Cannabis auf Rezept: Was das für Patienten bedeutet

Veröffentlicht von: Till von Bracht (07. Juni 2017)

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Seit März können schwerkranke Menschen in Apotheken Cannabis auf Rezept erhalten. Den Zugang regelt ein entsprechendes Gesetz. Was sich seitdem verändert hat und was das Gesetz für Schwerkranke bedeutet

Das Gesetz, das der Bundestag im März verabschiedet hat, richtet sich an chronisch kranke Menschen, die starke Schmerzen haben oder unter schwerer Appetitlosigkeit und Übelkeit leiden. Genusskiffer werden auch in Zukunft nicht von einem einfacheren Zugang zu der Droge profitieren.

Schon vor Inkrafttreten des Gesetzes hatten rund 1000 Patienten in Deutschland eine Sondergenehmigung. Wie viele Menschen seit März insgesamt einen Antrag bei ihrer Krankenkasse eingereicht haben, ist nicht bekannt. Allein bei der DAK Gesundheit waren es bis Anfang Mai aber bereits 600.

Für viele Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen ist das neue Gesetz ein Segen. Denn bislang kamen sie nur auf illegalem Wege an das schmerzlindernde Cannabis – oder sie mussten sich eine offizielle (d.h. komplizierte) Ausnahmeerlaubnis bei der Bundesopiumstelle einholen. Bearbeitungszeit: mehrere Monate. Kosten: mehrere hundert Euro pro Monat.

„Schwerkranke Menschen müssen bestmöglich versorgt werden. Dazu gehört, dass die Kosten für Cannabis als Medizin für Schwerkranke von ihrer Krankenkasse übernommen werden, wenn ihnen nicht anders wirksam geholfen werden kann“, so der Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe.

Seit März können sie die getrockneten Blüten der Hanfpflanzean sowie Cannabisextrakte in Form von Tabletten, Tropfen, Öl oder Wachs ganz einfach mit einem ärztlichen Rezept in der Apotheke abholen und anschließend rauchen beziehungsweise schlucken.

Damit die Krankenversicherung die Kosten für die Cannabisarzneimittel übernimmt, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Die Patienten müssen unter einer schwerwiegenden Erkrankung leiden.
  • Der behandelnde Arzt entscheidet, dass der oder die Versicherte sinnvoll mit einem Cannabisarzneimittel behandelt werden kann.
  • Andere Arzneimittel (z.B. Schmerzmittel) wurden ausprobiert und konnten die Beschwerden nicht ausreichend lindern.
  • Es gilt als wahrscheinlich, dass Cannabis den Verlauf der Krankheit positiv beeinflussen wird.
  • Der Patient muss damit einverstanden sein, dass seine Daten – zum Beispiel zu Diagnose, Therapie, Dosis und Nebenwirkungen – anonymisiert an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) übermittelt werden.

Für wen ist Cannabis als Medizin sinnvoll?

Cannabis weist gegenüber herkömmlichen Medikamenten einige Besonderheiten auf: Das Einsatzspektrum von Cannabis ist zum Beispiel vergleichsweise breit. So kann Cannabis zum Beispiel bei folgenden Krankheiten zum Einsatz kommen:

Aber nicht alle Patienten vertragen Cannabis. Insbesondere in Verbindung mit Alkohol kann der Konsum negative Gefühlslagen verstärken und zu einem gestörtem Selbst- und Realitätsbezug führen.

Der Präsident der Bundesapothekerkammer, Andreas Kiefer, sagt dazu: „Jeder weiß: Medikamente haben Risiken und Nebenwirkungen. Es wäre fahrlässig und falsch, aus dem medizinischen Einsatz zu folgern, dass Cannabis als Genussmittel harmlos wäre.“

Konsum ja, Anbau nein

Manch einer mag nun auf die Idee kommen, seinen Südbalkon als Hanfplantage zu nutzen und das medizinische Gras einfach selbst anzubauen. So spart die Krankenkasse die Kosten – und der Patient den Weg zum Arzt. Das Problem bei der Sache: Man würde sich strafbar machen. Denn der Anbau von Cannabis ist aber nach wie vor verboten, selbst wenn man es nur zur Eigentherapie nutzt.

„Wem Cannabis wirklich hilft, der soll Cannabis auch bekommen können, in qualitätsgesicherter Form und mit einer Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen“, sagt Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung.

Um eine gleichbleibende Qualität gewährleisten zu können, soll der Hanf ab 2019 in Deutschland angebaut werden – natürlich unter streng kontrollierten Rahmenbedingungen. Dafür richtet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die sogenannte Cannabis-Agentur ein. Die Cannabis-Agentur lässt das Gras von ausgewählten Produzenten anbauen, kauft anschließend die gesamte Ernte auf und verteilt sie dann an die Apotheken.

Für die Jahre 2021 und 2022 sollen demnach im staatlichen Auftrag je 2000 Kilogramm Cannabis in Deutschland geerntet werden. Bei einem durchschnittlichen Tagesbedarf von einem Gramm wäre das rechnerisch die Jahresmenge für fast 5500 Patienten. Für die Übergangszeit soll die Versorgung mit Medizinalcannabis jedoch zunächst über Importe gedeckt werden.

Weitere Informationen

Quellen:

Fragen und Antworten zum Gesetzentwurf „Cannabis als Medizin“. Online-Informationen des Bundesministeriums für Gesundheit: www.bundesgesundheitsministerium.de (Abrufdatum: 20.1.2017)

Pressemitteilung des Bundesministeriums für Gesundheit: Gesetz „Cannabis als Medizin“ vom Bundestag einstimmig beschlossen (19.1.2017)

Cannabis. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 2.6.2017)

Loflin, M., Earleywine, M.: A new method of cannabis ingestion: the dangers of dabs?. Addictive behaviors, Vol. 39, Iss. 10, pp. 1430-1433 (2014)

Aktualisiert am: 7. Juni 2017


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