Misophonie – nur überempfindlich oder krank?

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (08. Februar 2017)

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Ob Räuspern, lautes Atmen oder geräuschvolles Kauen – diese alltäglichen Geräusche können für Menschen mit Misophonie zur Qual werden. Sie lösen bei ihnen starke Gefühle wie Wut oder Aggressionen aus. Doch sind Misophoniker einfach nur überempfindlich oder kann man bei einer derartigen Geräuschempfindlichkeit von einer Erkrankung sprechen?

Menschen mit Misophonie reagieren nur auf ganz bestimmte Geräusche höchst empfindlich. So kann es sein, dass Lärm wie zum Beispiel das Schreien eines Babys bei ihnen zwar mit unangenehmen Gefühlen verbunden ist, aber keine abnorme heftige Reaktion hervorruft. Dahingegen lösen sogenannte trigger-sounds wie Schniefen, Kauen oder Trommeln anderer Menschen heftige Gefühlsregungen aus, die aggressives Verhalten provozieren: Misophoniker haben das schwer zu unterdrückende Bedürfnis, den Verursacher des Störgeräusches anzuschreien oder handgreiflich zu werden, um die Geräusche zu stoppen.

Bislang ist nicht genau bekannt, welche Mechanismen sich bei Misophonie im Gehirn abspielen, die eine derart starke Gefühlsregung auslösen. Der Neurowissenschaftler Sukhbinder Kumar von der Universität Newcastle hat diese Vorgänge nun genauer unter die Lupe genommen. Bei Misophonikern verändern sich als Reaktion auf die verhassten Geräusche Herzschlag und Hautreaktionen. Mithilfe der funktionellen Kernspintomographie (fMRT) überprüfte Kumar die Hirnaktivität unter Einfluss der Geräusche und konnte Störungen emotionaler Kontrollmechanismen im Gehirn beobachten.

Er stellte fest, dass bestimmte Geräusche die vordere Inselrinde (AIC) aktivieren, die äußere Sinneseindrücke mit Emotionen verknüpft und zeitgleich körpereigene Reaktionen beurteilt. Der Untersuchung zufolge reagierten Misophoniker besonders sensibel auf die körpereigenen Signale wie den erhöhten Herzschlag.

Darüber hinaus zeigten weitere Analysen, dass die stark aktivierte Inselrinde Impulse in weitere Hirnregionen abgibt, die für die Verarbeitung von Gefühlen zuständig sind beziehungsweise Verbindungen zum Gedächtnis und Erinnerungsspeicher herstellen. Daraus leitet Kumar die Vermutung ab, dass die Verarbeitung körpereigener Signale gestört ist – möglicherweise durch traumatische Kindheitserlebnisse.

Auch der ventromediale präfrontale Cortex, die zentrale Steuerungszentrale im Gehirn, wies bei Misophonikern Veränderungen auf, die auf eine dauerhafte Schädigung hindeuten könnten.

Kumars Erkenntnisse lassen vermuten, dass Misophonie auf pathophysiologischen Veränderungen im Gehirn beruht. Um daraus ein eigenes Krankheitsbild abzuleiten, besteht jedoch nach wie vor weiterer Forschungsbedarf, um die Vermutungen Kumars zu bestätigen.

Quellen

Misophonie: Wenn Alltagsgeräusche krank machen. Online-Publikation des Deutschen Ärzteblatts: www.aerzteblatt.de (Stand: 7.2.2017)

Kumar et al.: The Brain Basis For Misophonia. Current Biology (2016)

Schröder, A., Vulink, N., Denys, D.: Misophonia: Diagnostic Criteria for a New Psychiatric Disorder. Online-Publikation Public Library of Science: www.plos.de (Stand: 23.1.2013)

Stand: 8.2.2017



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