Multiple Sklerose (MS): Krankheit des Nervensystems

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (15. November 2017)

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Multiple Sklerose (MS) – diese Diagnose ist wohl für die meisten Menschen ein Schreckgespenst. Dabei sind die Aussichten allgemein besser als oft angenommen: Auch nach längerem Krankheitsverlauf sind viele Betroffene noch berufstätig oder arbeiten relativ uneingeschränkt im Haushalt.

Meistens verläuft multiple Sklerose in Schüben und führt erst nach längerer Zeit zu zunehmenden Einschränkungen. Heilen lässt sich MS zurzeit zwar (noch) nicht. Man kann jedoch ihr Fortschreiten verlangsamen, die Intensität der Schübe mindern und so eine hohe Lebensqualität erreichen.

Was ist multiple Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS = Gehirn und Rückenmark). Die Entzündungen in Gehirn und Rückenmark zerstören Teile der Nervenfasern. Dabei schädigen Abwehrzellen, die sonst fremde Erreger oder Stoffe angreifen, körpereigenes Gewebe.

Deshalb zählt multiple Sklerose zu den Autoimmunerkrankungen (griech. auto = selbst).

Die Bezeichnung multiple Sklerose leitet sich aus dem lateinischen multiplex für vielfach und dem griechischen skleros für hart ab. Manche Ärzte sprechen bei MS auch von Polysklerose (griech. polys = viel, zahlreich).

Ein weiterer Name für multiple Sklerose lautet Encephalomyelitis disseminata (griech. enkephalos = Gehirn, myelos = Mark; lat. disseminare = aussäen, ausstreuen). Denn die typischen Entzündungen in Gehirn und Rückenmark können verstreut an mehreren Stellen vorkommen.

Was passiert bei multipler Sklerose?

Die für multiple Sklerose typischen Entzündungen in Gehirn und Rückenmark führen zu einer Zerstörung der Markscheiden und der Oligodendrozyten der Nervenfasern (Axone). Diese leiten normalerweise Befehle und Reize von den Gehirnzellen an die verschiedenen Regionen des Körpers – und umgekehrt.

Schematische Darstellung eines Motoneurons

Aufbau einer Nervenzelle

Markscheiden, auch Myelinscheiden genannt, sind die Fortsätze von speziellen Zellen – den sogenannten Oligodendrozyten. Sie bestehen aus Fetten und Eiweißen und umhüllen die Nervenfasern. Allerdings verlaufen die Markscheiden nicht durchgehend über die gesamte Nervenfaser, sondern sind von Einschnürungen unterbrochen. Eine in die Nervenfaser geleitete Erregung springt von Schnürring zu Schnürring und ist so schneller, als wenn sie die Nervenfaser stetig durchlaufen würde.

Befindet sich die multiple Sklerose im frühen Stadium, sind die Markscheiden zunächst an bestimmten Stellen entzündet. Unter Umständen können sich diese Entzündungen zurückbilden. Meist jedoch zerfallen die Markscheiden an den betroffenen Stellen, woraufhin sich an ihrer Stelle Narbengewebe bildet. Dadurch verhärtet sich das Gewebe krankhaft (sog. Sklerosierung).

Erfahren Sie im Video über multiple Sklerose, welche Symptome auftreten und wie die Beschwerden entstehen.

Die einzelnen betroffenen Stellen, auch Plaques genannt, sind unterschiedlich groß und wahllos über das zentrale Nervensystem verteilt. Besonders häufig kommen sie an den Sehnerven, im Hirnstamm, im Kleinhirn und an den Hintersträngen des Rückenmarks vor. An den beschädigten Stellen der Markscheiden ist die Weiterleitung der Erregung gestört. Auch die Nervenfasern selbst sind mehr oder weniger stark geschädigt. Elektrische Impulse zwischen den verschiedenen Nerven- und Körperzellen (z.B. Muskelzellen) können also nicht mehr ungehindert weitergeleitet werden. Daher kann multiple Sklerose Störungen der Körperbewegungen (Motorik) und der Körperempfindungen (Sensorik) sowie verschiedene andere Symptome zur Folge haben.

Multiple Sklerose (MS): Vielfältige Symptome

Die durch multiple Sklerose (MS) bedingten Symptome sind sehr vielfältig: Für multiple Sklerose ist weder ein bestimmtes Anzeichen noch ein bestimmter Verlauf typisch. Darum gilt sie auch sie auch als Krankheit mit tausend Gesichtern.

Allerdings treten manche Frühsymptome bei MS besonders oft auf. Als häufigste frühe Multiple-Sklerose-Symptome gelten:

Bei vielen Betroffenen verstärken sich die Multiple-Sklerose-Symptome durch Hitze, Fieber oder Anstrengung. Dies gilt vor allem für die Muskelschwäche.

Empfindungsstörungen

Empfindungsstörungen verursacht eine multiple Sklerose fast immer. Typisch sind folgende Symptome:

  • ein Taubheitsgefühl oder ein Kribbeln (Ameisenlaufen) an Armen und Beinen,
  • Spannungsgefühle um die Gelenk- und Hüftregion (wie ein eiserner Handschuh oder Gürtel), Schmerzen oder auch
  • eine verminderte Empfindlichkeit (z.B. bei der Temperaturwahrnehmung).

Oft beginnen die Missempfindungen in den Fingerspitzen oder in den Füßen und breiten sich dann auf Arme beziehungsweise Beine aus. Ein bei multipler Sklerose verbreitetes Anzeichen ist auch das sogenannte Nackenbeugezeichen: Beugen die Betroffenen den Kopf nach vorne, verspüren sie häufig einen blitzartigen Schlag entlang der Wirbelsäule – manchmal bis in die Hände und Füße.

Sehstörungen

In etwa drei Viertel aller Fälle führt multiple Sklerose zu Sehstörungen – allerdings können diese Symptome unterschiedlich ausgeprägt sein. Hinter den Beschwerden steckt meist ein entzündeter Sehnerv (eine sog. Optikusneuritis):

  • Dann beginnt die Sehstörung oft mit Augenschmerzen, die sich bei einer Bewegung der Augäpfel verstärken.
  • Die Betroffenen sehen ihr Umfeld auf einem Auge plötzlich wie durch einen Schleier oder Nebel.
  • Je nachdem, wie stark die Entzündung ist, kann auch das Farbensehen beeinträchtigt sein.
  • Außerdem kann es zu Lichtblitzen oder zu Ausfällen des Gesichtsfelds kommen.
  • Manchmal ist das zentrale Sehen beeinträchtigt, sodass es plötzlich schwierig ist, eine kleine Druckschrift zu lesen.

Meist bilden sich die Symptome innerhalb von wenigen Wochen bis sechs Monaten nach Abklingen der Entzündung wieder zurück. Wenn multiple Sklerose eine Lähmung der Augenmuskulatur hervorruft, kann eine andere Form von Sehstörung auftreten: Dann sehen die Betroffenen Doppelbilder.


Simulation: plötzlich auftretendes Schleiersehen und zentraler Gesichtsfeldausfall rechts bei Multipler Sklerose

Typische Sehstörungen bei multipler Sklerose

Muskellähmungen

Kraftlose Muskeln, die schnell ermüden, angespannt (spastisch) und steif sind – das ist oft typisch für multiple Sklerose. Weitere mögliche Symptome von MS sind Lähmungserscheinungen in den Armen und Beinen. Häufig setzt die Lähmung nur in einem Bein ein. Die Muskulatur kann neben der Spastik zusätzlich eine Schwäche zeigen; betroffen sein können Arme und Beine sowie auch eine Körperseite.

Diese drei wichtigsten MS-Anzeichen müssen das Krankheitsbild nicht unbedingt bestimmen: Multiple Sklerose kann viele andere Symptome verursachen.

Weitere MS-Symptome

Sind verschiedene Hirnnerven an der Erkrankung beteiligt, kann multiple Sklerose auch bestimmte Symptome im Gesicht hervorrufen: Dann kommt es dort zu Lähmungen (sog. Fazialisparese) oder zu Schmerzen (sog. Trigeminusneuralgie). Daneben kann MS Geschmacksstörungen und Gleichgewichtsstörungen hervorrufen.

Ist das Kleinhirn durch die multiple Sklerose geschädigt, treten als weitere Symptome Sprachstörungen, Unsicherheiten beim Gehen und zitternde Hände auf. Die Sprachstörungen empfinden die Betroffenen oft als besonders belastend. Eine bei MS typische Sprachstörung ist die langsame, schleppende Sprache, bei der die einzelnen Silben abgehackt und explosiv ausgestoßen werden.

In etwa zwei Drittel aller Fälle ruft multiple Sklerose eine Blasenfunktionsstörung hervor. Deren Symptome schränken das Alltagsleben und Wohlbefinden zum Teil schwer ein. In frühen Stadien herrscht ein heftiger und kaum zu kontrollierender Harndrang mit unwillkürlichem Harnverlust (Inkontinenz) vor. Später kommt es meist zu ungewolltem Harnverhalt. Als weitere Symptome kann MS eine gestörte Stuhlentleerung (meist Verstopfung), gestörte Sexualfunktionen und gestörte Schweißabsonderung verursachen.

Außerdem kann multiple Sklerose die Psyche beeinträchtigen: Sie macht anfälliger für Stimmungsschwankungen und depressive Symptome wie Traurigkeit, Schlaflosigkeit und Antriebslosigkeit. Mitunter zeigen Menschen mit MS auch ein sehr euphorisches Verhalten, das mit dem eigentlichen Krankheitszustand nicht in Übereinstimmung zu bringen ist.

Grundsätzlich kann multiple Sklerose alle genannten Symptome einzeln oder in unterschiedlichen Kombinationen verursachen.

Multiple Sklerose (MS): Ursachen

Worin multiple Sklerose (MS) ihre Ursachen hat, ist noch nicht völlig geklärt. Allerdings spielen folgende Faktoren bei der Entstehung der Erkrankung eine wichtige Rolle:

  • Autoimmunprozesse: Multiple Sklerose gehört zur den Autoimmunerkrankungen (auto = selbst). Dabei richtet sich das Immunsystem des Körpers fälschlicherweise gegen körpereigenes Gewebe. Womöglich ist das eine Fehlreaktion auf Infektionen mit Erregern, deren Strukturen körpereigenen Strukturen ähneln: Der Körper bildet dann Antikörper, die sich auch gegen die eigenen Zellen richten. Bleiben diese Antikörper nach der Infektion im Blut, entstehen chronische Erkrankungen, die in der Regel in Schüben verlaufen und verschiedene Organe und Gewebe betreffen können. Bei MS ist das Nervengewebe betroffen. Weitere Beispiele für ähnlich verlaufende Autoimmunerkrankungen sind:
  • Erbliche Faktoren: Enge Verwandte von Menschen mit MS haben ein – im Vergleich zur Gesamtbevölkerung – 10- bis 30-fach erhöhtes Risiko, ebenfalls MS zu entwickeln. Und bei einigen Völkern ist die Erkrankung auffallend seltener zu beobachten als bei anderen. Demnach scheinen erbliche Faktoren für multiple Sklerose mitverantwortlich zu sein. Vererbbar im klassischen Sinn ist sie dennoch nicht – auch Umweltfaktoren spielen bei ihrer Entstehung eine wichtige Rolle.
  • Infektionen: Hinter der immer wieder aufflammenden Entzündung im zentralen Nervensystem könnten auch ausgeheilte Infektionen mit bestimmten Erregern stecken, deren Oberfläche Ähnlichkeiten mit Markscheiden der Nervenfasern aufweisen. Infrage kommen beispielsweise Herpesviren, vor allem das Epstein-Barr-Virus, sowie Chlamydien.

Risikofaktoren

Multiple Sklerose kann in Schüben verlaufen. Auslöser für einen akuten MS-Schub können seelische und körperliche Belastungen sein: Sie gelten deshalb als Risikofaktoren für Schübe, weil sie das Immunsystem aktivieren können.

Zu den möglichen Risikofaktoren, die akute Schübe begünstigen, zählen:

Häufigkeit

Multiple Sklerose ist die häufigste aller chronischen Erkrankungen des zentralen Nervensystems und – nach Epilepsie – die zweithäufigste neurologische Krankheit. In Deutschland leben mehr als 120.000 Menschen mit MS.

Überwiegend tritt multiple Sklerose zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf. Zunehmend betrifft MS jedoch auch Kinder und Jugendliche. Die in Schüben verlaufenden Formen der Erkrankung kommen bei Frauen doppelt bis dreimal öfter vor als bei Männern. Vor dem 10. und nach dem 60. Lebensjahr ist ein erster MS-Schub äußert selten.

Multiple Sklerose ist die häufigste Krankheit des Nervensystems im jungen Erwachsenenalter.

Weltweit zeigt multiple Sklerose eine auffallende geographische Verteilung: Ihre Häufigkeit nimmt immer weiter zu, je größer der Abstand vom Äquator jeweils nach Norden und Süden ist. Dabei ist jeweils die Bevölkerung europäischer Abstammung besonders betroffen: So ist MS in Nordamerika beispielsweise häufiger als in Japan. Darüber hinaus sind in jedem Land einzelne Regionen bekannt, in denen die Erkrankung besonders gehäuft vorkommt.

Multiple Sklerose (MS): Diagnose

Bei Verdacht auf multiple Sklerose (MS) erkundigt sich der Arzt zunächst genau nach den Beschwerden. Um eine Diagnose stellen zu können, reicht diese Anamnese allein jedoch nicht aus – dazu sind weiterführende Untersuchungen nötig.

Als Nächstes wird der Arzt die Nervenfunktionen untersuchen, um festzustellen, ob es weitere Anzeichen für multiple Sklerose gibt. Diese neurologische Untersuchung besteht zum Beispiel darin, die Hirnnerven auf ihre Funktion zu prüfen sowie Empfindungen, Reflexe und Muskelkraft zu testen. Mithilfe einer Skala kann der Arzt den Grad der vorliegenden Einschränkungen einschätzen.

Um eine multiple Sklerose zu diagnostizieren, ist zudem eine Untersuchung der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit (sog. Liquorpunktion) hilfreich. Denn bei multipler Sklerose führen entzündliche Veränderungen im Gehirn und Rückenmark dazu, dass die in der gewonnenen Probe gemessenen Werte für bestimmte Abwehrzellen und Antikörper krankhaft erhöht sind. Alerdings haben andere entzündliche Erkrankungen des Nervensystems (z.B. die Hirnhautentzündung) dieselbe Auswirkung. Zur Sicherung der MS-Diagnose kommen daher zusätzlich andere Verfahren zum Einsatz.

So bietet sich zur Multiple-Sklerose-Diagnose ein Elektroenzephalographie (EEG) an, um die Nervenimpulse zu messen, die als Reaktion auf einen bestimmten vorgegebenen Seh- oder Hörreiz entstehen. Anhand dieser sogenannten evozierten Potenziale (evozieren = hervorrufen) kann der Arzt erkennen, ob die Leitfähigkeit in einem Seh- oder Hörnerv gestört ist. Bei MS können diese Potenziale charakteristische Veränderungen zeigen (typisch ist z.B. eine verzögerte Reaktion auf Lichtblitze oder Klicklaute).

Einen hohen Stellenwert bei der MS-Diagnostik hat die Magnetresonanztomographie (MRT). Hier sind die für multiple Sklerose charakteristischen Entzündungsherde bereits frühzeitig zu erkennen – schon bevor die ersten MS-Symptome auftreten. Im Vergleich zur MRT ist die Computertomographie (CT) wesentlich weniger aussagekräftig.

Bei der Diagnose achtet der Arzt auch darauf, ob die Kriterien erfüllt sind, die einen MS-Schub definieren. Denn nur so lässt sich die richtige Behandlung für multiple Sklerose festlegen.

Ein Multiple-Sklerose-Schub liegt vor, wenn neue oder früher schon einmal aufgetretene Symptome:

  • mindestens 24 Stunden lang anhalten,
  • mindestens 30 Tage nach Beginn des letzten Schubs aufgetreten sind,
  • nicht durch eine veränderte Körpertemperatur oder durch Infektionen erklärbar sind.

Multiple Sklerose (MS): Therapie

Die gegen multiple Sklerose (MS) eingesetzte Therapie gliedert sich in drei verschiedene Bereiche:

  1. Verlaufsmodifizierende Therapie: Diese Dauerbehandlung bildet die Basistherapie von MS. Sie soll langfristig das Fortschreiten der Erkrankung hemmen.
  2. Schubtherapie: Diese bei einem akuten MS-Schub eingesetzten kurzfristigen Maßnahmen sollen die akuten Symptome bekämpfen und den Schub verkürzen.
  3. Symptomatische Therapie: Diese zusätzlichen Maßnahmen sollen störende oder einschränkende MS-Beschwerden lindern und so die Lebensqualität verbessern.

Verlaufsmodifizierende Therapie: Krankheitsverlauf positiv beeinflussen

Gegen multiple Sklerose kommt eine dauerhafte Therapie mit Medikamenten zum Einsatz, die das Immunsystem beeinflussen (sog. Immuntherapeutika) und so das Fortschreiten von MS hemmen. Im Einzelnen soll diese Immuntherapie ...

  • weitere MS-Schübe verhindern oder abschwächen,
  • das Fortschreiten der Behinderung durch multiple Sklerose verlangsamen und
  • Ihre Lebensqualität erhalten.

Wichtig ist, mit der Basistherapie zu beginnen, sobald multiple Sklerose diagnostiziert ist. Denn eine rasche Therapie kann die Prognose bei MS günstig beeinflussen

Basistherapie bei milder bis gemäßigter MS

Verläuft multiple Sklerose mild bis gemäßigt, setzen Mediziner zur Basistherapie vor allem folgende Wirkstoffe ein:

Welche Mittel Sie zur Basistherapie gegen multiple Sklerose erhalten, hängt unter anderem davon ab, welche MS-Form bei Ihnen festgestellt wurde:

  • ein sogenanntes klinisch isoliertes Syndrom (KIS bzw. CIS) als erstes mögliches Anzeichen für MS,
  • eine schubförmig-remittierende (wiederkehrende) multiple Sklerose (RRMS),
  • eine primär progrediente (chronisch fortschreitende) multiple Sklerose (PPMS) oder
  • eine sekundär progrediente (chronisch fortschreitende) multiple Sklerose (SPMS).

Die Basistherapie verringert nachweislich die Häufigkeit und Dauer einzelner Multiple-Sklerose-Schübe. Im Idealfall kann die Therapie zur Schubfreiheit führen.

Intensivere Behandlung bei hochaktiver MS (sog. Eskalationstherapie)

Wenn multiple Sklerose hochaktiv ist, ist eine intensivere Therapie mit anderen Immuntherapeutika nötig. Als hochaktiv gilt MS, wenn sie trotz der Basisbehandlung weiterhin mit aggressiv verlaufenden Schüben einhergeht oder sich verschlimmert (bzw. eskaliert) oder wenn sie von Anfang an sehr aktiv verläuft. Mediziner bezeichnen die dann eingesetzte Behandlung auch als Eskalationstherapie. Hierzu kommen beispielsweise folgende Mittel infrage:

Schubtherapie: Akute Erkrankungsschübe eindämmen

Multiple Sklerose verläuft meist in Schüben. Die während eines MS-Schubs eingesetzte Schubtherapie besteht im Wesentlichen darin, die Prozesse des Immunsystems durch Medikamente günstig zu beeinflussen. Sie zielt darauf ab,

  • die mit dem Schub verbundenen Symptome zu bekämpfen und
  • die Schubdauer zu verkürzen.

Wie macht sich ein akuter Multiple-Sklerose-Schub bemerkbar?

Ein akuter Multiple-Sklerose-Schub liegt vor, wenn bisher unbekannte Beschwerden auftreten, frühere Symptome wiederkehren oder diese sich mindestens 48 Stunden lang verstärken. Dann ist es wichtig, möglichst schnell (d.h. innerhalb von 2–5 Tagen nach Schubbeginn) mit der Schubtherapie zu starten.

Bei einem akuten MS-Schub kann Ihnen, je nach Schwere, eine Therapie mit hoch dosierten Entzündungshemmern (Glukokortikoide) helfen. Bei dieser Hochdosis-Schubtherapie bekommen Sie Kortison (z.B. Methylprednisolon) drei bis fünf Tage in die Venen gespritzt und nehmen es unter Umständen anschließend etwa zehn Tage lang in zunehmend geringerer Dosis als Tabletten ein. Die Beschwerden und auch die ihnen zugrunde liegenden Entzündungsherde gehen rascher wieder zurück. Da die Behandlung zeitlich begrenzt ist, fallen die sonst unangenehmen Nebenwirkungen von Kortison deutlich milder aus: Herzklopfen, Heißhunger, Unruhe oder Schlafstörungen sind bei der Kortison-Stoßtherapie zunehmend seltener.

Es gelingt allerdings nicht in jedem Fall gleichermaßen, einen akuten MS-Schub mit einer solchen Kortison-Therapie zu bekämpfen. Wenn Ihre Symptome schwerwiegend sind (z.B. Lähmungserscheinungen, Blindheit) und sich durch Kortison nicht genug bessern, besteht die Möglichkeit, den Multiple-Sklerose-Schub in spezialisierten Zentren mit einer Plasmapherese zu behandeln, bei der man das Blutplasma aus Ihrem Blut herausfiltert und gegen eine Ersatzlösung austauscht.

Begleitmaßnahmen: Ein Plus für die Lebensqualität

Die multiple Sklerose selbst lässt sich durch eine symptomatische Therapie nicht beeinflussen. Trotzdem ist Sie wichtig: Denn geeignete Begleitmaßnahmen gegen die als störend empfundenen MS-Beschwerden können die Lebensqualität deutlich verbessern.

Die symptomatische MS-Therapie soll die Funktionseinschränkungen verringern, die aufgrund Ihrer Beschwerden entstanden sind. Einer Gehbehinderung oder Koordinationsstörung können Sie zum Beispiel durch krankengymnastische Übungen (Physiotherapie) entgegenwirken. Auch Störungen der Blasenfunktion und Sexualität sowie Zittern, Schwindel oder Schmerzen, die durch multiple Sklerose bedingt sind, kann man behandeln: teils durch Medikamente, teils mit ergänzenden oder alternativen Therapien (z.B. Beckenbodentraining, Massagen oder Entspannungsmaßnahmen).

Typisch für multiple Sklerose ist, dass sich die Symptome durch Hitze verstärken: zum Beispiel bei Fieber, körperlicher Anstrengung (z.B. Sport) oder hohen Umgebungstemperaturen im Sommer. In solchen Situationen hilft es, den Körper abzukühlen. Zu dieser symptomatischen MS-Therapie sind inzwischen verschiedene Kleidungsstücke mit Kühlelementen (z.B. Kühlweste) verfügbar.

Multiple Sklerose (MS): Verlauf

Für multiple Sklerose (MS) ist ein chronischer (also dauerhafter) Verlauf typisch. Im Wesentlichen lassen sich dabei folgenden Verlaufsformen unterscheiden:

  • Schubförmig wiederkehrende multiple Sklerose: Innerhalb weniger Tage kommt es plötzlich zu Beschwerden. Diese halten mehrere Tage bis Wochen an und bilden sich anschließend wieder (meist vollständig) zurück. Je länger die Symptome bestehen, desto wahrscheinlicher bleiben jedoch Restschäden zurück. Zwischen zwei Schüben vergehen durchschnittlich ein halbes bis drei Jahre, in seltenen Fällen mehr.
  • Primär chronisch fortschreitende (progrediente) multiple Sklerose: Die Beschwerden beziehungsweise Behinderungen entwickeln sich von Anfang an schleichend, aber stetig fortschreitend. Akute Multiple-Sklerose-Schübe treten nicht auf.
  • Sekundär chronisch fortschreitende multiple Sklerose: im Verlauf der Erkrankung verringert sich die Anzahl auftretender Schübe, bis neue Schübe schließlich ganz ausbleiben. Die durch die multiple Sklerose hervorgerufene Behinderung schreitet jedoch stetig fort.

Allgemein gilt, dass eine frühzeitige und angemessene Therapie multiple Sklerose in ihrem Verlauf günstig beeinflussen kann. Daher ist es wichtig, MS frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Eine vollständige Heilung der Erkrankung ist derzeit jedoch nicht möglich.

Gut zu wissen: Eine Schwangerschaft und Geburt wirkt sich nicht negativ auf multiple Sklerose aus. In der Schwangerschaft nimmt die Häufigkeit der Schübe sogar ab. Unmittelbar nach der Entbindung kann sie wieder leicht erhöht sein.

Prognose

Da multiple Sklerose von Fall zu Fall sehr unterschiedlich verläuft, ist eine allgemeine Prognose nicht möglich.

In seltenen Fällen zeigt multiple Sklerose einen gutartigen Verlauf: Dann bemerken die Betroffenen zwischen den weit auseinanderliegenden Schüben über Jahre keine Verschlechterung oder höchstens minimale Behinderungen, die ein normales Alltags- und Berufsleben zulassen. Eine solche milde multiple Sklerose verkürzt auch nicht die Lebenserwartung. Andererseits kann MS vereinzelt auch eine sehr schlechte Prognose haben und innerhalb weniger Jahre zu schweren Behinderungen bis hin zum Tod führen.

Allgemein hat multiple Sklerose eine bessere Prognose als häufig angenommen: Nach einer mittleren Krankheitsdauer von 18 Jahren ist noch etwa ein Drittel der Menschen mit MS voll berufstätig oder arbeitet relativ uneingeschränkt im Haushalt. Ein günstiger Verlauf ist vor allem dann zu erwarten, wenn sich die Symptome nach dem ersten Krankheitsschub weitgehend oder vollständig zurückbilden.

Multiple Sklerose (MS): Vorbeugen

Einer multiplen Sklerose (MS) können Sie nicht vorbeugen. Sie können jedoch den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen: Multiple Sklerose frühzeitig und dauerhaft zu behandeln verringert die Häufigkeit der Schübe.

Um Multiple-Sklerose-Schüben vorzubeugen, ist es zusätzlich ratsam, alle Risikofaktoren zu meiden, die einen Schub auslösen könnten. Hierzu gehören:

Multiple Sklerose (MS): Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Multiple Sklerose (MS)":

Onmeda-Lesetipps:

Gesund leben mit MS – Ernährung und Impfungen
Umgang mit der MS-Therapie
Familie, Partnerschaft & Sexualität mit MS
Freizeit und Beruf mit MS – aktiv im Leben!
Arzneimittelinformationen zu multiple Sklerose

Linktipps:

www.multiple-sklerose-e-v.de
Selbsthilfe-Initiative MS-Betroffener

www.amsel.de
AMSEL e.V. – Aktion Multiple Sklerose Erkrankter, Landesverband der DMSG in Baden-Württemberg

Selbsthilfegruppen / Beratungsstellen:

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG)
Bundesverband e.V.
Krausenstr. 50
30171 Hannover
Tel.: +49 (0)511 9 68 34-0
dmsg@dmsg.de
www.dmsg.de

Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft
Josefstr. 129
Postfach
8031 Zürich
+41 (0)43 4 44 43 43
+41 (0)844 67 46 36 (MS Infoline, Mo–Fr 09:00–13:00)
www.multiplesklerose.ch

Österreichische Multiple Sklerose Gesellschaft
Universitätsklinik für Neurologie – AKH Wien
Währinger Gürtel 18–20
Postfach 19
1097 Wien
Tel.: +43 (0)800 31 13 40 (Mo, Di, Do 09:00–14:00, Mi 09:00–16:00, Fr 09:00–12:00)
office@oemsg.at
www.oemsg.at

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Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Abrufdatum: 15.11.2017)

Online-Informationen der DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V.): www.dmsg.de (Abrufdatum: 15.11.2017)

Online-Informationen des Kompetenznetzes Multiple Sklerose: www.kompetenznetz-multiplesklerose.de (Abrufdatum: 15.11.2017)

Online-Informationen der Berufsverbände und Fachgesellschaften für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie: www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de (Abrufdatum: 15.11.2017)

Kip, M., Schönfelder, T., Bleß, H.-H. (Hrsg.): Weißbuch Multiple Sklerose. Springer, Berlin Heidelberg 2016

Leitlinien der Gesellschaft für Neuropädiatrie: Pädiatrische Multiple Sklerose. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 022/014 (Stand: Januar 2016)
Grehl, H., Reinhardt, F.: Checkliste Neurologie. Thieme, Stuttgart 2016

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 030/050 (Stand: August 2014)

Aktualisiert am: 15. November 2017