Ein Mann reibt sich das schmerzende Auge
© Getty Images/ Fizkes

Sehnerventzündung (Optikusneuritis): Symptome, Ursachen und Behandlung

Von: Paula Vradelis (Medizinautorin)
Letzte Aktualisierung: 31.10.2023

Die Sehnerventzündung, auch Optikusneuritis oder Neuritis nervi optici genannt, kann zu einer einseitigen, abrupten Verschlechterung des Sehvermögens führen. Ursächlich können verschiedene Erkrankungen sein, etwa Multiple Sklerose (MS). Mehr über Symptome, Ursachen und Therapiemöglichkeiten der Sehnerventzündung lesen Sie hier.

Zusammenfassung

  • Definition: Der Sehnerv (Nervus opticus) – ist die Verbindung zwischen dem Auge und dem Gehirn. Bei der Sehnerventzündung wird die Schutzhülle des Nervus opticus geschädigt.

  • Symptome: Die Optikusneuritis äußert sich häufig durch plötzlichen, einseitigen Sehverlust sowie Schmerzen, insbesondere bei Augenbewegungen. Zusätzlich kann es zu Farbsehstörungen und einem verminderten Kontrastempfinden kommen. 

  • Ursachen: In vielen Fällen handelt es sich ursächlich um eine Autoimmunerkrankung, beispielsweise Multiple Sklerose. Eine Sehnerventzündung kann jedoch auch ohne erkennbare Ursache (idiopathisch) entstehen.

  • Diagnose: Die Diagnose kann durch augenärztliche Untersuchungsverfahren wie Sehtests, Untersuchung der Papille und bildgebende Verfahren erfolgen.

  • Therapie: Abhängig von Ursache und Schwere der Sehnerventzündung wird diese in der Regel mit Kortison behandelt.

  • Verlauf & Prognose: Die Prognose der Sehnerventzündung ist grundsätzlich gut, aber abhängig von der Grunderkrankung.

Was ist eine Sehnerventzündung?

Bei der Optikusneuritis handelt es sich um eine Entzündung des Sehnervs, welcher die Verbindung zwischen der Netzhaut des Auges und den visuellen Zentren im Gehirn bildet. Der Sehnerv leitet visuelle Informationen, die von der Netzhaut des Auges erfasst werden, zum Gehirn weiter, wodurch das Sehen ermöglicht wird.

Die Sehnerventzündung äußert sich als akute, ausgeprägte Sehbeeinträchtigung ohne strukturelle Auffälligkeiten im Rahmen der ärztlichen Augenuntersuchung. 

Je nach Lokalisation des Entzündungsprozesses unterscheiden Fachleute zwischen: 

  • Papillitis: Entzündung direkt beim Austritt des Sehnervs aus dem Augapfel an der sogenannten Papille. 
  • Retrobulbärneuritis: Entzündung hinter dem Augenapfel, also im hinteren Abschnitt des Sehnervs.

Weiterhin wird zwischen der häufiger auftretenden typischen und der selteneren atypischen Optikusneuritis unterschieden. 

Die Ursachen können variieren, jedoch handelt es sich bei der typischen Form in 30 Prozent der Fälle um das erste Symptom der Multiplen Sklerose. Dabei kommt es zur Schädigung des Sehnervs, weil das körpereigene Abwehrsystem fälschlicherweise den eigenen Körper angreift. 

Typischerweise sind junge Erwachsene im Alter von 20 bis 40 Jahren betroffen, wobei Frauen häufiger als Männer an der Sehnerventzündung erkranken.

Das Auftreten einer Optikusneuritis in Europa liegt bei 5 pro 100.000 Einwohner pro Jahr.

Welche Symptome sind bei Sehnerventzündung möglich?

Die Symptome einer typischen Sehnerventzündung sind vielfältig und können erheblichen Einfluss auf den Alltag der Betroffenen haben:

  • meist einseitige Symptomatik
  • Sehverlust, der plötzlicher Verlust oder schrittweise in Erscheinung treten kann
  • reduzierte Sehschärfe
  • dumpfe und/oder pochende Schmerzen hinter dem Augapfel, insbesondere bei Augenbewegungen und oftmals begleitet von Druckgefühl
  • eingeschränktes Farbsehen, bei dem Farben blasser erscheinen oder nicht mehr klar unterschieden werden können
  • eingeschränktes Gesichtsfeld, mittig des Sichtfeldes entsteht ein „blinder Fleck“ (Zentralskotom)
  • Wahrnehmen von Lichtphänomen (z. B. Lichtblitze)
  • Schwindel und Übelkeit

Symptome der atypischen Optikusneuritis

Die atypische Optikusneuritis unterscheidet sich in diesen Punkten von der typischen Form:

  • länger andauernde und schwerere Sehstörungen (keine Besserung innerhalb von 4 Wochen)
  • Beteiligung beider Augen
  • keine/weniger Schmerzen
  • die Betroffenen sind meist älter als 50 Jahre

Was sind die Ursachen einer Sehnerventzündung?

Die Ursachen einer Sehnerventzündung sind vielfältig und können sowohl auf autoimmunologische Reaktionen als auch auf verschiedene zugrunde liegende Erkrankungen zurückgeführt werden. 

Ursachen für eine typische Sehnerventzündung:

  • Multiple Sklerose (MS): Die Optikusneuritis kann das erste Anzeichen dieser Erkrankung sein. Bei vielen Betroffenen, die eine Optikusneuritis entwickeln, wird später eine Multiple Sklerose diagnostiziert.
  • Idiopathisch: Bei einer idiopathischen Sehnerventzündung ist die genaue Ursache unklar. Es wird jedoch angenommen, dass eine vorübergehende Fehlfunktion des Immunsystems beteiligt ist.

Ursachen für eine atypische Sehnerventzündung:

  • andere Autoimmunerkrankungen wie Lupus erythematodes, Sarkoidose
  • Neuromyelitis optica (Devic-Syndrom)
  • bakterielle Infektionen wie BorrelioseTuberkulose oder Syphilis
  • Medikamente (z. B. Tamoxifen gegen Brustkrebs)
  • Giftstoffe (z. B. Blei, Alkohol, Nikotin) 
  • ein Tumor, der auf den Sehnerv drückt oder in dessen Nähe wächst, kann Symptome verursachen, die einer Optikusneuritis ähneln

Bei Kindern kann sich eine Optikusneuritis in zeitlichem Zusammenhang zu einem vorausgegangenen Virusinfekt zeigen. In der Regel sind dann allerdings beide Augen betroffen.

So wird die Sehnerventzündung diagnostiziert

Im Rahmen einer augenärztlichen Untersuchung können verschiedene Diagnoseverfahren angewendet werden:

  • Testung der Sehschärfe: Dabei wird überprüft, wie gut die*der Betroffene Zeichen oder Buchstaben in verschiedenen Größen erkennen kann.

  • Gesichtsfeldprüfung: Dabei wird untersucht, ob Bereiche des Sehfelds beeinträchtigt sind.

  • Farbwahrnehmungsprüfung

  • Untersuchung des Augenhintergrundes: Mit einem speziellen Augenspiegel (Ophthalmoskop) kann der Sehnervkopf (Papille) auf Schwellungen oder Blässe hin untersucht werden.

  • Bildgebende Verfahren: Mithilfe einer MRT (Magnetresonanztomografie) können Entzündungen oder andere Anomalien des Sehnervs sowie mögliche Läsionen im Gehirn, die auf Multiple Sklerose hinweisen können, dargestellt werden.

Behandlungsmöglichkeiten der Sehnerventzündung

Die geeignete Therapie ist abhängig von der Ursache und dem Schweregrad der Sehnerventzündung. In den meisten Fällen wird den Patient*innen hochdosiert Kortison (Glucocorticoide) verabreicht, da Kortison Autoimmunreaktionen unterdrückt und entzündungshemmend wirkt.

Bei den wenigen Ausnahmen einer ausbleibenden Besserung unter einer Glucocorticoidtherapie kann eine Plasmapherese veranlasst werden.
Bei einer Plasmapherese werden die schädlichen Bestandteile aus dem Blutplasma entfernt, wie zum Beispiel Antikörper oder Immunkomplexe, welche für verschiedene Erkrankungen verantwortlich sind.

Falls die Entzündung des Sehnervs aufgrund einer bakteriellen Infektion auftritt, wird diese mit Antibiotika behandelt.

Bei Sehnerventzündungen, die im Rahmen einer Multiplen Sklerose auftreten, muss auch diese Grunderkrankung therapiert werden. Beim Vorliegen einer Multiplen Sklerose gibt es auch die Möglichkeit der Behandlung mit beta-Interferonen als Immunprophylaxe.

Verlauf und Prognose der Sehnerventzündung

Bei der typischen Sehnerventzündung erholt sich das Sehvermögen meist innerhalb weniger Wochen, spätestens nach zwölf Monaten erlangen circa 95 Prozent der Betroffenen wieder ein normales Sehvermögen. Allerdings kann eine dauerhafte Beeinträchtigung bestehen bleiben, vor allem im Bereich der Farb- und Kontrastwahrnehmung. Eine regelmäßige Kontrolluntersuchung bei einem*einer Augenarzt*ärztin ist daher ratsam.

Wie wahrscheinlich ist ein erneutes Auftreten einer Sehnerventzündung?

Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von zehn Jahren erneut an einer Sehnerventzündung zu erkranken, liegt bei circa 35 Prozent. Dabei kann sowohl das ursprüngliche Auge als auch das andere Auge betroffen sein. Hat sich bei den Betroffenen eine Multiple Sklerose manifestiert, ist die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Sehnerventzündung höher – sie liegt bei 48 Prozent.

Bei der atypischen Form der Sehnerventzündung kann die Prognose in Bezug zur Wiederherstellung des Sehvermögens ungünstiger ausfallen. Dies trifft besonders zu, wenn die Erkrankung Neuromyelitis optica vorliegt. Nach zehn Jahren kann die Hälfte der Betroffenen ein immer noch stark reduziertes Sehvermögen haben.