Ferdinand Julius Cohn

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (01. April 2014)

* 24. Januar 1828 in Breslau (heute Wroclaw, Polen)
† 25. Juni 1898 in Breslau

Am 22. April 1876 schrieb der Landarzt und Kreisphysikus Robert Koch (1843-1910) aus Wollstein in Posen an den Direktor des Pflanzenphysiologischen Instituts der Universität Breslau, dem Professor der Botanik, Ferdinand Cohn, unter anderem:

"Hochverehrter Herr Professor!

Durch Ihre in den Beiträgen zur Biologie der Pflanzen veröffentlichten Arbeiten angeregt, habe ich ... mich längere Zeit mit der Untersuchung des Milzbrandkontagiums beschäftigt. Nach vielen vergeblichen Versuchen ist es mir endlich gelungen, den Entwicklungsgang des Bacillus anthracis vollständig aufzufinden ... Bevor ich jedoch damit an die Öffentlichkeit trete, würde ich Sie, hochgeehrter Herr Professor, als den besten Kenner der Bakterien, ganz ergebenst bitten, ihr Urteil über den Befund abgeben zu wollen ..."

Koch beschäftigte sich in seiner Praxis mit den Ursachen der schweren, häufig tödlich endenden Infektionskrankheiten. Zufällig erstes Studienobjekt wurde der Milzbrand, eine Krankheit bei Wiederkäuern, aber auch Pferden, Ziegen und Schweinen, dessen Erreger (das Bakterium Bacillus anthracis) er Anfang 1876 nach mühsamen Experimenten fand. Dazu waren ihm Cohns 1872 erschienene Monographie "Ueber Bacterien, die kleinsten lebenden Wesen" und die regelmäßigen Berichte aus Cohns Laboratorium wertvolle Hilfen gewesen.

Schon am 30. April 1876 suchte Koch mit allen notwendigen Reagenzien, Versuchstieren und seinem Mikroskop Cohn in Breslau auf. Cohn war bald von seinem jungen Kollegen und dessen Experimenten beeindruckt. Er und die auf seinen Wunsch hin an den mehrtägigen Experimenten anwesenden Kollegen – Wissenschaftler von Rang und Namen, wie Julius Cohnheim, Ludwig Feuerbach, Ludwig Lichtheim, Moritz Traube, Wilhelm Waldeyer, Carl Weigert – erkannten die Bedeutung und Tragweite der Kochschen Experimente und Ergebnisse. Cohn war Koch auch weiterhin behilflich und unterstützte ihn bei der Erstellung seiner berühmten Abhandlung über Milzbrand.

Die erste Arbeit Kochs, "Die Ätiologie der Milzbrandkrankheit, begründet auf die Entwicklung des Bacillus Anthracis", wurde 1876 in "Cohn´s Beiträge zur Biologie der Pflanzen" aufgenommen und erregte Aufsehen im In- und Ausland. Die Entdeckung des Milzbranderregers wurde aufatmend und begeistert aufgenommen und erhob Koch von dem bis dahin unbekannten Landarzt zu einem medizinischen Forscher von Rang.

Schon lange, bevor Koch den Brief schrieb, galt Ferdinand Cohn als die führende Autorität auf dem im Anfang ihrer Entwicklung stehenden Gebiet der Bakteriologie. Cohn, aus einer begüterten jüdischen Familie stammend, hatte sich seit seiner frühen Kindheit besonders mit dem Wachstum und den Eigenarten von Pflanzen beschäftigt. Er besuchte das Magdalenen-Gymnasium in seiner Heimatstadt und begann nach bestandenem Abitur an der Universität Breslau das Medizinstudium, das er ab 1847 an der Berliner Universität bei dem Physiologen, Pathologen und Anatomen Johannes Peter Müller (1801-1958) fortsetzte. In Müller fand er einen aktiven Förderer seiner botanischen Interessen und Neigungen, und auf seine Empfehlung hin wurde Cohn im Jahr 1851 als Privatdozent am Pflanzenphysiologischen Institut an der Universität Breslau zugelassen.

Dass Ferdinand Cohn eine Dozentenstelle an einer deutschen Universität erhielt, war damals keineswegs selbstverständlich. Im 19. Jahrhundert nahm zwar die Zahl jüdischer Ärzte in Deutschland stark zu – gegen 1900 waren 16 Prozent der Ärzte Juden, obwohl Juden nur einen Anteil von 1,2 Prozent an der Gesamtbevölkerung hatten – doch die Hochschullehrer-Laufbahn war Juden praktisch völlig verwehrt. Einige deutsche Universitäten ließen sie allenfalls seit 1810 vereinzelt als Privatdozenten der Medizin zu. Erst im Jahr 1836 erlangte der jüdische Physiologe Gabriel Gustav Valentin (1810-1883) in Bern das erste Ordinariat an einer deutschsprachigen Universität, und 1869 erreichte in Erlangen der jüdische Anatom Jakob Herz (1816-1871) erstmals eine ordentliche Professur.

Da die Breslauer Universität es nicht für notwendig erachtete, ihre botanische Abteilung mit entsprechendem Instrumentarium auszustatten, die Ferdinand Cohn und seine Studenten für ihre Vorlesungen in den Fächern Botanik und Bakteriologie benötigten, kaufte Cohns Vater seinem Sohn die erforderliche Grundausstattung, darunter ein Mikroskop. Dies allein kostete 312 Taler – viel Geld für die damalige Zeit, auch wenn das optische Auflösungsvermögen hervorragend war. Cohn beschäftigte sich anfangs vor allem mit der mikroskopischen Untersuchung von Pflanzenzellen und mikroskopischen Organismen. Dabei zeigte er unter anderem, dass pflanzliches Protoplasma im Wesentlichren identisch mit tierischem ist. Ab den 1860er Jahren studierte Cohn vor allem die Morphologie von Algen und Pilzen, untersuchte die bakteriellen Ursachen infektiöser Pflanzen- und Tierkrankheiten und entdeckte dabei die Natur und grundlegenden Eigenschaften bakterieller Sporen.

Im Jahr 1872 veröffentlichte Cohn seine dreibändige Monographie, die für die moderne Bakteriologie richtungsweisend wurde. Die Abhandlung enthält erstmals eine auf morphologischen Merkmalen basierende systematische Klassifizierung von Bakteriengattungen und -arten. In ihr wird zum ersten Mal auch die Herstellung von bakteriellen Reinkulturen dargestellt, die Cohn gemeinsam mit seinen Schülern gelungen war, und von der nicht nur der junge Koch profitierte. Cohn ging dabei von der Beobachtung "chromogener Bakterien" aus, das heißt von Mikroben, die rot, blau, grün, gelb oder violett gefärbt waren. Um diese einfarbigen Kulturen zu isolieren, hatte er von gemischtfarbigen Bakterienkulturen, die er auf Kartoffeln, Brot, Fleisch, Eiweiß u.Ä. gezüchtet hatte, monochrome Proben entnommen und diese auf einem neuen Nährboden überimpft. Aufgrund seiner Arbeiten kann man Cohn als den Begründer der modernen Bakteriologie betrachten.

Im Jahr 1859 wurde Ferdinand Cohn am Pflanzenphysiologischen Institut an der Universität Breslau zum Professor für Botanik berufen und hielt diese Position bis zu seinem Tod inne. In Anerkennung seiner Verdienste um die Bakteriologie und die Botanik erhielt er zahlreiche in- und ausländische Ehrungen; unter anderem wurde er 1893 zum Mitglied der Royal Society ernannt, und 1895 Träger der Goldmedaille der Linnean Society.



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