Methadon könnte ein Durchbruch in der Krebstherapie sein – oder eben auch nicht

Veröffentlicht von: Till von Bracht (17. August 2017)

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Seit einigen Wochen ist es überall in den Medien zu lesen und zu hören: Methadon soll gegen Krebs helfen. In einigen Berichten ist gar von einem "Wundermittel" oder "Krebskiller" die Rede. Führende Krebsmediziner lehnen die Behandlung allerdings vehement ab – und warnen massiv vor falschen Hoffnungen. Denn bislang gibt es keine Beweise für das angebliche Methadon-Wunder.

Aber der Reihe nach: Im April dieses Jahres berichtete das Politmagazin "Plusminus" erstmals darüber, Methadon könne bei schwerkranken Krebspatienten die Wirkung von Chemotherapien unterstützen.

Was viele vor den heimischen TV-Geräten allerdings nicht wussten: Der Bericht beruhte im Wesentlichen auf einer einzigen, retrospektiven Studie, die im März 2017 von Dr. Claudia Friesen, Chemikerin am Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Ulm, veröffentlicht wurde.

Retrospektiv heißt, die Wissenschaftler haben Daten von insgesamt 27 Hirntumor-Patienten ausgewertet, die bereits behandelt worden waren und dabei quasi zufällig die fragliche Therapie bekommen hatten.

Da die Patienten allerdings an verschiedenen Arten von Hirntumoren litten und sich in unterschiedlichen Stadien der Krankheit befanden, kann man aus den Ergebnissen keine allgemeingültigen Aussagen ableiten. Es handelte sich nicht wirklich um ein „Patientenkollektiv“, sondern eher um eine Beschreibung von 27 Einzelfällen. Zudem gab es keine Kontrollgruppe, mit der man die Resultate vergleichen könnte.

Es ist daher denkbar und gut möglich, dass die Patienten – wenn überhaupt  rein zufällig von der Behandlung profitiert haben.

Zum Vergleich: Altkanzler Helmut Schmidt hat geraucht wie ein Schlot und ist trotzdem 96 geworden. Ist Rauchen deshalb gesund? Mit Sicherheit nicht!

Zwei Monate später erklärte die Chemikerin Friesen dann live in der Sendung "stern TV", wie Methadon gegen Krebs helfen kann – und welche Rolle die Pharmaindustrie dabei spielt.

"Ich kenne Patienten, bei denen ein Chemotherapeutikum nicht gewirkt hat. Erst als sie es mit Methadon bekommen haben, sprach es wieder an", so Friesen im Gespräch mit "stern TV"-Reporter Steffen Hallaschka.

Aber warum wird Methadon dann nicht flächendeckend in der Krebsbehandlung einsetzt? Nach Meinung von Friesen kann es hierfür nur einen Schuldigen geben: die geldgierige Pharmaindustrie! "Wenn ich sehe, was Methadon kostet, zwischen acht und 20 Euro für 100 Milliliter, die vier bis sechs Wochen reichen, und vergleiche das mit den sehr teuren Medikamenten, die dann 20.000 bis 25.000 Euro kosten, hat Methadon kaum eine Chance", so Friesen weiter.

Unterdrückt die Pharmaindustrie also die Erforschung eines günstigen und wirksamen Krebsmedikaments, um den lukrativen Absatz der eigenen Produkte nicht zu gefährden? Der Ärztliche Direktor der Uniklinik Ulm, Prof. Udo Kaisers, weist diese Annahme zurück: "Für diese Behauptungen gibt es keinerlei Rechtfertigung", sagte er der Südwest Presse.

Krebstherapie: Auf einmal interessieren sich alle für Methadon

Dennoch: Die Nachricht, Methadon könne Krebs heilen und die vermeintlich böse Pharmaindustrie würde die sensationellen Therapieerfolge vertuschen, verbreitete sich in Windeseile über die sozialen Medien. Einsame Chemikerin kämpft gegen die große Onkologen-Lobby – so könnte die Geschichte erzählt werden. Auch der Bayrische Rundfunk und der NDR griffen das Thema auf. Ein Riesen-Hype, perfekt für das mediale Sommerloch.

Seitdem stehen die Telefone von Onkologen und Forschern nicht mehr still. Aufgrund der großen Zahl an Anrufen sei die Telefonanlage der Uniklinik Ulm zeitweise sogar zusammengebrochen, so der Ärztliche Direktor Kaisers.

Aus Kliniken kommen Berichte, wonach Krebspatienten eine Behandlung mit Methadon verlangt hätten und dafür sogar um den Abbruch laufender Behandlungen gebeten hätten.

Einige Patienten tauschen sich auch in Internetforen über mögliche Dosierungen aus und versuchen auf illegalem Weg, an Methadon heranzukommen. Ein heikles Thema – schließlich handelt es sich bei Methadon um ein stark wirkendes Medikament mit erheblichen Nebenwirkungen.

Wissenswertes: Was ist Methadon?

Methadon ist ein künstlich hergestelltes Opioid, das vor allem beim Entzug von Opiaten (wie Heroin oder Morphin) zum Einsatz kommt. Zur Behandlung erhält der Betroffene das Methadon täglich auf Rezept.

Methadon bindet im Körper an dieselben Opioidrezeptoren wie Heroin und löst deshalb eine ähnliche Wirkung aus. Allerdings flutet das Methadon im Vergleich zu Heroin langsamer im Gehirn an, weshalb es keinen typischen "Heroinkick" bewirkt.

Eine Überdosierung von Methadon ist allerdings genauso gefährlich wie die von Heroin. Mögliche Folgen sind:

  • Bewusstlosigkeit
  • Blutdruckabfall
  • langsamer, flacher Puls
  • herabgesetzte Atmung bis hin zum Atemstillstand

Experten warnen vor unrealistischen Heilungserwartungen

Einige Fachgesellschaften, darunter die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO), die Deutsche Gesellschaft für Neurologie sowie die Deutsche Schmerzgesellschaft, raten vom Einsatz von Methadon bei Krebs ab!

Denn schließlich tut man niemandem etwas Gutes, wenn man ein Medikament, das nicht ausreichend erforscht ist, als Wundermittel präsentiert. Auch Prof. Kaisers von der Uniklinik Ulm warnt: "Der Glaube, Methadon könnte das erhoffte Allheilmittel sein, ist gefährlich."

Von einer Therapie in Eigenregie ist dringend abzuraten

Die Berichterstattung zum Thema "Methadon gegen Krebs" hat mittlerweile Krebspatienten vereinzelt dazu animiert, auf eigene Faust eine Therapie mit Methadon zu beginnen. Das hatte in allen Fällen lebensbedrohliche, zum Teil sogar tödliche Folgen. Von einer Methadon-Behandlung ohne Absprache mit dem Arzt ist daher dringend abzuraten.

Zusammenfassung:

  • Methadon ist ein Schmerzmedikament, das selbst bei starken Schmerzen, wie sie im Rahmen von Tumorerkrankungen vorkommen können, noch Linderung bringen kann.
  • Ob der Wirkstoff auch in der Lage ist, Tumorzellen zu zerstören, ist wissenschaftlich nicht belegt.
  • Einen sicheren wissenschaftlichen Beweis, dass Methadon Krebspatienten hilft, können nur prospektive, randomisierte klinische Studien erbringen. Der Neuroonkologe Prof. Wolfgang Wick vom Universitätsklinikum Heidelberg hat im Juli 2017 eine solche Studie bei der Deutschen Krebshilfe beantragt.

Weitere Informationen

Quellen:

Methadon in der Krebstherapie: Nicht ohne Absprache mit dem Onkologen. Online-Informationen des deutschen Ärzteblatts: www.aerzteblatt.de (Stand: 17.8.2017)

Pressemitteilung der Deutschen Schmerzgesellschaft: Schmerzmittel Methadon ist kein Krebsheilmittel (Stand: 18.7.2017)

Patienteninformation der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie: Methadon in der Krebstherapie (10.7.2017)

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin: Wie ist der Einsatz von D,L-Methadon zur Tumortherapie (also NICHT zur Schmerztherapie) zu bewerten? (5.7.2017)

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie: Methadon bei Krebspatienten. Zweifel an Wirksamkeit und Sicherheit (26.4.2017)

Onken, J., et al.: Safety and Tolerance of D,L-Methadone in Combination with Chemotherapy in Patients with Glioma. Anticancer Research, Vol. 37, Iss. 3, pp. 1227-1235 (2017)

Wiffen, P.J., et al.: Opioids for cancer pain - an overview of Cochrane reviews. Cochrane Database of Systematic Reviews 2017, Iss. 7, Art. No.: CD012592

Gemeinsame Stellungnahme der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm, des Universitätsklinikums Ulm und des Comprehensive Cancer Center Ulm: Tumortherapie mit Methadon (23.8.2016)

Aktualisiert am: 17. August 2017