Multiple Sklerose: MS-Forschung wird ganzheitlich

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (11. September 2017)

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Bei multipler Sklerose (MS) macht die Forschung enorme Fortschritte: In den letzten Jahren haben völlig neue Ansätze der medikamentösen Therapie Hoffnungen geschürt, die Krankheit eines Tages zum Stillstand bringen zu können. Die Betroffenen müssen aber im Hier und Jetzt mit ihrer Krankheit leben. Zu ihrem Glück gibt es immer mehr wissenschaftliche Nachweise, welche Maßnahmen helfen, das Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Kaum eine Patientengruppe ist so gut informiert über komplexe medizinische Zusammenhänge wie die bei multipler Sklerose (MS). Bei nur wenigen Forschungsgebieten in der Medizin bewegt sich gleichzeitig so viel wie bei dieser Nervenkrankheit. Es gibt regelmäßig Meldungen über neu entwickelte Antikörper, die das Immunsystem dämpfen, oder über Mechanismen, die die Myelinschicht beschädigter Nervenfasern reparieren. Das schafft Hoffnung, dass multiple Sklerose vielleicht wirklich eines Tages heilbar sein wird.

Das Problem: Die Entwicklung neuer Medikamente dauert Jahre. Und die Betroffenen müssen im Hier und Jetzt mit ihrer Krankheit leben. Häufig sind sie in jungem Alter daran erkrankt und müssen Jahrzehnte lang mit den Symptomen und den Begleiterscheinungen der Therapie zurechtkommen. Umso besser, dass sich die medizinische Forschung bei MS nicht mehr nur auf die Entwicklung neuer Medikamente konzentriert, sondern heute ganzheitlicher aufgestellt ist.

Zusammenhänge klären, Therapieoptionen erweitern

Im Laufe ihrer Erkrankung finden die meisten Patienten Mittel und Wege, die ihnen individuell gut tun. Die genauen Zusammenhänge, warum zum Beispiel Sport und Physiotherapie positiv bei MS wirken, waren lange unbekannt. Diese Zusammenhänge versucht die Forschung zu systematisieren, damit möglichst viele Patienten von nichtmedikamentösen Therapiebausteinen profitieren können – und ein selbstbestimmtes, gutes Leben führen. Einige Beispiele:

Sport:

Bei Krankheit Bettruhe! Was früher ein gängiger medizinischer Rat war, gilt heute nicht mehr – erst recht nicht bei multipler Sklerose. Zum einen stabilisiert Krafttraining die Muskulatur, zum anderen verbessert Sport die Koordination und wirkt so den bereits durch die MS entstandenen Schäden entgegen. Daneben deuten aktuelle Studienergebnisse an, dass Sport eine schützende Wirkung auf die Nerven haben könnte. Wichtig dabei: immer auf die eigenen Grenzen zu hören.

Fatigue:

Sie ist eines der häufigsten Symptome bei multipler Sklerose – und eines der am meisten belastenden. Wer unter Fatigue leidet, ist dauerhaft erschöpft. Selbst Schlaf und Schonung führen bei vielen Betroffenen nicht zu Erholung. Was die Beschwerden akut verstärkt, ist aber individuell ganz unterschiedlich – und deswegen auch so schwer zu fassen. Die Forschung arbeitet deswegen aktuell daran, Fatigue als Symptom besser zu begreifen und aus diesem Wissen konkrete Behandlungsansätze abzuleiten.

Kognitive Fähigkeiten:

Rund die Hälfte aller MS-Betroffenen haben Probleme mit der Konzentration und dem Arbeitsgedächtnis. Schuld ist vermutlich, dass sich die Geschwindigkeit der kognitiven Leistung verlangsamt, weil die Kommunikation bestimmter Hirnareale gestört ist. Aber die kognitiven Fähigkeiten lassen sich trainieren – und Verbindungen zwischen Hirnregionen lassen sich wiederherstellen. Je gezielter, desto besser.

Vitamin D:

Schon lange fragen sich Wissenschaftler, warum in nördlichen Ländern – also in Ländern, die weniger Sonnenschein abbekommen – mehr Menschen an multipler Sklerose erkranken. Immer mehr Studien deuten darauf hin, dass eine Unterversorgung mit Vitamin D als einer von vielen Faktoren das MS-Risiko erhöhen könnte. Untersucht wird nun, ob Vitamin D als "Gegenmittel" und Therapie-Baustein für MS-Patienten infrage kommen könnte.

Darmflora:

Darm-Hirn-Achse? Unter diesem Schlagwort untersuchen Wissenschaftler die Wechselwirkungen zwischen der Darmflora und neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer und multipler Sklerose. Jeder Mensch besitzt eine völlig individuelle Zusammensetzung aus Billionen von Bakterien im Darm. Bei MS-Patienten ist diese Vielfalt aber geringer als bei gesunden Menschen. Forscher untersuchen nun bestimmte Fettsäuren, die einen Einfluss auf das Immunsystem haben.

Physiotherapie:

Zu den typischen Symptomen der multiplen Sklerose gehören Empfindungsstörungen wie Taubheit und Kribbeln sowie Muskellähmungen. Sowohl während eines Schubs als auch in der Zeit dazwischen kann die Physiotherapie viel bewirken, indem sie Muskeln stärkt, Spastiken löst, Gefühlsstörungen bekämpft und das Körperbewusstsein verbessert. Dass diese Effekte kein Zufall sind, beweisen immer mehr Studien. Inwieweit sie bei Patienten, deren Krankheit weit fortgeschritten ist, Defizite rückgängig machen können, wird aktuell untersucht.