Size Matters: Großer Körper, großes Risiko?

Veröffentlicht von: Till von Bracht (11. September 2017)

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Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Körpergröße und dem Risiko für bestimmte Volkskrankheiten. Große Menschen leiden seltener unter Herz-Kreislauf-Krankheiten, dafür haben sie ein höheres Krebs- und Thromboserisiko. Die genauen Ursachen sind noch unklar – möglicherweise spielt die Ernährung in der Schwangerschaft und im Kindesalter eine entscheidende Rolle.

Es ist unübersehbar: Wir Menschen werden immer größer. Das sieht man nicht nur daran, dass die Kinder im Erwachsenenalter fast immer deutlich größer sind als ihre Eltern. Nein, es lässt sich auch statistisch belegen. Wie eine Auswertung europäischer Größentabellen zeigt, sind junge Männer mittlerweile im Durchschnitt 15 Zentimeter größer, als sie es noch vor 150 Jahren waren.

Dies dürfte im Alltag zu erheblichen Problemen führen –  das weiß jeder, der schon einmal verzweifelt nach einer Jeans in Größe 32/40 oder nach ausreichend Beinfreiheit im Bus gesucht hat. Die neuen Riesen stehen aber auch vor gesundheitlichen Problemen.

Größere Menschen bekommen häufiger Thrombose und haben höheres Krebsrisiko

Große Menschen haben generell ein höheres Thromboserisiko als kleinere Menschen. Das berichten der schwedische Forscher Bengt Zöller und sein Team von der Universität Lund in Malmö im Fachblatt "Circulation: Cardiovascular Genetics". Die Wissenschaftler analysierten dafür die Daten von mehr als 2,5 Millionen schwedischen Männern und Frauen.

Sowohl bei Männern als auch bei Frauen zeigte sich: Je größer die Person, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine Beinvene durch ein wanderndes Blutgerinnsel verstopft. So haben Männer über 1,90 Meter ein 65 Prozent höheres Risiko, eine Thrombose zu entwickeln, als Männer, die kleiner als 1,60 Meter sind.

Hierfür werden mehrere Ursachen vermutet. "Es kann sein, dass es bei größeren Menschen mit ihren längeren Beinvenen einfach mehr Oberfläche gibt, an der es Probleme geben kann", so Zöller. Auch die höhere Anzahl an Venenklappen und der höhere Druck in den Beinvenen können mitverantwortlich sein.

Neben dem Thromboserisiko scheint bei größeren Menschen auch das Krebsrisiko erhöht zu sein, vor allem für

Dr. Jane Green von der Universität Oxford und ihre Kollegen haben in einer Studie über eine Millionen englische Frauen beobachtet. Dabei stellten sie fest, dass es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Körpergröße und dem Krebsrisiko gibt.

Größere Frauen haben demnach ein signifikant höheres Krebsrisiko als kleine.

Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) und der Harvard School of Public Health haben 2016 ebenfalls untersucht, wie die Körpergröße das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes beeinflusst. Die Ergebnisse fasst Professor Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam wie folgt zusammen: "Epidemiologische Daten zeigen, dass pro 6,5 Zentimeter Körpergröße das Risiko für kardiovaskuläre Sterblichkeit um 6 Prozent sinkt, dafür aber die Krebsmortalität um 4 Prozent steigt“.

Geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Aus medizinischer Sicht gibt es aber auch gute Nachrichten für alle Großgewachsenen: Größere Menschen haben ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, so lautet das erfreuliche Ergebnis einer umfassenden Meta-Analyse aus dem Jahr 2016.

Hierbei haben die Wissenschaftler 21 Studien mit insgesamt mehr als 60.000 Männern und Frauen verglichen und festgestellt: Je größer der Mensch, desto kleiner das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Als Grund dafür vermuten die Forscher, dass größere Menschen häufig

haben.

Ursache liegt möglicherweise in der Ernährung

Warum die Menschen in den letzten Jahren immer größer werden und warum die Körpergröße einen Einfluss auf verschiedene Krankheiten hat, ist bislang nicht genau bekannt.

Professor Dr. Norbert Stefan vom Universitätsklinikum Tübingen vermutet, dass das weltweit zunehmende Größenwachstum durch die Ernährungsweise in der Schwangerschaft und im Kindesalter hervorgerufen wird.

Eine kalorienreiche Ernährung mit einem hohen Anteil an Milch und Milchprodukten kann dazu führen, dass die Konzentration der Wachstumsfaktoren IGF-1 und IGF-2 im Blut steigt.

Die Wachstumsfaktoren sorgen bei Kindern nicht nur für das Längenwachstum von Knochen und Muskeln, sondern greifen außerdem günstig in den Fettstoffwechsel ein. Demnach haben große Menschen einen geringeren Fettgehalt in der Leber, was ihr niedriges Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erklären würde.

Allerdings fördern IGF-1 und IGF-2 nicht nur das Wachstum von Knochen- und Muskelgewebe, sondern auch das Zellwachstum generell, was immer mit einem Risiko für Entartungen verbunden ist.

Fazit: Ärzte sollten die Körpergröße nicht unbeachtet lassen

Blöderweise lässt sich die Körpergröße nur schwer beeinflussen – anders als zum Beispiel Übergewicht oder Nikotinkonsum. Sollte ich als tendenziell eher groß gewachsener Mann daher nun Angst vor Krebs und Thrombose haben?

Nein, das nicht! Prof. Stefan fordert vielmehr Ärzte auf, die Körpergröße mehr als bisher bei der Prävention großer Volkskrankheiten zu berücksichtigen. Zudem komme der Ernährung, vor allem in der Schwangerschaft und im Kindes- und Jugendalter, eine bislang unterschätzte Bedeutung zu.

Weitere Informationen

Quellen:

Zöller, B., et al.: Body Height and Incident Risk of Venous Thromboembolism. Circulation: Cardiovascular Genetics, Vol. 10, Iss. 5, e001651 (2017)

Roetker, N.S., et al.: Taller height as a risk factor for venous thromboembolism: a Mendelian randomization meta‐analysis. Journal of Thrombosis and Haemostasis, Vol. 15, Iss. 7, pp. 1334-1343 (2017)

Nüesch, E., et al.: Adult height, coronary heart disease and stroke: a multi-locus Mendelian randomization meta-analysis. International journal of epidemiology, Vol. 45, Iss. 6, pp. 1927-1937 (2016)

Stefan, N., et al.: Divergent associations of height with cardiometabolic disease and cancer: epidemiology, pathophysiology, and global implications. The Lancet Diabetes & Endocrinology, Vol. 4, Iss. 5, pp. 457-467 (2016)

Green, J., et al.: Height and cancer incidence in the Million Women Study: prospective cohort, and meta-analysis of prospective studies of height and total cancer risk. The lancet oncology, Vol. 12, Iss. 8, pp. 785-794 (2011)



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