"Mobbing-Opfer meinen oft, sie seien selbst schuld"

Veröffentlicht von: Lydia Klöckner (27. September 2017)

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Mobbing kommt an jeder Schule und in jeder Klasse vor. Wie erkennen Eltern, ob ihr Kind betroffen ist? Der Entwicklungspsychologe Stephan Warncke von der Freien Universität Berlin spricht im Interview über typische Warnsignale und erklärt, was Eltern tun können, um ihrem Kind zu helfen.

Onmeda: Herr Warncke, seit einigen Wochen läuft das neue Schuljahr. Viele Eltern machen sich Gedanken, ob sich ihr Kind in der Schule wohlfühlt. Woran können sie denn merken, ob ihr Kind gemobbt wird?

Stephan Warncke: Oft merkt man das zunächst überhaupt nicht. Kinder schämen sich häufig, ihren Eltern von Problemen zu erzählen. Dann kommen sie zum Beispiel mit zerrissenem Federmäppchen nach Hause und behaupten, es selbst kaputtgemacht zu haben.

Oder sie "verlieren" ständig Sachen, die ihnen in Wahrheit weggenommen wurden. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern ihrem Kind genügend Aufmerksamkeit schenken und auf derartige Warnsignale achten.

Was sind denn typische Warnsignale?

Warncke: Wenn das Kind plötzlich nicht mehr zur Schule gehen möchte, kann das ein deutliches Indiz sein, dass etwas nicht stimmt. Oft haben Kinder, die gemobbt werden, auch körperliche Beschwerden wie Bauchweh oder Übelkeit. Diese Beschwerden bezeichnen wir auch als "psychosomatisch", weil sie psychische Ursachen wie Angst, Scham oder ein Gefühl der Hilflosigkeit haben.

Was können Eltern tun, wenn sie den Verdacht haben, dass das Kind gemobbt wird?

Warncke: Eigentlich sollten sie schon viel früher mit ihrem Kind über Mobbing reden. Optimal ist es, wenn sie ihrem Kind schon zu Beginn des Schuljahres sagen: "Wenn es passieren sollte, dass du gemobbt wirst, wende dich bitte an uns. Wir helfen dir."

Können Eltern denn überhaupt helfen?

Warncke: Natürlich. Zunächst einmal können sie ihrem Kind vermitteln, dass es nichts dafür kann. Das ist schon eine enorme Entlastung für das Kind. Denn viele Mobbing-Opfer verspüren Scham und meinen, sie seien selbst an der Situation schuld. In diesem Fall muss man unbedingt klarstellen, dass das nicht stimmt.

Das eigentliche Problem löst man damit aber noch nicht. Das Kind möchte ja wissen, wie es mit der Situation umgehen soll. Welche praktischen Ratschläge kann man ihm geben?

Warncke: Auf gar keinen Fall sollte man ihm raten, dass es sich doch einfach selbst wehren soll. Leider gibt es noch immer Eltern, die überzeugt sind, dass man als Kind "da einfach durch muss".

Typisch für Mobbingsituationen ist aber gerade, dass sich die gemobbten Kinder nicht selbst aus der Situation befreien, also sich nicht selbst wehren können. Wenn man seinem Kind signalisiert, dass es mit seinem Problem allein ist und nichts unternimmt, kann das verheerende Folgen haben.

Welche zum Beispiel?

Warncke: Einige Kinder attackieren andere, schwächere Mitschüler, andere richten die Gewalt gegen sich selbst oder entwickeln depressive Gedanken. Einige wenige Opfer von Mobbing haben so großen Leidensdruck, dass sie keinen Ausweg mehr wissen und Suizid begehen.

Wie können Eltern dem Mobbing ein Ende bereiten? Sollten sie direkt mit dem mobbenden Kind oder dessen Eltern sprechen?

Warncke: Davon rate ich ab, das hilft in der Regel nicht. Sinnvoller ist es, sich an den Klassenlehrer oder Schulsozialarbeiter beziehungsweise einen Vertrauenslehrer zu wenden. Wenn das nicht hilft, können sie mit dem Schulleiter oder dem schulpsychologischen Dienst reden.

Was können die Lehrer tun?

Warncke: Der Klassenlehrer ist für die Stimmung in seiner Klasse mitverantwortlich. Leider sehen es einige Lehrer immer noch nicht als ihren Job, sich mit den potenziell auftretenden zwischenmenschlichen Schwierigkeiten in ihrer Klasse auseinanderzusetzen. Manche von ihnen sehen ihre Aufgabe allein in der Wissensvermittlung. Das ist ein Fehler.

Denn Schüler, die gemobbt werden, entwickeln häufig Lernprobleme und ihre schulischen Leistungen lassen nach. Ein gutes Klassenklima ist die wichtigste Voraussetzung für gute Lernleistungen. Deshalb muss der Lehrer dafür sorgen, dass das Klassenklima und der Zusammenhalt in der Klasse stimmen.

Wie denn konkret?

Warncke: Indem er Mobbing regelmäßig thematisiert und Konflikte mit der Klasse aufarbeitet. Es reicht allerdings nicht, einfach alle drei Wochen zu sagen: "Mobbing ist doof, lasst das." Effektiver ist es, kontinuierlich mit den Schülern daran zu arbeiten, dass Mobbing beendet wird oder gar nicht erst entsteht.

Dazu hat unser Arbeitsbereich an der Freien Universität Berlin im Rahmen des Projektes Fairplayer ein Präventionsprogramm entwickelt, das Lehrer und Schulsozialarbeiter mit ihren Klassen durchführen können.

Wie gestaltet sich so ein Anti-Mobbing-Programm?

Warncke: Es dauert 4 bis 6 Monate und umfasst 16 Termine á anderthalb Stunden. Bei den ersten Terminen geht es darum, die Schüler für die vielen Arten des Mobbings zu sensibilisieren: Gerüchte streuen, ausgrenzen, beleidigen – all das ist auch Mobbing, aber viele Kinder wissen das nicht.

Anschließend üben die Jugendlichen, die Perspektive anderer einzunehmen. Zum Beispiel lernen sie, gezielt auf die Mimik und Gestik ihrer Mitschüler zu achten und die dahinter liegenden Gefühle und Stimmungen zu deuten. Das schult ihr Einfühlungsvermögen.

Mangelt es mobbenden Kindern denn wirklich an Einfühlungsvermögen? Kann es nicht auch sein, dass sie zwar begreifen, wie der Betroffene sich fühlt, es ihnen aber egal ist?

Warncke: Es gibt Kinder, denen es an Einfühlungsvermögen für andere mangelt. Ein typisches Beispiel: Ein Mitschüler wird immer wieder von Klassenkameraden mit einem Spitznamen angesprochen, weil die das einfach nur witzig finden. Er selbst leidet aber sehr darunter und empfindet es als Mobbing.

Es gibt jedoch auch Mobber, die sich zwar auf gedanklicher Ebene sehr gut in ihre Opfer hineinversetzen können, aber nicht wirklich mitfühlen.

Was treibt diese Kinder an? Warum mobben sie, obwohl sie eigentlich über Empathie verfügen?

Warncke: Auch diese Kinder verhalten sich meist nicht ohne Grund aggressiv. Täter sind zu Hause zum Beispiel oft Opfer. Sie geben die Aggression, die ihnen im Elternhaus widerfährt, in der Schule an Mitschüler weiter.

In diesem Fall kann ein Programm wie Ihres nicht viel ausrichten, oder?

Warncke: Doch, denn der Lehrer kann damit gemeinsam mit den Schülern die Gruppendynamik in der Klasse verändern und die sogenannten "potenziellen Verteidiger" aktivieren. So nennen wir Kinder, die Mobben eigentlich schlimm finden, im konkreten Fall jedoch trotzdem nicht aktiv einschreiten, weil sie nicht genau wissen, wie sie sich verhalten sollen.

Das kann man aber üben! In unserem Programm stellen die Kinder in Rollenspielen verschiedene Mobbing-Situationen nach und versuchen, sie spielerisch zu lösen. So können sie ihre Handlungsspielräume erweitern und geeignete Verhaltensweisen trainieren.

Wie sollten sich Kinder denn verhalten, wenn ein Mitschüler einen anderen triezt?

Warncke: Nicht wegschauen, sondern gemeinsam mit Klassenkameraden intelligent handeln, um die Situation zu beenden. Es gibt für die Lösung der meisten Mobbingsituationen kein einfaches "Patentrezept". Daher ist es wichtig, dass sich die ganze Klasse regelmäßig und nachhaltig mit dem Thema Mobbing befasst.

Ihr Training bezieht sich auf den Schulalltag. Aber heute werden Kinder ja nicht nur auf dem Pausenhof und während des Unterrichts gemobbt, sondern Tag und Nacht: Auf Facebook, per WhatsApp und Snapchat …

Warncke: Diese neuen Formen deckt unser Programm mit ab. Denn wenn ein Kind im Internet gemobbt wird, sind die Täter in der Regel keine Unbekannten, sondern Schulkameraden.

Gegen Cybermobbing haben wir zudem ein noch weiterführendes Präventionsprogramm entworfen, "Medienhelden". Auch hier ist zentrales Ziel, die Empathie der Jugendlichen zu fördern und ihnen konkrete Handlungsmöglichkeiten gegen Cybermobbing aufzuzeigen.

Und was noch? Gibt es praktische Tipps, mit denen sich Kinder und Jugendliche in sozialen Netzwerken vor Mobbing schützen können?

Warncke: Sie sollten nicht zu viel von sich selbst gegenüber Leuten preisgeben, die sie aus dem realen Leben nicht kennen. Außerdem sollten sie möglichst keine persönlichen Bilder öffentlich ins Internet einstellen und keine Passwörter an andere weitergeben. Wichtig ist auch, dass sie sich genau über die Privatsphäre-Einstellungen der sozialen Netzwerke informieren und ihr Profil entsprechend schützen.

Weitere Informationen

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Quellen:

Gespräch mit Mobbing-Experte Stephan Warncke, FU Berlin

Wenn aus Kollegen Feinde werden. Der Ratgeber zum Umgang mit Mobbing. Online-Publikation der Bundesanstalt für Arbeitschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) (2010)



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