Fingernägel kauen (Onychophagie)

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (16. Oktober 2017)

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Fingernägel kauen – für viele ist das eine kleine, lästige Angewohnheit. Für manche aber ist es eine Qual. Weil sie nicht aufhören können, an den Nägeln zu knabbern und die Haut um sie herum abzubeißen, bis sie blutet. Die Folge davon sind nicht nur unansehnliche Hände, sondern manchmal auch Krankheiten wie Nagelbettentzündungen oder psychische Probleme.

Die Hände gelten als die Visitenkarte eines Menschen. Gepflegt sollen sie sein, mit möglichst schönen Fingernägeln. Doch es gibt viele Menschen, die Nägel kauen. Sie knabbern mit ihren Zähnen an den verhornten Zellen an den Fingerspitzen, kürzen sie und beißen manchmal auch die Nagelhaut drumherum mit ab. Ärzte nennen dieses Verhalten auch Onychophagie (von griech. onychos = Nagel und griech. phagein = kauen).

Vor allem bei Kindern und Jugendlichen ist diese Angewohnheit häufig und beginnt meist im Alter von drei bis vier Jahren. Experten gehen davon aus, dass etwa 30 von 100 Kindern und 45 von 100 Jugendlichen an ihren Fingernägeln knabbern. Oft ist dies unbedenklich und hört nach einer Weile wieder von alleine auf. Manchmal wird das Nägelkauen aber auch chronisch, bleibt im Erwachsenenalter bestehen und nimmt ungesunde Ausmaße an.

Nägelkauen ist kein geschlechterspezifisches Phänomen: Männer und Frauen tun es gleich häufig. Auch gibt es meist keine Präferenz für einen bestimmten Finger. Betroffene, die in der Kindheit oder Jugend an den Fingernägeln geknabbert haben, "ersetzen" diese Angewohnheit als Erwachsene oft durch andere, zum Beispiel durch Rauchen oder dadurch, dass sie viel Kaugummi kauen oder an Stiften knabbern.

Bei Personen, die nur hin und wieder an den Fingernägeln kauen, ist dies vor allem ein kosmetisches Problem: Abgeknabberte Nägel sehen meist unschön aus. Wenn das Nägelkauen jedoch häufig und unkontrolliert passiert, kann es zu Komplikationen und gesundheitlichen Problemen führen.

Mögliche Folgen von exzessivem Nägelkauen sind unter anderem:

  • eine dauerhafte Schädigung des Nagels und der Nagelhaut,
  • Nagelbettentzündungen,
  • Zahnfleischentzündungen und
  • Zahnprobleme sowie Zahnfehlstellungen.

Auch Knochenmarksentzündungen (sog. Osteomyelitis) und Beschwerden der Kaumuskulatur oder des Kiefergelenks (sog. kraniomandibuläre Dysfunktion) können durch sehr starkes Nägelkauen auftreten. Werden die abgebissenen Hornzellen in größeren Mengen heruntergeschluckt, kann dies zudem zu Problemen im Magen und dem restlichen Verdauungstrakt führen, da die Nägel unverdaulich sind.

Fingernägel kauen kann aber nicht nur körperliche Beschwerden mit sich bringen, sondern auch psychische Probleme. Denn oft schämen sich die Betroffenen für ihre abgeknabberten Nägel, für die beschädigte Nagelhaut und die dadurch unansehnlichen Hände. Genauso, wie sie sich dafür schämen, dass sie nicht aufhören können, an den Nägeln zu kauen. Dies kann dazu führen, dass sie sich zurückziehen, ihre Hände nicht zeigen wollen und deshalb ihre sozialen Kontakte sehr weit einschränken.

Ursachen: Nur Stress oder schon Verhaltensstörung?

Obwohl es sehr viele Menschen tun, ist Nägelkauen wissenschaftlich noch nicht ausgiebig untersucht. Es ist daher schwierig, eindeutige Aussagen zu den Ursachen für das Knabbern an den Fingernägeln zu machen oder darüber, wie man sich das Fingernägelkauen wieder abgewöhnen kann.

Nägelkauen gehört zu den Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn der Kindheit und der Jugend. Manche Experten zählen es jedoch vor allem in seiner exzessiven Form zu den Zwangsstörungen, Impulskontrollstörungen oder – in extremen Fällen – auch zum selbstverletzenden Verhalten. Starkes Nägelkauen tritt also oft als Symptom einer psychischen Krankheiten auf.

Menschen mit folgenden Störungen neigen häufiger dazu, an den Fingernägeln zu knabbern, als andere Menschen:

  • ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung)
  • Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten
  • Tic-Störungen
  • Angststörungen
  • Bindungsstörungen

Die Ursachen für Nägelkauen sind häufig Anspannung, Stress und Frustration, sowie (vor allem bei Menschen mit ADHS) Langeweile und "geistiger Leerlauf". Das Nägelkauen dient dann der Entspannung und Beschäftigung. Auch "schlechte" Vorbilder können der Grund dafür sein, dass ein Kind anfängt, an seinen Fingernägeln zu kauen. Wenn also zum Beispiel die Eltern oder enge Freunde an den Nägeln knabbern, ist es nicht ungewöhnlich, dass sich ein Kind dieses Verhalten abschaut.

Abreagieren: Hinter Nägelkauen kann Stress oder eine Zwangsstörung stecken. © iStock

Abreagieren: Hinter Nägelkauen kann Stress oder eine Zwangsstörung stecken.

Manche Menschen – laut Studien vor allem Männer – knabbern ganz bewusst an den Nägeln. Sie unterbrechen andere Handlungen, um die Nägel mit den Zähnen zu "maniküren". Wohl wissend, dass sie ihren Händen damit eher schaden, als sie zu pflegen. Andere Betroffene – vor allem Frauen – knabbern wiederum unbewusst an den Nägeln. Es passiert ganz nebenbei: Beim Fernsehen, Lesen oder in der Schule beim Lösen kniffliger Aufgaben wandern ihre Finger zum Mund, und die Zähne fangen an zu knabbern. Vor allem starke Beißer bemerken dies oft erst, wenn die Nagelhaut zu bluten beginnt.

Therapie: Was gegen leichtes und zwanghaftes Knabbern hilft

Ob nun lästige Angewohnheit oder Qual: Wie wird man das Nägelkauen wieder los? An den Fingernägeln zu kauen ist eine erlernte Angewohnheit. Man kann sie sich also auch wieder abgewöhnen.

Bei leichten Knabberern können diese Tipps helfen:

  • Kinder sollte man nicht ausschimpfen, sondern ruhig auf ihr Nägelkauen und die möglichen unangenehmen Folgen aufmerksam machen. Dann hören sie nach einer Weile meist ganz von alleine wieder auf.
  • Um das Knabbern unangenehmer zu machen, kann man bitter schmeckenden Nagellack auf die Nägel auftragen. Diesen gibt es rezeptfrei in der Apotheke.
  • Eine weitere Möglichkeit: In Situationen, in denen man zum Nägelkauen neigt, Handschuhe tragen.
  • Auch künstliche Nägel können helfen: Diese sind so hart, dass die Zähne ihnen kaum etwas anhaben können – und die eigenen Nägel sind unter ihnen geschützt.

Meist kein Problem: Viele Kinder kauen auf den Nägeln – und hören von allein wieder auf. © iStock

Meist kein Problem: Viele Kinder kauen auf den Nägeln – und hören von allein wieder auf.

Wer stark an seinen Fingernägeln kaut, hat diese Tricks wahrscheinlich schon einmal ausprobiert – vielleicht mit wenig oder nur mäßigem Erfolg. Denn dann steht das Nägelkauen möglicherweise in einem Zusammenhang mit einer psychischen Störung wie einer Zwangs-, Angst- oder Bindungsstörung. Dann geschieht es in der Regel aus einem starken inneren Druck heraus, der sich nicht so einfach abstellen oder austricksen lässt.

Häufig schämen sich die Betroffenen für das Nägelkauen und ihre unansehnlichen, vielleicht sogar entzündeten Hände und Nägel. Dennoch können sie mit dem Nägelkauen nicht aufhören, können es sich einfach nicht abgewöhnen. In solchen schweren Fällen kann eine Verhaltenstherapie helfen, insbesondere ein sogenanntes Habit Reversal Training (dt. Reaktionsumkehr).

Bestandteile der Verhaltenstherapie bei Nägelkauen (Onychophagie):

  • Reaktionsumkehr (engl. Habit Reversal): Bei der Reaktionsumkehr geht es darum, alternative Verhaltensweise einzuüben, mit denen die Betroffenen auf den Impuls reagieren können, an den Nägeln zu kauen. Dafür müssen sie zunächst ein Bewusstsein dafür entwickeln, wann, wie und in welchen Situationen sie zum Nägelkauen neigen. Die trainierten "Ersatzhandlungen", zum Beispiel ein kräftiges Schließen der Faust, sollen das Knabbern dann unmöglich machen.
  • Entspannungstechniken: Da dem Nägelkauen meist eine innere Unruhe und Anspannung vorausgeht, ist es wichtig, dass die Betroffenen lernen, sich bewusst zu entspannen. Deshalb erlernen sie in einer Verhaltenstherapie Techniken wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung, die sie in "gefährlichen" Situationen anwenden können.

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Fingernägel kauen (Onychophagie)":

Onmeda-Lesetipps:

Tipps zum Nägelschneiden bei Babys und Kindern
Ratgeber ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung)
Ratgeber Zwangsstörungen
Ratgeber Angsterkrankungen

Quellen:

Online-Informationen des Psychrembel: www.psychrembel.de (Abrufdatum: 16.10.2017)

Paca, P., et al.: Onychophagia and Onychotillomania: Prevalence, Clinical Picture and Comorbidities. Acta Dermato Vernereologica, Volume 94, Issue 1, pp. 67-71 (2014)

Ghanizadeh, A., et al.: Habit Reversal versus Object Manipulation Training for Treating Nail Biting: A Randomized Controlled Clinical Trial. Iranian Journal of Psychiatry, Volume 8, Issue 2, pp. 61-67 (2013)

Sachan, A., Chaturvedi, T.P.: Onychophagia (Nail Biting), anxiety, and malocclusion. Indian Journal of Dental Research, Volume 23, Issue 5, pp. 680-682 (2012)

Ghanizadeh, A.: Nail Biting; Etiology, Consequences and Mangement. Iranian Journal of Medical Sciences, Volume 36, Issue 2, pp. 73-79 (2011)

Paca, P., et al.: Onychophagia as a Spectrum of Obsessive-compulsive Disorder. Acta Dermato Vernereologica, Volume 89, Issue 3, pp. 278-280 (2009)

Aktualisiert am: 16. Oktober 2017