Binge Watching: Machen Serien süchtig?

Veröffentlicht von: Lydia Klöckner (09. August 2017)

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Schauen Sie noch? Echte Serienjunkies kennen diese Frage: Der Video-Streamingdienst Netflix stellt sie jedem, der ohne Pause mehrere Folgen einer Serie geschaut hat und noch immer keine Anstalten macht, endlich abzuschalten. Was treibt Menschen zum "Binge Watching"?

Die nächste Folge beginnt in 3 … 2 …1 … – zu spät! Wieder den Absprung verpasst, den Rückweg in die Realität. Zum dritten, vierten, fünften Mal hat man sich von Netflix die Entscheidung abnehmen lassen und ist für weitere 45 Minuten in irgendeine fiktive Parallelwelt abgetaucht. Der Tag war lang, der Kopf bräuchte eigentlich dringend Ruhe, die Lider sind schwer, und trotzdem zwingt man sich, die Augen offenzuhalten, um noch eine Folge zu gucken ... nur eine einzige noch ... und noch eine.

Statt endlich auf "Stop" zu klicken, starrt man weiterhin wie hypnotisiert auf den Bildschirm. Statt sich endlich ins Bett zu kuscheln, verbringt man lieber noch eine Dreiviertelstunde in der Zombie-Apokalypse, im Mittelalter oder im Krankenhaus – warum nur? Wieso lassen wir uns von Serien derart vereinnahmen, dass wir kaum noch davon loskommen?

"Binge Watching" – in Anlehnung an "Binge Drinking", das englische Wort für Komasaufen – ist ein recht neues Phänomen. Fernsehserien gibt es zwar schon seit Jahrzehnten. (Zu den ersten zählen übrigens "Flipper" und "Lassie".) Allerdings konnte man sich davon immer nur eine einzige Folge pro Tag oder Woche ansehen. Netflix, Amazon Instant Video und Co. warten mit ganzen Serienstaffeln auf – und aus irgendeinem Grund verspüren viele Menschen den unwiderstehlichen Drang, diese in einem Zug zu "suchten". Ganze Feierabende, Nächte, Wochenenden opfern sie für diese ziemlich unproduktive Tätigkeit – und das ist nur eine der vielen Parallelen zwischen Saufen und Seriengucken.

Machen Serien süchtig?

In der Tat diskutieren Psychologen seit einiger Zeit, ob es sich bei dem Binge-Watching-Phänomen um eine echte Sucht handelt. In ihren Verhaltensmustern erinnern manche Serienjunkies ja schon ein wenig an Drogenabhängige: Sie vernachlässigen ihre Pflichten und ihr soziales Umfeld, sie verlieren das Interesse an anderen Hobbies, sie haben das Gefühl, "es nicht lassen zu können" und fühlen sich nach dem Konsum schuldig.

Im Jahr 2013 machte eine Studie Schlagzeilen, laut der exzessives Seriengucken tatsächlich mit der Sucht nach harten Drogen vergleichbar sei. Im Auftrag des Fernsehsenders Fox hatte die deutsche Firma Neuromarketing Labs bekennenden Serienjunkies Ausschnitte aus verschiedenen Serien vorgeführt. Währenddessen maßen die Forscher die Atmung, den Puls sowie den Hautwiderstand der Teilnehmer. Dabei stellte sich heraus, dass die Geschehnisse auf dem Bildschirm bei den Zuschauern körperliche Reaktionen hervorriefen: Ihr Puls und ihre Atmung beschleunigten sich und ihre Haut produzierte mehr Schweiß.

In einem weiteren Experiment bekamen Probanden ihre Lieblingsserie gezeigt – allerdings nur die ersten fünf Minuten davon, danach betätigten die Forscher gemeinerweise die "Stop"-Taste. Auch das quittierten die Teilnehmer mit einer messbaren physischen Reaktion: Ihr Atem stockte, ihre Körpertemperatur sank und sie schwitzten stärker. Ganz ähnliche körperliche Regungen seien bei Opiatsüchtigen zu beobachten, hatte damals der Neurowissenschaftler und Studienleiter Dr. Kai-Markus Müller zu Spiegel Online gesagt.

Heißt das nun, dass der Körper nach Serien genauso abhängig wird wie von Heroin und anderen Opiaten? Nein. Mal abgesehen davon, dass die Methodik dieser Studie aus verschiedenen Gründen kritikwürdig war (und die Studiendaten im Übrigen nie vollständig veröffentlicht wurden), geben die Ergebnisse allenfalls Aufschluss über die kurzfristigen körperlichen Auswirkungen eines (plötzlichen) Serienentzugs.

Ein "echter" Drogenentzug dauert – sofern er überhaupt gelingt – Wochen. Den Betroffenen stockt auch nicht nur ein kurz der Atem, sondern sie leiden tagelang unter Krämpfen, Schüttelfrost, Fieber, Durchfall und Herzrasen, fühlen sich erschöpft und können nicht schlafen.

Von körperlicher Abhängigkeit kann also definitiv nicht die Rede sein. Psychologen vermuten, dass es für den "Suchtfaktor" vieler Serien einen ganz anderen Grund gibt: Sie befriedigen das zutiefst menschliche Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit. Für 20 bis 45 Minuten darf sich der Zuschauer im Kreise einer fiktiven Clique oder Familie geborgen fühlen – ohne sich dafür verstellen oder anstrengen zu müssen.

Serien als Ersatzfamilie oder Realitätsflucht

"Social Surrogate Hypothesis", auf Deutsch "Sozialersatz-Hypothese", nennen Sozialpsychologen diese Idee. Ausreichend belegt ist sie bisher noch nicht. Es gibt aber einige Studien, die daraufhin deuten, dass Menschen sich eher zu einem Serienmarathon hinreißen lassen, wenn sie sich einsam und deprimiert fühlen. Einige Psychologen vermuten, dass der Anblick einer vertrauten (wenn auch fiktiven) Gemeinschaft dieses Gefühl des mangelnden sozialen Rückhalts ein Stück weit kompensieren kann.

Andere gehen eher davon aus, dass "Eskapismus" dahintersteckt: Wer sich deprimiert und einsam fühlt, flüchtet sich in eine fiktive Welt, um sich nicht mit seiner Traurigkeit, seinem Stress und seinen Problemen beschäftigen zu müssen.

Dafür sprechen auch die Ergebnisse einer Umfrage, die der Streaming-Dienst Netflix im November 2013 durchführen ließ. Rund 3.000 US-Amerikaner sollten angeben, wie häufig sie Serien schauten, und wieso. Das Ergebnis: Etwa die Hälfte der Befragten gab an, mindestens einmal pro Woche Serien zu schauen, und zwar am liebsten mehrere Folgen hintereinander. Rund drei Viertel dieser Serienfans gaben an, Binge Watching als "willkommene Flucht vor ihrem hektischen Leben" zu empfinden.

Der "Play"-Button scheint für viele Menschen eine Art "Pause"-Button der Realität zu sein. Wie sich das auf die Psyche auswirkt, ist unter Psychologen umstritten. Die Psychologieprofessorin Elizabeth Cohen von der West Virginia University veröffentlichte im Frühjahr dieses Jahres einen Essay, in dem sie die Anti-Stress-Wirkung von Serien bejubelte: "Was gibt es Entspannenderes als vier (oder sieben) Episoden von House of Cards" am Stück zu schauen?", schrieb sie provozierend. Der Begriff "Binge" sei so abwertend und negativ. Dabei könne eine gut gemachte Serie Menschen zu einem freudigen "Flow-Erlebnis" verhelfen, also dem Gefühl, komplett in eine Geschichte einzutauchen – ebenso wie ein gutes Buch.

Zum Stressabbau sind Serien nicht ideal

Viele Menschen würden ihr wohl aus eigener Erfahrung beipflichten: Nach einem nervenzehrenden Arbeitstag wünscht man sich zuweilen nichts sehnlicher, als sich per Mausklick in eine urige New Yorker Kneipe oder eine verrückte Nerd-WG beamen zu lassen. Zu echter Entspannung verhilft das reglose Herumsitzen vor dem Bildschirm aber wohl nicht. Zum Stressabbau benötigen Körper und Geist vor allem Bewegung – erst recht, wenn man eh bereits den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen hat.

Außerdem birgt die Realitätsflucht natürlich auch ein Risiko. Wer sich in einsamen Momenten gleich Trost bei seinen Bildschirm-Freunden sucht, besiegelt seine soziale Isolation, weil er anderen Menschen überhaupt nicht die Chance gibt, mit ihm in Kontakt zu kommen. Wer sich ständig in eine Parallelwelt flüchtet, kann seine realen Probleme nicht lösen.

Übrigens legt eine Studie niederländischer und deutscher Forscher nahe, dass es gestressten Menschen, die ihren Beruf als sehr belastend empfinden, besonders schwerfällt, beim Fernsehen zu entspannen. Sie tendieren offenbar dazu, sich beim Fernsehen schuldig zu fühlen und dieses eher als Prokrastination ("Aufschieberitis") wahrzunehmen. Die erhoffte, erholsame Wirkung scheint hingegen vor allem jenen vorbehalten zu sein, die ihren Alltag als weniger belastend empfinden, die Erholung also eigentlich gar nicht so nötig haben. Das Leben ist ungerecht? Höchste Zeit für die nächste Folge ...

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

Kinder und Medien: Wie viel, wie lange und was?
Stressabbau: Entspannungstechniken für den Feierabend
Internetsucht: Ursachen, Therapie, Symptome

Quellen:

Cohen, E.: What’s behind TV bingeing’s bad rap? Online-Publikation auf theconversation.com (April 2017)

Reinecke, L., et al.: The Guilty Couch Potato: The Role of Ego Depletion in Reducing Recovery Through Media Use. Journal of Communication, Nr. 64, Bd. 4 (Juni 2014)

Pressemitteilung des Streaming-Dienstes Netflix: Netflix Declares Binge Watching is the New Normal, Stand: 13.12.2013

Pressemitteilung der Firma Neuromarketing Lab: Was passiert im Körper, während die Lieblingsserie läuft?, Stand: Dezember 2013

Derrick, J. L. et al.: Social surrogacy: How favored television programs provide the experience of belonging. Journal of Experimental Social Psychology, Nr. 45, Bd. 2, S. 352-362 (Februar 2009)

Greenwood, D. N.: Television as escape from self: Psychological predictors of media involvement. Personality and Individual Differences, Nr. 44, Bd. 2, S. 414-424 (Januar 2008)



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