Anzeige

Anzeige

Multiple Sklerose (MS): Therapie

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (30. November 2016)

Wenn Sie multiple Sklerose (MS) haben, ist es wichtig, dass die Therapie so früh wie möglich beginnt. Das Ziel der Behandlung besteht darin, die zugrunde liegenden entzündlichen Prozesse zu verringern. Eine vollständige Heilung von multipler Sklerose ist jedoch nicht möglich.

Bei der Multiple-Sklerose-Therapie unterscheidet man die drei folgenden Behandlungen:

  • Verlaufsmodifizierende Therapie: Dauerbehandlung, die das Fortschreiten der multiplen Sklerose hemmen soll
  • Schubtherapie: Behandlung eines akuten Schubs
  • Symptomatische Therapie: Behandlung der durch multiple Sklerose bedingten Symptome

Verlaufsmodifizierende Therapie: Krankheitsverlauf positiv beeinflussen

Gegen multiple Sklerose kommt eine dauerhafte Therapie mit Medikamenten zum Einsatz, die das Immunsystem beeinflussen (sog. Immuntherapeutika) und so das Fortschreiten von MS hemmen. Im Einzelnen soll diese Immuntherapie ...

  • weitere MS-Schübe verhindern oder abschwächen,
  • das Fortschreiten der Behinderung durch multiple Sklerose verlangsamen und
  • Ihre Lebensqualität erhalten.

Wichtig ist, mit der Basistherapie zu beginnen, sobald multiple Sklerose diagnostiziert ist. Denn eine rasche Therapie kann die Prognose bei MS günstig beeinflussen!

Basistherapie bei milder bis gemäßigter MS

Verläuft multiple Sklerose mild bis gemäßigt, setzen Mediziner zur Basistherapie vor allem folgende Wirkstoffe ein:

Welche Mittel Sie gegen multiple Sklerose erhalten, hängt unter anderem davon ab, welche MS-Form bei Ihnen festgestellt wurde:

  • ein sogenanntes klinisch isoliertes Syndrom (KIS bzw. CIS) als erstes mögliches Anzeichen für MS,
  • eine schubförmig-remittierende (wiederkehrende) multiple Sklerose (RRMS),
  • eine primär progrediente (chronisch fortschreitende) multiple Sklerose (PPMS) oder
  • eine sekundär progrediente (chronisch fortschreitende) multiple Sklerose (SPMS).

Die Basistherapie verringert nachweislich die Häufigkeit und Dauer einzelner Multiple-Sklerose-Schübe. Im Idealfall kann die Therapie zur Schubfreiheit führen.

Interferon beta ist ein künstlich hergestellter körperidentischer Abwehrstoff:  Auch der menschliche Körper selbst bildet Interferone, die unter anderem die Bildung von Entzündungsbotenstoffen regulieren. Zur Multiple-Sklerose-Therapie bekommen Sie das Interferon beta als Injektionen verabreicht. Denn als Tablette würden Sie das Mittel verdauen, ehe es überhaupt wirken könnte. Der Arzt spritzt den Wirkstoff

  • entweder alle zwei Tage bzw. mehrmals pro Woche unter Ihre Haut (subkutan)
  • oder einmal pro Woche in Ihre Muskulatur (intramuskulär).

Wenn Sie sich ungern häufig Spritzen verabreichen lassen, können Sie sich zur MS-Therapie nur einmal pro Woche ein Interferon-Präparat in die Muskulatur spritzen lassen (oder es sich nach einer Schulung selbst verabreichen).

Interferone können zahlreiche Nebenwirkungen haben. Meist treten zu Beginn der Behandlung grippeähnliche Symptome wie Fieber, Müdigkeit und Kopfschmerzen oder Gliederschmerzen auf. Unter die Haut gespritzt führen die Mittel häufiger zu Hautrötungen und Schwellungen an der Einstichstelle beziehungsweise zu allergischen Reaktionen.

Alternativ bietet sich gegen multiple Sklerose das ähnlich wirksame Mittel Glatirameracetat an: Dieses Mittel bekommen Sie täglich unter die Haut gespritzt. In der Regel ist der Wirkstoff gut verträglich; als Nebenwirkungen können sich an der Einstichstelle unter anderem Hautreizungen bilden. In manchen Fällen haben die Betroffenen nach der Injektion auch vorübergehend Atemnot, Beklemmungen, Angstgefühle, Herzrasen und Schweißausbrüche. Meist sind diese Beschwerden aber nach höchstens fünf Minuten wieder verschwunden. Neue Nebenwirkungen sind auch bei langjähriger Anwendung nicht zu erwarten.

Interferone wie auch Glatirameracetat sind nicht bei allen Menschen zur MS-Therapie geeignet (z.B. nicht während der Schwangerschaft).

Ebenfalls zur Basistherapie von multipler Sklerose zugelassen ist Dimethylfumarat. Dabei handelt es sich um einen Entzündungshemmer, den Sie (als Kapsel) über den Mund einnehmen können. Zu Beginn der Therapie entwickeln sich als Nebenwirkungen häufig Magen-Darm-Beschwerden und Hautrötungen. Nach wenigen Wochen sind diese Beschwerden jedoch meist überstanden. Es empfiehlt sich allerdings, alle sechs bis acht Wochen das Blutbild zu kontrollieren, um Veränderungen im Blut rechtzeitig zu erkennen, die ein erhöhtes Infektionsrisiko bedeuten.

Ein weiteres Mittel, das wegen seiner entzündungshemmenden Wirkung gegen multiple Sklerose hilft, heißt Teriflunomid. Der Wirkstoff ist ebenfalls (als Tablette) über den Mund einzunehmen. Schwere Nebenwirkungen sind bislang nicht bekannt – am häufigsten kommt es unter der MS-Therapie mit Teriflunomid zu Magen-Darm-Beschwerden. Allerdings können die Leberwerte unter der Behandlung ansteigen. Darum ist es in den ersten Behandlungsmonaten ratsam, die Leberwerte regelmäßig zu kontrollieren. Aus demselben Grund ist der Wirkstoff in der Schwangerschaft nicht zu empfehlen.

Intensivere Behandlung bei hochaktiver MS (sog. Eskalationstherapie)

Wenn eine multiple Sklerose hochaktiv ist, erfordert sie eine intensivere Therapie mit anderen Immuntherapeutika. Als hochaktiv gilt MS, wenn sie trotz der Basisbehandlung weiterhin mit aggressiv verlaufenden Schüben einhergeht oder sich verschlimmert (bzw. eskaliert) oder wenn sie von Anfang an sehr aktiv verläuft. Mediziner bezeichnen die dann eingesetzte Behandlung auch als Eskalationstherapie. Hierzu kommen vor allem folgende Mittel infrage:

Natalizumab ist ein gezielt wirkender Antikörper, der verhindert, dass bestimmte Zellen des Immunsystems an die Innenwand von Blutgefäßen im Bereich des Gehirns (Blut-Hirn-Schranke) andocken. Dadurch können diese Immunzellen nicht ins zentrale Nervensystem einwandern, wo sie die schweren Entzündungsreaktionen hervorrufen würden, die eine hochaktive multiple Sklerose kennzeichnet.

Natalizumab bekommen Sie alle vier Wochen per Spritze in eine Vene verabreicht. Im Allgemeinen ist es gut verträglich. Mit zunehmender Behandlungsdauer steigt allerdings das Risiko, eine schwere Viruserkrankung des zentralen Nervensystems zu entwickeln: die progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML). Dieses Risiko ist zusätzlich erhöht, wenn Sie vorher mit einem Mittel behandelt wurden, das die Immunabwehr unterdrückt (sog. Immunsuppressivum). Weitere mögliche Nebenwirkungen von Natalizumab sind:

Auch Fingolimod hindert krankheitsverursachende Immunzellen daran, ins zentrale Nervensystem einzuwandern, und verringert so die für multiple Sklerose typische Entzündung und Zerstörung von Nervengewebe. Das Besondere an der MS-Therapie mit Fingolimod ist, dass Sie den Wirkstoff als Kapsel über den Mund einnehmen können (orale Eskalationstherapie). Zu den möglichen Nebenwirkungen von Fingolimod gehören:

  • grippeähnliche Symptome,
  • Darmbeschwerden,
  • verlangsamter Herzschlag (Bradykardie),
  • unregelmäßiger Herzrhythmus,
  • depressive Verstimmungen sowie
  • Sehprobleme aufgrund einer Schwellung im zentralen Sehbereich der Netzhaut am Augenhintergrund (Makulaödem).

Der künstlich hergestellte Antikörper Daclizumab ist erst seit Kurzem zur MS-Therapie bei Erwachsenen zugelassen. Dieser Wirkstoff verringert ebenfalls Multiple-Sklerose-Schübe, indem er gezielt in die Kommunikation zwischen Immunzellen eingreift. Er wird einmal pro Monat per Spritze unter die Haut (subkutan) verabreicht. Während der Schwangerschaft und Stillzeit gilt Daclizumab grundsätzlich nicht als geeignet.  Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören:

  • Infektionen (v.a. des Nasen-Rachen-Raums, der oberen Atemwege und des Harntraks)
  • Hautreaktionen (v.a. Ausschläge und Ekzeme)
  • vorübergehende Erhöhung der Leberwerte

Ein weiterer Antikörper, der zur MS-Eskalationstherapie zur Verfügung steht, ist Alemtuzumab. Der Wirkstoff zielt auf ein ganz bestimmtes Antigen ab, das in großer Zahl auf der Oberfläche der krankheitsverursachenden Immunzellen liegt. Die Folge: Die Immunzellen lösen sich auf und verlieren so ihre zerstörerische Wirkung.

Die MS-Therapie mit Alemtuzumab besteht aus Infusionen – das heißt, Sie bekommen den Wirkstoff über eine Hohlnadel in die Vene verabreicht. Im ersten Behandlungsjahr erhalten Sie an fünf aufeinanderfolgenden Tagen jeweils eine Infusion, ein Jahr später folgt die zweite Behandlung mit drei Infusionen an drei aufeinanderfolgenden Tagen (ggf. kann man im dritten Jahr noch eine dreitägige Behandlung anhängen). Die Wirkung dieser Therapie hält oft länger an: Sowohl die Anzahl der Multiple-Sklerose-Schübe als auch die Zunahme der Behinderungen verringern sich nachhaltig. Als Nebenwirkungen können Sie unter anderem ...

  • in den Monaten nach den Infusionen etwas anfälliger für Infekte sein,
  • Anzeichen für andere Autoimmunreaktionen entwickeln (z.B. für eine autoimmune Störung der Schilddrüsenfunktion oder Immunthrombozytopenie, d.h. beschleunigter Abbau von Blutplättchen durch Autoimmunantikörper) oder
  • eine Nierenentzündung (Glomerulonephritis) bekommen.

Schubtherapie: akute Erkrankungsschübe eindämmen

Multiple Sklerose verläuft meist in Schüben. Die während eines MS-Schubs eingesetzte medikamentöse Therapie (sog. Schubtherapie) dient im Wesentlichen dazu, die Prozesse des Immunsystems günstig zu beeinflussen. Sie zielt darauf ab,

  • die mit dem Schub verbundenen Symptome zu bekämpfen und
  • die Schubdauer zu verkürzen.

Wie macht sich ein akuter Multiple-Sklerose-Schub bemerkbar?

Ein akuter Multiple-Sklerose-Schub liegt vor, wenn bisher unbekannte Beschwerden auftreten, frühere Symptome wiederkehren oder diese sich mindestens 48 Stunden lang verstärken. Dann ist es wichtig, möglichst schnell (d.h. innerhalb von 2–5 Tagen nach Schubbeginn) mit der Schubtherapie zu starten.

Bei einem akuten MS-Schub kann Ihnen, je nach Schwere, eine Therapie mit hoch dosierten Entzündungshemmern (Glukokortikoide) helfen. Bei dieser Hochdosis-Schubtherapie bekommen Sie Kortison (z.B. Methylprednisolon) drei bis fünf Tage in die Venen gespritzt und nehmen es unter Umständen anschließend etwa zehn Tage lang in zunehmend geringerer Dosis als Tabletten ein. Die Beschwerden und auch die ihnen zugrunde liegenden Entzündungsherde gehen rascher wieder zurück. Durch die zeitliche Begrenzung der Behandlung fallen die sonst unangenehmen Nebenwirkungen von Kortison deutlich milder aus: Herzklopfen, Heißhunger, Unruhe oder Schlafstörungen sind bei der Kortison-Stoßtherapie zunehmend seltener.

Es gelingt allerdings nicht in jedem Fall gleichermaßen, einen akuten MS-Schub mit einer solchen Kortison-Therapie zu bekämpfen. Wenn Ihre Symptome schwerwiegend sind (z.B. Lähmungserscheinungen, Blindheit) und sich durch Kortison nicht genug bessern, besteht die Möglichkeit, den Multiple-Sklerose-Schub in spezialisierten Zentren mit einer Plasmapherese zu behandeln, bei der man das Blutplasma aus Ihrem Blut herausfiltert und gegen eine Ersatzlösung austauscht.

Begleitmaßnahmen: ein Plus für die Lebensqualität

Gegen multiple Sklerose ist auch eine symptomatische Therapie wichtig: Das bedeutet, geeignete Begleitmaßnahmen gegen die als störend empfundenen MS-Beschwerden zu ergreifen.

Durch eine symptomatische MS-Therapie können Sie Ihre Lebensqualität verbessern und Funktionseinschränkungen, die aufgrund Ihrer Beschwerden entstanden sind, verringern. Einer Gehbehinderung oder Koordinationsstörung können Sie zum Beispiel durch krankengymnastische Übungen (Physiotherapie) entgegenwirken. Auch Störungen der Blasenfunktion und Sexualität sowie Zittern, Schwindel oder Schmerzen, die durch multiple Sklerose bedingt sind, kann man durch entsprechende Begleitmaßnahmen behandeln: teils durch Medikamente, teils mit ergänzenden oder alternativen Therapien (z.B. Beckenbodentraining, Massagen oder Entspannungsmaßnahmen).

Typisch für multiple Sklerose ist, dass sich die Symptome durch Hitze verstärken: zum Beispiel bei Fieber, körperlicher Anstrengung (z.B. Sport) oder hohen Umgebungstemperaturen im Sommer. Daher kommen in solchen Situationen zur symptomatischen MS-Therapie auch Begleitmaßnahmen infrage, um den Körper abzukühlen. Hierzu sind inzwischen verschiedene Kleidungsstücke mit Kühlelementen (z.B. Kühlweste) verfügbar, mit denen Sie wärmebedingte Beschwerden und somit Ihre Lebensqualität verbessern können.



Anzeige