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Antibiotikaresistenzen: Was tun gegen die tickende Zeitbombe?

Veröffentlicht von: Astrid Clasen (17. Juli 2017)

© iStock

Antibiotika sind seit Jahrzehnten eines der wichtigsten Mittel zur Behandlung vieler Infektionskrankheiten und haben schon vielen Menschen das Leben gerettet. Doch Antibiotikaresistenzen könnten dieser Erfolgsgeschichte ein Ende setzen: Es passiert immer öfter, dass die Medikamente nicht mehr verlässlich wirken.

Was sind Antibiotika?

Antibiotika sind Arzneimittel gegen Infektionen mit Bakterien. Ärzte und Tierärzte verwenden Antibiotika üblicherweise, um eine Vielzahl von bakteriellen Infektionskrankheiten zu behandeln.

Beispiele für Infektionskrankheiten, die immer durch Bakterien entstehen, sind:

Häufig durch Bakterien verursachte Infektionen sind unter anderem:

Übrigens: Antibiotika sind keine Erfindung des Menschen, sondern werden schon seit Millionen Jahren von Bakterien und Pilzen gebildet – unter anderem, um Konkurrenten oder Feinde auszuschalten. Historisch betrachtet stammen die meisten der zurzeit vom Menschen genutzten Antibiotika aus solchen natürlichen Quellen.

Entdeckt wurden die Antibiotika im Jahr 1928: Damals bemerkte Alexander Fleming die antibakterielle Wirkung eines Schimmelpilzes der Gattung Penicillium und nannte die hierfür verantwortliche Substanz später Penicillin.

Wie wirken Antibiotika?

Antibiotika wirken gegen bakterielle Infektionskrankheiten, indem sie die Bakterien im Körper entweder abtöten oder deren Vermehrung oder Wachstum stoppen oder zumindest stark hemmen, sodass das Abwehrsystem des Körpers die Infektion in den Griff bekommen kann.

Dabei sind nicht alle Antibiotika gegen alle Bakterien gleichermaßen wirksam. Man unterscheidet über 15 verschiedene Untergruppen von Antibiotika mit jeweils unterschiedlicher Wirksamkeit – zum Beispiel Aminoglykosid-Antibiotika, Makrolid-Antibiotika und Gyrasehemmer.

Übrigens: Antibiotika wirken nicht gezielt nur gegen krankmachende Bakterien, sondern können auch nützlichen Bakterien schaden, die zum Beispiel auf der Haut, den Schleimhäuten oder im Darm leben.

Gegen Viren können Antibiotika nichts ausrichten. Darum sind sie zur Behandlung virusbedingter Infektionskrankheiten (wie Erkältung, Grippe, Masern usw.) nutzlos. Nur wenn sich jemand zusätzlich zu einer Virusinfektion eine bakterielle Infektion einfängt, kann eine Behandlung mit Antibiotika sinnvoll sein.

Was bedeutet Antibiotikaresistenz?

Resistenz bedeutet Widerstandsfähigkeit: Wenn ein Bakterium eine Antibiotikaresistenz entwickelt, ist es also unempfindlich gegenüber dem Medikament. Anders ausgedrückt: Das Antibiotikum wirkt nicht mehr.

Bakterien, die gleichzeitig gegen mehrere unterschiedliche Antibiotika resistent sind, bezeichnet man als multiresistente Bakterien.

Antibiotikaresistenzen: Entstehung und Verbreitung

Wie entstehen Antibiotikaresistenzen?

Die Entstehung von Antibiotikaresistenzen ist ein ganz natürlicher Vorgang: Wie bei allen Lebewesen verändern sich viele vererbbare Merkmale bei Bakterien im Lauf der Zeit (sog. Evolution). Dabei können auch neue Eigenschaften entstehen, die das Bakterium vor Bedrohungen schützen – zum Beispiel vor Antibiotika, die von anderen Mikroorganismen (z.B. Pilzen) gebildet werden.

Ein resistentes Bakterium gibt diese schützende Eigenschaft bei seiner Vermehrung an die Tochterzellen weiter. Es kann das Erbmerkmal für die Antibiotikaresistenz (sog. Resistenzgen) auch an ein fremdes Bakterium übertragen. Jedes Bakterium ist in der Lage, mehrere Resistenzgene aufzunehmen, sodass es vor verschiedenen Antibiotika geschützt ist. So entstehen die multiresistenten Bakterien, die gegenüber mehreren unterschiedlichen Antibiotika unempfindlich sind.

Ist eine Antibiotikaresistenz für das Bakterium von Vorteil, verbreitet sie sich in der Regel schnell innerhalb des Bakterienstamms und darüber hinaus. Antibiotikaresistenzen sind also schon immer entstanden – ohne Zutun des Menschen. Der Mensch kann Antibiotikaresistenzen jedoch fördern.

Was fördert die Entstehung von Antibiotikaresistenzen?

Wo Bakterien auf Antibiotika treffen, üben Letztere einen Selektionsdruck aus: Bakterien ohne entsprechende Antibiotikaresistenz ziehen den Kürzeren, resistente Bakterien hingegen überleben und können sich weiter vermehren. Je stärker dieser Selektionsdruck ist – sprich: je öfter Antibiotika auf Bakterien einwirken –, desto schneller bilden sich neue Resistenzen.

Seit Entdeckung der Antibiotika haben sich darum immer schneller neue Resistenzen gebildet. Dabei fördert vor allem die Art und Weise, wie der Mensch Antibiotika verwendet, die Entstehung von Antibiotikaresistenzen. Ungünstig sind:

  • der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Nutztierzucht (z.B. um die Mast zu beschleunigen oder die Sterblichkeit zu verringern),
  • die verbreitete Nutzung von Antibiotika zur Konservierung von Nahrungsmitteln,
  • die häufige oder unnütze Verschreibung von Antibiotika (z.B. bei Virusinfektionen) sowie
  • die falsche Einnahme von Antibiotika durch die Patienten (z.B. zu frühes Absetzen, falsche Dosierung, …).

Wie verbreiten sich Antibiotikaresistenzen?

Bakterien sind überall: In unserem Körper, in Tieren, in der Umwelt. Resistente Bakterien können sich zwischen Tieren, Menschen und der Umwelt über verschiedene Wege ausbreiten. So sind beispielsweise Menschen, die beruflich mit Nutztieren in Kontakt kommen (z.B. Landwirte, Tierärzte), häufiger mit Bakterien besiedelt, die dieselben Antibiotikaresistenzen aufweisen wie die Nutztiere.

Resistente Bakterien können auch in Nahrungsmittel gelangen – einschließlich tierischer Nahrungsmittel wie Fleisch, Eier, Milch und Milchprodukte. So verbreiten sich Antibiotikaresistenzen über die Nahrungsaufnahme.

In Europa hat der häufige Einsatz von Antibiotika in der Viehhaltung nachweislich zu einem Anstieg von Antibiotikaresistenzen bei Salmonellen, Campylobacter, Escherichia coli und Staphylococcus aureus geführt – all diese Bakterien können mit der Nahrung auf den Menschen übertragen werden.

Antibiotikaresistenzen und ihre Folgen

Durch Antibiotikaresistenzen verlieren Antibiotika ihre Wirksamkeit. Wenn es darauf ankommt, können sie also nicht mehr helfen. Zwar können Ärzte meist auf ein anderes Antibiotikum zurückgreifen, wenn eines nicht mehr wirkt – die Anzahl (multi-)resistenter Bakterien nimmt aber zu.

Geht das so weiter, könnten eines Tages keine wirksamen Antibiotika mehr zur Verfügung stehen, um Bakterieninfektionen zu bekämpfen. Die Folgen wären:

  • eine verlängerte Behandlungsdauer,
  • höheren Behandlungskosten und
  • eine erhöhte Sterblichkeit.

In der Europäischen Union sterben jährlich schätzungsweise 25.000 Menschen infolge von Antibiotikaresistenzen.

Beispiele:

Zu den Bakterieninfektionen, die wegen zunehmender Antibiotikaresistenzen inzwischen manchmal schwer zu behandeln sind, gehören einige der häufigsten lebensmittelbedingten Erkrankungen – wie die Salmonellen- und die Campylobacter-Infektion.

Die fünf wichtigsten multiresistenten Bakterien sind jedoch:

Diese multiresistenten Bakterien verursachen etwa sechs Prozent der Krankenhausinfektionen (sog. nosokomiale Infektionen) – das macht in ganzen Zahlen pro Jahr:

  • 11.000 Infektionen durch MRSA,
  • 4.000 Infektionen durch die Bakterienarten Enterococcus faecalis und Enterococcus faecium,
  • 8.000 Infektionen durch multiresistente Escherichia-coli-Bakterien,
  • 2.000 Infektionen durch multiresistente Klebsiella-pneumoniae-Bakterien und
  • etwa 4.000 Infektionen durch multiresistente Pseudomonas-aeruginosa-Bakterien.

Was tun gegen Antibiotikaresistenzen?

Antibiotikaresistenzen sind weltweit zu einem schwerwiegenden Problem der öffentlichen Gesundheit geworden. Höchste Zeit also, dieser Entwicklung gegenzusteuern.

Dass solche Gegenmaßnahmen sinnvoll sind, zeigt das Beispiel MRSA: Hier konnten ein umfassender Infektionsschutz und eine verbesserte Krankenhaushygiene in den letzten Jahren verhindern, dass der multiresistente Keim sich weiter verbreitet. Zuletzt war die Anzahl der MRSA-Infektionen sogar rückläufig.

Neben allgemeinen Gegenmaßnahmen – wie der Kontrolle des Antibiotika-Einsatzes bei Tier und Mensch, der Überwachung auftretender Antibiotikaresistenzen sowie der Verbesserung der Hygienestandards in Krankenhäusern – gibt es auch einiges, was Sie selbst tun können.

Zum einen können Sie helfen, die Zunahme von Antibiotikaresistenzen zu verhindern, indem Sie richtig mit den Medikamenten umgehen. Das heißt:

  • Behandeln Sie sich nie auf eigene Faust mit Antibiotika. Nehmen Sie die Mittel nur dann ein, wenn Sie sie wegen einer bakteriellen Infektion verschrieben bekommen haben.
  • Nehmen Sie nie Antibiotika ein, die jemand anderem verordnet wurden.
  • Geben Sie auch nie Ihr Antibiotikum an jemand anderen weiter – selbst dann nicht, wenn derjenige scheinbar dieselben Beschwerden hat wie Sie.
  • Kaufen Sie Antibiotika nie ohne Rezept im Internet oder im Ausland ein.
  • Nehmen Sie ein verschriebenes Antibiotikum nur in der verordneten Wirkstoffmenge ein.
  • Nehmen Sie das Antibiotikum genau so lange ein, wie es Ihr Arzt verordnet hat. Niemals Antibiotika zu früh absetzen!
  • Halten Sie die vorgeschriebenen Einnahmezeiten ein:
    • dreimal täglich = alle acht Stunden
    • zweimal täglich = alle zwölf Stunden
    • einmal täglich = alle 24 Stunden
  • Nehmen Sie das Antibiotikum immer zum vorgegebenen Zeitpunkt ein – also vor, zu oder nach den Mahlzeiten (wie auf dem Beipackzettel angegeben).
  • Nehmen Sie das Antibiotikum immer mit (Leitungs-)Wasser ein.
  • Bewahren Sie das Antibiotikum während der Behandlung richtig auf (beachten Sie dazu die Hinweise auf dem Beipackzettel).
  • Teilen Sie Ihrem Arzt mit, wenn bei Ihnen unerwünschte Wirkungen auftreten. Setzen Sie das Antibiotikum nicht selbständig ab, sondern halten Sie vorher Rücksprache mit Ihrem Arzt.
  • Bewahren Sie übrig gebliebene Antibiotika nicht auf, um sie später einzunehmen. Entsorgen Sie sie stattdessen über den Hausmüll.

Daneben ist es zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen auch wichtig, dass Sie sich und andere vor Infekten schützen. Denn je weniger Infektionen auftreten, desto weniger Antibiotika sind zu deren Behandlung nötig. Die besten Tipps zum Infektionsschutz lauten:

  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände – zum Beispiel nach jedem Toilettengang, vor dem Zubereiten von Nahrung, vor dem Essen usw.
  • Reinigen Sie in der Küche regelmäßig alle Oberflächen. Keime können an vielen Stellen in der Küche überleben (z.B. an Küchengeräten, auf Schneidbrettern und Arbeitsflächen).
  • Bereiten Sie Lebensmittel getrennt zu. Durch rohes Fleisch, Geflügel, Meeresfrüchte und Eier können Keime auf andere Lebensmittel (wie Salat) gelangen.
  • Garen Sie vor allem Fleisch vor dem Verzehr gut durch.
  • Bewahren Sie Essen im Kühlschrank auf. Wenn Sie Essensreste nicht rechtzeitig kühl stellen, können sich sehr schnell Keime bilden – vor allem an heißen Sommertagen.

Die Handhygiene ist die wichtigste Einzelmaßnahme gegen die Ausbreitung von Keimen.

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

Antibiotika: Welche Wirkstoffe gehören zu dieser Wirkstoffgruppe?
Risiko Krankenhauskeime: Nosokomiale Infektion (Krankenhausinfektion)
Bakterien: Allgemeine Infos & Klassifikation der Mikroorganismen
Bakterien: Aufbau & Struktur
Bakterienkultur: Was ist das & wozu dient sie?
Medikamente richtig entsorgen

Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Abrufdatum: 17.7.2017)

Antibiotika. Online-Informationen der Bundeszentale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): www.bzga.de (Abrufdatum: 17.7.2017)

Antibiotikaresistenz. Online-Informationen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety Authority, EFSA) : www.efsa.europa.eu (Abrufdatum: 17.7.2017)

Antworten auf häufig gestellte Fragen zu Krankenhausinfektionen und Antibiotikaresistenz. Online-Informationen des Robert Koch-Instituts: www.rki.de (Stand: 15.5.2017)

Neue Erkenntnisse zur Wahrnehmung von Antibiotikaresistenz. Online-Informationen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety Authority, EFSA): www.efsa.europa.eu (6.3.2017)

Richter-Kuhlmann, E.: Antibiotikaresistenzen. Den Bakterien ein Stück voraus. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 114, Heft 5 (3.2.2017)

Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety Authority, EFSA) und Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (European Centre for Disease Prevention and Control, ECDC): The European Union summary report on antimicrobial resistance in zoonotic and indicator bacteria from humans, animals and food in 2015. EFSA Journal 2017, Vol. 15, Iss. 2, Nr. 4694 (23.1.2017)

Chen, L., et al.: Notes from the Field: Pan-Resistant New Delhi Metallo-Beta-Lactamase-Producing Klebsiella pneumoniae – Washoe County, Nevada, 2016. Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR), Vol. 66, No. 1, p. 33 (13.1.2017)

Last-line antibiotics are failing: options to address this urgent threat to patients and healthcare systems. Online-Informationen des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (European Centre for Disease Prevention and Control, ECDC): ecdc.europa.eu (Stand: 17.11.2016)

Kurzinformationen zur Antibiotika-Behandlung. Online-Informationen des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ): www.patienten-information.de (Stand: September 2016)

Kurzinformationen zu Antibiotika-Resistenzen. Online-Informationen des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ): www.patienten-information.de (Stand: September 2016)

Antibiotikaresistenz. Online-Informationen des Robert Koch-Instituts: www.rki.de (Stand: 21.5.2015)

Aktualisiert am: 17.7.2017

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