Aktivkohle: Macht das schwarze Pulver wirklich schön und gesund?

Veröffentlicht von: Lydia Klöckner (18. August 2017)

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Wieder einmal hat die Wellnessindustrie eine neue Wunderzutat für sich entdeckt: Aktivkohle. Seit Jahrzehnten kommt das poröse Material in Trinkwasserfiltern und Belüftungsanlagen zum Einsatz. Doch taugt es auch zur Reinigung von Haut und Zähnen, sogar zur "Entgiftung" des Körpers?

Früher waren Cremes, Gesichtsmasken und Zahnpasta weiß. Das war vertrauenserweckend: Da wirkten Zähne und Haut gleich viel reiner, schon während der Anwendung. Leider ist der Werbebranche das wohl mittlerweile zu naheliegend und langweilig geworden. Weiß ist jedenfalls out. Im Bad trägt man jetzt schwarz.

"Aktivkohle" heißt das neue, vermeintliche Wunder-Pulver, das neuerdings in allen möglichen Schönmach-Mitteln steckt: Cremes, Peelings, Zahncremes, Shampoos. Wer "schwarze Maske" bei Google sucht, bekommt nicht etwa Fotos von Gangstern mit Sturmmaske zu sehen, sondern hübsche junge Frauen, die sich selig lächelnd pechschwarze, folienartige Fetzen von Nase und Kinn pellen: Aktivkohle-"Peel-off"-Masken, die die Poren angeblich höchst effektiv von Mitessern und Umweltgiften befreien.

Auch Lebensmittelhersteller scheuen sich nicht vor dem schwarzen Pulver. Kohle-Säfte, Kohle-Smoothies, Kohle-Wasser, Kohle-Croissants: Ja, all das gibt es tatsächlich längst zu kaufen. Die Smoothie-Firma Detox Delight wirbt für seine "Black Detox Lemonade": "Aktivkohle ist das Beauty-Secret du jour. Kein Wunder, denn dieser tiefschwarze Anti-Ageing-Helfer bindet Gifte, Gase und Säuren wie ein Schwamm und verhindert so deren Aufnahme in die Zellen."

Stimmt das? Macht Aktivkohle wirklich schön, sauber und gesund?

Aktivkohle, ein uraltes Reinigungsmittel

Kohle kennt jeder, zumindest in Form der schwarzen Klumpen, mit denen man den Grill beheizt. Aktivkohle besteht aus dem gleichen Material, nämlich aus Kohlenstoff. Doch im Gegensatz zur handelsüblichen Holzkohle ist Aktivkohle poröser.

Mithilfe bestimmter Verfahren können Chemiker die molekulare Struktur der Kohle verändern und sie in eine Art pulverförmigen Super-Schwamm verwandeln. Dabei wird sie so löchrig, dass die "innere Oberfläche" eines Gramms bis zu 1.500 Quadratmeter groß sein kann.

An dieser inneren Oberfläche – also an den Wänden der Löcher – können sich Schmutzpartikel ablagern. Deshalb eignet sich Aktivkohle hervorragend, um Abwasser zu reinigen und Trinkwasser von Bakterien, Fetten, Schwermetallen und anderen unerwünschten Stoffen zu befreien. Auch in Belüftungsanlagen kommen Aktivkohlefilter zum Einsatz, weil sie unter anderem Abgase, Chlor und verschiedenste Geruchsstoffe aus der Luft entfernen.

Anwendung in der Medizin

In der Medizin findet Aktivkohle bereits seit Jahrzehnten Anwendung, zum Beispiel als Mittel gegen akute Vergiftung. Im besten Fall kann das Pulver das Gift einfangen und daran hindern, über die Darmwand ins Blut zu gelangen.

Denn die Aktivkohle verfügt nicht nur über eine große innere Oberfläche, diese hat auch ein hohes Adsorptionsvermögen. Das heißt, die Toxine bleiben gewissermaßen an ihr kleben, anstatt mit dem Körper zu interagieren.

Diese Eigenschaft macht die Aktivkohle auch für die Kosmetik- und Wellnessindustrie interessant. Schon seit Jahren macht sie sich die Angst vieler Menschen vor "Toxinen" und "Schlacken" im Körper zunutze und bringt immer neue "Detox"-Produkte auf den Markt. Doch bisher konnten die Firmen für keines dieser Mittel ausreichende, wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweise anführen.

Aktivkohle hat da einen Glaubwürdigkeits-Vorteil: Ihre giftaufsaugende Wirkung ist lange bekannt und erwiesen.

Aktivkohle in Zahncreme und Kosmetik

Das gilt allerdings für pure Aktivkohle. Zahncremes enthalten in der Regel zahlreiche andere Substanzen. Daher stellt sich die Frage, ob das Pulver seine reinigende Wirkung auch in Kombination mit all diesen Stoffen entfalten kann. Die Zeitschrift Ökotest wandte sich mit dieser Frage vor rund zwei Jahren an die Zahnmedizinerin Prof. Carolina Ganß. Sie antwortete: "Aktivkohle ist ja relativ reaktiv – ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht mit den vielen Inhaltsstoffen einer Zahncreme reagiert."

Auch Kosmetika enthalten nicht nur Aktivkohle, sondern auch noch weitere Inhaltsstoffe wie Öle und Aromen. Womöglich sind die Poren der Aktivkohle mit all diesen Substanzen schon so verstopft, dass sie gar keine Kapazitäten haben, um die Poren des Anwenders zu ent-stopfen.

Detoxen mit Aktivkohle?

Und was ist mit dem Rest des Körpers? Kann man mit Aktivkohle all die Schlacken und Toxine aus dem Darm schrubben, die sich dort dank Fast Food und Fertigkost gesammelt haben?

Die gute Nachricht: Das ist im Grunde gar nicht notwendig. Im Darm setzen sich in der Regel keine Schadstoffe fest. Normalerweise gelangen diese durch die Darmwand ins Blut, welches sie zu den beiden Entgiftungsorganen des Körpers transportiert: zu den Nieren und zur Leber. Mit ihrer Hilfe reinigt der Körper sich permanent selbst, dazu braucht er keinen Aktivkohlefilter. 

Wenn ein Mensch über Jahre hinweg Schadstoffe zu sich nimmt, kann es passieren, dass sich unerwünschte Stoffe im Körper anreichern. Eine Studie des Umweltbundesamtes hat zum Beispiel ergeben, dass einige Kinder zu hohe Konzentrationen von Weichmachern in sich tragen. Auch Schwermetalle können sich im Körper sammeln. Allerdings geschieht dies in der Regel nicht im Darm, sondern in der Leber und im Fettgewebe – und dort kommt man mit Aktivkohle nicht hin.

Ob es Sinn ergibt, Aktivkohlepulver zu schlucken, ist also überaus fraglich. Und für Menschen, die Arzneimittel einnehmen, birgt es sogar Risiken: Da Aktivkohle so unspezifisch wirkt, saugt sie nicht nur Gifte und Schadstoffe auf, sondern auch medizinische Wirkstoffe.

Wer die Pille mit einem schwarzen Smoothie herunterspült, riskiert also unter Umständen eine ungewollte Schwangerschaft. Und auch Antibiotika können ihre Wirkung verlieren, wenn man sie zusammen mit Aktivkohle einnimmt.

Um das zu verhindern, müsste man die Aktivkohle mit einer speziell beschichteten Kapsel umschließen, die sich erst im Darm öffnet. Eine solche Kapsel hat gerade ein Forscherteam um den französischen Mikrobiologen Dr. Jean de Gunzburg entwickelt. Doch die Säfte auf dem Markt enthalten in der Regel normales Aktivkohlepulver und sollten daher nicht mit Arzneien kombiniert werden.

Fazit:
Wer sich in schwarz schöner findet, kann sich getrost mit Aktivkohle einschmieren. Eine nachhaltigere Wirkung darf man sich von schwarzer Kosmetik allerdings wahrscheinlich nicht erhoffen. Auch Lebensmittel mit Aktivkohle sind ihr Geld wohl nicht wert. Keinesfalls sollte man sie trinken oder essen, wenn man Medikamente einnehmen muss.

Weitere Informationen:

Onmeda-Lesetipps

Unreine Haut: Ursachen & Pflege
Mitesser: Entstehung & Vorbeugung

Quellen:

Gunzburg, J., et al.: Activated charcoal drug can protect microbiome from antibiotics. Online-Publikation des New Scientist: www.newscientist.com (14.8.2017)

Felixberger, J.: Chemie für Einsteiger. Springer, Berlin 2017

Detox: Der Mythos vom Entgiften. Online-Informationen von Medizin-Transparent.at: www.medizin-transparent.at (Stand: 21.3.2017)

Charcoal, Activated (Oral Route). Online-informationen der Mayo Clinic: www.mayoclinic.org (Stand: 1.3.2017).

Schwarz ist das neue Weiß. Öko-Test Nr. 1, S. 80-94 (Januar 2016)

Bertau, M., et al.: Industrielle Anorganische Chemie. Wiley, Weinheim 2013

Deutsche Umweltstudie zur Gesundheit "Kinder-Umwelt-Survey (KUS)" 2003/06: Human-Biomonitoring – Untersuchungen auf Phthalat- und Phenanthrenmetabolite sowie Bisphenol A
. Heft Umwelt & Gesundheit Nr. 4 (Juli 2009)




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