Schütteltrauma: Lebensgefahr für Babys und Kleinkinder

Veröffentlicht von: Astrid Clasen (15. September 2017)

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Es passiert immer wieder: Das Baby schreit und schreit, die Betreuungsperson verliert die Nerven, packt das Baby und schüttelt es. Doch wer das tut, begeht eine schwere Kindesmisshandlung. Denn auch wenn äußerlich keine Verletzungen zu sehen sind – ein Schütteltrauma kann tödlich enden.

Das Schütteltrauma ist ein durch Schütteln verursachtes Schädel-Hirn-Trauma. Das bedeutet: Infolge einer Gewalteinwirkung kommt es zu einer Funktionsstörung und/oder Verletzung des Gehirns.

Je nachdem, ob ein reines Schütteltrauma vorliegt oder ob der Kopf beim Schütteln des Kindes zusätzlich irgendwo aufprallt, kann dabei eine Prellung oder Verletzung oberhalb des Schädeldachs, der Schädelknochen, der Blutgefäße, des Hirngewebes und/oder der äußersten Hirnhaut vorliegen.

Schütteltrauma: Zahlen & Fakten

In Deutschland stirbt an jedem dritten Tag ein Kind infolge von Misshandlungen. Vor allem bei Babys und Kleinkindern kann ein Schütteltrauma dahinterstecken: Die durch Schütteln bedingten Verletzungen sind bei Babys und Kleinkindern die häufigste nicht natürliche Todesursache.

Wie viele Kinder genau jedes Jahr ein Schütteltrauma davontragen, ist nicht bekannt. Schätzungen zufolge passiert es jedes Jahr 100 bis 200 Mal, dass jemand ein Baby oder Kleinkind schüttelt. In manchen Fällen hat dies tödliche Folgen: Bis zu 36 Prozent der geschüttelten Kinder sterben an den Folgen des Schüttelns. Von den Kindern, die ein Schütteltrauma überleben, tragen rund 70 Prozent schwere bleibende Schäden davon.

Vor allem Babys im Alter zwischen drei und acht Monaten sind von Schütteltraumata betroffen. Doch auch bei älteren Kindern kann es noch zu einem Schütteltrauma kommen.

Warum ist es so gefährlich, ein Baby zu schütteln?

Beim Schütteln wirken Kräfte auf den Körper ein, denen Säuglinge und Kleinkinder noch nicht gewachsen sind. Das liegt an ihrem Körperbau:

  • Die Hals- und Nackenmuskulatur ist bei Babys und Kleinkindern noch sehr schwach ausgeprägt.
  • Der Kopf kleiner Kinder ist im Verhältnis zur Körpergröße sehr groß.
  • Das Gehirn kleiner Kinder ist noch sehr zart und verletzlich – und relativ schwer.

Der Kopf macht bei den Kleinen also noch einen großen Teil ihres Körpergewichts aus. Die schwache Muskulatur von Nacken und Hals kann ihn darum noch gar nicht halten. Da können schon hastige Bewegungen gefährlich sein. Wer ein Baby kräftig schüttelt und so dessen Kopf in eine heftige unkontrollierte Bewegung versetzt, riskiert schon nach wenigen Sekunden ein Schütteltrauma.

Schon ein kurzer Schüttelvorgang alleine – also ohne zusätzlichen Aufprall – reicht aus, um ein möglicherweise tödlich verlaufendes Schütteltrauma zu verursachen.

Eine junge Frau hält ein Neugeborenes. © iStock

In den ersten Lebenswochen ist die Nackenmuskulatur noch sehr schwach. Darum ist es wichtig, den Kopf kleiner Babys immer vorsichtig zu stützen. Aber auch wenn das Kind seinen Kopf schon selbstständig heben und gerade halten kann, können ruckartige Bewegungen, bei denen der Kopf des Kindes hin und her schleudert, schnell zu schweren Hirnverletzungen führen.

Welche Folgen hat das Schütteln?

Durch das Schütteln reißen Blutgefäße im Gehirn und in der Netzhaut des Auges ein. Beim Schütteltrauma kommt es also zu Hirnblutungen und Netzhautblutungen. Zudem werden bestimmte Nervenfasern im Nackenbereich (sog. verlängertes Mark bzw. Medulla oblongata) durch den Schüttelvorgang plötzlich stark überstreckt. Dort liegt unter anderem das Atemzentrum, das die Atmung kontrolliert. Darum kann das Schütteln einen Atemstillstand zur Folge haben.

In manchen Fällen führt dieser Atemstillstand sofort zum Tod des Kindes. Überlebt das Kind, hat es mit den Folgen des Sauerstoffmangels zu kämpfen: Das Gehirn schwillt an und der Schädelinnendruck steigt. Das vermindert wiederum den Blutfluss im Gehirn, wodurch der Sauerstoffmangel im Gehirn weiter zunimmt.

Zudem führen die Kräfte, die beim Schütten auf das Gehirn einwirken, zu Verletzungen der Nervenzellen. Dadurch schwillt das Gehirn ebenfalls an. Kinder, die eine solche Situation dank schneller notfallmedizinischer Hilfe überleben, sind in der Regel schwer geschädigt.

Zu den bleibenden Schäden, die durch ein Schütteltrauma entstehen können, gehören:

  • Entwicklungsstörungen mit Seh-, Hör- oder Sprachstörungen
  • körperliche und geistige Behinderungen
  • Verhaltensstörungen
  • Epilepsie

Wie macht sich ein Schütteltrauma bemerkbar?

Kinder mit einem Schütteltrauma können durch verschiedene Anzeichen einer Hirnschädigung auffallen. Mögliche Symptome sind zum Beispiel:

  • Wachheitsstörungen
  • Orientierungsstörungen
  • Erbrechen
  • Lähmungen
  • Reflexauffälligkeiten
  • Sprach- und/oder Koordinationsstörungen
  • Krampfanfälle

Bei Babys und Kleinkindern bis zu zwei Jahren kann sich ein leichtes Schütteltrauma bemerkbar machen durch auffällige Verhaltensänderungen, starke Schläfrigkeit, verminderten Bewegungsdrang, verlangsamte Reaktionen, Spielunlust und Appetitlosigkeit.

Beim ersten Kontakt mit einem Arzt oder Rettungshelfer sind Kinder mit Schütteltrauma jedoch in den meisten Fällen bewusstlos, haben einen niedrigen Puls und einen schlaffen Körper oder Krämpfe.

Wer tut denn so etwas – und warum?

Meist sind es die direkten Bezugspersonen – beispielsweise die Eltern –, die das Kind schütteln. Eine typische Tätergruppe gibt es nicht – das Schütteltrauma kommt in jeder gesellschaftlichen Schicht vor. Allerdings ähneln sich oft die Situationen, in denen es zu der Tat kommt:

  • Auf der einen Seite findet sich häufig ein Baby, das viel schreit, wenig robust ist oder zurückweisend auf Körperkontakt reagiert.
  • Auf der anderen Seite stehen nicht selten junge, überforderte Eltern mit niedriger Frustrationstoleranz und mangelnder Impulskontrolle.

Gerade wenn die Eltern in einer solchen Situation auch noch ohne ausreichende Unterstützung im Familien- oder Freundeskreis zurechtkommen müssen, kann starker Stress in manchen Fällen zu Kurzschlusshandlungen wie dem Schütteln des Kindes führen.

Hinzu kommt oft Unwissenheit: Wer ein Baby oder Kleinkind schüttelt, hat meistens nicht wirklich die Absicht, es zu verletzen oder gar zu töten. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, wie gefährlich ein Schütteltrauma ist. So sollen beispielsweise in den USA bis zu 75 Prozent der Teenager und jungen Erwachsenen keine Ahnung davon haben, was das Schütteln von Kindern anrichten kann.

Ein Mann hält einen schreienden Säugling auf dem Arm. © iStock

In einem Moment der Ohnmacht und Überforderung die Beherrschung verlieren und das Kind schütteln – das passiert Männern öfter als Frauen. Oft sind die Väter selbst oder die neuen Lebensgefährten der Mutter die Täter.

Was tun, um die Kinder (und sich selbst) zu schützen?

Die meisten Täter wissen gar nicht, dass sie mit dem Schütteln eines Kindes eine schwere Kindesmisshandlung begehen. Darum besteht wohl die wichtigste Maßnahme zum Schutz der Kinder darin, über das Schütteltrauma und seine Folgen aufzuklären.

Machen Sie jeder Betreuungsperson Ihres Kindes – wie Lebenspartner, Großeltern, Babysitter – klar, dass schon kurzes Schütteln tödlich sein kann!

Wenn Ihr Kind sehr viel schreit und Sie merken, dass Sie mit den Nerven am Ende sind und sich machtlos und allein gelassen fühlen: Scheuen Sie sich nicht, um Hilfe zu bitten! Dazu können Sie sich zum Beispiel an Ihren Kinderarzt, eine Schreiambulanz oder eine Beratungsstelle für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern wenden.

Denn eine frühzeitige Unterstützung hilft, die Situation zu entschärfen und die familiären Beziehungen positiv zu beeinflussen.

Sollten Sie jemals den Drang verspüren, Ihr Baby zu schütteln: Legen Sie das Kleine vorsichtig ab, verlassen Sie den Raum und greifen Sie zum Telefon, um Hilfe zu holen. Denken Sie immer daran: Egal, wie nervenaufreibend Ihre derzeitige Situation gerade ist – sie wird vorübergehen. Aber bitte schütteln Sie niemals Ihr Kind! Denn eine solche Tat lässt sich nie wieder gutmachen.

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

Schreikinder: Was sind die Ursachen und was können Eltern tun? 
Schädel-Hirn-Trauma (SHT): Häufige Unfallfolge 

Linktipps:

Krisentelefon 
Das Kinderzentrum München der Kliniken des Bezirks Oberbayern bietet an vier Tagen pro Woche kostenlose telefonische Erste Hilfe für Eltern mit einem schreienden Säugling.

Schreiambulanzen 
ELTERN online listet hier – nach Postleitzahl sortiert – Schreiambulanzen in ganz Deutschland auf. Dort erhalten Eltern von Schreibabys professionelle Beratung.

Quellen:

Online-Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): www.kindergesundheit-info.de (Abrufdatum: 15.9.2017)

Online-Informationen des Deutschen Kindervereins e.V. (DKV): deutscher-kinderverein.de (Abrufdatum: 15.9.2017)

Gemeinsame Pressemitteilung des Gesundheitsministeriums Baden-Württemberg, des Klinikum Stuttgart und der Techniker Krankenkasse Baden-Württemberg: Schütteln ist lebensgefährlich! – Babys nicht schütteln (15.5.2017)

Projekt will auf Risiken von Schütteltrauma hinweisen. Online-Informationen des Deutschen Ärzteblatts: www.aerzteblatt.de (Stand: 15.5.2017)

Pressemitteilung des Deutschen Kindervereins e.V. (DKV): Gewalt gegen Kinder ist trauriger Alltag. Deutscher Kinderverein fordert Konsequenzen aus der Kriminalstatistik (12.5.2017)

Leitlinie der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin e.V. (GNPI): Das Schädel-Hirn-Trauma im Kindesalter. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 024/018 (Stand: 13.2.2011)

Matschke, J., et al.: Das Schütteltrauma-Syndrom. Eine häufige Form des nicht akzidentellen Schädel-Hirn-Traumas im Säuglings- und Kleinkindesalter. Deutsches Ärzteblatt 2009, Jg. 106. Heft 13, S. 211-217 (27.3.2009)


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