Hebammenstand vom Aussterben bedroht?

Veröffentlicht von: Sandra von dem Hagen (03. Juli 2017)

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Hätten Sie's gewusst? Bei jeder Geburt muss eine Hebamme anwesend sein – der Arzt hingegen ist nicht zwingend nötig. Doch Hebammen haben es in Deutschland immer schwerer und von einer flächendeckenden geburtshilflichen Versorgung sind wir weiter entfernt denn je.

Im Interview gab uns die Bonner Hebamme Renate Kessler-Jumpertz Antworten auf die Fragen, was der Hebammen-Notstand für werdende Mütter bedeutet und wie man heutzutage überhaupt noch eine Hebamme findet.

Wofür brauche ich überhaupt eine Hebamme?

Hebamme Renate Kessler-Jumpertz: "In Deutschland ist gesetzlich festgelegt, dass bei jeder Geburt eine Hebamme anwesend sein muss. Dass kann eine angestellte Hebamme in einer Klinik oder einem Geburtshaus sein, eine freie Hebamme bei einer Hausgeburt oder eine Beleghebamme, die die Frau in die Klinik begleitet.

Von der Geburt abgesehen

Viele Hebammen bieten außerdem unterschiedliche Kurse für Schwangere und junge Mütter an, zum Beispiel Geburtsvorbereitungs-Kurse, Schwangerschaftsgymnastik, Babymassage, Rückbildungsgymnastik usw."

Schwangere sollten sich also frühzeitig überlegen, wofür genau sie die Hebamme in Anspruch nehmen möchten:

  • Soll die Hebamme Sie schon vor der Geburt begleiten (freie Hebamme/Beleghebamme)?
  • Brauchen Sie bei der Geburt die Unterstützung einer Person, die Sie vorher gut kennenlernen konnten (freie Hebamme/Beleghebamme) oder reicht es Ihnen, die Hebamme erst in der Klinik kennenzulernen (angestellte Hebamme)?
  • Brauchen Sie die Hebamme nur für die Nachsorge im Wochenbett (freie Hebamme)?

Wie finde ich eine Hebamme?

Hebamme Renate Kessler-Jumpertz: "Im Rhein-Sieg-Kreis unterstützt Sie zum Beispiel das Hebammenzentrum Rhein-Sieg/Bonn dabei, eine Hebamme zu finden. Die ehrenamtlichen Helfer dort beraten Schwangere, damit jede Frau eine passende Hebamme findet. Außerdem sind hier spezielle Suchen möglich, etwa um eine Hebamme zu finden, die bei einer Beckenendlage hilft, oder eine Suche nach Kursen, Wochenbetthebamme usw."

Bundesweit gibt es außerdem zahlreiche ähnliche Angebote. Außerdem können Sie Ihren Frauenarzt um Rat fragen – häufig liegen in den Praxen auch Handzettel mit Hinweisen zu ansässigen Hebammen aus.

Aber aufgepasst! Durch den zunehmenden Hebammen-Mangel wird es schwer, Hebammen zu finden, auch wenn es beispielsweise nur um eine Wochenbetthebamme geht. Viele freie Hebammen führen mittlerweile auch keine Geburten mehr durch sondern konzentrieren sich darauf, Kurse rund um Schwangerschaft und Geburt anzubieten.

Freie Hebamme oder angestellte Hebamme im Krankenhaus?

Hebamme Renate Kessler-Jumpertz: "Diese Wahlfreiheit ist heutzutage leider nicht mehr gegeben. Schwangere haben hierzulande keine Wahl mehr, welche Hebamme sie begleiten soll oder wo sie gebären möchten. Es gibt schlicht keine Auswahl an Hebammen mehr. Nicht nur das: Im Rahmen der Zentralisierung der Geburtsstationen werden immer mehr kleinere Geburtszentren geschlossen und die Geburten in der Klinik werden immer automatisierter. Derzeit kann es passieren, dass die bestehenden Kliniken so überfüllt sind, dass eine Schwangere unter Wehen mehrfach abgewiesen wird, weil es einfach keinen Platz mehr für sie gibt. In manchen Kliniken hat die Hebamme dann schon mal ein paar Monitore mit CTGs vor sich und sieht die Frau nur, wenn es direkt um die Geburt geht."

Gegen eine Geburt in der Geburtsklinik ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Da ist es – von der Verfügbarkeit abgesehen – der Schwangeren selbst überlassen, ob sie eine Hausgeburt möchte oder im Krankenhaus mit einer ihr gut bekannten Beleghebamme oder mit einer ihr bis dahin unbekannten Hebamme entbinden möchte.

Schön wäre es, wenn jede Frau – wie vor nicht langer Zeit noch – die Wahl hätte. Das sähe dann so aus, dass eine Schwangere, die ein Vertrauensverhältnis zu "ihrer" Hebamme aufbauen möchte, sich aus einer Auswahl von Hebammen zunächst für eine entscheidet und mindestens einen Termin wahrnimmt. Fühlt sie sich wohl, werden weitere Termine vereinbart. Stimmt die Chemie nicht, sucht sie weiter.

Was, wenn ich keine Hebamme finde?

Hebamme Renate Kessler-Jumpertz: "Wer während der Schwangerschaft keine freie Hebamme bzw. Beleghebamme findet, muss bei einsetzender Geburt einfach in eine Geburtsklinik gehen und hoffen, dass diese noch Platz hat. Und das bezieht sich nicht nur auf die Geburt im Kreissaal. Wenn die frischgebackene Mutter mit Baby aufgenommen werden muss, braucht es mindestens ein Bett, eventuell auch einen Brutkasten.

Da kann es leider passieren, dass eine Frau in der Klinik abgewiesen wird und viele Kliniken anfahren oder durchtelefonieren muss, bis sie letzten Endes eventuell wohnortfern gebären muss. So kommt es auch immer häufiger vor, dass die Eltern lange Wege auf sich nehmen müssen, wenn das Baby (etwa weil es ein Frühchen ist) noch in der Klinik bleiben muss, die Mutter aber schon entlassen wird.

Besonders schwer wird es, wenn man keine Wochenbetthebamme findet: Junge Mütter werden mit ihrem Baby am dritten Tag aus der Klinik entlassen, die Milch schießt ein, der Nabelschnurrest sitzt noch am Kind – und sie müssen oft völlig überfordert eigenständig Termine beim Kinderarzt und Frauenarzt organisieren, weil keine Hebamme nach Hause kommen und ihnen weiterhelfen kann. Davon sind nicht nur die Mütter überfordert, auch die Praxen der Ärzte sind immer häufiger überfüllt.

Darum gilt heute die Devise: So früh wie möglich um eine Hebamme kümmern, auch wenn das oft nicht zielführend ist. Wir haben mittlerweile schon Anrufe von Frauen, deren Schwangerschaftstest gerade erst positiv war. Und selbst die müssen wir oft schon abweisen, weil wir ausgebucht sind."

Gibt es eine Lösung? Die Politik diskutiert sogenannte Wochenbettambulanzen. Die Hebammen, die dort angestellt werden sollten, kennen die Frauen, die zu ihnen kommen, aber nicht. Darum wird eine längere Beratung nötig, deren Kosten wiederum nicht gedeckt werden.

Was bedeutet das für Schwangere und die Geburt?

Hebamme Renate Kessler-Jumpertz: "Der Trend scheint dahin zu gehen, dass einige Schwangere auf der Suche nach einer Klinik, in der sie gebären können, ihr Kind im Auto bekommen werden. Auch sogenannte 'Alleingeburten' werden häufiger, weil es nur noch wenige Hausgeburtshebammen gibt."

Lohnt es sich überhaupt, heutzutage noch Hebamme zu werden?

Hebamme Renate Kessler-Jumpertz: "Für den Beruf der Hebamme spricht die Freude an der physiologischen Geburt. Wir arbeiten nah an und mit der Schwangeren, haben Zeit, die Frau kennenzulernen. Menschliche Betreuung und Begleitung sind während der Schwangerschaft unsagbar wichtig, fallen aber immer mehr unter den Tisch. Heute verbringen wir mehr Zeit mit Papierkram als mit dem Mensch. Dabei ist Hebammen-Nachwuchs dringend nötig, besonders Nachwuchs, der sich weiterhin für den Stand der Hebamme einsetzt. Unser Beruf kann sehr befriedigend sein, wenn man so nah am Menschen arbeiten darf – doch das ist momentan weder freiberuflich noch in der Klinik möglich.

Hebammen werden heute verheizt, sowohl finanziell als auch stundentechnisch. Ich mache den Beruf auch nicht, um reich zu werden, das wurde man damit noch nie. Aber man sollte schon klarkommen. Das ist in diesem Beruf aber schon kaum für Singles möglich oder nur wenn ein zweites Einkommen über den Partner hinzukommt. Das sollte so nicht sein.

Das Problem liegt dabei einerseits im niedrigen Einkommen. Andererseits sind die Beiträge zur Berufshaftpflicht in den letzten Jahren unverhältnissmäßig angestiegen. Viele Berufseinsteiger ziehen außerdem geregelte Arbeitszeiten vor, die im Fall einer freien Hebamme natürlich nicht gegeben sind."

Renate Kessler-Jumpertz liebt ihren Beruf, "… aber mich nerven die Steine, die uns in den Weg gelegt werden". Sie ist seit 24 Jahren Hebamme in Bonn. Dort gab es vor wenigen Jahren noch etwa 30 freie Hebammen – eingeschlossen der etwa 8 Hebammen, die im Bonner Geburtshaus arbeiten. Heute gibt es in Bonn mit den Geburtshaus-Hebammen noch ganze 12 Hebammen, die Geburten begleiten und nicht in einer Klinik angestellt sind.

Weitere Informationen

Linktipps:

Hebammenzentrum Bonn / Rhein-Sieg www.von-anfang-an.com

Hebammensuche www.hebammensuche.de

Quellen:

Online-Informationen des Deutschen Hebammenverbandes e.V.: www.hebammenverband.de (Abrufdatum: 28.6.2017)

Interview mit Renate Kessler-Jumpertz, staatlich geprüfte Hebamme: www. storch-und-co.de (6.6.2017)


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