Multiple Sklerose: Welche Rolle spielt die Darmflora?

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (25. September 2017)

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Die menschliche Darmflora ist ein ganz eigener, hoch komplexer Mikrokosmos. Jeder Mensch beherbergt eine Wohngemeinschaft aus etwa 100 Billionen Bakterien. Diese noch weitestgehend unerforschten Untermieter könnten die Entwicklung von multipler Sklerose (MS) begünstigen. Eine neue Studie bestätigte jetzt diese heiße Spur.

Die genauen Ursachen der Nervenkrankheit multiple Sklerose (MS) sind noch immer nicht bekannt. Sicher ist, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen. Auch Rauchen, Vitamin-D-Mangel und Fettleibigkeit in der Kindheit begünstigen den Ausbruch der neurologischen Erkrankung. Aber es müssen noch andere Faktoren beteiligt sein. Unter zunehmend starkem Verdacht: die menschliche Darmflora. Die individuelle Zusammensetzung der Mikroorganismen im Darm, die sogenannte Mikrobiota, könnte die Entwicklung von Autoimmunerkrankungen, zu der auch die multiple Sklerose zählt, fördern. Forscher des Instituts für Klinische Neuroimmunologie am Universitätsklinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und der Max-Planck-Institute für Neurobiologie und Biochemie in München erhärteten diese Hypothese jetzt in einer neuen Studie.

Studie an Zwillingspaaren und an Mäusen

Deutschlandweit rekrutierten die Wissenschaftler mehr als 50 eineiige Zwillingspaare, bei denen jeweils ein Zwilling an MS erkrankt war. Dann verglichen sie deren Darmflora. Zwillingspaare haben die identische genetische Ausstattung. Auf diese Wiese sollten sich in der Studie die genetischen Faktoren, die für MS verantwortlich sind, ausblenden lassen, um sich auf Unterschiede in der Darmflora konzentrieren zu können. Im Gesamtprofil der Mikroorganismen gesunder und an multipler Sklerose erkrankter Zwillinge zeigten sich zwar einige interessante, aber keine bedeutenden Unterschiede. Nicht erkrankte Zwillinge beherbergten zum Beispiel größere Mengen des "guten" Dickdarmbakteriums vom Typ Akkermansia.

In weiteren Tests besiedelten die Wissenschaftler genetisch veränderte Mäuse mit Darmbakterien – sowohl mit Bakterien von den gesunden als auch von den an MS erkrankten Zwillingen. Tiere, welche die Darmbakterien der kranken Zwillinge erhalten hatten, entwickelten häufiger eine der menschlichen MS sehr ähnliche Hirnentzündung als Mäuse, die mit Darmbakterien gesunder Zwillinge behandelt worden waren. Dies sei ein direkter Hinweis darauf, dass die menschliche Darmflora tatsächlich Komponenten enthält, die für den Ausbruch von multipler Sklerose verantwortlich sind oder ihn zumindest begünstigen, erklären die Forscher.

Zusammenhänge müssen noch erforscht werden

Doch jetzt fängt die Puzzlearbeit für die Wissenschaftler erst an. Wie ist es möglich, dass Darmbakterien eine Autoimmunreaktion auslösen, die letztlich zur Zerstörung von Gehirn- und Rückenmark führt? "Das müssen wir im nächsten Schritt herauszufinden versuchen", sagt Professor Reinhard Hohlfeld vom Klinikum der LMU München. Vermutlich fehle bei den an MS erkrankten Zwillingen ein schützender Faktor in Form eines Bakteriums oder Stoffwechselprodukts der Mikroorganismen.

Die Zusammensetzung der Darmflora hängt entscheidend von der Ernährung ab. Manche Forscher spekulieren deshalb, dass eine Ursache für die deutliche Zunahme der MS-Erkrankten zuletzt in Asien, etwa in Japan, die Umstellung der traditionellen Ernährung sein könnte. Möglicherweise wird die bei MS vermutete Autoimmunreaktion von den Darm-Mikrobiota "ferngesteuert". Hohlfeld: "Erst wenn wir die Mechanismen besser verstehen, können wir sie gezielt therapeutisch beeinflussen." Trotzdem lassen diese Ergebnisse MS-Erkrankte hoffen. Ein therapeutischer Ansatz könnte später vielleicht sein, die Darmflora über die Ernährung entsprechend positiv zu verändern, etwa durch Präbiotika und Probiotika. Auch Antibiotika könnten die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaft im Darm gezielt modulieren.

Multiple Sklerose ist die häufigste entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. In Deutschland leben nach Schätzungen rund 130.000 Menschen mit MS, weltweit sind es etwa 2,5 Millionen MS-Patienten. Vieles spricht dafür, dass es sich bei der MS um eine Autoimmunerkrankung handelt, bei der Immunzellen "versehentlich" das Gehirn und Rückenmark angreifen. Wie bei anderen Autoimmunerkrankungen sind jedoch die eigentlichen Auslöser der Autoimmunreaktion noch unbekannt.

Quellen:

Berer, K. et al.: Gut microbiota from Multiple Sclerosis patients enables spontaneous autoimmune encephalomyelitis in mice. PNAS (2017)

Online-Information der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN): www.dgn.org (Abrufdatum: 25.9.2017)