Kinderlähmung (Polio): Durch Impfungen nahezu ausgerottet

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (03. November 2017)

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Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) hat in der Vergangenheit immer wieder zu Epidemien mit vielen Todesfällen geführt. Dank der Polio-Impfung kommt die Kinderlähmung weltweit nur noch selten vor.

Was ist Polio?

Polio (Poliomyelitis oder Kinderlähmung) ist eine Infektionskrankheit, die durch das Polio-Virus hervorgerufen wird. Die meisten Erkrankten haben keine oder nur leichte Symptome. Bei einigen Menschen nimmt Polio jedoch einen schweren Verlauf, der zu lebensbedrohlichen Lähmungen und anderen bleibenden Schäden führen kann. Auch ist es möglich, dass viele Jahre nach der Infektion Spätschäden auftreten (sog. Post-Polio-Syndrom).

Bevor die Polio-Impfung eingeführt wurde, war die Poliomyelitis so weit verbreitet, dass die Menschen bereits im Kindesalter daran erkrankten – weshalb die Erkrankung auch als Kinderlähmung bezeichnet wird. Aber: Nicht nur Kinder, auch Erwachsene können an Polio erkranken.

Wie häufig ist Polio?

Weltweit konnte Polio durch Impfungen stark zurückgedrängt werden. Ganz Europa gilt laut Welt-Gesundheits-Organisation WHO als poliofrei.

Der letzte durch ein Wildvirus ausgelöste Fall von Kinderlähmung in Deutschland trat 1990 auf. 1992 wurden die beiden letzten importierten Fälle gemeldet – Reisende hatten sich im Ausland mit dem Virus infiziert.

Vor Einführung der Polio-Schluckimpfung (1962) verursachten Polio-Viren in den Industrienationen regelmäßig verheerende Epidemien. Durch die weltweiten Impfungen gegen Kinderlähmung ist die Zahl der Infektionen seit 1988 um über 99 Prozent zurückgegangen: Gab es 1988 noch rund 350.000 Erkrankte, wurden 2016 nur noch 37 Fälle gemeldet, davon 20 in Pakistan, 13 in Afghanistan und 4 in Nigeria.

Immer wieder kommt es allerdings auch in bereits poliobefreiten Gebieten zu Rückschlägen.

Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung): Ursachen

Auslöser der Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) sind Polio-Viren. Wissenschaftler unterscheiden drei Typen von Polio-Viren (Typ I, II, III). Das Polio-Wildvirus vom Typ II gilt seit 1999 als ausgerottet.

Poliomyelitis ist hochansteckend. Außerhalb des menschlichen Körpers können Polio-Viren jedoch nur kurze Zeit überdauern.

So wird das Virus übertragen

Typischerweise entsteht Polio durch eine fäkal-orale Übertragung. Das bedeutet: Eine Person kommt mit Polio-Viren in Kontakt, die ein Infizierter ausgeschieden hat, und nimmt diese mit dem Mund auf. Dies kann zum Beispiel über verunreinigtes Trinkwasser oder Nahrungsmittel oder nach engem Kontakt mit dem Erkrankten passieren. 

Eine Ansteckung mit Kinderlähmung über Tröpfchen, also durch Niesen, Husten oder Küssen, ist äußerst selten.

Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung): Symptome

Die meisten Menschen, die sich mit dem Polio-Virus (Poliomyelitis, Kinderlähmung) angesteckt haben, bemerken keine Symptome. Nur weniger als 5 von 100 aller Infizierten zeigen überhaupt Anzeichen einer Erkrankung.

Wenn Beschwerden auftreten, machen sich diese zunächst in Form der sogenannten abortiven (gemilderten) Poliomyelitis bemerkbar. Dringen die Erreger im weiteren Verlauf in das zentrale Nervensystem ein, kann dies zwei verschiedene Verlaufsformen zur Folge haben: 

  • die nicht-paralytische Polio, die zu einer Hirnhautentzündung führt und
  • die paralytische Polio, die "klassische" Variante der Kinderlähmung.

Beide Verlaufsformen kommen nur bei einem Bruchteil aller Erkrankten vor.

Abortive Poliomyelitis: Unspezifische Symptome

Die abortive Poliomyelitis zeigt sich etwa sechs bis neun Tage nach der Infektion mit dem Polio-Virus. Die Erkrankten bemerken unspezifische Symptome wie:

Nicht-paralytische Polio: Hirnhautentzündung

Bei 2 bis 4 von 100 aller Infizierten geht die abortive Poliomyelitis nach drei bis sieben Tagen in die sogenannte nicht-paralytische Polio über. Bei der nicht-paralytischen Polio lösen die Erreger eine Hirnhautentzündung (Meningitis) aus.

Typische Symptome sind:

Die für die "klassische" Kinderlähmung typischen Symptome treten bei der nicht-paralytischen Polio nicht auf.

Paralytische Polio: Die "klassische Kinderlähmung"

Sehr selten geht die abortive Poliomyelitis in die "klassische" Kinderlähmung über: in die sogenannte paralytische Polio (Paralyse = Lähmung). 

Die paralytische Polio tritt bei etwa 1 von 100 bis 1.000 aller Polio-Infizierten auf. Typisches Anzeichen sind Lähmungen, die sich meist nur teilweise wieder zurückbilden. Dabei ist häufig die Arm- oder Beinmuskulatur betroffen, es kann aber auch die Atem-, Sprech-, Augen- und Schluckmuskulatur in Mitleidenschaft gezogen sein. Sind die Atemmuskeln von der Poliomyelitis befallen, kann eine tödliche Atemlähmung entstehen. Weitere Symptome sind meist starke Rücken-, Muskel- und Nackenschmerzen.

Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung): Diagnose

Allein anhand der Symptome kann der Arzt die Diagnose Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) nicht stellen. Die ersten Krankheitszeichen der Poliomyelitis sind so wenig kennzeichnend, dass fast jede fieberhafte Infektion als Ursache infrage kommt. Auch Lähmungserscheinungen, die bei der schweren Verlaufsform der Polio auftreten können, sind kein Beweis für die Erkrankung. Ähnliche Symptome können zum Beispiel auch bei einer Coxsackie- und ECHO-Virus-Infektion, Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME), Diphtherie, Neuritis oder dem Guillain-Barré-Syndrom auftreten. Daher muss der Arzt diese Erkrankungen als Ursache ausschließen können (sog. Differenzialdiagnose).

Hat der Arzt den Verdacht, dass sein Patient an Polio erkrankt sein könnte, hilft ihm vor allem ein Erregernachweis. Das Polio-Virus lässt sich indirekt (d.h. über die gegen das Virus gebildeten Antikörper im Blut) oder direkt nachweisen. Das Polio-Virus selbst kann man im Labor aus Stuhl, Rachensekret oder Gehirnflüssigkeit (Liquor) isolieren. Aus dem Stuhl gelingt der Nachweis des Polio-Virus zu 80 Prozent innerhalb der ersten 14 Krankheitstage.

Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung): Therapie

Es stehen bisher keine Medikamente zur Verfügung, mit denen man das Polio-Virus direkt bekämpfen kann. Daher zielt die Therapie von Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) immer darauf ab, die Symptome zu lindern, so zum Beispiel mit Schmerzmitteln.

Je nachdem, wie die Erkrankung verläuft, können zum Beispiel folgende Maßnahmen in Erwägung gezogen werden:

  • strenge Bettruhe, auch schon bei Verdacht auf eine Poliomyelitis-Infektion
  • muskelentspannende, wechselnde Lagerung der Betroffenen bei auftretenden Lähmungen
  • Krankengymnastik zur Nachbehandlung
  • eventuell maschinelle Beatmung (bei Atemlähmungen) und intensivmedizinische Betreuung

Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung): Verlauf

Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) verläuft fast immer symptomlos. Die Erkrankten bemerken dann nichts von der Infektion. Oder aber die Symptome sind nur mild ausgeprägt und beschränken sich auf vorübergehende allgemeine Beschwerden wie Halsschmerzen, Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen oder Appetitlosigkeit (sog. abortiver Verlauf).

Die "klassische" Kinderlähmung, also ein schwerer Verlauf mit Lähmungen, der lebensbedrohlich sein kann, ist dagegen sehr selten.

Post-Polio-Syndrom (PPS)

Nach einer überstandenen Polio kann sich im weiteren Verlauf, oft nach Jahrzehnten, ein Post-Polio-Syndrom (PPS) entwickeln. Darunter versteht man die nach einer Kinderlähmung auftretenden Spätfolgen in Form von

Das Post-Polio-Syndrom kann nach jeder Poliomyelitis-Verlaufsform auftreten – auch wenn die Infektion ohne Krankheitszeichen verlaufen ist. Die genauen Ursachen sind unbekannt, möglicherweise entsteht das Syndrom durch Überlastung der noch intakten Nervenzellen.

Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung): Vorbeugen

Der Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) können Sie am besten mit einer Polio-Impfung vorbeugen. Durch Massenimpfungen ist es in vielen Ländern gelungen, die Polio nahezu vollständig auszurotten.

Die Impfung gegen Polio ist auch in poliofreien Gebieten nach wie vor wichtig, denn: Solange nicht jeder Mensch ausreichend gegen Poliomyelitis geimpft ist, kann die Kinderlähmung durch eingeschleppte Erreger (sog. Polio-Viren) jederzeit erneut ausbrechen.

Historisches: Von der Schluckimpfung zur Spritze

Ab dem Jahr 1952 begann der amerikanische Bakteriologe Jonas Edward Salk mit ersten experimentellen Impfversuchen gegen die Polio. 1955 gab die amerikanische Zulassungsbehörde FAD (Food and Drug Administration) den Impfstoff zur allgemeinen Anwendung frei. Diese Impfungen entwickelte Albert Bruce Sabin zu der jahrelang praktizierten Schluckimpfung weiter, die man mit einem Stückchen Zucker verabreichte.

Seit dem Jahr 1998 wird die Schluckimpfung nicht mehr empfohlen. Der Grund: Der verwendete Impfstoff enthielt Lebendviren in abgeschwächter Form, welche nach der Impfung mit dem Stuhl ausgeschieden wurden. Einige wenige Menschen haben durch Kontakt mit dem infizierten Stuhl eine impfstoffbedingte Kinderlähmung entwickelt (vakzineassoziierte paralytische Poliomyelitis, VAPP). Um dies zu vermeiden, setzt man nun auf einen Impfstoff per Spritze, der inaktivierte Viren enthält (IPV = inaktivierte Polio-Vakzine). Bei diesem Impfstoff ist eine Ansteckung nicht möglich.

Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung): Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung)":


Onmeda-Lesetipps:

Polio-Impfung

Linktipps:


Quellen:

Online-Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): www.impfen-info.de (Abrufdatum: 2.11.2017)

Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut. Epidemiologisches Bulletin Nr. 34/2017. Online-Informationen des Robert Koch-Institut: www.rki.de (Stand: 24. August 2017)

Pressemitteilung des Deutschen Ärzteblatts: WHO meldet neue Polio-Fälle in Syrien (9. Juni 2017)

Poliomyelitis. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 22.5.2017)

WHO Fact Sheet Nr. 114: Poliomyelitis. Online-Informationen der World Health Organization: www.who.int (Stand: April 2017)

Pressemitteilung des Deutschen Ärzteblatts: Polio fast vollständig ausgerottet (28. Oktober 2016)

RKI-Ratgeber für Ärzte: Poliomyelitis. Online-Informationen des Robert Koch-Institut: www.rki.de (Stand: 20.11.2015)

Stand: 3. November 2017

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