulatorische Prozesse in Immunzellen wichtig sind (Human Leukocyte Antigen, HLA). Für diese Gene konnte ein Zusammenhang mit bestimmten Mechanismen festgestellt werden, die durch Umwelteinflüsse gesteuert werden könnten.

Wie hoch ist das Risiko an MS zu erkranken?

Das Risiko, an MS zu erkranken, ist nicht ausschließlich erblich bedingt. Darüber, wie groß der Einfluss genetischer Veranlagung ist, gibt es unterschiedliche Ergebnisse – sie scheint eine Rolle zu spielen, aber nicht im Vordergrund zu stehen. Viele MS Patienten mit Kinderwunsch fragen sich dennoch, ob sie die Krankheit an ihre Kinder weitervererben. Das Risiko für ein Kind, mit einem an MS erkrankten Elternteil, auch an MS zu erkranken, liegt bei ungefähr 3 Prozent.

Studien konnten zeigen, dass das Risiko bei eineiigen Zwillingen, deren Erbgut identisch ist, etwa bei 20 Prozent liegt, wenn der andere Zwilling bereits an MS erkrankt ist. Andere Untersuchungen belegen ein noch höheres Risiko von 21 bis 40 Prozent für eineiige Zwillinge. Je entfernter der Verwandtschaftsgrad, desto kleiner wird das Risiko, ebenfalls an multipler Sklerose zu erkranken: So beträgt das Risiko für zweieiige Zwillinge, deren Erbgut nicht identisch ist, hingegen nur noch 5 Prozent.

Neuere Forschungen zeigen, dass Kinder ein fünfmal höheres MS-Risiko gegenüber der Allgemeinbevölkerung haben, wenn auch ein Elternteil von MS betroffen ist. Dies ist ein geringeres Risiko als bisher angenommen. Demnach stehen die Chancen für Kinder von MS-Erkrankten gut, selbst keine MS zu entwickeln. Ein Gespräch mit dem Arzt und die richtige Vorbereitung auf eine Schwangerschaft können vorab viele Unsicherheiten beseitigen.

Genetische Faktoren und Umweltfaktoren

Welche Umweltfaktoren eine Rolle spielen, ist nicht genau bekannt. Aufgrund der geografischen Häufung in bestimmten Regionen könnten unterschiedliche Ernährungsformen und Vitamin D eine Rolle spielen. Als weiterer Einflussfaktor wird eine Prägung des Immunsystems durch Virusinfekte in der Jugend diskutiert.

Um die Entstehungsfaktoren einer multiplen Sklerose genauer untersuchen und auf standardisierte Daten zurückgreifen zu können, gibt es in Deutschland seit einigen Jahren ein sogenanntes MS-Register, das kontinuierlich ausgebaut wird. Weitere Studien beschäftigen sich damit, ob Veränderungen an bestimmten Genen die Entstehung der MS begünstigen und konnten vier „Risikogene“ ausmachen, die Einfluss auf Prozesse von Immunzellen nehmen.

Auch wenn genetische Faktoren bei der Entstehung von multipler Sklerose beteiligt sind und die genetische Veranlagung auf Kinder vererbbar ist – den größeren Einfluss scheinen Umweltfaktoren zu haben. Welche dies sind und wie man sie beeinflussen kann, sollte Gegenstand weiterer Forschungen bleiben. Je mehr man über Einflussfaktoren auf multiple Sklerose herausfindet, desto besser stehen die Chancen, neue Therapien zu entwickeln und Verlauf und Entstehung mitunter positiv beeinflussen zu können.

Quellen

Was sind Erbkrankheiten? Online-Publikation des Zentrums für Humangenetik: www.zhma.de (Abrufdatum: 21.2.2017)

Online-Informationen des Statistischen Bundesamts (Destatis): www.gbe-bund.de (Abrufdatum: 21.2.2017)

Fortschritte bei der Behandlung der Multiplen Sklerose. Interview mit Professor Ralf Gold, Direktor der Neurologischen Abteilung des St. Josef-Hospitals, Klinik der Ruhr-Universität Bochum: www.gesundheitsforschung-bmbf.de (stand: 21.2.2017)

Deutschlandweite MS-Zwillings-Studie-Teilnehmer gesucht. Online-Publikation des Instituts für Klinische Neuroimmunologie der Universität München: www.klinikum.uni-muenchen.de (Stand: 19.11.2016)

Schmidt, R.M. et al.: Multiple Sklerose. Elsevier, München 2015

Multiple Sklerose: Vererbungsrisiko geringer als vermutet. Online-Publikation der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V: www.dmsg.de (Stand: 3.6.2014)

Multiple Sklerose und Kinderwunsch. Online-Publikation der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V: www.dmsg.de (Stand: 26.6.2012)

Der DMSG-Bundesverband fragt nach: Bisher größte genetische Studie in Deutschland entdeckt vier neue Risikogene für Multiple Sklerose. Online-Publikation der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V: www.dmsg.de (Stand: 22.2.2016)

Was ist Multiple Sklerose? Online-Publikation der Aktion Multiple Sklerose Erkrankter,
Landesverband der DMSG in Baden-Württemberg (AMSEL) e.V.: www.amsel.de (11.6.2013)

Ist Multiple Sklerose vererbbar? Online-Publikation der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V: www.dmsg.de (Stand: 7.2.2007)

Krämer, G., Besser, R.: Multiple Sklerose: Antworten auf die 111 wichtigsten Fragen. Trias Verlag, Stuttgart 2006



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