Taubheit, Gehörlosigkeit: Therapie

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (30. Dezember 2015)

Bei einer Taubheit oder Gehörlosigkeit hängt die Therapie von Ausmaß und Ursache des Hörverlusts ab: Um eine starke ein- oder beidseitige Schwerhörigkeit zu behandeln, ist unter Umständen ein Hörgerät geeignet. Wenn die Hörschädigung zu stark ausgeprägt ist, erzielen Sie mit einem Hörgerät jedoch keine Verbesserung. In dem Fall ist zur Behandlung womöglich ein Implantat (sog. Innenohrprothese oder Cochlea-Implantat: Cochlea = Hörschnecke im Innenohr) geeignet, um das Hörvermögen wiederherzustellen. Das hierdurch erreichte Hörvermögen ist allerdings nicht mit dem gesunden Gehör gleichzusetzen.

Eine einseitige Taubheit scheint – anders als eine völlige Gehörlosigkeit – gar keine Therapie erforderlich zu machen: Man kann ja schließlich noch mit dem anderen Ohr hören. Doch auch wer einseitig taub ist, kann von einer Behandlung durchaus profitieren!

Zwar durchlaufen Kinder, die früh auf einem Ohr stark hörbehindert sind, in der Regel eine ungestörte Sprachentwicklung. Doch spätestens in der Schule treten oft Probleme auf, weil die einseitige Taubheit es zum Beispiel unmöglich macht, Hintergrundgeräusche auszublenden. Und auch bei späterer Ertaubung eines Ohrs durch Hörsturz mit Ohrgeräuschen (Tinnitus) bringt eine Behandlung Vorteile:

  • Zum einen kann eine Innenohrprothese die verloren gegangene Fähigkeit zum räumlichen Hören (d.h. die Lokalisation von Schallquellen) wieder ermöglichen,
  • zum anderen gelingt es häufig, die quälenden Ohrgeräusche zu unterdrücken.

Entscheidend dafür, dass bei beidseitiger Taubheit eine Implantation erfolgreich ist, ist eine anschließende Rehabilitation: Diese ist sehr umfangreich und langwierig und erfolgt in speziellen Zentren. Zunächst ist es notwendig, das Hören und Sprechen neu zu erlernen. Nur ein ständiges Training und eine entsprechende Motivation führen zu guten Erfolgen. Wenn die Gehörlosigkeit von Geburt an besteht, erhält das betroffene Kind die Implantate in der Regel zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr, damit sich seine Sprechfähigkeit herausbilden kann. Vor dem ersten Lebensjahr ist der Eingriff wegen der möglichen Operationsrisiken nicht ratsam; nach dem achten Lebensjahr ist er nicht mehr möglich. Bei Erwachsenen, die ihr Gehör verlieren, ist eine Cochlea-Implantation dann erfolgversprechend, wenn sie bereits sprechen konnten.

Video Cochlea-Implantat: Besser hören dank Innenohrprothese

Bei früher Gehörlosigkeit ist es – neben der Therapie durch Implantate und lautsprachliche Förderung – jedoch auch zu empfehlen, die Gebärdensprache zum festen Teil der Frühförderung zu machen. Wenn Kinder gehörlos sind und so früh wie möglich (in den ersten Lebensjahren – am besten von Anfang an) die Chance bekommen, die Gebärdensprache zu erwerben, wirkt sich dies günstig auf ihre allgemeine Sprachkompetenz aus: Dies zeigt sich darin, dass gehörlose Kinder, die zweisprachig (mit Gebärdensprache als Erstsprache und Lautsprache als Zweitsprache) aufwachsen, bei Sprachtests auch in der Lautsprache deutlich bessere Ergebnisse erzielen als Gehörlose, die nur die Lautsprache erlernt haben.

Weil auch ein schon im frühesten Kindesalter eingesetztes Cochlea-Implantat eine erfolgreiche Hör- und Sprachentwicklung nicht sicher gewährleisten kann, ist es also nicht sinnvoll, bei beidseitiger Taubheit das Implantat einzusetzen, die so behandelten Kinder dann von anderen gehörlosen Kindern abzusondern und ihre anschließende Förderung ausschließlich lautsprachlich zu orientieren.

Cochlea-Implantat

Bei einer Taubheit oder Gehörlosigkeit kann die Therapie darin bestehen, ein sogenanntes Cochlea-Implantat in einer Operation in das Ohr einzusetzen. Die Operation erfolgt in der Regel unter Vollnarkose und dauert zwei bis drei Stunden. Das Operationsrisiko ist dabei nicht höher als bei anderen Operationen unter Vollnarkose.

Allerdings ist ein Cochlea-Implantat nicht bei jeder Taubheit oder Gehörlosigkeit geeignet: Nur wenn der Hörnerv nicht geschädigt ist, kann ein Cochlea-Implantat das Hörvermögen des tauben Ohrs wiederherstellen!

Das Cochlea-Implantat besteht aus einem zu implantierenden Teil und aus einem äußeren Teil (dem Sprachprozessor). Der zu implantierende Teil verfügt über Elektroden, die der Operateur mithilfe eines sehr dünnen Kabels in die Hörschnecke (Cochlea) einführt. Dort erregen beziehungsweise reizen sie anstelle der geschädigten Sinneszellen den Hörnerv direkt. Im Prinzip ist bei einem Cochlea-Implantat keine Wartung und vor allem kein Austausch von Batterien erforderlich.

Funktionsweise

Ein bei Taubheit oder Gehörlosigkeit zur Therapie eingesetztes Cochlea-Implantat sorgt über folgende Funktionsweise für ein Hörvermögen:

  • Ein ohrnahes Mikrofon nimmt den Schall auf.
  • Ein Spezialkabel leitet das analoge Schallsignal vom Mikrofon zum Sprachprozessor, einem Mikroprozessor.
  • Der Sprachprozessor analysiert, digitalisiert und codiert den Schall als elektrische Impulse und leitet diese an die Sendespule weiter.
  • Die Sendespule sendet die codierten Signale an das unter der Haut sitzende Cochlea-Implantat.
  • Hier erfolgt die Umwandlung von Code in elektrische Signale und deren Weiterleitung an die implantierten Elektroden im Innenohr, um die Fasern der Hörnervs direkt anzuregen.
  • Das Gehirn interpretiert die Signale wie normale Reize als Schall beziehungsweise als Sprache, das heißt, es entsteht eine Hörempfindung.

Voraussetzungen

Bei einer Taubheit oder Gehörlosigkeit ist die Therapie mit Cochlea-Implantat nur unter folgenden Voraussetzungen möglich:

  • Bei Kindern: vor, während oder nach der Geburt erworbene, beidseitige Taubheit mit bestehender Leitfähigkeit des Hörnervs
  • Bei Jugendlichen und Erwachsenen: beidseitige Taubheit oder hochgradige Schwerhörigkeit; einseitige Ertaubung durch Hörsturz mit Ohrgeräuschen (Tinnitus)
  • positives Ergebnis im sogenannten Promontorialtest zur Überprüfung der Funktionsfähigkeit des Hörnervs
  • ausreichende anatomische Voraussetzungen – so muss die Hörschnecke oder Schneckenwindung im Innenohr vorhanden sein
  • keine schwerwiegenden Grunderkrankungen oder wiederholt auftretenden Entzündungen neben der Taubheit
  • nachgewiesene Lernfähigkeit und Lernbereitschaft, gute Fähigkeit zum Lippenablesen
  • Gewährleistung einer entsprechenden Rehabilitation
  • intaktes und motiviertes soziales Umfeld

Außerdem kann ein Cochlea-Implantat unter bestimmten Voraussetzungen auch zusammen mit einem Hörgerät zum Einsatz kommen: Wenn bei tieffrequenten Tönen nur eine leichte bis mittelschwere Schwerhörigkeit vorliegt, Töne mit einer Frequenz von über 1000 Hertz aber kaum bis gar nicht zu hören sind, kann das Hörgerät den Hörverlust in den tiefen Frequenzen ausgleichen und das Cochlea-Implantat die Taubheit beheben.

Alternativen

Wenn bei einer Taubheit oder Gehörlosigkeit eine Innenohrprothese nicht zur Therapie geeignet ist, können verschiedene Alternativen in Betracht kommen. Ist der Hörnerv geschädigt, besteht die Möglichkeit, ein Hirnstamm-Implantat einzusetzen: Hier sorgt eine direkte Reizung der Hörkerne im Gehirn über Elektroden für eine Hörempfindung. Zur Implantation ist ein neurochirurgischer Eingriff erforderlich. Außerdem ist eine intensive Rehabilitation unerlässlich. Die Erfahrungen mit dieser Technik sind aber noch gering.

Ist es nicht möglich, die Taubheit durch eine Operation zu beheben, oder lehnen die Betroffenen sie aus persönlichen Gründen ab, ist die Gehörlosigkeit zu akzeptieren. In diesem Fall stehen andere Möglichkeiten der Kommunikation zur Verfügung: vor allem die Gebärdensprache, aber auch Lippenablesen oder Computer. Darüber hinaus sind für Gehörlose im Alltag technische Hilfsmittel (wie Lichtsignalanlagen, Vibrationsmeldegeräte, Licht- und Vibrationswecker) sinnvoll.


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