Tic und Tourette-Syndrom: Ursachen, Symptome & Behandlung

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (27. September 2017)

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Blinzeln, Grimassen schneiden, hüsteln, Schimpfworte rufen: Es gibt zahlreiche verschiedene Arten von Tics. Sie treten häufig im Kindesalter auf und verschwinden nach einigen Wochen wieder. Nur wenige Menschen entwickeln chronische Ticstörungen oder das sogenannte Tourette-Syndrom. Was können die Betroffenen tun? Welche Therapien sind erfolgversprechend?

Was ist ein Tic? Was ist das Tourette-Syndrom?

Ein Tic ist eine plötzliche, schnelle Bewegung (motorischer Tic) oder Lautäußerung (vokaler Tic), die keinem erkennbaren Zweck dient.

Das Tourette-Syndrom bezeichnet eine Kombination von mehreren motorischen Tics und mindestens einem vokalen Tic, die aber nicht unbedingt gleichzeitig auftreten müssen. Unwillkürliches Fluchen oder das Ausrufen unanständiger, obszöner Wörter bezeichnet man als Koprolalie. Diese tritt allerdings nur etwa bei 10 bis 30 von 100 Menschen mit Tourette-Syndrom auf.

Außenstehenden erscheinen Tics oft befremdlich oder amüsant – für Betroffene sind sie vor allem eine Belastung. Sie können zwar lernen, die Tics hinauszuzögern. Komplett unterdrücken lassen sich die unbeabsichtigten Lautäußerungen oder Bewegungen jedoch nicht. Die gute Nachricht: Meist verschwinden Tics nach einigen Wochen oder Monaten von selbst wieder.

Meist treten Tics ab dem sechsten Lebensjahr auf. Schätzungen zufolge entwickeln vier bis 12 von 100 Kindern im Grundschulalter Tics. Vom Tourette-Syndrom ist hingegen nur etwa einer von 100 Menschen in der Bevölerung betroffen.

Manche Patienten ziehen sich sozial zurück und haben Probleme in der Schule oder im Job, was psychische Probleme nach sich ziehen kann. Wer unter dem Tourette-Syndrom leidet, sollte daher möglichst frühzeitig zum Arzt gehen, um Folgeprobleme zu vermeiden.

Tic und Tourette-Syndrom: Ursachen

Wie Tic-Erkrankungen entstehen, ist noch nicht vollständig geklärt. Einige Studien legen nahe, dass Störungen im Gehirn eine Rolle spielen. Bei Menschen mit Tics scheint das Gehirn nicht dazu in der Lage zu sein, körperliche Bewegungen zu regulieren.

Normalerweise steuern bestimmte Bereiche im Gehirn, wann sich welches Körperteil wie bewegt. Studien zufolge sind diese Hirnregionen bei Menschen mit Tics zu leicht aktivierbar. Außerdem scheint bei den Betroffenen die Kommunikation zwischen den Hirnregionen nicht richtig zu funktionieren. Vermutlich kann ihr Gehirn ungewollte Bewegungen deshalb nicht hemmen.

Die Ursache dieser Störungen ist möglicherweise eine Kombination aus erblichen Faktoren und Umwelteinflüssen.

Für den Einfluss der Gene spricht, dass häufig mehrere Mitglieder einer Familie Ticstörungen entwickeln:

  • Bei 10 bis 20 von 100 Menschen mit Tic hat ein Verwandter ersten Grades auch einen Tic.
  • Bei etwa fünf von 100 Menschen mit Tourette-Syndrom tritt die Erkrankung bei Verwandten ersten Grades auf.

Welche Umweltfaktoren Tics auslösen oder begünstigen können, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Einige Experten vermuten, dass folgende Faktoren das Risiko für Tic-Erkrankungen erhöhen:

  • Rauchen in der Schwangerschaft
  • seelischer Stress in der Schwangerschaft
  • niedriges Geburtsgewicht
  • Frühgeburt
  • Sauerstoffmangel während der Geburt
  • psychosoziale Belastungen (seelische Probleme, die dem sozialen Umfeld entspringen)

Sekundäre Tics

Auch bestimmte Erkrankungen können Tics auslösen. Mediziner sprechen dann von "sekundären Tics". Diese können bei

In Einzelfällen können auch Schädel-Hirn-Traumata sowie bestimmte Medikamente Tics hervorrufen, etwa:

Seltener lösen auch Neuroleptika Tics aus.

Tics und das Immunsystem

Mitunter treten Tics nach Infekten mit bestimmten Bakterien (ß-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A) auf. Schon länger beobachtet man, dass manche Kinder im Anschluss an Mittelohrentzündungen und Scharlach Verhaltens- und Denkstörungen entwickeln.

Womöglich steckt eine fehlgesteuerte Reaktion des Immunsystems dahinter: Körpereigene Antikörper richten sich nicht nur gegen die Bakterien, sondern schädigen auch Bestandteile des Gehirns.

Mediziner bezeichnen die dadurch hervorgerufenen Störungen auch als "PANDAS" – "Pediatric Autoimmune Neuropsychiatric Disorders Associated with Streptococcal Infections", also "pädiatrische autoimmun-neuropsychiatrische Störungen mit Streptokokken-Infektionen". 

Ob auch Tics zu den PANDAS gezählt werden sollten, ist allerdings noch umstritten.

Tic und Tourette-Syndrom: Welche Symptome sind typisch?

Bei einem Tic handelt es sich um eine unwillkürliche, plötzlich auftretende und immer gleichartig ausgeführte Bewegung oder Lautäußerung. Der Betroffene kann den Tic zwar kurzfristig unterdrücken, gänzlich verhindern kann er ihn allerdings nicht.

Tics, die in Form von Bewegungen auftreten, bezeichnet man als "motorische", Lautäußerungen als "vokale" Tics.

Von beiden Formen von Tics gibt es einfache und komplexe Varianten: Bei einfachen Tics sind die Symptome auf einzelne Muskelgruppen beschränkt, bei komplexen Tics sind mehrere Muskelgruppen einbezogen.

Arten von Tics

motorische Tics vokale Tics
einfach blinzeln, zwinkern, zucken räuspern, grunzen, schniefen, hüsteln
komplex hüpfen, Gegenstände berühren,
Sonderformen:
Kopropraxie (obszöne Gesten),
Echopraxie (Bewegungen anderer imitieren)
Wörter oder ganze Sätze sagen,
Sonderformen:
Palilalie (eigene Silben oder Wörter wiederholen),
Echolalie (Silben oder Wörter anderer nachsprechen),
Koprolalie (obszöne Wörter ausrufen)

Einfache motorische Tics treten häufig als Muskelzuckungen im Bereich von Gesicht und Kopf auf: Die Betroffenen zwinkern (blinzeln) mit den Augen, ziehen Grimassen und rucken mit dem Kopf oder der Schulter.

Wenn ein motorischer Tic komplex ist, läuft er langsamer ab und ist alltäglichen, scheinbar absichtlichen Bewegungen sehr ähnlich. Beispiele hierfür sind:

  • In-die-Hocke-Gehen
  • Im-Kreis-Drehen
  • Schlagen des eigenen Körpers
  • Zupfen an den Haaren

Wenn mehrere motorische Tics in Kombination mit mindestens einem vokalen Tic über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr auftreten, handelt es sich um das Tourette-Syndrom – die verschiedenen Symptome müssen aber nicht unbedingt gleichzeitig auftreten.

Wann treten Tics bevorzugt auf?

Die Art, Stärke und Häufigkeit der Symptome kann im Verlauf der Ticstörung wechseln: Bei starker Konzentration können Tics nachlassen, bei Freude oder Stress zunehmen. Anders als bei anderen Bewegungsstörungen kündigt sich ein Tic häufig durch ein Spannungsgefühl an, das erst nachlässt, wenn die Betroffenen dem Anreiz nachgeben.

Manchmal treten die Symptome zum Beispiel im familiären Rahmen häufiger auf als am Arbeitsplatz oder beim Arztbesuch. Im Schlaf laufen Tics nur in abgeschwächter Form ab.

Typische Begleitsymptome

Menschen, die das Tourette-Syndrom oder chronische Tics haben, entwickeln oft weitere Störungen, zum Beispiel:

Etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Menschen mit Ticstörungen entwickeln zudem eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung – kurz ADHS.

Tic und Tourette-Syndrom: Diagnose

Wer vermutet, dass er (oder sein Kind) eine Ticstörung hat, sollte frühzeitig zum Arzt gehen. Der Arzt kann zum einen klären, ob es sich tatsächlich um eine Ticstörung handelt oder die Symptome Folge einer anderen Erkrankung sind. Zum anderen kann er eine Therapie verordnen, die dem Betroffenen hilft, besser mit den Tics umzugehen.

Um eine Diagnose stellen zu können, stellt der Arzt dem Patienten eine Reihe von Fragen. Etwa:

  • Welche Symptome (motorische oder vokale Tics) traten wo, wie oft und wie stark auf?
  • Verstärken sich die Tics durch Stress?
  • Lassen sie sich unterdrücken?
  • Kündigen sie sich durch eine Art Vorgefühl an?
  • In welchem Alter setzte der Tic erstmals ein?
  • Wechseln die Anzeichen der Ticstörung in Art, Stärke und Häufigkeit spontan?
  • Wurden im Vorfeld schon andere Ärzte zur Abklärung der Symptome aufgesucht? Wenn ja, welche Behandlungen erfolgten bisher?

    Wenn der Arzt vermutet, dass der Patient zudem an ADHS, Angst- oder Zwangsstörungen oder einer Depression leidet, wird er ihm weitere Fragen stellen, die sich speziell zur Diagnose dieser Krankheiten eignen.

    Bei Verdacht auf eine sekundäre Ticstörung, die durch andere Erkrankungen verursacht wird, können außerdem bestimmte Untersuchungen nötig sein, etwa eine Blut- und/oder Urinuntersuchung, eine Leberbiopsie sowie eine Augenuntersuchung. In bestimmten Fällen kommen auch bildgebende Verfahren wir MRT oder CT zum Einsatz.

    Tic und Tourette-Syndrom: Behandlung

    Ist ein Tic sekundär aufgetreten – also infolge einer anderen Erkrankung –, behandelt der Arzt die zugrunde liegende Erkrankung.

    Eine primäre Ticstörung und das Tourette-Syndrom sind nicht heilbar. Die Therapie richtet sich daher darauf, die Symptome zu lindern und die Betroffenen dabei zu unterstützen, besser mit ihren Tics umzugehen – etwa mithilfe von

    • Psychoedukation (Aufklärung) und Selbsthilfegruppen,
    • Verhaltenstherapie oder
    • Medikamenten.

    Psychoedukation

    Häufig hilft es Betroffenen, wenn sie sich das Krankheitsbild ausführlich erläutern lassen. Dies und der Hinweis auf die mögliche Vererbbarkeit von Tics können den Umgang mit der eigenen Ticstörung erleichtern.

    Viele Menschen mit einem Tic wurden vor Beginn der Behandlung über einen langen Zeitraum von anderen ausgegrenzt oder haben negative Reaktionen ihrer Mitmenschen erlebt. Selbsthilfegruppen können Betroffenen dabei unterstützen, besser damit umzugehen. Der Austausch mit anderen Menschen mit einem Tic oder dem Tourette-Syndrom zeigt außerdem, dass man mit dem Problem nicht allein ist.

    Verhaltenstherapie

    Eine Verhaltenstherapie soll dem Betroffenen Strategien vermitteln, mit denen er die Symptome besser bewältigen kann: So kann er zum Beispiel durch Wahrnehmungstraining lernen, eine Anspannung und aufkommende Symptome schneller zu bemerken. Anschließend bringt der Therapeut dem Patienten Techniken bei, mit denen er dem Tic entgegenwirken kann.

    Studien haben gezeigt, dass eine Verhaltenstherapie die Tics zu einer Tic-Reduktion von etwa 30 Prozent führt.

    Medikamente

    Patienten mit schwer ausgeprägten Tics und hohem Leidensdruck können Ärzte eine medikamentöse Therapie verordnen. Zum Einsatz kommen etwa:

    Dass sich Tics und das Tourette-Syndrom wirksam mit diesen Mitteln behandeln lassen, ist noch nicht eindeutig wissenschaftlich nachgewiesen. Bisherigen Studien mangelt es an Aussagekraft (methodische Schwächen, geringe Teilnehmerzahlen, etc.). Die Ergebnisse legen jedoch nahe, dass eine medikamentöse Therapie Tics im besten Fall um etwa die Hälfte reduzieren kann. 

    Das einzige in Deutschland zur Behandlung des Tourette-Syndroms zugelassene Medikament ist Haloperidol. Aufgrund der teils schweren Nebenwirkungen verschreiben es Ärzte jedoch eher selten.

    Tic und Tourette-Syndrom: Verlauf

    Prognose bei Ticstörungen

    Typischerweise beginnen Tics bei Kindern ab dem sechsten Lebensjahr. Nur selten tritt ein Tic erst nach der Pubertät auf. Ein vorübergehender Tic tritt häufig über einige Wochen und Monate hinweg auf und bildet sich bald wieder zurück.

    Nur bei drei bis vier von 100 Kindern bleiben Tics länger als ein Jahr lang bestehen, werden also chronisch.

    Prognose beim Tourette-Syndrom

    Das Tourette-Syndrom tritt häufig ab dem siebten Lebensjahr auf und spitzt sich um das 12. bis 14. Lebensjahr zu. Danach gehen die Symptome meist spontan wieder zurück. Nur selten bleibt die Störung ein Leben lang bestehen.

    Tic und Tourette-Syndrom: Vorbeugen

    Tics und dem Tourette-Syndrom kann man nicht vorbeugen, da die Ursachen für diese Störungen bis heute nicht vollständig geklärt sind.

    Häufig verstärken sich die Symptome durch Stress. Deshalb kann es für Betroffene hilfreich sein, Überlastung zu vermeiden.

    Weitere Informationen

    ICD-10-Diagnoseschlüssel:

    Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Tic und Tourette-Syndrom":


    Linktipps:

    www.tourette-gesellschaft.deTourette-Gesellschaft Deutschland e.V.

    www.iv-ts.de IVTS - InteressenVerband Tic & Tourette Syndrom e.V.

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    Quellen:

    Was ist das Tourette-Syndrom? Online-Information der Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V.: www.tourette-gesellschaft.de (Abgerufen am: 25.9.2017)

    Muth, C. C.: Tics and Tourette Syndrome. JAMA, Jg. 317, Nr. 15, S. 1493-1592  (April 2017)

    Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: April 2017).

    Möller, H., at al.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

    Draper, A., et al.: Increased GABA Contributes to Enhanced Control over Motor Excitability in Tourette Syndrome. Current Biology, Jg. 24, Nr. 19, S. 2343-2347 (Oktober 2014)

    Leitlinien der deutschen Gesellschaft für Neurologie: Tics. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 030/012 (Stand: 30.9.2012)

    Ludolf, A.G. et al.: Tourette-Syndrom und andere Tic-Störungen in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 109, Heft 48, S. 821-828 (November 2012)

    Aktualisiert am: 25. September 2017

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