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Oskar Vogt

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (01. April 2014)

© Jupiterimages/PhotoDisc

* 6. April 1870 in Husum

† 31. Juli 1959 in Neustadt

Am 31. Dezember 1924 erhielt der Direktor des "Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung" in Berlin, der deutsche Neurologe Oskar Vogt, den Auftrag der sowjetischen Regierung, das Gehirn des am 21. Januar 1924 an den Folgen einer Hirnarteriosklerose gestorbenen russischen Politikers und Gründers der Sowjetunion Wladimir Iljitsch (Uljanow) Lenin (* 22. April 1870) in Moskau zu untersuchen. Gleichzeitig bot man Vogt an, ein Staatsinstitut für Hirnforschung in Moskau aufzubauen (das im Jahre 1928 gegründet wurde). Vogt willigte ein und zerlegte zwischen 1925 und 1927 Lenins Gehirn in zahllose Hirnschnittserien und führte anschließend seine histologischen Untersuchungen durch.

Bereits als Gymnasiast hatte sich Oskar Vogt mit Fragen der Variation von Tieren in ihrer Umwelt und mit Vererbungsprozessen beschäftigt. Im Jahre 1888 begann er an der Universität Kiel das Studium der Psychologie, wechselte aber bald zum Medizinstudium, das er 1890 an der Universität Jena fortsetzte. Hier regte ihn der berühmte Zoologe und Philosoph Ernst Haeckel (1834–1919) zu stammesgeschichtlichen Studien an, die für Vogts späteren Lebensweg bestimmend wurden. 1893 legte Vogt in Jena sein medizinisches Examen ab, arbeitete anschließend an der Psychiatrischen Universitätsklinik und promovierte hier 1894. Wichtige Stationen der ersten Jahre seiner wissenschaftlichen und nervenärztlich-praktischen Tätigkeiten waren Burghölzli (Schweiz), wo er bei dem Psychiater und Neurologen August Forel (1848–1931) arbeitete, danach Leipzig, wo er bei dem Neurologen Paul Flechsig (1847–1929) tätig war, und anschließend Paris, wo er bei dem Forscher-Ehepaar Dejerine-Klumke (Joseph Julius Dejerine, 1849–1917, und Augusta Klumke, 1859–1927) mitarbeitete. In Paris lernte Vogt seine spätere Ehefrau Cécile Mugnier (1875–1962) kennen, die er 1899 heiratete, und mit der ihn auch eine ergebnisreiche wissenschaftliche, lebenslange Partnerschaft verband.

Im Jahre 1898 ging Vogt nach Berlin, wo er eine psychiatrische Praxis eröffnete, die als "Neurobiologische Zentralstation" die Grundlage seiner weiteren wissenschaftlichen Arbeiten bildete. 1902 konnte er die Praxis in die Berliner Universität als "Neurobiologisches Laboratorium" einbringen und unter seiner Leitung weiterführen. Als Anerkennung seiner bisherigen wissenschaftlichen Leistungen beschloss der Senat der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) im Jahre 1914 die Errichtung eines eigenständigen Instituts für Hirnforschung, das bis zur baulichen Fertigstellung zunächst im "Neurobiologischen Laboratorium" untergebracht wurde und dem Vogt weiterhin unterstand.

Als Oskar Vogt den Auftrag der sowjetischen Regierung erhielt, war das auch eine Bestätigung seiner internationalen Reputation. Aufgrund seiner neuropsychischen Arbeiten war es ihm möglich, das Geschehen im menschlichen Gehirn kausal zu erklären. Danach drückt sich zum Beispiel das Seelenleben in der individuellen Rindenarchitektonik aus und die "seelische Besonderheit einseitig begabter oder unbegabter Menschen" hängt mit der architektonischen Gestalt der jeweiligen Gehirnrinde eng zusammen. Vogt diagnostizierte in Lenins Gehirn "größte Pyramidenzellen in einer sonst von mir nie beobachteten Zahl". Er bezeichnete Lenin daher als einen "Assoziationsathleten".

Durch den 1. Weltkrieg und die nachfolgenden wirtschaftlichen und politischen Wirren verzögert, konnte das neue Hirnforschungsinstitut der KWG erst im Jahre 1930 fertiggestellt und 1931 bezogen werden. Die Mittel für den Bau der in Berlin-Buch gelegenen Einrichtung hatten eine Stiftung von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach (1907–1967), die Rockefeller-Foundation, das Deutsche Reich und Preußen aufgebracht.

Direktor des Instituts wurde Vogt, der sich sehr für das Institut engagiert und den engen räumlichen Kontakt mit den hier ab 1899 errichteten Heil- und Pflegeanstalten (bis 1926 "III. Irrenanstalt" genannt) ausdrücklich gewollt hatte. Die Stadtgemeinde Berlin verpflichtete sich zudem, dem Institut bei Bedarf weitere Räume in ihren Anstalten mit den damals 2.300 Betten zu Untersuchungszwecken zur Verfügung zu stellen, "um das reiche Material" für Forschungen zu nutzen. Dem Institut waren unter anderem eine genetische Abteilung sowie eine klinische Abteilung mit 40 Betten angegliedert. Im Jahre 1935 wurde Vogt aus politischen Gründen pensioniert. Grund hierfür mögen in den Augen der nationalsozialistischen Machthaber seine guten internationalen Beziehungen zu Forscherkollegen und seine humanistische Lebensanschauung gewesen sein, die sich auch darin äußerte, dass er seinen jüdischen Mitarbeitern Schutz gewährte. Doch erst Anfang 1937 verließ Vogt Berlin-Buch und ging an das vom Hause Krupp finanzierte und weitgehend privat unterhaltene "Institut der Deutschen Hirnforschungs-Gesellschaft" in Neustadt (Schwarzwald), wo er bis ins hohe Alter mit seiner Ehefrau und einigen früheren Mitarbeitern seine wissenschaftlichen Arbeiten fortsetzte.

Vogt war ein anerkannter Hirnforscher und genoss national und international hohes wissenschaftliches Ansehen. Er gilt als der Begründer der modernen funktionsbezogenen architektonischen Hirnforschung und der Neurobiologie und als Mitbegründer der wissenschaftlichen Technik der Hypnose. Seine Arbeiten betrafen die Hirnforschung, die Bestimmung der Zentren der Großhirnrinde, die Psychiatrie und die Hypnoseforschung. Unter Vogts Leitung beschäftigte sich das Hirnforschungsinstitut vor allem "mit der Erforschung des feineren Aufbaues des Gehirns, besonders der Hirnrinde beim Gesunden und Kranken". Mit seiner Ehefrau und seinen Mitarbeitern leistete Vogt entscheidende Beiträge zur Aufklärung der normalen funktionellen, chemodynamischen und formativen Organisation wichtiger Hirnabschnitte. Gemeinsam mit seiner Ehefrau führte er die Lehre der Topistik des Nervensystems ein.


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