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EHEC-Infektion: Fragen & Antworten

Veröffentlicht von: Dr. rer. nat. Geraldine Nagel (08. Dezember 2011)

© Jupiterimages/iStockphoto

Vor allem in Norddeutschland, aber auch in anderen Teilen Deutschlands, kam es 2011 in den Monaten Mai bis Juli immer wieder zu Erkrankungen durch EHEC. Ungewöhnlich war hierbei die hohe Zahl an schweren Verläufen. 53 Menschen verstarben an den Folgen der Infektion. Im Juli erklärte das Robert Koch-Institut den Ausbruch offiziell für beendet.

EHEC-Bakterien können beim Menschen zu blutigen Durchfällen und Komplikationen wie Nierenversagen führen. In der Regel verlaufen die meisten EHEC-Infektionen jedoch ohne Symptome und bleiben dadurch oft unbemerkt.

Während EHEC-Infektionen normalerweise vor allem bei Kindern auftreten, waren bei dem aktuellen EHEC-Ausbruchvor allem Erwachsene und insbesondere Frauen betroffen. Die sonst häufigste Ursache – kontaminiertes rohes Fleisch – schien nicht als Infektionsquelle infrage zu kommen, ebenfalls eher ungewöhnlich für EHEC-Infektionen.

Lag anfangs der Verdacht auf rohen Blattsalaten, Gurken und Tomaten, zeigte sich schließlich, dass die Ursache für die EHEC-Infektionen in Deutschland offenbar Gemüse-Sprossen und Keimlinge von einem Hof in Niedersachsen waren – entsprechende Produkte wurden sofort zurückgezogen. Besonders unter Verdacht standen die Sprossenarten Brokkoli, Knoblauch und Bockshornklee.

Auch in anderen Ländern kam es vereinzelt zu EHEC-Fällen. Bei den meisten Patienten ließ sich jedoch nachweisen, dass sie sich in Deutschland über mit EHEC-verunreinigte Sprossen angesteckt hatten.

Bei EHEC-Fällen im französischen Bordeaux hatten sich die Patienten ebenfalls über Sprossen infiziert. Auf diesen Sprossen stellten Experten denselben EHEC-Stamm (O104:H4) fest, der die Erkrankungswelle in Deutschland auslöste. Allerdings stammten diese Sprossen nicht von dem Hof in Niedersachsen, von dem in Deutschland die EHEC-Fälle ausgingen.

Man sieht ein Biohazard-Schild mit dem Schriftzug EHEC. © Jupiterimages/iStockphoto

Im Frühsommer 2011 kam es in Deutschland zu zahlreichen EHEC-Fällen.

Experten versuchten deshalb zu klären, woher die Samen für die Sprossen stammten, die für die deutschen und französischen EHEC-Fälle verantwortlich waren. Es zeigte sich schließlich, dass Bockshornkleesamen aus Ägypten die EHEC-Welle auslösten. Da Sprossensamen häufig als Mischung verkauft werden, könnten die Bockshornkleesamen beim Abfüllen der Mischungen auch andere Sprossensamen mit EHEC-Bakterien kontaminiert haben.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfahl deshalb, auf rohe Sprossen und Keimlinge zu verzichten, auch wenn diese selbstgezogen waren, da man befürchtete, dass weiterhin kontaminierte Samen im Umlauf sein könnten. Da die Quelle der EHEC-Erkrankungen inzwischen geklärt wurde und der EHEC-Ausbruch als beendet gilt, gab das BfR für den Verzehr von Sprossen in Deutschland wieder grünes Licht. Personen mit geschwächtem Immunsystem empfiehlt das BfR dennoch, Sprossen vor dem Verzehr möglichst ausreichend zu erhitzen. Rohe Sprossen solle man gründlich waschen und rasch verzehren. So kann eine eventuelle Keimbelastung verringert werden.

Wir haben die häufigsten Fragen zum Thema EHEC und ihre Antworten für Sie zusammengestellt.

1. Was ist EHEC?
2. Was für Symptome treten bei einer EHEC-Infektion auf?
3. Wie lange ist die Inkubationszeit?
4. Wie kann man sich mit EHEC anstecken?
5. Wie lange ist man ansteckend?
6. Wer erkrankt durch EHEC-Bakterien?
7. Wann sollte man zum Arzt gehen?
8. Wie behandelt man eine EHEC-Infektion?
9. Wie können Sie einer EHEC-Infektion vorbeugen?

1. Was ist EHEC?

Die Abkürzung EHEC steht für enterohämorrhagische Escherichia coli. Das sind Bakterien, die beim Menschen zu teilweise blutigem Durchfall und in einigen Fällen zum sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) – einer lebensbedrohlichen Komplikation – führen können.

Bakterien der Art Escherichia coli (E. coli) sind in der Regel harmlose Darmbakterien, die auch natürlicherweise im Darm vorkommen. EHEC-Bakterien produzieren jedoch Zellgifte (sog. Shigatoxine), die zu den Krankheitsbeschwerden führen.

Forscher des chinesischen Beijing Genomic Institute identifizierten gemeinsam mit Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) den genauen Bakterienstamm, der für die derzeitigen Erkrankungen verantwortlich ist. Dabei handelte es sich um eine Variante des Bakteriums Escherichia coli, die bis Frühjahr 2011 noch nicht im Rahmen eines EHEC-Ausbruchs aufgetreten war. Der wissenschaftliche Name für diesen Bakterienstamm lautet E. coli O104:H4

Warum machen Shigatoxine krank?

Das Innere der Blutgefäße ist mit einer speziellen Schicht ausgekleidet, dem Endothel. Vor allem auf den Endothelzellen in kleinen Blutgefäßen findet man eine bestimmte Art von Rezeptoren. Diese Rezeptoren dienen den Shigatoxinen als Bindestellen, mit deren Hilfe sie in die Endothelzellen der Blutgefäße eindringen können. Das verändert die Endothelzellen – und das Immunsystem reagiert, indem es Immunzellen losschickt, welche die veränderten Endothelzellen zerstören. Auf diese Weise entstehen viele kleine Blutgerinnsel. Das passiert besonders in den Nieren, genauer gesagt in den winzigen kapillären Gefäßknäulen (den sog. Glomeruli), die hier in großer Zahl vorkommen. Das fügt der Niere und ihrer Funktionsfähigkeit Schaden zu, denn in der Niere tragen die Endothelzellen besonders viele dieser Rezeptoren. Als Folge kommt es bei den Betroffenen neben blutigem Durchfall zum hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), bei dem die Nieren versagen und sich die roten Blutkörperchen zersetzen. Letzteres führt zur Blutarmut.

Das natürliche Reservoir für EHEC-Bakterien sind Wiederkäuer, also zum Beispiel Nutztiere wie Rinder. Im Unterschied zum Menschen werden sie durch EHEC-Bakterien und ihre Toxine jedoch nicht krank. Das liegt daran, dass Wiederkäuern die speziellen Rezeptoren fehlen, die das Shigatoxin nutzt, um in die Endothelzellen einzudringen. Deshalb können EHEC-Bakterien bei Wiederkäuern wie ganz normale Darmbakterien als Teil der Darmflora existieren und mit dem Stuhl ausgeschieden werden.

2. Was für Symptome treten bei einer EHEC-Infektion auf?

Eine Infektion mit EHEC-Bakterien äußert sich bei den meisten Betroffenen durch wässrigen, unblutigen Durchfall. Oft treten gleichzeitig auch Übelkeit, Erbrechen, stärker werdende Bauchschmerzen und manchmal leicht erhöhte Temperatur auf.

Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Erkrankten bildet sich eine schwere Verlaufsform der EHEC-Infektion aus, bei der es zu blutigem Durchfall, kolikartigen Bauchschmerzen und teilweise auch Fieber kommt.

Etwa 5 bis 10 Prozent der Betroffenen mit blutigem Durchfall entwickeln im Laufe der Erkrankung eine lebensbedrohliche Komplikation, das sogenannte hämolytisch-urämische Syndrom (HUS). Als Folge des HUS kann es zu akutem Nierenversagen, Blutarmut und einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) kommen. Die HUS-Beschwerden treten im Durchschnitt meist sieben Tage nach den ersten Durchfall-Symptomen auf. Von diesem schweren Verlauf sind normalerweise vor allem Kinder betroffen.

In den meisten Fällen treten bei einer EHEC-Infektion jedoch keinerlei Beschwerden auf – die Infektion bleibt dadurch oft unbemerkt.

3. Wie lange ist die Inkubationszeit?

Bis nach einer Infektion mit EHEC-Bakterien die ersten Symptome auftreten (Inkubationszeit), vergehen meist drei bis vier Tage, manchmal auch zwei bis zehn Tage.

4. Wie kann man sich mit EHEC anstecken?

Natürliches Reservoir für EHEC-Bakterien sind vor allem Wiederkäuer (z.B. Rinder, Schafe, Ziegen, Rehe, Hirsche). Sie erkranken selbst nicht durch die EHEC-Bakterien, scheiden diese aber mit dem Kot aus. Aber auch infizierte Menschen können die Krankheit übertragen.

Normalerweise ist eine Ansteckung mit EHEC-Bakterien unter anderem auf folgenden Wegen möglich:

  • Durch kontaminierte Lebensmittel, vor allem rohes Fleisch und rohe Milch.
  • Auch ungewaschenes Gemüse oder Salat können zu EHEC-Infektionen beim Menschen führen, etwa wenn bei der Düngung Kot von EHEC-tragenden Nutztieren verwendet wurde.
  • Durch Kontakt zu Menschen, die mit EHEC-Bakterien infiziert sind. In der Regel geschieht dies durch Schmierinfektionen, etwa von Hand zu Hand, wenn erkrankte Betroffene sich nach dem Toilettengang nicht die Hände waschen. Durch unzureichende Händehygiene können erkrankte Personen so z.B. auch Lebensmittel kontaminieren und die EHEC-Bakterien weiter verbreiten.
  • Durch Kontakt zu Nutztieren, die EHEC-Bakterien ausscheiden.
  • Durch Baden in Gewässern, die mit EHEC-Bakterien kontaminiert sind.

Bei den EHEC-Fällen in Deutschland waren mit EHEC-verunreinigte Gemüse-Sprossen und Keimlinge von einem Hof in Niedersachsen der Auslöser für die Erkrankungswelle – die eigentliche Ursache waren jedoch kontaminierte Bockshornkleesamen aus Ägypten.

5. Wie lange ist man ansteckend?

Wie lange EHEC-Infizierte ansteckend sind, ist sehr verschieden. Die Ansteckungsgefahr kann von einigen Tagen bis zu mehreren Monaten dauern und kann auch bestehen, wenn der Betroffene keine Symptome zeigt.

6. Wer erkrankt durch EHEC-Bakterien?

Durch EHEC-Bakterien erkranken in der Regel vor allem Kinder, Senioren und Personen mit geschwächtem Immunsystem. Dass wie bei den aktuellen Krankheitsfällen insbesondere Erwachsene betroffen sind, ist eigentlich eher ungewöhnlich.

7. Wann sollte man zum Arzt gehen?

Wer an Durchfall erkrankt, sollte nicht gleich in Panik ausbrechen, dass er möglicherweise eine EHEC-Infektion hat. Sie sollten jedoch in jedem Fall einen Arzt aufsuchen, wenn

  • der Durchfall nicht blutig ist, aber länger als drei Tage dauert.
  • der Durchfall blutig ist. Dann sollten Sie die Ursache so rasch wie möglich ärztlich abklären lassen.

Bei Kindern sollten Sie generell bei folgenden Durchfall-Beschwerden möglichst rasch einen Arzt aufsuchen,

  • wenn das Kind Blut im Stuhl beziehungsweise blutigen Durchfall hat.
  • altersabhängig:
    • wenn ein Baby innerhalb von 24 Stunden mehr als viermal Durchfall hat.
    • wenn ein Kleinkind innerhalb von 24 Stunden mehr als sechsmal Durchfall hat.
    • wenn ein Schulkind innerhalb von 24 Stunden mehr als acht- bis zehnmal Durchfall hat.

8. Wie behandelt man eine EHEC-Infektion?

Medikamente zur Abtötung der Bakterien (wie Antibiotika) kommen bei einer EHEC-Infektion normalerweise nicht zum Einsatz, da sich diese ungünstig auf die Erkrankung auswirken können: Eine antibakterielle Behandlung kann zum einen dazu führen, dass die Bakterien noch mehr Zellgift produzieren und der Betroffene zum anderen die Bakterien noch länger mit dem Stuhl ausscheidet. Bei Personen, die durch EHEC-Bakterien erkrankt sind, behandelt man deshalb vor allem die Symptome, das heißt, es werden vor allem Elektrolyte und Flüssigkeit ersetzt.

Komplikation HUS

Betroffene, bei denen es zur lebensbedrohlichen Komplikation HUS (hämolytisch-urämisches Syndrom) gekommen ist, benötigen in der Regel eine intensivmedizinische Betreuung.

Je nachdem, wie schwer der Verlauf ist, kann eine Form der Blutwäsche, die Plasmapherese notwendig sein. Diese soll die toxischen EHEC-Produkte aus dem Blut filtern und dem Patienten so helfen. Bei der Plasmapherese wird das Blutplasma des Patienten durch Spenderplasma ersetzt.

Als vielversprechend scheint sich eine Therapie mit dem Wirkstoff Eculizumab zu erweisen. Er verhindert eine spezielle Form der Immunantwort (die Aktivierung des Komplementsystems) und kann so offenbar das HUS stoppen.

9. Wie können Sie einer EHEC-Infektion vorbeugen?

EHEC-Bakterien werden vor allem durch kontaminiertes rohes Fleisch oder rohe Milch übertragen. In einzelnen Fällen können auch kontaminierte und ungewaschene rohe Lebensmittel wie Salat und Gemüse zu Erkrankungen führen. Eine weitere wichtige Infektionsquelle sind infizierte Personen, die den Erreger mit dem Stuhl ausscheiden.

Um das Risiko einer EHEC-Infektion zu minimieren, sollten Sie auf folgende Maßnahmen achten:

  • Das krankmachende Zellgift der Bakterien wird durch Erhitzen (mind. 70 °C für 10 min) unschädlich. Erhitzen Sie daher Lebensmittel wie rohes Fleisch vor dem Verzehr ausreichend.
  • Erhitzte Milch (also ultrahocherhitzte oder pasteurisierte Milch) stellt keine Gefahr dar. Rohmilch, wie man sie frisch vom Bauern bekommt, könnte jedoch Krankheitserreger enthalten.
  • Beim Zubereiten von rohen tierischen Lebensmitteln (wie Fleisch, Rohmilch, Eiern) ist ebenfalls auf verschiedene Hygiene-Regeln zu achten:
    • Utensilien, die z.B. mit rohem Fleisch in Kontakt gekommen sind, sollten nicht für die Zubereitung von Salat oder Nachspeisen verwendet werden. Nehmen Sie hierfür entweder neue Messer/Schneidebrettchen oder spülen Sie diese vorher gründlich.
    • Waschen Sie sich nach dem Kontakt zu rohem Fleisch oder roher Milch die Hände.
  • Waschen Sie rohes Gemüse oder Salat vor dem Verzehr gründlich.
  • Waschen Sie sich grundsätzlich vor dem Zubereiten von Lebensmitteln und auch vor deren Verzehr die Hände.
  • Prinzipiell sollte man sich aus hygienischen Gründen nach jedem Toilettengang die Hände waschen, das gilt umso mehr, wenn man bereits an Durchfall erkrankt ist. So verringern Sie das Risiko, dass Sie andere Menschen über Schmierinfektionen anstecken.

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