Yael Adler im Interview: "Der Körpergeruch verrät mehr, als den meisten bewusst ist"

Veröffentlicht von: Lydia Klöckner (11. Dezember 2017)

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Möglichst selten duschen, Essig statt Seife nehmen, Steinzeit-Schuhe tragen und bloß keine Polyester-Pullis: Diese Tipps sollte beherzigen, wer gut duften will, meint die Berliner Hautärztin und Buchautorin Yael Adler. Im Interview erklärt sie, wie der natürliche Körpergeruch des Menschen entsteht und welche Geheimnisse man darin erschnuppern kann.

Körpergeruch ist ein Tabuthema. Lieber waschen wir uns mit Pfirsichshampoo die Haare, schäumen uns von Kopf bis Fuß mit Apfelminz-Duschgel ein, hüllen uns am Ende noch in eine Wolke aus Vanille-Deo, lieber riechen wir wie ein exotisches Obstdessert als nach uns selbst. Wer so riecht, wie er eben riecht, gilt als unhygienisch, ja sogar als abstoßend.

Eine "Katastrophe" nennt die Berliner Hautärztin Dr. Yael Adler diesen Reinheitskult, der Tag für Tag in deutschen Badezimmern praktiziert wird. In ihrem Bestseller "Haut nah" bezeichnet die Medizinerin das, was Menschen unter Körperpflege verstehen, als "Körperverletzung".

Onmeda.de: Frau Adler, wonach riechen Menschen?

Dr. Yael Adler: Jeder Mensch riecht anders, denn wir alle tragen Bakterienzoos mit unterschiedlichen Bewohnern auf unserer Haut. Welche Bakterienarten dieser Zoo beherbergt, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel vom Geschlecht, von der Hautbeschaffenheit, vom Alter, vom Gesundheitszustand und von der Ernährung der Person.

Und was genau hat der Bakterienzoo mit unserem Körpergeruch zu tun?

Adler: Wenn wir schwitzen, gelangen Wasser, Salz, Harnstoff, aber auch Eiweiße, Botenstoffe, Kohlenhydrate und Fette auf die Haut. Viele dieser Stoffe dienen den Bakterien als Nahrung: Sie verdauen die Bestandteile unseres Schweiß zu flüchtigen Duftmolekülen.

Von Duft kann nicht die Rede sein, oder? In Ihrem Buch schreiben Sie: "Wenn Bakterien den Schweiß zersetzen, entstehen stinkende Säuren wie Butter-, Ameisen-, Essig- und andere kurzkettige Fettsäuren, die in den Aromen Emmentaler, Limburger, ranzige Butter, Ziegenstall und Erbrochenem erhältlich sind."

Adler: Ja, es gibt viele Bakterien, die übelriechende Stoffe absondern. Frauenschweiß zum Beispiel riecht häufig säuerlich. Das liegt daran, dass sich auf weiblicher Haut Mikrokokken besonders wohlfühlen. Das sind die Bakterien, die unter anderem Butter- und Essigsäure produzieren. Besonders rasch vermehren sich diese Mikroben übrigens in synthetischer Kleidung. Deshalb stinkt ein Polyesterkleid schneller als ein Baumwoll- oder Wollpulli.

Auch Männer tragen Stinke-Bakterien auf der Haut. Bei ihnen dominieren die Corynebakterien. Sie produzieren eher stechend riechende Aromastoffe.

Aber: Es gibt auch zahlreiche Bakterien, die wohlriechende, ja geradezu unwiderstehliche Stoffe freisetzen. Ein bekanntes Beispiel ist das nach Sandelholz duftende Androstenol. Gewisse Bakterienarten stellen ihn aus Abbaustoffen von männlichen Hormonen her, die Männer ausschwitzen. Androstenol ist ein Sexuallockstoff. Frauen finden ihn anziehend – er hebt sogar ihre Stimmung.

Kommt auf den Mann an.

Adler: Das stimmt. Ob wir einen Menschen gut riechen können oder nicht, hängt nicht von einzelnen Sexualduftstoffen, sondern von der Gesamtkomposition seines Körpergeruchs ab. Die individuelle Duftnote verrät nämlich weit mehr über eine Person, als den meisten Menschen bewusst ist.

Was zum Beispiel?

Adler: Der Körper sondert mit dem Schweiß etwa sogenannte MHC-Moleküle ab, die etwas über unsere genetische Ausstattung verraten. Diese Botenstoffe helfen uns, einen Partner zu finden, der genetisch gut zu uns passt. Doch das läuft natürlich unterbewusst ab, MHC-Teilchen duften nicht im eigentlichen Sinne. Den Gesundheitszustand und das Alter eines Menschen kann man aber tatsächlich erschnuppern.

Wie denn?

Adler: Hautkrankheiten beispielsweise haben einen charakteristischen Geruch: Menschen mit Neurodermitis riechen oft leicht süßlich, weil ihre Haut an den betroffenen Stellen stark mit Staphylokokken besiedelt ist. Die Poren von Aknepatienten bilden mehr Talg und dessen Abbaustoffe riechen bitter-herb. Aber ich gebe zu: Um Hautkrankheiten zu erschnüffeln, braucht man schon eine speziell geschulte Nase.

Was kann man denn als Laie am Körpergeruch eines Menschen erkennen?

Adler: Ob jemand raucht oder Alkohol getrunken hat, können die meisten Menschen am Geruch erkennen. Und natürlich die Ernährung: Die Abbauprodukte unserer Nahrung gelangen über die Darmwand ins Blut und von dort aus in die Schweißdrüsen. Was wir essen, bestimmt also, was die Bakterien auf der Haut zu futtern bekommen – und welche Duftstoffe sie dabei produzieren.

Auch langfristig hat die Ernährung einen Einfluss auf den Bakterienzoo auf der Haut: Bakterienarten, die mit dem Futter einverstanden sind, bleiben und breiten sich aus. Stämme, denen das Nahrungsangebot nicht so zusagt, verkleinern ihre Kolonie oder wandern ab. Ein Vegetarier trägt daher sehr wahrscheinlich einen anderen Bakterienzoo mit sich herum als ein Fleischesser.

Sie sagten, auch das Alter kann man riechen.

Adler: Ja, Kinder riechen schwächer, weil sie noch keine Pubertätshormone abdampfen. Ältere Menschen riechen ebenfalls anders als Menschen mittleren Lebensalters, weil auch bei ihnen die Hormonzusammensetzung anders ist und auch die Hautfettproduktion zurückgeht. Trockene Haut riecht anders als feuchte oder fettige. Teenagerhaut dagegen sondert jede Menge Talg ab und strömt bereits beträchtliche Mengen von Sexualduftstoffen aus. Deshalb riechen Teenager so nach Pubertät.

In Ihrem Buch geht es auch um die Auswirkungen von Körperpflege auf den Körpergeruch: "Wer zu viel seift, stinkt!", behaupten Sie. Wieso?

Adler: Unsere Haut ist mit einem Säureschutzmantel bedeckt, ihr pH-Wert liegt im Bereich zwischen 4,8 und 5,3. Dieses leicht saure Milieu bietet gutartigen Bakterienarten einen optimalen Nährboden. Diese wohlgesinnten Gäste sorgen für einen angenehmen Körpergeruch und schützen uns vor Krankheitserregern. Ich nenne sie daher auch Türsteher-Bakterien.

Seife ist jedoch alkalisch (also nicht-sauer). Wenn man sich mit Seife wäscht, erhöht sich der pH-Wert der Haut auf 9 oder 10 – und das für bis zu acht Stunden! Das behagt den gutartigen Türsteher-Bakterien gar nicht. Wenn sie abwandern, können sich Krankheitserreger und andere übelriechende Bakterienarten ungehindert auf der Haut ausbreiten. Gerade Stinke-Bakterien gefällt es im alkalischen Milieu.

Seife ist also tabu. Womit waschen Sie sich denn?

Adler: Mit Wasser und einem pH-hautneutralen Duschgel, einem Syndet, also synthetisch hergestellter Waschsubstanz aus dem Bioladen mit milden Zucker- und Kokostensiden. Empfehlenswert zur Pflege nach dem Duschen, aber auch zum Reinigen stark verschmutzter Hände, ist auch Essig. Man kann zum Beispiel einen Esslöffel Apfelessig mit einem Liter Wasser mischen. Diese selbstgemachte Spülung stärkt den Säureschutzmantel, beruhigt Hautentzündungen, bekämpft Hautinfekte und sorgt für einen guten Körpergeruch.

Und wie kann man unangenehmem Schweißgeruch vorbeugen? Ist Deo auch schlecht für die Haut?

Adler: Nein, gegen Deo ist nichts einzuwenden, solange es vertragen wird. Um die Atemwege nicht unnötig zu reizen, rate ich von Sprays ab. Deo-Roller und Cremes sind besser.

Ansonsten hilft es, Kleidung aus Naturfasern zu tragen, also aus Baumwolle, Leinen oder Wolle. Auch in Leder können sich Bakterien nicht so gut ausbreiten. Man kennt das von Lederhosen, die man ja auch nie wäscht und die trotzdem nicht stinken.

Lederschuhe hingegen schützen nicht unbedingt vor Stinkefüßen.

Adler: Das liegt aber nicht am Material, sondern am Schnitt der Schuhe. Wenn sie so eng sind, dass sie die Zehen gegeneinander pressen, sammelt sich in den Zwischenräumen Schweiß. In solchen dunklen, schweißnassen Ritzen fühlen sich zum Beispiel Bakterien der Gattung Brevibacterium linens wohl. Das sind die, die auch zur Herstellung von Limburger Käse verwendet werden.

Wer sich vor diesem Geruch schützen möchte, sollte darauf achten, dass die Zehen genug Platz haben. Optimale Hygienebedingungen herrschten wohl im Schuhwerk unseres Vorfahren Ötzi: Schön breit, Sohlen aus Bären-Leder und mit Gras gefüttert. Ötzi hatte garantiert keine Käsefüße!

Ein guter Tipp! Frau Adler, vielen Dank für das Gespräch.

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