Soul Food: Machen bestimmte Lebensmittel glücklich?

Veröffentlicht von: Lydia Klöckner (30. August 2017)

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Klar kann eine leckere Mahlzeit glücklich machen. Aber wie wirkt angebliche Nervennahrung auf die Psyche? Und kann man mit der Ernährung auch langfristig sein seelisches Wohlbefinden steigern?

Von Schnapspralinen und Haschkeksen mal abgesehen: Sind bestimmte Speisen gut für die Psyche? Die Idee ist plausibel. Viele Menschen essen zuweilen nicht aus Hunger, sondern um sich besser zu fühlen. Aus gutem Grund futtert man bei Kummer kalorienreiche Lebensmittel wie Schokolade und Pommes: Sie aktivieren das Belohnungszentrum des Gehirns und versetzen vorübergehend in einen rauschähnlichen Zustand.

Manche Menschen glauben allerdings, dass der psychische Effekt der Ernährung weit über solche kurzfristigen Highs hinausgeht. Angeblich stärken manche Lebensmittel die Seele, einigen wird sogar eine antidepressive Wirkung zugeschrieben. Stimmt das? Vier Lebensmittel im Check:

1. Kakao: Stimuliert Theobromin die Psyche?

Welche Wirkung vermutet man?

Gemeint ist nicht das süße, lösliche Pulver, das höchstens noch Spuren von Kakao enthält. Es geht um echten, dunklen Kakao: Angeblich enthält er Substanzen, die die Stimmung heben. Theobromin heißt eine von ihnen. Laut Wikipedia gehört sie "zu den psychotropen Substanzen aus der Gruppe der Stimulantien."

Funktioniert das tatsächlich?

Theobromin ist ein enger Verwandter von Koffein. Sein molekularer Aufbau ist nahezu identisch und die beiden Substanzen wirken auch ähnlich: Beide blockieren im Gehirn die sogenannten Adenosin-Rezeptoren.

Wie der Name schon sagt, werden diese Rezeptoren normalerweise von einem Stoff namens Adenosin besetzt. Die Rezeptoren verhalten sich dann wie Spaßbremsen: Sie halten Gehirnzellen davon ab, stimmungsaufhellende und wachmachende Botenstoffe freizusetzen.

Coffein oder Theobromin können das ändern. Indem sie die Rezeptoren blockieren, setzen sie die beschriebene hemmende Wirkung vorübergehend außer Kraft. Auf diese Weise fördern Theobromin und Koffein indirekt die Ausschüttung körpereigener Aufputschmittel.

Eine Tasse Kakao kann also tatsächlich die Stimmung heben – allerdings ist der Effekt wohl nicht stärker als der einer Tasse Kaffee.

2. Fisch: Helfen Omega-3-Fettsäuren gegen Depressionen?

Welche Wirkung vermutet man?

Fettreiche Fischsorten wie Lachs und Sardinen enthalten große Mengen an Omega-3-Fettsäuren. Diese braucht das Gehirn als Baustein für neue Hirnzellen. Darüber hinaus scheinen bestimmte Omega-3-Fettsäuren die Kommunikation zwischen Hirnzellen zu verbessern und die Bildung neuer Synapsen zu fördern.

Diesen und weiteren Wirkungen aufs Gehirn verdankt Fischöl seinen Ruf als Nervennahrung: Manche Mediziner vermuten, dass eine Omega-3-fettreiche Kost das Gehirn gegen Alzheimer und Schizophrenie wappnet. Einige betrachten Fischöl sogar als natürliches Antidepressivum.

Funktioniert das tatsächlich?

Vor ein paar Jahren hat eine Gruppe von Wissenschaftlern 26 Studien zur antidepressiven Wirkung von Omega-3-Fettsäuren ausgewertet. Ihr Urteil: Im Vergleich zu Scheinmedikamenten ohne Wirkstoff hätten die Fette möglicherweise "eine gering bis mäßig positive Wirkung". Diese sei aber "für Menschen mit Depression kaum von Bedeutung". Insgesamt bewerteten die Forscher die Qualität der Studien ohnehin als "niedrig bis sehr niedrig".

Ob Fischöl tatsächlich Depressionen lindern kann, ist also noch nicht eindeutig erwiesen. Und ob die besonderen Fette psychisch gesunde Menschen glücklicher machen, wurde bislang noch nicht untersucht.

3. Bananen: Fördert Tryptophan die Glückshormone?

Welche Wirkung vermutet man?

Bananen greifen angeblich direkt in den Stoffwechsel des Gehirns ein: Die in der Frucht enthaltene Aminosäure Tryptophan soll die Konzentration des Botenstoffes Serotonin im Gehirn steigern, das auch als "Glückshormon" bezeichnet wird.

Funktioniert das wirklich?

Tatsächlich brauchen Gehirnzellen Tryptophan, um Serotonin zu bilden. Damit Tryptophan aus der Nahrung ins Gehirn gelangen kann, muss es aber zunächst die sogenannte Blut-Hirn-Schranke überwinden. Diese Barriere sorgt dafür, dass nur bestimmte Stoffe vom Blutkreislauf ins Gehirn eindringen können. Sie enthält Transportmoleküle (sogenannte Carrier-Proteine), die Aminosäuren ins Gehirn schleusen – darunter auch Tryptophan.

Allerdings gibt es nur eine begrenzte Zahl von Carrier-Proteinen. Tryptophan wetteifert mit fünf weiteren Aminosäuren (Isoleucin, Leucin, Phenylalanin, Tyrosin, Valin) um die freien Plätze. Daher herrscht an der Blut-Hirn-Schranke ein ziemliches Gedränge.

Theoretisch hätten die Tryptophan-Teilchen im Kampf bessere Chancen, wenn sie als größere Mannschaft anträten. Leider lässt sich die Zahl der Tryptophan-Teilchen an der Blut-Hirn-Schranke nicht so einfach mithilfe bestimmter Speisen erhöhen – schon gar nicht mithilfe von Bananen. In einer Banane stecken nur etwa 11 Milligramm Tryptophan. Zum Vergleich: Eine halbe Dose Thunfisch enthält schon fast 1000 Milligramm.

Hinzu kommt, dass Bananen neben Tryptophan auch noch rund 240 Milligramm der fünf anderen Aminosäuren liefern. Nimmt man mehr Bananen zu sich, stärkt man also (vereinfacht formuliert) nicht allein die Tryptophan-Mannschaft, sondern auch die gegnerischen Teams.

Ein Forscherteam der Universität Texas in San Antonio hat sich die Mühe gemacht, das Verhältnis von Tryptophan zu anderen Aminosäuren in einigen gängigen Nahrungsmitteln auszurechnen. Bei Bananen lag der Wert bei 0,046 (11 mg geteilt durch 240 mg). Ein etwas besseres Ergebnis (0,081) erzielte zum Beispiel Milch: Ein Viertelliter Vollmilch enthält etwa 732 Milligramm Tryptophan und 8.989 Milligramm der Konkurrenz-Aminosäuren.

Doch bei keinem der untersuchten Lebensmittel kamen die Forscher auf einen Wert von über 0,081. Das heißt: Es gibt keine Speise, die mehr Tryptophan als andere Aminosäuren liefert – und erst recht keine, die nur Tryptophan enthalten.

4. Kohlenhydrate: Brauchen die Nerven Zucker?

Welche Wirkung vermutet man?

Wenn man Kohlenhydrate isst, zerlegen bestimmte Enzyme diese in Glukose, also Einfachzucker. Dadurch steigt der Blutzuckerspiegel und die Bauchspeicheldrüse setzt das Hormon Insulin frei. Insulin spielt im Energiestoffwechsel buchstäblich eine Schlüsselrolle: Es verschafft Glukose Zugang zu den Körperzellen. Zudem bewirkt Insulin, dass Muskeln Aminosäuren aus dem Blut aufnehmen, um daraus neue Muskelmasse aufzubauen.

Die Muskelzellen fangen dabei auch jene Aminosäuren ab, die mit Tryptophan um die Aufnahme ins Gehirn konkurrieren – nicht jedoch Tryptophan selbst. Indirekt sorgen Kohlenhydrate also dafür, dass Tryptophan an der Blut-Hirn-Schranke weniger Konkurrenz und somit leichteres Spiel hat.

Funktioniert das tatsächlich?

Studien legen nahe, dass sich die Menge der Konkurrenz-Aminosäuren an der Blut-Hirn-Schranke nur dann merklich verringert, wenn man fast nur Kohlenhydrate zu sich nimmt – und nahezu keine Aminosäuren. Dazu müsste man Eiweiß quasi komplett vom Speiseplan streichen. Denn Eiweiß setzt sich aus hunderten von Aminosäuren zusammen.

Das ist erstens schwierig. Selbst pure Spaghetti bestehen zu etwa sechs Prozent aus Eiweiß. Zweitens braucht der Körper Eiweiß für zahlreiche lebenswichtige Vorgänge – es ist daher nicht empfehlenswert, darauf zu verzichten. Und drittens ist die Wirkung der Kohlenhydrate leider sehr gering. In Untersuchungen konnten Forscher zwar belegen, dass kohlenhydratreiche Mahlzeiten tatsächlich die Aufnahme von Tryptophan ins Hirn fördern. Die Studienteilnehmer wurden dadurch allerdings nicht glücklicher.

Andere Studien haben ergeben, dass Zucker der Psyche sogar schaden kann. Süße Nahrung begünstigt offenbar Entzündungsprozesse, die auch das Gehirn angreifen und möglicherweise das Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen erhöhen.

Fazit:

Manche Speisen enthalten Stoffe, die kurzfristig die Chemie des Gehirns und somit die Gemütslage beeinflussen können. Doch Lebensmittel, die langfristig glücklicher machen, gibt es wahrscheinlich nicht. Das Wechselspiel zwischen Ernährung und Psyche ist ohnehin sehr komplex.

Gerade das letzte Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, die Effekte einzelner Lebensmittel oder Inhaltsstoffe zu untersuchen. Die Ernährung beeinflusst Körper und Psyche auf mehreren Wegen – und kann zugleich positive und negative Auswirkungen auf die Stimmung haben.

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

10 Regeln für eine gesunde Ernährung
Depression: Ursachen, Symptome & Behandlung

Quellen:

Elbers, M.: Nahrung für neue Nervenzellen. Spektrum Kompakt – Essen und Psyche: Wie unsere Ernährung auf das Gehirn wirkt, S. 9-14 (September 2016)

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