Münchhausen-Syndrom: Vorsätzlich krank

Veröffentlicht von: Wiebke Raue (24. Januar 2017)

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Menschen mit Münchhausen-Syndrom täuschen gezielt Krankheiten vor, um eine medizinische Behandlung zu erhalten – oder sie erzeugen Beschwerden selbst, indem sie sich verletzen oder ihrem Körper auf andere Weise Schaden zufügen. Vor unnötigen Untersuchungen und Therapien schrecken die Betroffen nicht zurück – manche drängen sogar darauf, sich operieren zu lassen, obwohl der Eingriff überflüssig ist.

Personen, die am Münchhausen-Syndrom leiden, sind Meister der Täuschung. Sie geben zum Beispiel vor, starke Bauchschmerzen zu haben und erzählen dem Arzt eine abenteuerliche Geschichte über den Verlauf ihrer vermeintlichen Erkrankung. Andere Betroffene schneiden sich absichtlich mit dem Messer, um danach die Ambulanz aufzusuchen. Wieder andere haben aufgrund einer Erkältung leichten Husten – behaupten jedoch in der Notaufnahme, an starker Atemnot zu leiden und gleich zu ersticken.

Das Münchhausen-Syndrom hat viele Gesichter – aber alle haben etwas gemeinsam: Die Betroffenen würden nahezu alles dafür tun, um in medizinische Behandlung zu kommen.

Selbst, wenn die Untersuchungsergebnisse ohne Befund geblieben sind, beharren Menschen mit dieser Erkrankung weiter darauf, dass sie einer Behandlung bedürfen. Mitunter wirken sie dabei so überzeugend, dass sie operiert werden – doch in Wahrheit sind sie körperlich gesund.

Typischerweise wechseln die Patienten von Krankenhaus zu Krankenhaus, um nicht aufzufallen, oder sie suchen nach kurzer Zeit einen anderen Arzt auf. Insbesondere, wenn ein Mediziner die Möglichkeit einer psychischen Erkrankung anspricht, brechen die Betroffenen die Behandlung ab.

Wie oft das Münchhausen-Syndrom vorkommt, ist nicht genau bekannt. Allerdings kann schon ein einzelner Fall weite Kreise ziehen: So kann ein Patient unter Umständen mehrere hundert Krankenhausbehandlungen beanspruchen, ohne körperlich krank zu sein.

Eine Figur des Barons von Münchhausen. © Jupiterimages/iStockphoto

Das Münchhausen-Syndrom ist nach einem deutschen Adeligen benannt – nach dem Baron Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen (1720–1779), dem zahlreiche Lügengeschichten zugeschrieben werden und der als „Lügenbaron“ legendär wurde.

Eine Sonderform ist das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom: Dabei fügt ein Elternteil – meist die Mutter – seinem Kind absichtlich Schaden zu oder täuscht bei ihm eine Erkrankung vor, um medizinische Untersuchungen und Behandlungen zu erzwingen.

Wer unter Münchhausen-Syndrom leidet, ist strenggenommen kein Simulant. Letzterer ist in der Regel psychisch gesund und verfolgt mit seiner Täuschung ein bestimmtes Ziel – etwa die Absicht, berentet zu werden. Im Gegensatz zum Simulanten liegt beim Menschen mit Münchhausen-Syndrom eine psychische Störung mit zwanghaftem Charakter vor – er verspürt einen starken Drang, sich in medizinische Obhut zu begeben und dadurch Aufmerksamkeit zu bekommen.

Die genauen Ursachen des Münchhausen-Syndroms sind unbekannt. Es gibt mehrere Theorien darüber, welche Faktoren es begünstigen. Viele der Betroffenen sind beispielsweise unter psychisch belastenden Bedingungen aufgewachsen oder sie haben in ihrer Vergangenheit ein Trauma erlitten, was sie manchmal durch ihre Handlungen neu in Szene setzen. Auch leiden sie häufig an Persönlichkeitsstörungen (z.B. emotional-instabile Persönlichkeitsstörung, narzisstische Persönlichkeitsstörung, dissoziale Persönlichkeitsstörung) oder weisen unreife Persönlichkeitszüge auf. Möglicherweise streben die Betroffenen nach Zuwendung, die sie durch die medizinische Betreuung bekommen, oder aber sie versuchen, durch ihr Handeln innere Spannungen abzubauen.