Zuckermythen – und was wirklich stimmt

Veröffentlicht von: Sandra von dem Hagen (04. September 2017)

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Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker e.V. und der Verein der Zuckerindustrie e.V. haben jüngst ihre Version von "Sieben Fakten zu Zucker und Ernährung" veröffentlicht. Das hat zu einem Aufschrei bei Experten und Kritikern geführt. Denn seit Jahren fordern Mediziner politische Maßnahmen im Kampf gegen Übergewicht und falsche Ernährung.

Zucker ist süß. Zucker schmeckt. Es ist schwer, auf Zucker zu verzichten. Und ist das überhaupt nötig? Brauchen wir Zucker nicht gar für eine ausgewogene Ernährung? Vielleicht sind die Befürchtungen bezüglich Übergewicht, Karies und chronischen Erkrankungen gar nicht so schlimm wie gedacht? Wir haben die wichtigsten Zuckermythen sowie die Behauptungen der Zuckerlobby zusammengefasst und beantworten die Frage: Was stimmt wirklich?

Mythos 1: Wir brauchen Zucker.

Die Behauptung

Laut Foodwatch e.V. sagte Bundesernährungsminister Schmidt in einer ARD-Sendung, der Mensch brauche Zucker.

Die Fakten

Das ist bedingt richtig. Der menschliche Körper benötigt Zucker, also Kohlenhydrate. Etwa die Hälfte der täglichen Nahrung sollte bei erwachsenen Menschen aus Kohlenhydraten bestehen, unabhängig davon, in welcher Form diese aufgenommen werden.

Das alleine sagt aber nichts darüber aus, wie lange die unterschiedlichen Zuckerformen sättigen oder wie sich die Art der Zuckeraufnahme auf die Zahngesundheit auswirkt.

Mythos 2: Zucker macht nicht dick.

Die Behauptung

Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) sagt, Zucker sei kein Dickmacher und kein Risikofaktor für Zivilisationskrankheiten. Denn letzten Endes entscheide lediglich die Energiebilanz, ob man zunimmt oder nicht, sprich: Wer mehr Kalorien zu sich nimmt, als er verbraucht, der nimmt zu (egal woher die Kalorien stammen).

Die Fakten

Es stimmt, dass die Energiebilanz entscheidend ist, ob man zunimmt oder nicht. Aber: Wer überwiegend einfache Zuckerformen aufnimmt, etwa aus Süßigkeiten oder Haushaltszucker, der hat schneller wieder Hunger und isst tendenziell mehr. So ist die Gewichtszunahme praktisch vorprogrammiert. Mehrfachzucker hingegen machen länger satt, sodass man hiervon tendenziell weniger aufnimmt. Man findet sie etwa in stärkehaltigen Lebensmitteln wie Kartoffeln, Reis oder Nudeln.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat die Gefahr von überflüssigen Kohlenhydraten (Zuckern) auch in ihr Regelwerk aufgenommen. In den "10 Regeln der DGE" steht: " Zucker und Salz einsparen: Zuckergesüßte Lebensmittel und Getränke sind meist nährstoffarm und enthalten unnötige Kalorien. Zudem erhöht Zucker das Kariesrisiko."

Mythos 3: Zuckerhaltige Getränke machen nicht dick.

Die Behauptung

"Es besteht keine Kausalität zwischen dem Konsum zuckergesüßter Erfrischungsgetränke und Übergewicht." Diese Aussage stammt von der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreier Getränke e.V. (wafg).

Die Fakten

Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der British Health Association haben mittlerweile nachgewiesen, dass Softdrinks das Risiko für Übergewicht und chronische Erkrankungen erhöhen.

Mythos 4: Jeder ist für sein Gewicht selbst verantwortlich.

Die Behauptung

Bundesernährungsminister Schmidt sagte: "Verantwortung für seine Gesundheit hat jeder selbst".

Die Fakten

Jeden selbst verantwortlich zu machen, ist zu einfach. Denn unser Essverhalten wird von vielzähligen äußeren Eindrücken beeinflusst. Dazu zählt nicht zuletzt die Werbung der Zuckerindustrie für Süßigkeiten oder die sogenannte Quengelware im Supermarkt – überwiegend Süßigkeiten, die besonders Kindern an der Kasse direkt ins Auge springen.

Mythos 5: Eine Regulierung des Zuckerkonsums kann Karies nicht vorbeugen.

Die Behauptung

Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) sagt, um die Zahngesundheit der Deutschen sei es besser bestellt denn je. Das läge an guter Vorsorge wie regelmäßigem Zähneputzen und Fissurenversiegelungen. Eine Einschränkung des Zuckerkonsums könne nicht der richtige Ansatz sein, um Karies vorzubeugen.

Die Fakten

Tatsächlich entstehen in reicheren Ländern wie Deutschland jährlich erhebliche Kosten für Zahnbehandlungen aufgrund von Karies, Parodontitis und Zahnverlusten. Auswertungen von Organisationen wie der Food and Agriculture Organization, der Organisation for Economic Co-operation and Development und dem Institute for Health Metrics and Evaluation zeigen, dass dies die Folge eines erhöhten Konsums einfacher Zucker (bspw. Haushaltszucker) ist.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine Mindestmenge an Zucker pro Person und Tag von 50 Gramm. Damit ließen sich nach Berechnung der genannten Organisationen pro Person rund 150 Euro Behandlungskosten einsparen.

Zusammenhang von Zuckerkonsum und zahnärztlichen Behandlungskosten

durchschnittlicher Zuckerverbrauch pro Person und Tag durchschnittliche Behandlungskosten pro Person
aktuell 90-100 g 210 
Empfehlung der WHO / geschätzte Behandlungskosten bei Reduzierung von Zucker 50 g 60 

Mythos 6: Wir nehmen weniger Kalorien zu uns als früher.

Die Behauptung

Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) behauptet, die Kalorienaufnahme der Deutschen sei in den letzten Jahrzehnten gesunken.

Die Fakten

Laut der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist die Kalorienaufnahme in Deutschland im Vergleich zu früher sogar angestiegen. Die WVZ wurde aufgefordert, die fehlerhaften Aussagen zu korrigieren, bisher gab es jedoch keine Stellungnahme.

Mythos 7: Strafsteuern sind nicht hilfreich.

Die Behauptung

"Die Erfahrungen aus dem Ausland – beispielsweise in Frankreich, Dänemark oder Mexiko – geben keinen Anlass zu der Annahme, dass Steuern ein geeignetes Mittel zur Prävention von Zivilisationskrankheiten sind." So die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ).

Die Fakten

Mexiko beispielsweise erhebt seit 2014 eine Zuckersteuer, die bereits nach einem Jahr Wirkung zeigte, welche sich im zweiten Jahr noch steigerte. Besonders der Konsum von zuckerhaltigen Getränken ist seitdem zurückgegangen.

Mythos 8: Versteckten Zucker gibt es nicht.

Die Behauptung

Laut der WVZ ist Zucker auf der Zutatenliste eindeutig ausgewiesen. Versteckten Zucker gebe es nicht.

Die Fakten

Zucker ist nicht immer als solcher in der Zutatenliste zu erkennen, denn er kann unter vielen Namen auftauchen. Für den Otto-Normal-Verbraucher ist es daher oft schwer zu erkennen, wie viel Zucker ein Lebensmittel tatsächlich enthält. Daher auch der Begriff "versteckter Zucker". Außerdem können zuckerhaltige Lebensmittel zum Süßen verwendet werden, die wiederum nicht zwingend als zuckerhaltig bekannt sind.

Zu Zuckern zählen laut der Verbraucherzentrale beispielsweise:

  • Saccharose
  • Dextrose
  • Raffinose
  • Glukose
  • Fruktosesirup oder Fruktose-Glukose-Sirup
  • Glukosesirup, Glukose-Fructose-Sirup oder Stärkesirup
  • Karamellsirup
  • Laktose
  • Maltose oder Malzextrakt
  • Maltodextrin, Dextrin oder Weizendextrin
  • Süßmolkenpulver
  • Gerstenmalz/Gerstenmalzextrakt

Zuckerhaltige Süßungsmittel können sein:

  • Honig
  • Dicksäfte (z.B. Agavendicksaft)

Seit Dezember 2016 müssen Lebensmittelhersteller die Nährwerte auf verpackten Lebensmitteln kennzeichnen (Zucker in diesem Fall = Kohlenhydrate). Allerdings ist der Begriff "Zucker" in der Nährwertliste und in der Zutatenliste unterschiedlich definiert, was wiederum zu Verwirrungen führen kann. Es besteht zudem keine Pflicht, die einzelnen Zuckerarten anzugeben, die verwendet wurden.

Weitere Informationen

Linktipps:

Die 10 Ernährungsregeln der DGE

Quellen:

Online-Informationen der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreier Getränke e.V.: www.wafg.de (Abrufdatum: 1.9.2017)

Online-Informationen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: www.dge.de (Abrufdatum: 31.8.2017)

Online-Informationen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft e.V.: www.bmel.de (Abrufdatum: 31.8.2017)

Online-Informationen des Bunds für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V.: www.bll.de (Abrufdatum: 31.8.2017)

Online-Informationen der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker e.V. (WVZ) und des Vereins der Zuckerindustrie e.V. (VdZ): www.zuckerverbaende.de (Abrufdatum: 31.8.2017)

Zuckermythen: Schlagabtausch zwischen Foodwatch und Lobbyverbänden. Online-Informationen des Deutschen Ärzteblatts: www.aerzteblatt.de (Stand: 30.8.2017)

Hoher Zuckerkonsum verursacht Zahnbehandlungskosten in Milliardenhöhe. Online-Pressemitteilung des Ärzteblatts (15.8.2017)

Zucker-Lobby belügt Bundestagsabgeordnete. Online-Pressmitteilung von Foodwatch e.V.: www.foodwatch.de (29.8.2017)

Zucker hat viele Namen. Online-Informationen des Bundesverbands der Verbraucherzentralen und Verbraucherverbände - Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv): www.lebensmittelklarheit.de (16.12.2016)

"Verantwortung für seine Gesundheit hat jeder selbst." Online-Pressemitteilung der WeltN24 GmbH: www.welt.de (17.11.2014)



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