Steißbeinschmerzen (Kokzygodynie) – Ursachen, Symptome, Therapie

Veröffentlicht von: Dr. rer. nat. Geraldine Nagel (13. September 2017)

© Jupiterimages/Wavebreak Media

Steißbeinschmerzen treten relativ selten auf. Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer. Der Fachausdruck für Steißbeinschmerzen lautet Kokzygodynie.

Was sind Steißbeinschmerzen?

Unter Steißbeinschmerzen versteht man Schmerzen im untersten Bereich der Wirbelsäule: dem Steißbein. Dabei reagieren das Steißbein und / oder die Weichteile dieser Region auf Druck mit scharfen, stechenden oder ziehenden Schmerzen. Die Schmerzen können auch in angrenzende Bereiche ausstrahlen.

Die Bezeichung Kokzygodynie leitet sich dabei von der wissenschaftlichen Bezeichnung der betroffenen Knochengruppe ab: dem Os coccygis. Dazu zählen die Knochen des Wirbelsäulenbereichs, den man auch Steißbein oder Kuckucksbein nennt. Der Wortteil -dynie wiederum bedeutet so viel wie Schmerz.

Steißbeinschmerzen: Illustration der unteren Wirbelsäule © LifeART image/2001/ Lippncott Williams & Wilkins all rights rese

Als Steißbein bezeichnet man den untersten Bereich der Wirbelsäule. Es besteht aus drei bis fünf verkümmerten Wirbeln, die miteinander verschmolzen sind.

Steißbeinschmerzen: Mögliche Ursachen

Steißbeinschmerzen (Kokzygodynie) können verschiedene Ursachen haben. Weshalb die Schmerzen auftreten, lässt sich nicht in jedem Fall sicher feststellen.

Mögliche Auslöser für Steißbeinschmerzen sind chronische Mikrotraumata. Darunter versteht man winzige Gewebeverletzungen, die über einen längeren Zeitraum entstehen. Solche Mikrotraumata können sich zum Beispiel bei mechanischen Belastungen wie langem Sitzen (z.B. bei sitzender Tätigkeit) bilden, insbesondere bei härteren Unterlagen (z.B. harte Stühle, harter Fahrradsattel).

Aber auch langes Sitzen auf weicheren Unterlagen (z.B. Sofa) kann bei manchen Menschen zu Steißbeinschmerzen führen. Auf Englisch hat die Kokzygodynie deshalb auch den umgangssprachlichen Beinamen "television bottom", was so viel wie "Fernsehhintern" bedeutet.

Weitere mögliche Ursachen für Steißbeinschmerzen sind:

  • Steißbeinprellung
  • Steißbeinstauchung
  • Steißbeinverrenkung
  • Steißbeinbruch
  • Fehlstellungen des Steißbeins
  • Verletzungen im Beckenbereich
  • Lumbalgien (z.B. Hexenschuss)
  • Wurzelreizsyndrom (Lumboischialgie)
  • Bandscheibenvorfall
  • gynäkologische Erkrankungen
  • Nervenschmerzen (Neuralgie) im Bereich mehrerer Nerven im Steißbeingeflecht (der Nervi anococcygei) – also Schmerzen, die sich auf das Ausbreitungsgebiet derjenigen Nerven beschränken, die die Haut zwischen Steißbein und After versorgen
  • Tumoren im Bereich des Steißbeins
  • chirurgische Eingriffe
  • Entbindungen

Unter Umständen können auch psychosomatische Ursachen zu Steißbeinschmerzen führen. Das heißt psychische Probleme oder psychische Erkrankungen äußern sich beim Betroffenen möglicherweise in Form von Steißbeinschmerzen.

Steißbeinschmerzen: Typische Symptome

Steißbeinschmerzen (Kokzygodynie) äußern sich durch ziehende, stechende und brennende Schmerzen im Bereich des Steißbeins. Dabei müssen die Symptome nicht auf die Steißbeinregion begrenzt sein, sondern können auch bis in die Anal- und Lendenregion sowie in die Hüfte ausstrahlen.

Häufig treten Steißbeinschmerzen im Sitzen oder auch beim Aufstehen aus einer sitzenden Position auf. Zum Teil machen sie das Sitzen sogar unmöglich. In manchen Fällen kommt es durch die Kokzygodynie auch zu Schmerzen beim Stuhlgang sowie beim Geschlechtsverkehr.

Steißbeinschmerzen dauern in der Regel einige Tage bis mehrere Wochen an, sie können jedoch auch chronisch werden.

Steißbeinschmerzen: Diagnose

Um bei Steißbeinschmerzen (Kokzygodynie) eine Diagnose zu stellen, befragt der Arzt den Betroffenen als Erstes näher zu den Beschwerden und untersucht ihn anschließend körperlich. Liegt eine Kokzygodynie vor, löst Druck auf die Steißbeinspitze oder den Übergang von Steiß- und Kreuzbein in der Regel eine schmerzhafte Reaktion aus.

Um andere mögliche Ursachen für die Steißbeinschmerzen auszuschließen, können eine Ultraschalluntersuchung des Beckens, eine Computertomographie (CT) oder eine Magnetresonanztomographie (MRT) hilfreich sein. Besteht der Verdacht auf eine Entzündung oder einen Tumor, nutzt der Arzt für diese bildgebenden Untersuchungen Kontrastmittel, um den betroffenen Körperbereich noch detaillierter darzustellen. Bei einer Röntgenuntersuchung lassen sich bei den meisten Betroffenen keine Auffälligkeiten feststellen.

Steißbeinschmerzen: Therapie

Bei Steißbeinschmerzen (Kokzygodynie) besteht die Therapie vor allem darin, die Schmerzen zu lindern. Zu solchen Maßnahmen zählen zum Beispiel:

  • Schmerzmittel: Schmerzmittel (z.B. aus der Gruppe nicht-steroidalen Antirheumatika) können die Steißbeinschmerzen bessern.
  • Lokalanästhetika / Glukokortikoide: Zur Therapie der Steißbeinschmerzen können in die betroffene Stelle örtliche Betäubungsmittel (Lokalanästhetika) gespritzt werden, welche die Schmerzen am Steißbein und den angrenzenden Weichteilen lindern. Zusätzlich können Wirkstoffe aus der Gruppe der Glukokortikoide Entzündungsprozesse in diesem Bereich hemmen.
  • Physiotherapie / Manualtherapie: Auch physiotherapeutische Maßnahmen oder eine Mobilisation beziehungsweise Manipulation des Steißbeins (z.B. durch einen Osteopathen oder Chiropraktiker) sowie Akupunktur können hilfreich sein.
  • Wärme / Entspannung: Allgemeine Maßnahmen zur Entspannung oder Wärmebehandlungen (z.B. Fangopackungen, Sitzbäder) können lindernd wirken.
  • Sitzkissen, Sitzringe, Sitzkeile: Ein weiches Sitzkissen, ein weicher, hinten offener Sitzring oder ein weicher Sitzkeil erleichtern bei akuten Schmerzen das Sitzen. Spezielle Kissen dieser Art erhalten Sie z.B. im Sanitätshaus.

Deutet alles darauf hin, dass die Steißbeinschmerzen psychosomatische Ursachen haben, bietet sich als weiterführende Maßnahme eine Psychotherapie an.

Steißbeinschmerzen: Verlauf

Bei Steißbeinschmerzen (Kokzygodynie) ist der Verlauf individuell verschieden. Er hängt vor allem davon ab, ob die Ursache erkannt werden kann. Meist dauern Steißbeinschmerzen einige Tage bis mehrere Wochen an. Die Beschwerden können spontan auftreten. Oft bilden sie sich von selbst wieder zurück. Sie können jedoch auch chronisch werden und Monate bis Jahre bestehen. Nimmt die Kokzygodynie einen chronischen Verlauf, wird die Behandlung schwieriger.

Steißbeinschmerzen: Vorbeugen

Steißbeinschmerzen (Kokzygodynie) kann man nicht im eigentlichen Sinne vorbeugen. Um das Risiko für Schmerzen im Steißbeinbereich zu verringern, sollten Steißbeinverletzungen (etwa nach einem Sturz) sofort behandelt werden. Regelmäßige Früherkennungsuntersuchungen können dazu beitragen, eine mögliche organische Erkrankung im Beckenbodenbereich rechtzeitig zu erkennen.

Steißbeinschmerzen: Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Steißbeinschmerzen (Kokzygodynie)":

Onmeda-Linktipps:

Sinus pilonidalis ("Steißbeinfistel"): Infos zur Krankheit
Kreuzschmerzen: Symptom mit vielen Ursachen

Linktipps:

Deutsche Schmerzliga Hier bekommen Sie Informationen zum Thema Schmerzen, Adressen von Selbsthilfegruppen und Kontakte zu entsprechenden Ärzten. Die Schmerzliga ist der Dachverband für mehr als 100 Selbsthilfegruppen.

Quellen:

Kokzygodynie. Online-Informationen des Pschyrembel: www.psychrembel.de (Stand: 18.4.2017)

Wirth, C. J., et al.: Praxis der Orthopädie und Unfallchirurgie. Thieme, Stuttgart 2014

Niethard, F. U., Pfeil, J.: Orthopädie. Thieme, Stuttgart 2014

Koop, I.: Gastroenterologie compact. Thieme, Stuttgart 2013

Wülker, N.: Taschenlehrbuch Orthopädie und Unfallchirurgie. Thieme, Stuttgart 2010

Heisel, J.: Neurologische Differenzialdiagnostik. Thieme, Stuttgart 2007

Bischoff, H.-P.: Praxis der konservativen Orthopädie. Thieme, Stuttgart 2007

Breusch, S., Mau, H., Sabo, D.: Klinikleitfaden Orthopädie. Urban & Fischer, München 2002

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Koloproktologie: Kokzygodynie. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 081/005 (Stand: Dezember 2002)

Aktualisiert am: 13. September 2017

Wie steht es um Ihre Gesundheit?



Apotheken-Notdienst