Herdenimmunität: Impfungen schützen auch die Gemeinschaft

Veröffentlicht von: Astrid Clasen (24. April 2017)

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Wer sich oder seine Kinder impfen lässt, tut dies vor allem aus einem Grund: zum persönlichen Schutz vor bestimmten Infektionskrankheiten. Denn Impfungen verleihen dem Körper eine weitgehende Immunität gegen die jeweiligen Krankheitserreger. Dass jeder geimpfte Mensch zur sogenannten Herdenimmunität beiträgt und damit auch die Gemeinschaft schützt, haben aber wohl die wenigsten vor Augen.

Die Erfolgsgeschichte der Impfungen

Impfungen gehören zu den wichtigsten und wirksamsten vorbeugenden Maßnahmen in der Medizin. Sie schützen in jeder Lebensphase vor vielen schwerwiegenden Infektionskrankheiten – vom Säuglingsalter bis ins hohe Erwachsenenalter.

Erfolgsbeispiele

  • Pocken: Früher war diese hochansteckende und schwere Infektionskrankheit, die in bis zu 30 Prozent der Fälle tödlich verlief, weltweit verbreitet. Dank konsequenter Pockenschutzimpfungen ist es gelungen, sie vollständig auszurotten.
  • Polio (Kinderlähmung): Auch Polioviren waren vor Einführung der Polioimpfung weltweit verbreitet. Seit Beginn der globalen Initiative zur Ausrottung der Polioviren im Jahr 1988 sind die jährlichen Fallzahlen von 350.000 auf weniger als 100 im Jahr 2015 gesunken. Heute leben 80 Prozent der Weltbevölkerung in poliofreien Gebieten. Das schürt die Hoffnung, dass es in naher Zukunft gelingen wird, die Krankheit vollständig zu eliminieren.
  • Masern: Sie gelten als eine der ansteckendsten Erkrankungen des Menschen überhaupt. Obwohl es wirksame und sichere Impfstoffe gegen Masernviren gibt, sind die Masern in vielen Regionen der Welt immer noch mitverantwortlich für eine erhöhte Kindersterblichkeit. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind im Jahr 2015 rund 134.200 Kinder weltweit an Masern gestorben. Die Masernimpfung hat aber dennoch Erfolge zu verzeichnen: Zwischen 2000 und 2015 hat sie etwa 20 Millionen Todesfälle verhindert.

Die Schattenseite des Erfolgs

Weil Impfungen so große Erfolge im Kampf gegen Krankheitserreger erzielt haben, besteht inzwischen für die meisten Infektionskrankheiten allgemein nur noch ein geringes Ansteckungsrisiko. Dementsprechend ist vielen Menschen nicht mehr bewusst, welche teils schwerwiegenden Folgen bis hin zu Todesfällen manche Infektionen haben können.

Ende der 1940er Jahre, als noch keine Impfungen verfügbar waren, kamen durch typische Kinderkrankheiten wie Diphtherie, Keuchhusten oder Kinderlähmung in Deutschland jedes Jahr mehrere Tausend Menschen ums Leben. Das hat den vielen betroffenen Familien, Freunden, Nachbarn und Bekannten die Infektionsrisiken auf bittere Weise veranschaulicht.

Heute kennt kaum noch jemand solche Fälle aus seinem persönlichen Umfeld. Damit haben mittlerweile manche Menschen aus den Augen verloren, wie nützlich Impfungen sind – was sich auch auf ihr Impfverhalten auswirken kann: Das ist ein Grund dafür, dass in Deutschland bei den empfohlenen Impfungen in allen Altersstufen und Regionen immer noch Impflücken klaffen.

Beispiel Masern: Viele Eltern in Deutschland lassen ihre Kinder zu spät gegen Masern impfen. Nur 73,7 Prozent der 2013 geborenen Kinder waren am Ende ihres zweiten Lebensjahres wie empfohlen zweimal gegen Masern geimpft. Das bedeutet, dass jedes Jahr bei rund 180.000 Zweijährigen in Deutschland unklar ist, ob sie ausreichend vor Masern geschützt sind.

Und auch bei ihrer Einschulung haben viele Kinder noch keinen ausreichenden Impfschutz: Im Jahr 2015 hatten im Durchschnitt nur 92,8 Prozent der i-Dötzchen die zweite Masernimpfung erhalten. Um die Masern erfolgreich zu beseitigen, ist aber eine Impfquote von 95 Prozent für beide Impfungen erforderlich.

Diese Impflücken, die teils bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben, sind in hohem Maße mitverantwortlich dafür, dass eingeschleppte Masernviren immer wieder zu größeren Krankheitsausbrüchen führen können.

Doch wie lässt sich die Impfbereitschaft erhöhen? Eine aktuelle Studie zeigt: Wer die Bedeutung der sogenannten Herdenimmunität für das Wohl der Gemeinschaft kennt, ist eher bereit, sich oder seine Kinder impfen zu lassen.

Was ist Herdenimmunität?

Viele Infektionskrankheiten des Menschen können nur dann fortbestehen, wenn sie sich von Mensch zu Mensch übertragen. Wer – durch Impfung oder infolge einer durchgemachten Krankheit – immun gegen einen Krankheitserreger ist, kann diesen nicht mehr verbreiten. Das heißt: Die Immunität schützt nicht nur die immunisierte Person vor einer Ansteckung, sondern auch all ihre nicht-immunisierten Kontaktpersonen. Diesen Effekt innerhalb einer Bevölkerung bezeichnet man als Herdenimmunität.

Impfungen tragen also dazu bei, dass sich Krankheiten weniger in der Bevölkerung aus­breiten können. Anders gesagt: Die individuelle Impfentscheidung hat auch einen gesellschaftlichen Nutzen.

Was bringt Herdenimmunität?

1. Schutz für Schutzlose

Manch einer fragt sich vielleicht: "Warum sollte ich mich impfen lassen, damit andere davon profitieren? Sollen sich doch die anderen impfen lassen – dann brauche ich keine Impfung und bin mit geschützt!" Doch es gibt Menschen, bei denen Impfungen nicht infrage kommen. Gerade diese sind oft besonders anfällig für Infektionskrankheiten und entwickeln im Erkrankungsfall nicht selten sehr schwere Krankheitsverläufe.

Betroffen sind zum Beispiel Babys in den ersten Lebensmonaten oder auch Personen, die (z.B. krankheitsbedingt oder durch die Einnahme bestimmter Medikamente) ein geschwächtes Immunsystem haben. Für solche schutzlosen Personengruppen ist es besonders wichtig, dass die Menschen in ihrem Umfeld geimpft sind: Denn nur die Herdenimmunität kann sie weitgehend vor Ansteckung schützen.

Beispiel Keuchhusten: Während Keuchhusten bei Erwachsenen oft unauffällig als lang anhaltender Husten verläuft, kann er bei Babys Atemstillstände und andere schwere Komplikationen verursachen. Erwachsene könnten also persönlich auch auf die Keuchhustenimpfung verzichten. Für Babys hingegen kann der fehlende Impfschutz im Extremfall lebensbedrohlich sein.

In diesem Fall setzt die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) auf die Herdenimmunität, um ungeschützte Babys zu schützen: Die meisten Babys, die Keuchhusten bekommen, haben sich bei ihren Eltern oder engen Verwandten angesteckt. Darum empfiehlt die STIKO, dass sich alle zukünftigen Kontaktpersonen eines Babys noch vor dessen Geburt gegen Keuchhusten impfen lassen sollten.

2. Chance auf endgültige Ausrottung schwerer Krankheiten

Herdenimmunität nützt nicht nur Menschen ohne Impfschutz. Sie ist auch eine wichtige Voraussetzung für die Ausrottung ansteckender Krankheiten.

Eine Infektionskrankheit auszurotten kann trotz Impf- und Infektionsschutzmaßnahmen schon misslingen, wenn nur ein kleiner Teil der Bevölkerung nicht dagegen immun ist: Solange die Krankheitserreger immer wieder einen Menschen finden, den sie infizieren und in dem sie sich vermehren können, bleibt die Krankheit in der Bevölkerung bestehen.

Herdenimmunität bedeutet jedoch, dass nicht die gesamte Bevölkerung immun sein muss, um eine Krankheit auszurotten, sondern nur ein bestimmter Teil: Wenn genügend Menschen geimpft sind, führt der Gemeinschaftsschutz dazu, dass die Infektionskette irgendwann unterbrochen ist – und die Krankheit verschwindet.

Wer sich für oder gegen eine Impfung entscheidet, trägt dabei also jedes Mal auch eine große Verantwortung für andere.

Weitere Informationen

Linktipps:

Das Musketierprinzip: interaktiver Impfsimulator
Hier können Sie sich in einer interaktiven Simulation zeigen lassen, wie der Gemeinschaftsschutz durch Impfungen funktioniert.

www.impfen-info.de
Hier bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Infos rund ums Impfen.

Onmeda-Lesetipps:

Alles rund ums Thema Impfungen

Quellen:

Häufig gestellte Fragen zu Pocken. Online-Informationen des Robert Koch-Instituts: www.rki.de (Abrufdatum: 24.4.2017)

Epidemiologie der Masern in Deutschland 2017. Epidemiologisches Bulletin Nr. 16 / 2017, Robert Koch-Institut, Berlin (20.4.2017)

Gemeinsame Pressemitteilung des Bundesministeriums für Gesundheit, des Robert Koch-Instituts und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Europäische Impfwoche 2017 – Impfungen wirken (20.4.2017)

Betsch, C., et al.: On the benefits of explaining herd immunity in vaccine advocacy. Nature Human Behavior, Vol. 1, Iss. 3, Art. Nr. 56 (6.3.2017)

Brockmann, D.: Public Health: This message must be herd. Nature Human Behavior (News & Views), Vol. 1, Iss.3, Art. Nr. 65 (6.3.2017)

Antworten des Robert Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts zu den 20 häufigsten Einwänden gegen das Impfen. Online-Informationen des Robert Koch-Instituts: www.rki.de (Stand: 22.4.2016)

RKI-Ratgeber für Ärzte: Poliomyelitis. Online-Informationen des Robert Koch-Instituts: www.rki.de (Stand: 20.11.2015)

Schmitz, R., et al.: Impfstatus und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen – Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS). Deutsches Ärzteblatt 2011, Jg. 108, Heft 7, S. 99–104 (18.2.2011)

Heininger, U.: Risiken von Infektionskrankheiten und der Nutzen von Impfungen. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2004, Bd. 47, Ausgabe 12, S. 1129–1135 (Dezember 2004)

Stand: 24. April 2017



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