Heilen Wunden schneller durch Speichel?

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (10. März 2016)

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"Sich die Wunden lecken" – fast jeder kennt diese Redewendung. Sie bedeutet etwa so viel wie sich von einer Niederlage zu erholen. Wie aber steht es um den gesundheitlichen Wert? Enthält der beim Wunden lecken aufgetragene Speichel tatsächlich heilende Wirkstoffe, die Wunden schneller abheilen lassen? Oder überwiegt die Infektionsgefahr? Denn immerhin tummeln sich dort mehrere 100 Bakterienarten, von denen einige durchaus Entzündungen verursachen könnten.

Menno Oudhoff und seine Kollegen vom VU University Medical Center in Amsterdam haben die Probe aufs Exempel gemacht. In Nährmedien züchteten sie Wangenschleimhautzellen so lange heran, bis diese eine dichte, einheitliche Oberfläche bildeten. Dann fügten sie der Zelloberfläche künstliche Wunden zu, indem sie einen Teil der Zellen wegkratzten. Anschließend behandelten die Wissenschaftler eine der Wunden mit isotonischer Flüssigkeit, die andere mit sterilisiertem menschlichen Speichel. Ergebnis: Nach 16 Stunden hatte sich die in Mundspeichel gebadete Wunde nahezu geschlossen, während die zweite Wunde noch deutlich zu erkennen war.

Menschlicher Speichel trägt also tatsächlich dazu bei, dass Wunden schneller heilen – jedenfalls im Mundraum. Oudhoff und seine Kollegen trennten den Mundspeichel anschließend in seine Einzelteile auf, um herauszufinden, welcher Bestandteil für die heilende Wirkung verantwortlich ist. In mehreren Durchgängen testeten sie dann jeden einzelnen an den künstlichen Wunden. Verantwortlich für die schnellere Heilung ist demnach das Eiweiß Histatin, das bisher nur für seine antibakteriellen und pilztötenden Eigenschaften im Speichel bekannt war.

Ob Speichel auch bei anderen Hautwunden eine heilungsfördernde Wirkung hat, ist nicht ganz eindeutig zu beantworten. Es schadet in der Regel nicht, wenn ein ansonsten Gesunder etwa bei einem kleinen Fingerschnitt den eigenen Finger in den Mund steckt. Menschlicher Speichel enthält jedoch auch eine Vielzahl an Keimen – und die können für Menschen mit geschwächtem Immunsystem problematisch sein. So geschehen bei einem Diabetes-Patienten, der einen Schnitt im Finger hatte und das Blut rasch ableckte: Durch den Speichel gelangten auch die Bakterienarten Eikenella corrodens und Streptococcus anginosus in die Wunde – beide Arten sind bei vielen Menschen Teil der normalen Mundflora. Als Folge infizierte sich die Wunde, der Finger schwoll wenige Tage später an und musste schließlich amputiert werden.

Lesetipps:

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Quellen:

Dawes, C., et al.: The functions of human saliva: A review sponsored by the World Workshop on Oral Medicine VI. Archives of Oral Biology, Vol. 60, Iss. 6, pp. 863 - 874 (Juni 2015)

Oudhoff, M. J., et al.: Histatins are the major wound-closure stimulating factors in human saliva as identified in a cell culture assay. Federation of American Societies for Experimental Biology, No. 22, Iss. 11, pp. 3805 - 3812 (November 2008)

Weil, H. P., et al.: Potential Hazard of Wound Licking. New England Journal of Medicine, No. 346, P. 1336 (April 2002)

Stand: 10. März 2016



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