"Beim Sex darf es ruhig archaisch zugehen"

Veröffentlicht von: Lydia Klöckner (09. Oktober 2017)

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Woran liegt es, dass vielen Paaren die Leidenschaft verloren geht? Was hilft, wenn einer nie Lust auf Sex hat? Die Sexualtherapeutin Dr. Beatrice Wagner gibt Tipps – und vertritt eine provokante These.

Das Herz rast, die Atmung beschleunigt sich und gefühlt vibriert jede einzelne Körperzelle: Wenn man einen Menschen begehrt, kann schon sein Blick, sein Lächeln den eigenen Körper in den Ausnahmezustand versetzen. Berauschend ist dieses Gefühl. Leider währt es nie lange. Irgendwann sitzt man nebeneinander vor dem Fernseher und beneidet die Menschen im Film um ihr aufregendes (wenn auch fiktives) Sexleben.

Warum geht nicht beides: Vertrautheit und Lust? Geborgenheit und Leidenschaft? Die Münchener Paar- und Sexualtherapeutin Dr. Beatrice Wagner beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Frage. Täglich kommen Paare zu ihr, die selten oder gar nicht mehr miteinander schlafen, weil einer oder beide keine Lust darauf haben. Im Interview spricht Wagner über häufige Ursachen dieses Problems und erklärt, was hilft.

Onmeda.de: Wie oft sollte man in einer glücklichen Beziehung miteinander schlafen?

Dr. Beatrice Wagner: Das lässt sich nicht allgemein sagen. Auch in glücklichen Beziehungen gibt es Phasen, in denen beide weniger Lust haben, das ist normal. Wenn der Sex über Monate hinweg ausbleibt, sollte man vielleicht darüber reden, woran das liegt. Ein Problem besteht aber nur, wenn einer oder beide darunter leiden.  

Woran liegt es, wenn die Lust auf Sex im Laufe einer Partnerschaft verloren geht?

Wagner: Häufig fehlt schlicht der Reiz des Neuen. Wir haben ein sehr leistungsfähiges Gehirn, das ständig neue Reize sucht und neue Informationen fordert. Deshalb zücken wir, wenn wir uns langweilen, unser Handy und scannen die Facebook-Timeline: Neues verschafft uns Befriedigung, Neues macht Lust.

Heißt das, wer keine Lust mehr auf Sex mit seinem Partner hat, sollte sich nach einem neuen Partner umsehen?

Wagner: Nein, man kann ja auch Neues entdecken, indem man sich sehr intensiv mit dem Bestehenden beschäftigt. Anstatt Facebook-Posts zu überfliegen, kann man sich auch in ein Buch vertiefen. Anstatt sich einfach einen neuen Partner zu suchen oder gar ständig Pornos zu gucken, kann man versuchen, sich mehr auf die geliebte Person einzulassen.

Was bedeutet es konkret, sich auf den Partner einzulassen? Welchen Tipp geben Sie Paaren?

Wagner: Zunächst sollten beide Partner überlegen, was ihrer Lust im Weg steht und was sie sich vom anderen wünschen. Dabei ist wichtig, dass sie einander gut zuhören, ohne zu urteilen, und dass sie sich bemühen, den anderen wirklich zu verstehen. Oft kommen in solchen Gesprächen erstaunliche Erkenntnisse zutage.

Hätten Sie ein Beispiel?

Wagner: Zu mir kam mal eine Frau, die ihren Partner mit ihrem Ex betrogen hat. Sie fühlte sich auch sonst sehr empfänglich für andere Männer, wollte aber mit ihrem Partner zusammenbleiben. Sie hat dann in der Therapie mit ihrem Mann über ihren Seitensprung und ihre Bedürfnisse gesprochen.

Er war natürlich zunächst verletzt. Dann hat er aber gespürt, dass da noch ein anderes Gefühl war: Es machte ihn an, sie sich mit einem anderen Mann vorzustellen. Diese sexuelle Vorliebe ist sogar recht verbreitet, man nennt sie "Cuckolding".

Ist es nicht riskant, solche eher abwegigen Wünsche zu offenbaren?

Wagner: In diesem Fall hat es sehr geholfen, denn die Bedürfnisse der beiden passten ja perfekt zusammen. Sie haben sogar gemeinsam neue Männer für sie ausgesucht. Sie hat dann mit denen geschlafen, er hat zugesehen. Allerdings kann so etwas nur funktionieren, wenn das Paar zugleich intensiv an der Beziehung arbeitet und ein vertrauensvolles Verhältnis zueinander aufbaut und pflegt.

Spezielle sexuelle Vorlieben sind wohl nicht die Regel. Was ist die häufigste Ursache für sexuelle Unlust?

Wagner: Typische Lustkiller sind ungeklärte Konflikte, zum Beispiel in Bezug auf die Kinder, Geld, die Schwiegereltern oder die Ordnung im Haushalt. Hinzu kommen geschlechterspezifische Probleme: Wenn Männer keine Lust haben, stecken häufig Leistungsdruck im Bett und Ausgebranntsein im Beruf dahinter.

Bei Frauen liegt es häufig am Stress. Viele Frauen haben viel zu viele Rollen. Sie sind berufstätig, haben Kinder, machen meist mehr im Haushalt als die Männer und sollen dann noch abends Lust haben – das geht nicht. Hinzu kommt, dass sich viele Frauen von ihrem Partner nicht gewertschätzt fühlen. Auch das kann die Lust auf Sex dämpfen. Eine weitere Ursache ist körperliches Unwohlsein: Frauen verspüren mehr Lust auf Sex, wenn sie sich schön und wohlfühlen in ihrem Körper.

Lassen sich diese Probleme wirklich so klar den Geschlechtern zuordnen? Es gibt schließlich auch Männer, die sich in ihrem Körper unwohl fühlen, und Frauen mit Burn-out.

Wagner: Männer definieren sich häufiger über ihre Leistung und Frauen stärker über ihr Aussehen. Männer und Frauen sind eben nicht gleich, das zeigt sich in kaum einem Bereich so deutlich wie in der Sexualität: Am besten funktioniert es beim Sex, wenn die typische Rollenverteilung eingehalten wird.

Der Mann als Jäger, die Frau devot?

Wagner: Nein. Männer als Jäger und Frauen als Verführende. Das ist ein Unterschied. Viele Frauen berichten mir, dass sie es erregend finden, von einem Mann einfach mal wieder so richtig genommen zu werden. Und Männer gefällt es, wenn eine Frau nicht sofort ja sagt, sondern wenn sie ihn ein bisschen zappeln lässt und er sich als toller Mann darstellen kann.

In dem Roman "Fifty Shades of Grey" sagt die Erzählerin immer wieder: "Meine innere Göttin jubelte." Ich finde diesen Satz großartig, denn er zeigt: Weiblichkeit hat nichts mit Schwäche zu tun. Frauen können ihre Weiblichkeit mit Selbstbewusstsein ausleben.

Was raten Sie fortschrittlich denkenden Paaren, die großen Wert auf Gleichberechtigung legen?

Wagner: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich die Gleichberechtigung nicht infrage stelle! Doch es gibt einen Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gleichmacherei, und letztere lehne ich ab. Die Unterschiede zwischen Mann und Frau sind reizvoll, erregend. Wieso sollte man sie nicht betonen und genießen?

Weil sich viele Menschen mit typisch weiblichen und typisch männlichen Rollenbildern nicht mehr wohlfühlen. Sie empfinden sie als altmodisch und klischeehaft.

Wagner: Es geht nicht um Klischees, sondern um unsere genetischen Voraussetzungen. Und meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass sich dieses evolutionäre Erbe nicht so einfach aushebeln lässt. So fortschrittlich wir im Berufsleben und im Alltag denken sollten: Im Bett darf es ruhig ein bisschen archaisch zugehen. Viele Menschen finden das toll – daher der Hype um "Fifty Shades of Grey".

Doch natürlich können sexuelle Vorlieben sehr individuell sein. Ich glaube, dass jeder Mensch eine eigene sexuelle Identität hat, aus der die sexuellen Bedürfnisse entstehen. Die Voraussetzung für eine lustvolle Beziehung ist, dass beide Partner ihre sexuellen Vorlieben kennenlernen und ausleben können.



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