Broken-Heart-Syndrom: Wenn Stress das Herz bricht

Veröffentlicht von: Wiebke Raue (13. November 2017)

© iStock

Ein Unfall, eine Trennung oder eine Todesnachricht: Das Broken-Heart-Syndrom tritt meist nach einer starken emotionalen Belastung auf. Fast immer sind es Frauen jenseits der Wechseljahre, die daran erkranken. Äußerlich ist ein "gebrochenes Herz" von einem Herzinfarkt nicht zu unterscheiden – und auch nicht weniger gefährlich.

Es ist ein Klassiker im Fernsehfilm: Während eines heftigen Streits mit ihrem Sohn greift sich eine ältere Frau schmerzverzerrt an die Brust – und bricht kurz darauf zusammen. Die Auseinandersetzung hat bei ihr offenbar nicht nur zu psychischem, sondern auch zu körperlichem Herzschmerz geführt. Sie hat ihr regelrecht "das Herz gebrochen".

Eine solche Szene könnte durchaus der Realität entsprechen. Tatsächlich können starke Gefühle wie Enttäuschung, Wut oder Trauer das Herz erheblich belasten und zu einer plötzlichen, deutlichen Kraftminderung des Herzmuskels führen. Wissenschaftler gaben diesem Phänomen einen Namen: Broken-Heart-Syndrom – also ein "gebrochenes Herz". Andere Bezeichnungen lauten Tako-Tsubo oder Stress-Kardiomyopathie. Das "gebrochene Herz" ist also mehr als nur ein poetischer Ausdruck für seelisches Leid.  

Symptome wie beim Herzinfarkt

Schmerzen in der Brust, Atemnot: Die Symptome des Broken-Heart-Syndroms sind die gleichen wie beim Herzinfarkt. "Das Broken-Heart-Syndrom kann auf den ersten Blick nicht von einem Herzinfarkt unterschieden werden", so Dr. Benjamin Meder, Oberarzt an der Universitätsklinik Heidelberg. "Es kann sogar so weit gehen, dass sowohl im EKG als auch im Labortest die gleichen Veränderungen wie beim Herzinfarkt festzustellen sind."

Erst eine Herzkatheter-Untersuchung bringt Gewissheit. Dabei führt der Arzt ein schlauchartiges Instrument durch ein Blutgefäß bis zum Herzen vor.

Bei einem Herzinfarkt erkennt der Mediziner Verschlüsse oder Engstellen in den Herzkranzgefäßen. Meist entstehen solche Engstellen durch Arterienverkalkung (Arteriosklerose) mit den typischen Gefäßablagerungen. Sind die Gefäße jedoch frei, könnte es sich um ein "gebrochenes Herz" handeln.

"Man schätzt, dass sich bis zu vier bis fünf Prozent aller vermeintlichen Herzinfarkte im Nachhinein als Broken-Heart-Syndrom herausstellen." Dr. Benjamin Meder, Universitätsklinik Heidelberg

Anders als beim Herzinfarkt entsteht das Broken-Heart-Syndrom nicht durch ein verstopftes Gefäß. Vielmehr verkrampfen die kleinen Blutgefäße, die zum Herzmuskel führen. Die Folge: Das Herz ist nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt.

Stress führt zur "Schockstarre"

Auslöser dieser Verkrampfung sind Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Sie werden freigesetzt, wenn der Mensch unter starkem Stress steht. Patienten mit Broken-Heart-Syndrom weisen außergewöhnlich hohe Spiegel dieser Stresshormone auf. Die Verkrampfung versetzt das Herz in einen vorübergehenden Schockzustand. Die linke Herzkammer zieht sich nicht mehr richtig zusammen – und das über Stunden bis Tage. 

Nicht nur emotionaler, auch körperlicher Stress kann das Herz vorübergehend außer Gefecht setzen. "Es gibt zwei Hauptauslöser für das Broken-Heart-Syndrom. Der eine ist psychische Belastung. Der andere ist der physische Schmerz, der entsteht, wenn jemand zum Beispiel einen Verkehrsunfall hat oder operiert wurde", so Meder. Daher seien nicht selten Schmerzpatienten betroffen.

Positiver Stress, zum Beispiel große Freude über eine bestandene Prüfung, sei dagegen nur selten die Ursache. "Es sind eher die belastenden Emotionen, die es auslösen", erklärt Meder. "Dazu gehören zum Beispiel Verabschiedungsszenen, etwa, wenn die eigenen Kinder für längere Zeit auf Weltreise gehen." Weitere Beispiele sind Mobbing oder Arbeitsplatzverlust.

Was das Broken-Heart-Syndrom mit einer Tintenfischfalle zu tun hat

Als japanische Forscher das Broken-Heart-Syndrom in den 1990er Jahren erstmal umschrieben, nannten sie es Tako-Tsubo. Tako-Tsubo ist die japanische Bezeichnung für eine Tintenfischfalle. Der Grund für den ungewöhnlichen Namen: Beim Broken-Heart-Syndrom ist die Herzsilhouette auffällig verändert. Die Form erinnerte die Wissenschaftler an ein traditionelles japanisches Gefäß zum Fangen von Tintenfischen.

Die linke Herzkammer ist beim Broken-Heart-Syndrom auffällig verformt, ähnlich einer traditionellen japanischen Tintenfischfalle (Tako-Tsubo). (Bildquelle links: Universität Heidelberg; Bildquelle rechts: Wikimedia commons).

Die linke Herzkammer ist beim Broken-Heart-Syndrom auffällig verformt, ähnlich einer traditionellen japanischen Tintenfischfalle (Tako-Tsubo). (Bildquelle links: Universität Heidelberg; Bildquelle rechts: Wikimedia commons).

Das "gebrochene Herz" ist eine Frauenkrankheit

Während Männer hierzulande häufiger einen Herzinfarkt bekommen als Frauen, verhält es sich beim Broken-Heart-Syndrom genau umgekehrt. Vor allem ältere Frauen in der letzten Phase der Wechseljahre, der Postmenopause, entwickeln häufig ein Broken-Heart-Syndrom. "In den westlichen Ländern sind etwa 90 Prozent der Patienten Frauen in der Postmenopause. Man nimmt an, dass die Ursache dafür hormonell bedingt ist", sagt Benjamin Meder. Bis zu den Wechseljahren sind Frauen im Allgemeinen besser vor Herzerkrankungen geschützt als Männer. Dazu tragen die weiblichen Geschlechtshormone (Östrogene) bei, die eine gefäßerweiternde Wirkung haben. Fällt der Östrogenspiegel in den Wechseljahren ab, kann es passieren, dass das Herz besonders empfindlich auf äußere Belastungsfaktoren reagiert.

Ungeklärt ist noch, warum nicht jede ältere Frau, die starkem Stress ausgesetzt ist, ein "gebrochenes Herz" bekommt. Verschiedene Einflüsse werden diskutiert. Einer davon ist die individuelle Reaktion der Herzgefäße auf die Stresshormone: In einer belastenden Situation sind die Stresshormone dazu da, das Herz leistungsfähiger zu machen und schneller schlagen zu lassen. Unter anderem ziehen sich in der Magen-Darm-Gegend die Gefäße zusammen, weil der Körper in der akuten Anspannung keine Magendurchblutung braucht. "Bei Patienten mit Broken-Heart-Syndrom nimmt man an, dass die Herzkranzgefäße unter dem Einfluss von Stresshormonen ähnlich reagieren wie die Gefäße des Magen-Darm-Traktes. Sie ziehen sich so stark zusammen, dass die Blutzufuhr abgeschnürt wird."

Wer einmal ein "gebrochenes Herz" hatte, erkrankt leichter erneut daran, weiß Kardiologe Meder. "Wir haben eine Patientin, die bereits dreimal an einem Broken-Heart-Syndrom erkrankt ist. Schätzungen zufolge erlebt jeder zehnte Patient das Broken-Heart-Syndrom mindestens ein weiteres Mal."

Kein Herzinfarkt = ungefährlich?

Die Tatsache, dass das Broken-Heart-Syndrom kein Herzinfarkt ist, bedeutet nicht, dass es weniger gefährlich ist. Im Gegenteil: Tako-Tsubo ist alles andere als ein Zipperlein. Vor allem die erste Zeit nach dem Ereignis gilt als kritisch. Zu möglichen Komplikationen zählen Herzrhythmusstörungen oder der Herztod aufgrund einer zu schwachen Pumpkraft des Herzens. "In der akuten Phase sterben ungefähr fünf Prozent aller Patienten", erläutert Benjamin Meder. "Ist diese Phase überstanden, ist der Vorteil zum Herzinfarkt, dass die Krankheit meist folgenlos wieder ausheilt." Es dauere meist rund drei Wochen, bis das Herz sich davon erholt habe, manchmal vergingen aber auch zwei Monate. Bei der Behandlung setzen Ärzte vor allem auf ACE-Hemmer, die auch bei Herzschwäche eingesetzt werden. Zusätzlich kommen Betablocker, Plättchenhemmer und Statine infrage.

Weiterführende Informationen

Onmeda-Lesetipps:

Linktipps:

Quellen:

Gespräch vom 7.11.2017 mit Priv.-Doz. Dr. med. Benjamin Meder, Universitätsklinik Heidelberg

Katus, H., Meder, B., Barb, I.: Broken Heart. Wenn Frauenherzen brechen. Ruperto Carola Nr. 10/2017, S. 67-72 (Juli 2017)

Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2017

Tako-Tsubo-Kardiomyopathie. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 14.7.2017)

Clinical Features and Outcomes of Takotsubo (Stress) Cardiomyopathy. The New England Journal of Medicine, Vol. 373, Iss. 10, pp. 929-938 (3.9.2015)



Apotheken-Notdienst