Baron Jean Dominique Larrey

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (01. April 2014)

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* 08. Juli 1766 in Südfrankreich

† 01. August 1842 in Paris

Baron Jean Dominique Larrey war der Leibchirurg Kaiser Napoleons I. (1769-1821), verbesserte chirurgische Methoden zur Amputationstechnik, außerdem ist eine Krankheit nach ihm benannt ("Larrey-Hernie") – aber sein größter humaner Verdienst ist die Einrichtung der sogenannten fliegenden Lazarette für Verwundete. Larrey wird daher zu Recht als der "Vater der Notärzte" bezeichnet, denn er schuf Organisations- und Behandlungsprinzipien, die in ihren Grundzügen heute noch in der ärztlichen Versorgung von Notfallopfern Gültigkeit haben.

Auf den Schlachtfeldern verwundet zu werden war bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahezu gleichbedeutend mit dem Tod, denn die durch die Gewehr- und Kanonenkugeln und Bajonette verwundeten Soldaten waren ohne ärztliche Hilfe nur sich selbst überlassen. Erst nach der Kampfentscheidung, oft nach Tagen, konnten die wenigen Überlebenden eingesammelt werden. Dann ging es in offenen Wagen auf schlechten Wegen zu einem weit hinter der Front entfernten Feldlazarett. Diese waren meist in Kirchen, öffentlichen Gebäuden oder auf einem Platz, möglichst an einem Fluss, eingerichtet. Hier lagen die Verwundeten oft ohne Decken oder Stroh auf kalten Fliesen oder auf Zeltbahnen und warteten, bis ihnen ärztliche Hilfe zuteil wurde. Meist aber hatten Wundinfektion, Wundstarrkrampf oder Gasbrand ihr Werk bereits getan und die Gliedmaßen mussten amputiert werden, um überhaupt eine Überlebenschance zu gewährleisten.

Baron Jean Dominique Larrey wurde als Sohn eines Bauern in Südfrankreich geboren, studierte Chirurgie und wurde 1787 Schiffsarzt auf einer Fregatte des französischen Königs Ludwig XVI. 1796 wurde Larrey in der jungen Republik Professor der Chirurgie in Paris, praktizierte hier erfolgreich und wurde 1805 unter Napoleon Generalinspekteur des Militärsanitätswesens. Larrey nahm als Kriegschirurg an allen Feldzügen und Schlachtfeldern, in die Napoleon seine "Große Armee" trieb, teil: In Frankreich, Spanien, Ägypten, Palästina, Preußen, Österreich und Russland, wo die Armee fast völlig zugrunde ging, dann bei den Rückzugsgefechten und schließlich bei den Freiheitskriegen 1813/1814, die Napoleon nach Elba in die Verbannung trieben.

Schon als Baron Jean Dominique Larrey als Stabsarzt in der französischen Revolutionsarmee wirkte, die seit 1792 Krieg gegen Österreich und Preußen führte, erschütterte ihn das grausame Schicksal der verwundeten und verstümmelten Soldaten. "Der Arzt ist und muss sein der Freund der Humanität ... Sie müssen den Unschuldigen ebenso verbinden wie den Schuldigen, und sie geht nur der kranke Organismus etwas an!" sagte er später zu seinen Beweggründen, die ihn veranlasst hatten, noch während der Kampfhandlungen mit freiwilligen Helfern und Krankenwärtern verwundete Kameraden aus dem Schlachtfeld unmittelbar hinter der Feuerlinie herauszuholen. Aus dieser humanen Einstellung heraus nahm er auch gegnerische Verwundete in seine Obhut, was ihm verständlicherweise Missfallen eintrug.

Später als Chefchirurg setzte Larrey gegen Widerstände seine Idee der fliegenden Lazarette (Ambulance volante) durch: Dies waren anfangs Trupps von je drei berittenen Chirurgen und einem Krankenwärter. Sie führten Pferde mit sich, welche Verbandszeug und chirurgische Instrumente bei sich hatten, um Erste Hilfe zu gewähren. Aus diesen Einheiten wurden Erste Hilfe-Abteilungen, die mit leichten Zweispännern neben Verbandszeug und Instrumenten, Schüsseln für Spülungen, "einen verzinnten Becher zum Laben der Verletzten" und Körbe zur Aufnahme von zwei Verwundeten je Fahrzeug trugen. So konnten schon auf dem Schlachtfeld Blutungen gestillt, Notverbände angelegt, Notamputationen vorgenommen werden, also Maßnahmen zur Stabilisation der Verwundeten, damit sie eine Überlebenschance auf dem Transport zum Lazarett hinter der Frontlinie hatten. Auch für die verwundeten Pferde sorgte Larrey, in dem er auch für sie Verbandsmaterial mitführte.

Später wurden die Erste Hilfe-Abteilungen ausgebaut und durch vierspännige Pferdewagen für je vier liegende Verwundete und Sanitäter erweitert. Nach Baron Jean Dominique Larreys Vorgaben hatte jeder Verwundete das Recht, innerhalb von 15 Minuten eine Notversorgung zu erhalten; dabei gab es keine Unterschiede zwischen Mannschaften und Offizieren. Binnen 24 Stunden erhielt jeder Schwerverwundete definitive Behandlung im Lazarett mit eigener Lagerstatt aus sauberen Stroh. Die leichter Verwundeten mussten warten, bis die schwerer verletzten Kameraden operiert waren.

Ohne die heute selbstverständlichen medizintechnischen, medikamentösen und organisatorischen Möglichkeiten führten Larrey und seine Chirurgenkollegen mitunter täglich mehrere hundert Amputationen durch. Larreys fliegende Lazarette wurden sofort von der gegnerischen preußischen Armee und später von vielen anderen Ländern kopiert. Sie hatten ihre erste Bewährungsprobe bei der Völkerschlacht von Leipzig vom 16. bis 19. Oktober 1813, an denen auf preußischer und französischer Seite von den 450.000 teilnehmenden Soldaten etwa 100.000 getötet oder verwundet wurden!

Die fliegenden Lazarette nach französischem Vorbild bildeten die Grundlage zur Neuordnung des preußischen Lazarettwesens, das noch im gleichen Jahr der preußische Minister Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (1757-1831) durchsetzte. Dabei wurden auch einheitliche Examina und medizinische Kurse für die rekrutierten Ärzte und Chirurgen eingeführt.

Nicht nur die sogenannten fliegenden Lazarette wurden nachgebildet und verbessert, auch die Absicht, den verwundeten feindlichen Soldaten ebenfalls Hilfe zu gewähren, wurde nach Möglichkeit praktiziert. Doch erst die Initiative des französischen Philanthropen Henry Dunant (1828-1910), die zur Bildung des "Internationalen Komitees vom Roten Kreuz" im Jahre 1864 führte, hat hier den allgemeinen Durchbruch geschaffen. Larreys Kollege, der französische Militärchirurg Pierre Francois Percey (1754-1825) hatte zuvor sogar angeregt, Verwundete und Lazarette für neutral zu erklären. Baron Jean Dominique Larrey starb hoch geehrt.



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