Laufschuh-Experte verrät: Das ist das wichtigste Kriterium beim Laufschuhkauf!

Veröffentlicht von: Till von Bracht (23. Oktober 2017)

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Wer regelmäßig läuft, braucht gute Laufschuhe – logisch. Doch die Auswahl an Laufschuhen wird immer größer und unübersichtlicher. Gar nicht so einfach, da den richtigen Laufschuh zu finden. Laufschuh-Experte Urs Weber vom Fachmagazin RUNNER’S WORLD hat uns verraten, worauf es beim Laufschuhkauf wirklich ankommt!

Onmeda: Heutzutage füllen hunderte verschiedene Laufschuhe die Regale der Sportgeschäfte. Und jedes Jahr bringen die Hersteller neue Modelle auf den Markt. Wie kann man bei dieser Auswahl überhaupt noch die richtigen Laufschuhe für sich finden?

Urs Weber: Man kann es sich sehr leicht machen. Das absolut wichtigste Kriterium, auf das es letztendlich ankommt, ist das Komfortgefühl. Man muss sich im Schuh wohlfühlen. Dazu braucht man kein technisches Vorwissen, das kann man ganz einfach durch Ausprobieren herausfinden.

Dann ist es so, dass Laufschuhe in verschiedene Kategorien eingeteilt werden. Man sollte sich vor dem Kauf fragen, zu welchem Zweck man Laufschuhe braucht. Also zum Beispiel: Wie laufe ich? Wo werde ich laufen? Und welche Distanz?

Man liest oft, dass Laufschuhe etwas größer sein sollen als normale Schuhe. Wie viel Platz sollte man bei Laufschuhen vorne haben?

Weber: Bei der Größe der Laufschuhe spreche ich immer am liebsten von der Daumenregel. Wenn man den Schuh anhat und beide Füße im Stand belastet, dann sollte vorne vor dem längsten Zeh noch eine Daumenbreite Platz sein.

Dieser Platz ist nötig, da der Fuß beim Abrollen im Schuh leicht nach vorne rutscht. Ein zweiter Grund ist, dass sich der Fuß durch die Gewichtsbelastung beim Laufen ausdehnt und größer wird. Deshalb ist es häufig so, dass Laufschuhe etwa eine Nummer größer sind als die Straßenschuhe, die man im Alltag trägt. Die Schuhgrößen sind allerdings nicht genormt. Auch hier ganz wichtig: Anprobieren und im Geschäft oder auf dem Laufband einige Zeit mit den Schuhen laufen.

Stichwort Laufband: Kommt man ohne eine Laufbandanalyse nicht aus?

Weber: Die Laufbandanalyse ist ein praktisches Instrument, das man zum Laufschuhkauf hinzuziehen kann. Aber es ist heutzutage so, dass man das keineswegs unbedingt machen muss. Es gibt dabei Vorteile als auch Nachteile.

Der wichtigste Vorteil ist, dass man verschiedene Laufschuhe ausprobieren und miteinander vergleichen kann. Nachteil ist, dass man auf einem Laufband häufig anders läuft als draußen im Park oder auf der Straße – vor allem wenn man es nicht gewohnt ist.

Die Preisspanne reicht von unter 30 bis über 200 Euro. Was sollten gute Laufschuhe kosten?

Weber: Ganz grob gesagt kann man bereits für 80 Euro ein gutes Auslaufmodell kaufen. Hochqualitative Laufschuhe liegen oft weit darüber, zwischen 150 und 180 Euro. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass vor allem erfahrene Läufer häufig deutlich über 100 Euro für neue Laufschuhe ausgeben. Das hört sich zunächst teuer an, aber der Preis relativiert sich letztendlich über die Nutzungsdauer.

Ein Tipp, wenn man nicht so viel Geld ausgeben möchte: Man findet häufig auch Auslaufmodelle oder Vorjahresmodelle, die im Preis sehr stark herabgesetzt sind. Mit denen kann man auch gut laufen.

Kann man auch günstige Laufschuhe vom Discounter nehmen oder wird da generell eher von abgeraten?

Weber: Von günstigen Discounter-Laufschuhen rate ich generell eher ab. Das eine große Problem ist, dass man bei Laufschuhen vom Discounter keinen Vergleich hat. Man nimmt die Schuhe und probiert sie – wenn überhaupt – nur kurz an. Die Gefahr, dass man ein nicht passendes Exemplar erhält, ist riesengroß.

Wenn die Laufschuhe nicht richtig passen, dann läuft man drei- bis viermal und legt sie dann beiseite. Dann ist der Schuh relativ gesehen recht teuer. Deswegen macht es Sinn, beim Laufschuhkauf immer etwas mehr Zeit und Geld zu investiveren.

Wie lange halten Laufschuhe? Ab wann sollte man sich ein neues Modell kaufen?

Weber: Wir gehen davon aus, dass auch leicht konstruierte Laufschuhe normalerweise mindestens 300 Kilometer halten. Aber es gibt auch Trainingslaufschuhe, die durchaus über 1.000 Kilometer halten können. Das ist aber auch immer abhängig von der Person: Bei einer sehr leichten Läuferin nutzt sich der Laufschuh natürlich weniger ab als bei einem 100-Kilo-Läufer.

Es ist allerdings empfehlenswert, dass man die Schuhe stets etwas früher austauscht. Die Kunststoffmaterialien, aus denen die Mittelsohlen gebaut sind, ermüden mit der Zeit. Die Ermüdung kann man bei den meisten Schuhen schon ab 300, erst recht aber nach 500 Kilometern messen.

Vor allem wenn man häufiger läuft, sollte man mehrere Schuhe parallel laufen. Meine Daumenregel lautet: So oft, wie man pro Woche läuft, so viele Laufschuhe sollte man besitzen

Gibt es Schuhe, die besonderes für schwere Läufer geeignet sind?

Weber: Auch bei schweren Läufern ist das wichtigste Kriterium der Komfort. Die Laufschuhe, in denen man sich intuitiv am wohlsten fühlt, sind die richtigen. Gerade schweren Läufern wird häufig zu stabilen Schuhen geraten, was aber nicht immer notwendig ist. Nur weil man schwer ist, heißt das nicht, dass man einen besonders stützenden Schuh benötigt.

Was hat es mit den Laufschuh-Kategorien auf sich? Was genau ist beispielsweise der Unterschied zwischen einem Neutralschuh und einem Stabilitätsschuh?

Weber: Die Kategorien richten sich nach den orthopädischen Bedürfnissen des Läufers. Wenn man von einem Normalfuß ausgeht, also einem normalen Abrollverhalten des Fußes, greift man zu einem Neutralschuh – auch Dämpfungsschuh genannt.

Bei einem Stabilitätsschuh hingegen ist es so, dass er den Fuß mehr oder weniger stützt. Wenn jetzt ein Fuß Stabilität erhält, der gar keine Stabilität benötigt, dann kann das auch zu Verletzungen führen. Deshalb sollte man da vorsichtig sein. Gerade in früheren Jahren wurden in Sportgeschäften oftmals viel zu stabile Schuhe verkauft. Aber das ist nicht immer die richtige Wahl.

Worauf sollte man achten, wenn man orthopädische Einlagen trägt?

Weber: Die Einlagen sollten speziell für Sport- beziehungsweise Laufschuhe konstruiert sein. Es ist drauf zu achten, dass die Einlagen nicht nur an die jeweilige Person angepasst werden, sondern eben auch an den speziellen Laufschuh. Wenn die Einlage nicht optimal in den Schuh passt, dann nutzt die Einlage nichts.

Ganz einfach lässt sich das prüfen, indem man die originale Einlage aus dem Schuhe mal herausnimmt und über die orthopädische Einlage hält. Wenn die Formen stark voneinander abweichen, dann passt die orthopädische Einlage nicht gut zu dem Laufschuh.

Wenn man sich neue Laufschuhe gekauft hat, aber nach einigen Tagen merkt, dass es doch nicht die richtigen sind: Kann man getragene Laufschuhe dann wieder umtauschen?

Weber: Bei großen Fachgeschäften hat man da eine große Chance. Es wird von einigen Herstellern sogar bewusst darauf hingewiesen, dass man getragene Laufschuhe zurückgeben kann. Das sollte man beim Kauf auch direkt fragen und ansprechen. Denn gerade wenn man sich zum ersten Mal Laufschuhe kauft, ist das gar nicht so selten, dass man erst nach einiger Zeit merkt, dass der Schuh doch nicht so passt.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Quellen:

Gespräch mit Laufschuh-Experte Urs Weber von dem Fachmagazin RUNNER'S WORLD