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Lydia Rabinowitsch-Kempner

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (02. April 2014)

© iStock

* 22. August 1871 in Kowno (heute: Kaunas/Litauen)

† 3. August 1935 in Berlin

Wenn man von Lydia Rabinowitsch-Kempner spricht, fällt in diesem Zusammenhang auch der Name Robert Kochs (1843–1910), des Begründers der modernen Bakteriologie. Sein Hygienisches Institut in der Berliner Klosterstraße, das er seit 1891 leitete, war das ersehnte Ziel aller an der Bakteriologie interessierten Ärzte. 59 Wissenschaftler gehörten dieser Schule an, darunter als einzige Frau die Russin Lydia Rabinowitsch.

Lydia Rabinowitsch ging im Mädchengymnasium ihrer Heimatstadt zur Schule. Da es Frauen in Preußen nicht erlaubt war, zu studieren und zu habilitieren, ging sie in die Schweiz. Dort studierte sie ab 1889 in Zürich Naturwissenschaften und promovierte 1894 in Bern mit der Arbeit zur "Entwicklungsgeschichte der Fruchtkörper einiger Gastromyzeten". Anschließend ging Lydia Rabinowitsch nach Berlin, um die Bakteriologie kennen zu lernen. Sie bewarb sich am Hygienischen Institut von Robert Koch und bekam eine unbezahlte Assistentenstelle. Zugleich war sie von 1896–1899 am Women's Medical College of Pennsylvania tätig.

Im Hygienischen Institut von Robert Koch hatte Lydia Rabinowitsch den Wissenschaftler Dr. Walter Kempner (1870–1920), einen Mitarbeiter Kochs, kennengelernt und 1898 geheiratet. Das Ehepaar hatte drei Kinder. Walter Kempner starb bereits 1920 an Kehlkopftuberkulose.

Lydia Rabinowitsch-Kempner arbeitete ab 1903 im Pathologischen Institut der Berliner Universität, das der Charité angeschlossen war. Sie hatte sich auf das Gebiet der Tuberkuloseforschung spezialisiert, forschte, publizierte und klärte auf, und wurde eine bekannte und auch bei ihren männlichen Kollegen anerkannte Forscherin. Bereits 1904 hatte sie nachgewiesen, dass Tuberkelbazillen durch infizierte Kuhmilch übertragen werden. Dies veranlasste nach einigem Zögern den Berliner Hauptlieferanten von Meiereiprodukten, die 1881 gegründete "Milchverwertungsfabrik" von Carl Bolle (1832–1910), mit ihr ein Pasteurisierungsverfahren zu entwickeln, mit dem die Milch keimfrei gemacht werden konnte. Dies machte Lydia Rabinowitsch-Kempner über ihren Wirkungsbereich hinaus zu einer reputierten Wissenschaftlerin.

Wegen ihrer hervorragenden Arbeiten auf dem Gebiet der Bakteriologie, besonders der Tuberkuloseforschung, wurde Lydia Rabinowitsch-Kempner im Jahre 1912 Professorin; trotzdem erhielt sie als Frau keine feste Anstellung und durfte keine Lehrveranstaltungen abhalten. Allerdings durfte sie von 1914 an die Redaktion der "Zeitschrift für Tuberkulose" leiten und im Rahmen ihrer Arbeiten auch praktische Kurse über Hygiene und bakteriologische Untersuchungsmethoden durchführen.

Ein Gesuch zur Habilitation, die Voraussetzung für eine akademische Laufbahn, wurde von der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität abgelehnt. Als Frau war es erst nach dem 1. Weltkrieg möglich, annähernd gleichberechtigt die Positionen zu erringen, die Männer innehatten - was allerdings keineswegs mit der Anerkennung der männlichen Kollegen verbunden war, sondern oft ins Gegenteil umschlug. Dies war auch bei Lydia Rabinowitsch-Kempner der Fall. Der Professorentitel war ihr 1912 zwar zuerkannt worden, was jedoch nicht mit einer bezahlten Anstellung verbunden war.

Diese erhielt Lydia Rabinowitsch-Kempner erst im Jahre 1920 mit der Direktorenstelle des Bakteriologischen Instituts am Städtischen Krankenhaus Moabit in Berlin-Tiergarten. Dieses Krankenhaus entwickelte sich in den 20er Jahren zu einem Zentrum sozialreformerischer Ansätze und neuer Behandlungsmethoden, in dem auch Frauen eine Chance erhielten; 1933 erfuhren die reformerischen Entwicklungen allerdings einen jähen Abbruch. Als Lydia Rabinowitsch-Kempner die Leitung des Instituts erhielt, rief dies einen Sturm der Entrüstung hervor, und die vorherige Achtung ihrer männlichen Kollegen schlug in Missachtung um. Um ihre Situation zu bessern, engagierte sie sich aktiv in verschiedenen Verbänden für die Gleichberechtigung der Frauen.

Zwei Monate nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde der reichsweite Boykott gegen jüdische Mitbürger staatlich sanktioniert. Lydia Rabinowitsch-Kempner konnte noch bis Anfang 1934 im Krankenhaus arbeiten. Dann wurde sie zwangspensioniert. Sie selbst verzichtete auf Emigration, sorgte aber dafür, dass ihre Kinder und deren Angehörige mit Hilfe amerikanischer Freunde auswandern konnten. Sie starb nach langer schwerer Krankheit. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Parkfriedhof in Berlin-Lichterfelde. Heute erinnert in Berlin nur noch eine Gedenktafel am Krankenhaus Moabit, Turmstraße 21, an Lydia Rabinowitsch-Kempner.


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