Charlotte Wolff

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (01. April 2014)

*30. September 1897 in Riesenburg (Westpreußen)

† 12. September 1986 in London

Charlotte Wolff wurde als Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren und verlebte in Riesenburg und Danzig ihre Kindheit und Jugend. Aufgrund ihrer naturwissenschaftlichen Begabung ging sie 1918 für zwei Jahre nach Freiburg und studierte hier Medizin, Psychologie und Philosophie. In Berlin setzte sie ihr Studium fort und promovierte hier.

Charlotte Wolff arbeitete zunächst als Ärztin in der Geburtshilfe am Städtischen Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Berlin-Wedding. Hier lernte sie die sozialen Komponenten von Schwangerschaftsfürsorge, Geburtenregelung und Säuglingsbetreuung kennen. Die Ambulatorien der großen Krankenkassen boten damals sozialmedizinische Dienste an, wie Kurse für werdende Mütter, Ratschläge für Kindererziehung, Eheberatung oder Ausspracheabende für Frauen und ihre Ehemänner. Zugleich wirkten die Ambulatorien als Zentren des Frauenschutzes. Charlotte Wolff übernahm eine derartige ärztliche Stelle und wurde bald Stellvertretende Direktorin an der Klinik für Familienplanungs- und Schwangerschaftsfürsorge und Schwangerschaftsverhütung der Allgemeinen Krankenkasse Berlin.

Als Jüdin musste Charlotte Wolff ihre Position aufgeben, fand aber bis zur ihrer Verhaftung im Februar 1933 in einem Institut für Elektrophysikalische Therapie in Berlin-Neukölln eine Arbeitsmöglichkeit. Nach ihrer Haftentlassung emigrierte Charlotte Wolff im Mai 1933 nach Frankreich, wo sie in Paris rasch mit Persönlichkeiten des intellektuellen Lebens zusammenkam. Da ihr eine Arbeitsaufnahme als approbierte Ärztin nicht möglich war, verdiente sie ihren Lebensunterhalt in der Chiromantie (Chirologie; Handanalyse), in der sie in Deutschland Kurse absolviert hatte. Diese Tätigkeit inspirierte Charlotte Wolff dazu, Methoden der Interpretation von Hand und Gestik eingehend zu erforschen, wobei ihr Hauptinteresse bald dem Fachgebiet der Psychologie und Sexualität galt.

1936 musste Charlotte Wolff erneut emigrieren. Sie ging nach England und erhielt in London die Möglichkeit, ihre Forschungen fortzusetzen und zu systematisieren. Sie arbeitete unter anderem im Londoner Zoo und verglich die Hände der Affen mit Menschenhänden. Die Studien erregten Aufsehen und brachten ihr die Ehrenmitgliedschaft in der British Psychological Society ein. 1947 wurde Charlotte Wolff britische Staatsbürgerin. Ab dieser Zeit konnte sie ihre infolge des 2. Weltkriegs unterbrochenen wissenschaftlichen Arbeiten weiterführen. Obwohl sie bis dahin weder religiös noch politisch dem Judentum nahegestanden hatte, bezeichnete sie sich jetzt nachdrücklich als "internationale Jüdin mit einem britischen Pass". 1964 besuchte sie erstmals nach ihrer Vertreibung wieder Deutschland und 1978 auch Berlin.

Ab Anfang der 1960er Jahre engagierte sich Charlotte Wolff in zahlreichen Interviews und Frageaktionen für die zusehends in die Öffentlichkeit tretenden Schwulen- und Lesbenorganisationen und bezog deren Inhalte und Forderungen in ihre Forschungen vor allem zur Bisexualität des Menschen und zur weiblichen Homosexualität ein. Mit ihrem Werk Love between Women (1971, deutsch: Die Psychologie der lesbischen Liebe) und einer Untersuchung der Bisexualität (1977) erschienen die ersten umfassenden Arbeiten über dieses Thema. Charlotte Wollfs letztes Werk war ein Porträt des Berliner Sexualreformers Magnus Hirschfeld (1868–1935), das sie kurz vor ihrem Tod fertigstellte.

Charlotte Wolff war überzeugt, dass die Natur des Menschen an sich bisexuell ist und das partnerschaftliche Verhalten im Wesentlichen durch die Umwelt konditioniert wird. Mit ihren Arbeiten legte sie einen entscheidenden Beitrag zur Thematik gleichgeschlechtlicher Liebe, wobei sie aus eigener Erfahrung heraus nicht wie andere Wissenschaftler von pathologischen Einflüssen ausging. Ihre Überzeugung, dass alle Formen von Sexualität eine Berechtigung haben, vorausgesetzt, sie sind auf Liebe gegründet, vertrat sie bis an ihr Lebensende.



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