Mittelohrentzündung (Otitis media)

Veröffentlicht von: Till von Bracht (14. November 2017)

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Typisch für eine Mittelohrentzündung sind stechende Ohrenschmerzen, Fieber und Hörminderung. Babys und Kleinkinder zeigen dies, indem sie häufig nach ihrem Ohr greifen, viel schreien oder nichts essen wollen. Eine Mittelohrentzündung ist zwar schmerzhaft, aber in den meisten Fällen harmlos: Nach zwei bis drei Tagen klingt die Entzündung meist von selbst wieder ab. Antibiotika sind nur selten notwendig.

Eltern versuchen oft, die Symptome einer Mittelohrentzündung mit Hausmitteln zu lindern – zum Beispiel mit einer aufgeschnittenen Zwiebel, die auf das Ohr des Kindes gelegt wird, oder mit wärmendem Rotlicht. Die Wirksamkeit dieser Hausmittel ist wissenschaftlich allerdings nicht belegt.

Am Anfang einer Mittelohrentzündung steht in der Regel

  • eine bakterielle oder
  • virale Infektionskrankheit der Atemwege.

Das kann ein harmloser Schnupfen sein oder eine echte Grippe. Vom Nasen-Rachen-Raum können die verantwortlichen Viren oder Bakterien bis ins Mittelohr aufsteigen, wo sie letztendlich eine Entzündung der Schleimhäute verursachen. Ärzte sprechen bei einer Mittelohrentzündung auch von einer sogenannten Otitis media. 

Am häufigsten tritt eine Mittelohrentzündung bei Kleinkindern und Babys auf, da bei ihnen die Verbindung zwischen Mittelohr und Rachenraum (Ohrtrompete) noch sehr kurz ist. Innerhalb der ersten drei Lebensjahre erkranken etwa zwei von drei Kindern an einer Mittelohrentzündung. Doch auch als Erwachsener kann man noch eine Otitis media bekommen – etwa nach einer lang anhaltenden und heftigen Erkältung.

Um Komplikationen zu vermeiden, ist es wichtig, bei stechenden Ohrenschmerzen immer den Kinderarzt oder einen HNO-Arzt aufzusuchen. 

Ist eine Mittelohrentzündung ansteckend?

Nein, die Mittelohrentzündung selbst ist nicht ansteckend – die Infektionskrankheit, die der Otitis media vorausgegangen ist, aber unter Umständen schon. Ein Beispiel: Ist die Mittelohrentzündung im Rahmen einer Erkältung aufgetreten, so können die verantwortlichen Erkältungsviren beim Spielen oder Sprechen auf andere Kinder übertragen werden. 

Mittelohrentzündung: Die häufigsten Symptome im Überblick

Die akute Mittelohrentzündung beginnt meist ganz plötzlich. Typische Symptome sind

Bei Kleinkindern zeigen sich die Symptome einer Mittelohrentzündung häufig an ihrem Verhalten: Die Babys sind unruhig, weinerlich, trinken schlecht und greifen sich oft ans Ohr (Ohrzwang).

Erfahren Sie in unserem Video zur Mittelohrentzündung mehr über den Aufbau des Ohrs und was passiert, wenn sich das Mittelohr entzündet hat.

Oft schwillt bei einer Mittelohrentzündung der Verbindungsgang zwischen Mittelohr und Rachen, die Ohrtrompete, zu. In der Folge können Schleim und Flüssigkeit nicht mehr abfließen und sammeln sich im Mittelohr. Wenn dadurch der Druck im Mittelohr zu groß wird, kann das Trommelfell reißen, sodass die Flüssigkeit nach außen abfließt und sich Eiter aus dem Ohr entleert. Die Schmerzen lassen dann schlagartig nach.

Eine chronische Mittelohrentzündung äußert sich durch verschiedene Symptome, etwa

  • eine Hörminderung,
  • Ohrrauschen,
  • anhaltende Flüssigkeitsausscheidung (Sekretion) aus dem Ohr und
  • Wucherung von entzündlichem Gewebe (sog. Cholesteatom).

Viren & Bakterien: Diese Ursachen stecken dahinter!

In den allermeisten Fällen geht der Mittelohrentzündung eine Infektion der oberen Atemwege voraus, zum Beispiel

Das bedeutet: Die eigentlichen Ursachen für eine Mittelohrentzündung sind Viren und/oder Bakterien, die vom Nasen-Rachen-Raum ins Mittelohr wandern und dort zu einer Entzündung führen. 

Häufig Auslöser einer Otitis media sind zum Beispiel

  • Grippeviren, 
  • Erkältungsviren (z.B. Rhinoviren, Respiratory-Syncytial-Viren, Coronaviren oder Adenoviren),
  • Pneumokokken,
  • A-Streptokokken,
  • Staphylokokken (vor allem bei Säuglingen) und
  • Haemophilus influenzae.

Seltener dringen die Keime bei einem Trommelfelldefekt oder einer Verletzung des Trommelfells direkt aus dem äußeren Gehörgang ein.

Auch eine Verschleppung der Viren oder Bakterien über das Blut (hämatogene Streuung) im Rahmen einer Allgemeinerkrankung (z.B. Scharlach oder Masern) können eine Mittelohrentzündung verursachen.

Große Rachenmandeln (z.B. als Folge einer Mandelentzündung) oder oft auftretende Halsentzündungen können die Belüftung zwischen Mittelohr und Rachenraum stören und verhindern, dass Flüssigkeit abfließt. Auch angeborene Veränderungen im Rachenraum (z.B. Gaumenspalten) können bei Kindern eine Mittelohrentzündung begünstigen.

Eine grafische Darstellung der Anatomie des Ohres. Bei einer Mittelohrentzündung steigen häufig Bakterien vom Nasen-Rachen-Raum auf bis in das Mittelohr.

Die Ohrtrompete verbindet das Mittelohr mit dem hinteren Rachenraum. Über diese Verbindung können Krankheitserreger aus dem Nasen-Rachen-Raum ins Mittelohr aufsteigen und eine Mittelohrentzündung auslösen.

Das Mittelohr: Was ist das?

Das Mittelohr ist ein luftgefüllter Hohlraum. Es wird durch das Trommelfell vom äußeren Gehörgang abgetrennt. In ihm befinden sich die drei Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss, Steigbügel), welche die Schallwellen in Richtung Innenohr übertragen.

Die Ohrtrompete (Tuba auditiva Eustachii) verbindet das Mittelohr mit dem hinteren Rachenraum. Auf diese Weise belüftet die Ohrtrompete das Mittelohr, sodass ein Druckausgleich möglich ist. Bei einer Erkältung können jedoch Krankheitserreger aus dem Nasen-Rachen-Raum über die Ohrtrompete ins Mittelohr aufsteigen und eine Mittelohrentzündung auslösen.

Bei Verdacht auf eine Mittelohrentzündung: Ab zum Arzt

Generell ist es empfehlenswert, bei Verdacht auf eine Mittelohrentzündung immer einen Hals-Nasen-Ohrenarzt (HNO-Arzt) oder den Kinderarzt aufzusuchen. Denn durch eine rechtzeitige Behandlung lässt sich meist einer Folgeerkrankung vorbeugen. 

Um die Diagnose zu sichern, befragt der Arzt den Patienten nach seinen Symptomen und begutachtet anschließend das Trommelfell durch einen Ohrtrichter. Mediziner sprechen auch von einer Ohrenspiegelung (Otoskopie).

Das Bild zeigt die Aufnahme einer Mittelohrentzündung durch ein Otoskop. © Wikimedia Commons

Bei einer Mittelohrentzündung ist das Trommelfell häufig gerötet, verdickt und durch die sich im Mittelohr anstauende Flüssigkeit nach außen gewölbt.

Ein gesundes Trommelfell ist grau, spiegelnd und leicht durchscheinend. Es hat eine glatte Oberfläche und ist gut beweglich. Liegt eine Mittelohrentzündung vor, zeigen sich typische Entzündungszeichen – etwa eine Rötung und ein vorgewölbtes Trommelfell.

Das Trommelfell kann außerdem verdickt sein oder Blasen bilden. Manchmal ist auch ein Loch im Trommelfell (Perforationsstelle) mit austretender Flüssigkeit zu erkennen.

Bei einer Mittelohrentzündung prüft der Arzt manchmal zusätzlich die Eigenschaften von Trommelfell und Mittelohr mithilfe der sogenannten Tympanometrie. Bei dieser Untersuchung misst der Arzt den Druck im Mittelohr und testet die Beweglichkeit des Trommelfells. Ein Hörtest zeigt außerdem, ob Hörprobleme bestehen.

So lässt sich eine Mittelohrentzündung behandeln!

Wie bei einer Mittelohrentzündung die Behandlung genau aussieht, hängt unter anderem vom Alter des Patienten und vom Allgemeinzustand ab. Einige Ärzte behandeln eine Mittelohrentzündung stets mit Antibiotika, wobei dies nur in manchen Fällen sinnvoll ist. Meistens heilt eine Otitis media innerhalb der ersten zwei bis drei Tage von selbst wieder ab.

Ein Arztbesuch ist in jedem Fall notwendig, da der Arzt den Verlauf der Mittelohrentzündung beurteilen und entscheiden kann, welche Behandlung angemessen ist.

Grob gesagt lässt sich die Behandlung einer Mittelohrentzündung wie folgt strukturieren.

1. Schmerzlinderung

Im Mittelpunkt der Behandlung steht die schnelle Linderung der Ohrenschmerzen. Hierfür eignen sich die Wirkstoffe

Beide Wirkstoffe sind bereits für Säuglinge zugelassen und können als Zäpfchen oder Saft verabreicht werden.

2. Krankheitsverlauf beobachten

Vor allem bei Kindern ab zwei Jahren und bei Erwachsenen empfiehlt es sich, den Verlauf der Mittelohrentzündung zunächst zu beobachten. 85 von 100 Patienten haben bereits nach 24 Stunden keine Ohrenschmerzen mehr, die vollständige Genesung dauert rund zwei Wochen. 

  • Wenn sich die Symptome verschlimmern, 
  • bei Kleinkindern unter zwei Jahren mit einer Entzündung beider Ohren oder
  • bei einer Mittelohrentzündung mit eitrigem Ausfluss aus dem Ohr

hingegen sind Antibiotika häufig empfehlenswert.

3. Antibiotika

Antibiotika galten lange Zeit als Standardbehandlung bei einer Mittelohrentzündung. Heute weiß man jedoch, dass diese Therapiemaßnahme nur in bestimmten Fällen sinnvoll ist. 

Eine sofortige Behandlung mit Antibiotika empfiehlt sich bei

Als Mittel der ersten Wahl gilt der Wirkstoff Amoxicillin, alternativ können auch orale Cephalosporine zum Einsatz kommen.

4. Nasentropfen und Ohrentropfen

Abschwellende Nasentropfen fördern den Flüssigkeitsabfluss und die Belüftung des Mittelohrs. Ob dadurch die Mittelohrentzündung besser abheilt, ist jedoch nicht klar. Wenn das Kind auch eine verstopfte Nase hat, sorgen die Nasentropfen zumindest dafür, dass es einige Stunden lang besser durchatmen kann.

Dagegen sind bei einer Mittelohrentzündung Ohrentropfen (z.B. mit den Wirkstoffen Phenazon und Procain) nur wenig wirksam, da sie das Mittelohr nicht durch das Trommelfell hindurch erreichen.

5. Hausmittel

Hausmittel können manchmal helfen, die Symptome zu lindern – sie sind aber kein Ersatz für eine ärztliche Behandlung.

Typische Hausmittel bei einer Mittelohrentzündung sind

  • mit Zwiebelstückchen oder Kamillenblüten befüllte Stoffsäckchen, die auf das betroffene Ohr gelegt werden,
  • wärmendes Rotlicht und
  • Wadenwickel gegen das Fieber.

Bislang gibt es allerdings keine wissenschaftlichen Belege, dass diese Hausmittel bei einer akuten Mittelohrentzündung tatsächlich helfen.

6. Operation

Eine Beschädigung des Trommelfells im Rahmen der akuten Mittelohrentzündung heilt meist spontan ohne operative Therapie ab. Eine chronische Mittelohrentzündung sowie eine daraus entstehende chronische Knocheneiterung, ein sogenanntes Cholesteatom, erfordern jedoch häufig eine Operation. Dabei verschließt der Arzt die defekte Stelle des Trommelfells durch ein Gewebetransplantat (Trommelfellplastik).

Wenn sich das Trommelfell vorwölbt und spannt oder Komplikationen auftreten, muss der HNO-Arzt es operativ öffnen (sog. Parazentese). Der Eingriff findet unter örtlicher Betäubung oder – bei Kindern – in Vollnarkose statt.

Hat sich die Entzündung bereits in den angrenzenden Knochen ausgebreitet (Mastoiditis), ist eine umgehende Operation erforderlich, um die entzündeten Stellen zu entfernen.

Mittelohrentzündung: Verlauf & Vorbeugen

Komplikationen

Meist heilt eine akute Mittelohrentzündung innerhalb von zwei Wochen vollständig ab – auch ohne den Einsatz von Antibiotika. Ist dies nicht der Fall, besteht der Verdacht, dass sich die Entzündung auf den Knochen hinter dem Ohr, den sogenannten Warzenfortsatz (Mastoid) ausgebreitet hat (Mastoiditis).

Bei der Mastoiditis kann Eiter in die luftgefüllten Hohlräume des Knochenfortsatzes gelangen. Erfolgt keine entsprechende Behandlung, kann sich diese Entzündung in der Umgebung weiter ausbreiten. Mögliche Komplikationen sind dann

Im Verlauf der Mittelohrentzündung kann in manchen Fällen das Trommelfell des Ohrs einreißen (Perforation), wodurch die Schmerzen plötzlich nachlassen. Eiter entleert sich dann über den Gehörgang nach außen. Die Folge einer solchen Perforation kann eine andauernde Mittelohrentzündung sein. Ärzte sprechen dann von einer chronischen Otitis media.

Chronische Mittelohrentzündung

Bei einer chronischen Mittelohrentzündung handelt es sich um eine dauerhafte oder immer wiederkehrende Entzündung des Mittelohres, die mit einem bleibenden Trommelfelldefekt (mehr als drei Monate) und eitrigem Ausfluss aus dem Ohr einhergeht. Je nachdem, wie weit sich die Entzündung im Mittelohr ausgedehnt hat, unterscheidet man bei der sogenannten Otitis media chronica zwischen einer chronischen Schleimhauteiterung und einer chronischen Knocheneiterung.

Normalerweise geht eine akute Mittelohrentzündung bei normalen Druckverhältnissen im Ohr nicht in eine chronische Mittelohrentzündung über. Die chronische Otitis media ist eine eigenständige Krankheit – sie entsteht häufig als Folge frühkindlicher Belüftungsstörungen des Mittelohrs, zum Beispiel durch vergrößerte Rachenmandeln. 

Vergrößerte Rachenmandeln können die Ohrtrompete verdecken, was dazu führt, dass die Belüftung nicht mehr gewährleistet ist. Im Mittelohr entsteht ein Unterdruck. Dies begünstigt, dass Krankheitserreger, die sich im Nasen-Rachen-Bereich befinden, über die Ohrtrompete in das Mittelohr gelangen. 

Anders als bei einer akuten Mittelohrentzündung muss eine chronischen Mittelohrentzündung in den meisten Fällen operiert werden. 

Kann man einer Mittelohrentzündung vorbeugen?

Egal ob im Kindergarten, in der Schule oder Zuhause in den eigenen vier Wänden: Kinder fangen sich schnell Infektionen ein. Und gerade bei Säuglingen und Kleinkindern kann sich daraus leicht eine Mittelohrentzündung entwickeln, weil ihre Ohrtrompete noch sehr kurz ist.

Sicher verhindern kann man eine Mittelohrentzündung zwar nicht – mit verschiedenen Maßnahmen lässt sich das Risiko aber möglicherweise senken. 

  • Schnullergebrauch reduzieren: In mehreren Studien konnten Wissenschaftler feststellen, dass Babys, die ständig am Schnuller nuckeln, häufiger eine Mittelohrentzündung bekommen als andere.
  • Stillen: Kinder, die sechs Monate lang gestillt wurden, erkranken in den ersten zwei Lebensjahren wesentlich seltener an einer Mittelohrentzündung als ungestillte Kinder. 
  • Xylit-Kaugummis kauen: Statistisch gesehen lässt sich mit Xylit-haltigen Kaugummis das Erkrankungsrisiko um 40 Prozent reduzieren. Der Haken: Man muss die Kaugummis mindestens fünfmal täglich über mehrere Monate kauen – andernfalls wirken sie nicht. 
  • Gegen Pneumokokken impfen lassen: Nach derzeitigen Forschungsstand geht man davon aus, dass eine Pneumokokken-Impfung mit dem 7-valenten Konjugatimpfstoff jüngere Kinder zumindest teilweise vor einer Mittelohrentzündung schützen kann. Bei älteren Kindern scheint sich keine protektive Wirkung zu entfalten. 
  • Gegen Grippe impfen lassen: Mehrere Studien mit insgesamt mehr als 17.000 Kindern haben gezeigt, dass die Grippeimpfung das Risiko für eine Mittelohrentzündung zumindest leicht senken kann. Eine generelle Impfempfehlung lässt sich hieraus allerdings noch nicht ableiten.

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Mittelohrentzündung (Otitis media)":

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Quellen:

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Aktualisiert am: 14. November 2017