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Schutzengel im Bauch: Babys schicken heilende Zellen an die werdende Mutter

Veröffentlicht von: Till von Bracht (24. Februar 2017)

© iStock

Eine Schwangerschaft stellt das ganze Leben der werdenden Mutter auf den Kopf. Der Geschmack verändert sich, die Hormone spielen verrückt und – die offensichtlichste Veränderung – der Bauch wächst und wächst.

Doch das ungeborene Baby im Bauch der Schwangeren wächst nicht nur – es kann etwas, wovon viele nur träumen: Wie eine Art Schutzengel schickt es während der Schwangerschaft fetale Stammzellen in den Körper der werdenden Mutter, die dabei helfen sollen, geschädigtes Gewebe zu heilen. Baut sich das Baby sozusagen seine eigene „Supermom“?

Prof. Dr. Markus Hengstschläger, Humangenetiker von der MedUni Wien und Leiter der Abteilung Genetik am Institut für Kinderwunsch in Wien, forscht schon seit Jahren im Bereich der pränatalen (vorgeburtlichen) genetischen Diagnostik. Er und sein Forschungsteam hatten bereits 2003 nachweisen können, dass im Fruchtwasser rund um das Kind bestimmte Stammzellen schwimmen, die sich in alle Zelltypen weiterentwickeln können – in der Fachsprache heißen sie pluripotente Stammzellen.

Was sind Stammzellen?

Stammzellen sind sozusagen die Vorläufer der fertig entwickelten Körperzellen. Sie können sich nahezu endlos teilen und so neue Zellen bilden. Außerdem können sich aus ihnen alle möglichen Zellarten entwickeln, zum Beispiel Muskel- oder Nervenzellen.

Nach der Entdeckung der Stammzellen im Fruchtwasser kam natürlich die Frage auf, wozu diese überhaupt da sind. Auf der Basis aktueller Erkenntnisse glauben Hengstschläger und sein Team, nun die Antwort darauf gefunden zu haben: „Ich glaube nicht, dass es sich die Biologie leistet, dass das ein Zufall ist. Das Kind schickt diese Stammzellen während der Schwangerschaft in den Körper der Mutter, um dort die Regeneration geschädigten Gewebes zu übernehmen“, so Hengstschläger.

Wenn die Mutter während oder einige Zeit nach der Schwangerschaft einen Schlaganfall oder eine Leberschädigung erleidet, können die vom Kind geschickten, pluripotenten Zellen also möglicherweise dabei helfen, die betroffenen Organe zu „reparieren“.

Fetale Stammzellen im mütterlichen Körper: der Mensch als Chimäre?

Während der Schwangerschaft und sogar noch einige Jahre nach der Entbindung lassen sich im Kreislauf der Mutter kindliche (fetale) Zellen nachweisen. In der Medizin wird dies als „fetaler Mikrochimärismus" bezeichnet, benannt nach einem Mischwesen aus der griechischen Mythologie.

Nach wie vor ist man sich in der Wissenschaft allerdings nicht einig, wozu diese fetalen Zellen im Körper der Schwangeren wirklich imstande sind. Nach heutigem Erkenntnisstand geht man davon aus, dass die fetalen Stammzellen sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Mutter haben können.

Man darf sich das vorstellen wie eine Art Tauziehen: Das ungeborene Kind versucht vorrangig, seine Interessen durchzusetzen, die werdende Mutter ihre eigenen. Hierbei können Kooperationen entstehen (zum Beispiel bei der Wundheilung), aber auch Konflikte. So haben Studien gezeigt, dass die fetalen Einwanderer unter Umständen auch die Entstehung von Autoimmunerkrankungen wie die rheumatoide Arthritis fördern können.

Insgesamt handelt es sich beim fetalen Mikrochimärismus noch um ein bisher wenig erforschtes Gebiet der Medizin. Hier sind weitere Studien notwendig, um herausfinden zu können, wie die fetalen Stammzellen die Gesundheit der Mutter genau beeinflussen kann.

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

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Schwangerschaft: Jungs führen häufiger zu Komplikationen

Stammzellen aus Nabelschnurblut

Quellen:

Boddy, A.M., et al.: Fetal microchimerism and maternal health: A review and evolutionary analysis of cooperation and conflict beyond the womb. BioEssays, Vol. 37, Iss. 10, pp. 1106-1118 (2015)

Rosner, M., Hengstschläger, M.: Amniotic fluid stem cells and fetal cell microchimerism. Trends in molecular medicine, Vol. 19, Iss. 5, pp. 271-272 (2013)

Miech, R.P.: The role of fetal microchimerism in autoimmune disease. International Journal of Clinical and Experimental Medicine, Vol. 3, Iss. 2, pp. 164-168 (2010)

Prusa, A.R., et al.: Oct‐4‐expressing cells in human amniotic fluid: a new source for stem cell research? Human reproduction, Vol. 18, Iss. 7, pp. 1489-1493 (2003)

Stand: 24. Februar 2017

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