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Karl Theodor Jaspers

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (01. April 2014)

© iStock

* 23. Februar 1883 in Oldenburg

† 26. Februar 1969 in Basel

Karl Jaspers begründete mit dem Terminus "Phänomenologie" seinen Ruf als Arzt und mit der geisteswissenschaftlich orientierten "Psychopathologie" eine neue Grundlegung der Psychiatrie. Doch den meisten ist Jaspers als Begründer der deutschen "Existenzphilosophie" und als Kritiker der politischen Entwicklung der damals noch jungen Bundesrepublik Deutschland bekannt. So forderte er 1960 als Sühne für die Verbrechen des Nationalsozialismus die Anerkennung der Deutschen Demokratischen Republik und den Verzicht auf die Wiedervereinigung. Als einige Jahre später die Verjährung der Judenmorde und die Notstandsgesetze zur Debatte standen, schrieb Jaspers 1966 seinen Bestseller "Wohin treibt die Bundesrepublik?"

Karl Jaspers studierte zunächst Jura, dann Medizin in München, Berlin und Göttingen. Nach dem Medizinstudium arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent an der Psychiatrischen Klinik in Heidelberg, wo er den Soziologen und Nationalökonom Max Weber (1864-1920) kennen lernte. Jaspers Wunsch war es, Psychiater zu werden, "Arzt in einer Irrenanstalt", wie er selbst sagte. 1908 promovierte Jaspers mit einer Arbeit über "Heimweh und Verbrechen" und wurde im selben Jahr Volontärassistent an der Heidelberger Psychiatrischen Klinik, wo er sich vor allem Forschungsaufgaben widmete. Er schrieb Abhandlungen über den "Eifersuchtswahn", analysierte "Methoden der Intelligenzprüfung" und beschäftigte sich mit dem Problem der "Trugwahrnehmungen".

In dieser Zeit führte Karl Jaspers die Phänomenologie in die Psychiatrie ein und begründete damit seinen Ruf als Psychiater. Phänomenologie ist die Lehre von den Wesenserscheinungen der Dinge, das heißt in der Psychiatrie die Bewusstmachung, Aufdeckung und Darstellung von psychischen Phänomenen als Ziel der phänomenologen Analyse. Doch erst sein 1913 veröffentlichtes Hauptwerk, die Habilitationsschrift Allgemeine Psychopathologie, machte Karl Jaspers über die Grenzen Heidelbergs berühmt. Mit diesem eigenständigen psychiatrischen Konzept führte Jaspers eine neue Richtung in die Psychiatrie ein. Er unterschied darin "Verstehen" und "Erklären" und verband damit die geisteswissenschaftliche mit der naturwissenschaftlich-medizinischen Methodik. Noch heute gehört die Allgemeine Psychopathologie zur Pflichtlektüre jedes Psychiaters.

Seine Karriere als Philosophieprofessor verdankte Karl Jaspers einem Zufall: Weil in der Heidelberger Medizinischen Fakultät schon zu viele Dozenten arbeiteten, konnte er sich dort nicht habilitieren. Deshalb vermittelte Weber ihn an den Philosophen Wilhelm Windelband (1848-1915), dem Erneuerer der Kantschen Lehre. Windelband, der nichts von Psychiatrie verstand, ließ Jaspers Habilitationsschrift begutachten, woraufhin er 1916 Psychologiedozent an der Philosophischen Fakultät wurde. Hier hielt Jaspers Fachvorlesungen in empirischer Psychologie und erweiterte die Grenzen seines Fachbereichs, wobei ihm die Arbeit als Psychiater und Psychologe und die Erfahrung mit der eigenen Krankheit zugute kamen (Jaspers litt zeitlebens an Bronchiektasen), und wo er die Bekanntschaft mit den Philosophen Ernst Bloch (1885-1977) und Georg Lukács (1885-1971) machte.

1919 begründete Karl Jaspers mit seiner Schrift Psychologie der Weltanschauungen die moderne Existenzphilosophie. Mit diesem Werk stand Jaspers erstmals auch als Philosoph im Gespräch, mit der Folge, dass er Rufe von den Universitäten Greifswald und Kiel erhielt; er blieb jedoch dem "geistig beschwingten Heidelberg" treu.

In Heidelberg erhielt Karl Jaspers 1922 den 2. Lehrstuhl für Philosophie. In den folgenden Jahren baute er seine eigene Philosophie auf. In dieser Zeit erschienen die Schriften über Strindberg und van Gogh (1922), Die Idee der Universität (1923), Die geistige Situation der Zeit (1930) und das dreibändige Werk, das er schlicht Philosophie nannte (1932).

Mit Besorgnis hatte Karl Jaspers den heraufkommenden Nationalsozialismus beobachtet. Vor allem wegen seiner jüdischen Frau behandelten ihn die Nationalsozialisten wie einen Staatsfeind. 1937 erhielt Karl Jaspers Lehrverbot, ab 1939 verhinderte und ab 1943 verbot die Reichsschrifttumskammer die Veröffentlichung seiner Werke. Die für den 14. April 1945 vorgesehene Deportation Jaspers und seiner Frau kam durch die vorzeitige Besetzung Heidelbergs durch die Amerikaner nicht zustande.

Karl Jaspers verwahrte sich dagegen, als Widerstandskämpfer zu gelten und dadurch persönliche Vorteile zu erlangen. Mit einer Hand voll unbelasteter Kollegen besorgte er die Neueröffnung der von den Amerikanern besetzten Heidelberger Universität. Als ihr Senator begann er, die "reaktionäre Verknöcherung" der Professorenkollegen zu bekämpfen, um einer "geistesaristokratischen Ordnung" Platz zu machen. Er gründete die Zeitschrift Die Wandlung, die Thomas Mann (1875-1955) als "das Beste, Eindeutigste, moralisch Mutigste, was mir aus dem neuen Deutschland (...) bisher vor Augen gekommen ist", bezeichnete. Karl Jaspers blieb auch an der Universität, obwohl er Kultusminister werden sollte, und begann 1945/1946 seine Vorlesungen mit dem Thema der "Schuldfrage". Darin verneinte Jaspers eine "Kollektivschuld", wonach jeder Deutsche, der sich während des Nationalsozialistischen Regimes passiv verhalten hatte, ein Verbrecher sei. Wohl aber seien fast alle Deutschen im politischen Sinne für die Gräuel dieser Zeit haftbar zu machen.

Jaspers stand bald in den Ruf, ein geistiger Repräsentant des "neuen" Deutschland zu sein. Doch ihm behagte die Berühmtheit nicht und er brandmarkte das Desinteresse der Deutschen, sich mit ihre Vergangenheit ehrlich auseinander zu setzen. Das deutsche Volk, so empfand er, zeigte nach dem Zusammenbruch keinen echten Willen zur "inneren Umkehr", zur "sittlichen Erneuerung", und auch an den deutschen Universitäten war wenig Neigung zu grundlegender Wandlung spürbar. In diese Verbitterung kam 1947 ein Ruf der Universität Basel, den Karl Jaspers 1948 annahm und mit einer Übersiedlung in die Schweiz verband.

In Basel veröffentlichte Karl Jaspers umfangreiche philosophische Werke, so die umfassende Geschichte der Philosophie "Die großen Philosophen" (1957) und als nicht-politische Arbeit "Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung" (1962). In dem Buch "Idee des Arztes" (1953/1958) setzte er sich mit der tieferen Begründung der ärztlichen Tätigkeit auseinander. In seiner Baseler Zeit erhielt Jaspers zahlreiche Ehrungen, wie den "Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels", den "Erasmus-Preis"; das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland lehnte er dagegen ab. Gegen Ende seines Lebens gab er den deutschen Pass zurück und wurde Schweizer Bürger.


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