Erhöht das Epstein-Barr-Virus das MS-Risiko?

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (12. September 2017)

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Das Epstein-Barr-Virus löst das pfeiffersche Drüsenfieber aus. Womöglich ist es aber auch an der Entwicklung der multiplen Sklerose beteiligt. Eine neue Studie erhärtet jedenfalls diesen Verdacht.

Das Epstein-Barr-Virus, kurz EBV, schlummert in fast jedem Menschen. Früher oder später kommen die meisten mit dem Erreger in Berührung, weil er sich rasend schnell über den Speichel verbreitet  häufig beim Küssen. Die Folge einer Infektion mit dem EBV ist das pfeiffersche Drüsenfieber (Mononukleose), aber wahrscheinlich nicht nur. Forscher vermuten schon länger, dass das Virus an der Entwicklung der multiplen Sklerose (MS) beteiligt ist.

Diesen Verdacht erhärtet jetzt eine neue Studie des Forschungszentrums des Krankenversicherers Kaiser Permanente in Pasadena (USA), die im Fachblatt Neurology erschienen ist. Demnach begünstigt das EBV die Autoimmunkrankheit MS  und zwar unabhängig von der ethnischen Herkunft. "Frühere Studien haben nur für die europäische Bevölkerung eine Verbindung zwischen der Mononukleose und MS nachgewiesen. Deshalb wollten wir wissen, ob es für andere ethnische Gruppen einen ähnlichen Zusammenhang gibt", erklärt die Studienleiterin Annette Langer-Gould. "Tatsächlich haben wir diesen gefunden."

MS-Risiko doppelt bis vierfach erhöht

Die Forscher rekrutierten 1.090 US-Amerikaner mit afroamerikanischen, lateinamerikanischen und europäischen Wurzeln. In jeder der drei Gruppen waren gesunde Menschen, Patienten mit multipler Sklerose sowie Personen vertreten, die sich im Anfangsstadium der Nervenerkrankung befanden (das sogenannte "klinisch isolierte Syndrom", KIS). Alle Studienteilnehmer unterzogen sich einem Bluttest, der Antikörper gegen das Epstein-Barr-Virus nachweisen kann. Auch befragten die Forscher die Teilnehmer, ob sie in ihrem Leben bereits einmal an pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt waren und in welchem Alter das war.

Wer die Mononukleose durchgemacht hatte, trug ein höheres Risiko für MS als jene Menschen, die sich nicht mit dem Epstein-Barr-Virus angesteckt hatten. Dieser Zusammenhang galt unabhängig von anderen Risikofaktoren für MS wie zum Beispiel dem Geschlecht, dem Alter, Nikotinkonsum oder einer genetischen Veranlagung. Afroamerikaner, die an Mononukleose erkrankt waren, hatten ein mehr als vierfach höheres Risiko für MS als Afroamerikaner, die sich nie mit dem Erreger infiziert hatten. Dasselbe Verhältnis gilt für Lateinamerikaner, bei Menschen mit europäischen Wurzeln was das MS-Risiko etwa doppelt erhöht.

Fast jeder trägt das Virus in sich

Dies belege, dass die Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus bei Jugendlichen oder Erwachsenen ein kritischer Risikofaktor für die Nervenerkrankung multiple Sklerose sei, so die Studienleiterin Langer-Gould. Eine mögliche Einschränkung der Studie sei aber, dass die gesunde Kontrollgruppe eventuell nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sei.

Das Epstein-Barr-Virus (EBV) gehört zu den Herpesviren und ist weltweit verbreitet. Ärzte schätzen, dass sich etwa 95 Prozent der europäischen Bevölkerung bis zum 30. Lebensjahr mit dem Virus infizieren und dementsprechend bei ihnen Antikörper im Blut nachweisbar sind. Wer sich einmal mit dem EBV infiziert hat, ist lebenslang immun. Allerdings schlummert das Virus im Körper, wird immer wieder aktiv und über den Nasen-Rachen-Raum ausgeschieden. Auf diesem Wege können sich andere Menschen anstecken, die noch nicht mit dem EBV in Berührung gekommen sind.

Als Risikofaktor ernst nehmen

Besonders viele Menschen trifft das pfeiffersche Drüsenfieber im Frühjahr und Herbst. Typisch für diese Infektionskrankheit sind hohes Fieber, geschwollene Lymphknoten und Halsschmerzen. In vielen Fällen verläuft die Krankheit aber harmlos und klingt innerhalb weniger Wochen wieder ab. Wer im frühen Kindesalter erkrankt, bemerkt meist nur geringe oder überhaupt keine Symptome. Eine Mononukleose bei Jugendlichen, Erwachsenen oder Personen mit geschwächtem Immunsystem kann allerdings auch schwerwiegendere Symptome hervorrufen.

Da das Virus so weit verbreitet ist, kann man sich kaum davor schützen. Aus der aktuellen Studie lässt sich aber ableiten, dass Mediziner das Epstein-Barr-Virus als Risikofaktor für multiple Sklerose ernst nehmen sollten.

Quellen:

Langer-Gould, A. et al.: Epstein-Barr virus, cytomegalovirus, and multiple sclerosis susceptibility  A multiethnic study. Neurology (2017)

Online-Information des Deutschen Berufsverbands der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte e.V.: www.hno-aerzte-im-netz.de (Abrufdatum: 11.9.2017)

Pressemitteilung der American Academy of Neurology: www.aan.com (Stand: 30.8.2017)