DNA-Viren: Herpesviren (Herpesviridae)

Veröffentlicht von: Dr. rer. nat. Geraldine Nagel (14. April 2011)

Zu den DNA-Viren zählt auch die Familie der Herpesviren (Herpesviridae). Herpesviren besitzen eine doppelsträngige DNA, die von einem kubischen Kapsid geschützt wird. Zusätzlich umgibt eine Hülle das Kapsid. Herpesviren sind bei Mensch und Tier weltweit verbreitet. Sie werden durch Tröpfcheninfektion (z.B. Sprechen, Husten, Niesen) sowie direkte (z.B. durch Küssen, Geschlechtsverkehr) oder indirekte Schmierinfektionen (z.B. Hände, Trinken aus demselben Glas) übertragen. Auch eine Übertragung von der Mutter auf das Kind während der Geburt ist möglich.

Nach einer Erstinfektion verbleiben die Herpesviren in der Regel passiv im Körper und können nach unterschiedlich langen Zeiträumen (manchmal erst Jahre später) reaktiviert werden. Erst in dieser aktiven Phase kommt es zu den Symptomen der jeweiligen Erkrankung.

Man sieht die schematische Darstellung eines Herpesvirus. © LifeART image/2001/ Lippncott Williams & Wilkins all rights rese

Bei Herpesviren ist das Kapsid von einer Hülle umgeben.

Bei der Familie der Herpesviren lassen sich drei Unterfamilien (Subfamilien) unterscheiden:

  • Alphaherpesviren (Alphaherpesvirinae)
  • Betaherpesviren (Betaherpesvirinae)
  • Gammaherpesviren (Gammaherpesvirinae)

Gattungen und Arten der Herpesviren, die beim Menschen zu Erkrankungen führen

Art Gattung Unterfamilie Familie
Herpes-simplex-Virus 1 (HSV 1, HHV* 1) Simplexvirus Alphaherpesviren (Alphaherpesvirinae) Herpesviren (Herpesviridae)
Herpes-simplex-Virus 2 (HSV 2, HHV 2)> Simplexvirus Alphaherpesviren (Alphaherpesvirinae) Herpesviren (Herpesviridae)
Varicella-Zoster-Virus (HHV 3) Varicellavirus Alphaherpesviren (Alphaherpesvirinae) Herpesviren (Herpesviridae)
Zytomegalievirus (HHV 5) Zytomegalievirus Roseolovirus Betaherpesviren (Betaherpesvirinae) Herpesviren (Herpesviridae)
Humanes Herpesvirus 6 (HHV 6) Zytomegalievirus Roseolovirus Betaherpesviren (Betaherpesvirinae) Herpesviren (Herpesviridae)
Humanes Herpesvirus 7 (HHV 7) Zytomegalievirus Roseolovirus Betaherpesviren (Betaherpesvirinae) Herpesviren (Herpesviridae)
Epstein-Barr-Virus (HHV 4) Lymphokryptovirus Rhadinovirus Gammaherpesviren (Gammaherpesvirinae) Herpesviren (Herpesviridae)
Humanes Herpesvirus 8 (HHV 8) Lymphokryptovirus Rhadinovirus Gammaherpesviren (Gammaherpesvirinae) Herpesviren (Herpesviridae)

* HHV = humanes Herpesvirus

Alphaherpesviren (Alphaherpesvirinae)

Aus der Unterfamilie der Alphaherpesviren (Alphaherpesvirinae) führen beim Menschen vor allem Viren der Gattungen Simplexvirus und Varicellavirus zu Erkrankungen.

Das Herpes-simplex-Virus vom Typ 1 (HSV 1) ist der Erreger des Lippenherpes (Herpes labialis). Man geht davon aus, dass weltweit bis zu 90 Prozent der Bevölkerung bereits seit ihrer Kindheit mit HSV 1 infiziert sind. Die erste Infektion verläuft häufig ohne Symptome und bleibt deswegen meist unbemerkt. Später kommt es nur bei rund 30 Prozent der Infizierten regelmäßig zu neuen Ausbrüchen von Lippenherpes mit den typischen Lippenbläschen.

Das Herpes-simplex-Virus Typ 1 kann durch Tröpfcheninfektion oder Schmierinfektion übertragen werden. Der Erreger infiziert zunächst Haut- und Schleimhauttzellen im Mundbereich. Von dort gelangt das Virus in die für diesen Hautbereich zuständigen Nervenzellen und schließlich in die zugehörigen Nervenknoten (Ganglien). Dort verbleiben sie lebenslang – auch nach einer überstandenen Erkrankung – und gehen in einen passiven Zustand über. Verschiedene Faktoren können das Herpes-simplex-Virus 1 reaktivieren und zu einem erneuten Krankheitsausbruch führen, so zum Beispiel:

Das Herpes-simplex-Virus Typ 2 (HSV 2) ist der Erreger des Genitalherpes (Herpes genitalis). Das Virus wird hauptsächlich durch sexuelle Kontakte übertragen. Man schätzt, dass in Mitteleuropa etwa 15 Prozent der Bevölkerung mit HSV 2 infiziert sind. Das Virus dringt über die Schleimhautzellen des Genitalbereichs in den Körper ein und verbleibt dann ebenfalls lebenslang in den zugehörigen Nervenknoten. Es kann durch dieselben Faktoren wie HSV 1 wieder aktiviert werden und zu einem Krankheitsausbruch führen.

Das Varicella-Zoster-Virus – der Erreger der Windpocken und der Gürtelrose (Zoster) – ist weltweit verbreitet. Das hochansteckende Virus wird sowohl durch den direkten Kontakt mit dem Inhalt der infektiösen Hautbläschen übertragen als auch durch die Luft per Tröpfcheninfektion. Man schätzt, dass bis zu 90 Prozent der Bevölkerung mit dem Varicella-Zoster-Virus infiziert sind.

Wie bei HSV 1 und 2 verbleibt das Virus nach der ersten Infektion lebenslang im Körper und kann danach erneut zu Beschwerden führen. Die Erstinfektion äußert sich in der Regel in Form von Windpocken. Jahre später kann es zu Rückfällen kommen, die sich bei Erwachsenen meist in Form einer Gürtelrose (Zoster) äußern.

Betaherpesviren (Betaherpesvirinae)

Für den Menschen sind bei den Betaherpesviren (Betaherpesvirinae) vor allem die Gattungen Zytomegalievirus und Roseolovirus von Bedeutung.

Eine Infektion mit dem Zytomegalievirus bleibt meist unbemerkt. Man geht davon aus, dass weltweit 50 bis 80 Prozent aller Erwachsenen das Virus in sich tragen. Nach der Infektion verbleibt das Zytomegalievirus lebenslang im Körper und kann reaktiviert werden, wenn das Immunsystem geschwächt ist. Die Zytomegalie kann vor allem für abwehrgeschwächte Personen oder Neugeborene bedrohlich werden.

Das humane Herpesvirus Typ 6 (HHV 6) ist der Erreger des sogenannten Dreitagefiebers (Exanthema subitum), einer harmlosen Virusinfektion im Kindesalter. Das Virus gehört zur Gattung der Roseoloviren, wird durch Speichel beziehungsweise Tröpfcheninfektion übertragen und ist bereit bei Kleinkindern weit verbreitet: Schätzungen zufolge sind circa 95 Prozent aller Dreijährigen mit dem humanen Herpesvirus 6 infiziert.

Gammaherpesviren (Gammaherpesvirinae)

Zu den Gammaherpesviren (Gammaherpesvirinae) zählt unter anderem die Gattung Lymphokryptovirus mit dem Epstein-Barr-Virus (humanes Herpesvirus Typ 4). Das Epstein-Barr-Virus ist der Erreger des pfeifferschen Drüsenfiebers (Mononukleose). Epstein-Barr-Viren werden vor allem durch Speichel übertragen, so zum Beispiel beim Küssen. Im Englischen nennt man die Erkrankung deshalb auch "kissing disease" (= Kusskrankheit). Bei gut der Hälfte der Infizierten verläuft die Erkrankung ohne Symptome. Man schätzt, dass bis zum 30. Lebensjahr quasi 100 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infiziert sind. Nach einer Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus verbleiben einige Viren lebenslang im Körper. Ist das Immunsystem geschwächt (z.B. durch eine andere Infektion) kann es erneut zu Symptomen kommen.