Karpaltunnelsyndrom

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (30. Juni 2017)

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Kribbelnde Finger, taube Hände? Das hat fast jeder schon einmal erlebt. Wenn diese Symptome aber häufiger auftreten und Schmerzen in der Hand dazu kommen, besonders in der Nacht, sollten Sie zum Arzt gehen: Es kann es sich um ein Karpaltunnelsyndrom handeln.

Was ist das Karpaltunnelsyndrom?

Das Karpaltunnelsyndrom ist ein sogenanntes Nerven-Engpass-Syndrom der Hand. Dort, wo die Hand in den Unterarm übergeht, bilden die Handwurzelknochen auf der Innenseite eine halboffene Rinne, den Handwurzelkanal, durch den der Medianusnerv oder auch Mittelnerv verläuft. Wird der Mittelnerv im Handwurzelkanal eingeengt, verursacht das die typischen Beschwerden.

Häufig tritt ein Karpaltunnelsyndrom im Rahmen anderer Erkrankungen auf, etwa bei Diabetes oder rheumatischen Erkrankungen. Auch wenn sich im Verlauf einer Schwangerschaft vermehrt Flüssigkeit im Gewebe ansammelt, kann sich ein Karpaltunnelsyndrom entwickeln. Ein Zusammehang mit langem Arbeiten am Computer konnte bisher nicht festgestellt werden.

Das Karpaltunnelsyndrom im Video: Was versteht man eigentlich unter dem Karpaltunnel und wie entsteht das Karpaltunnelsyndrom?

Karpaltunnelsyndrom: Symptome

Wenn das Gewebe im Handwurzelkanal anschwillt und damit den Mittelnerv einklemmt, löst das die typischen Beschwerden eines Karpaltunnelsyndroms aus: 

Wenn die Hand gebeugt ist, etwa beim Halten eines Telefons, Lenkrads oder Buchs, nehmen die Beschwerden häufig zu.

Warum hat man besonders nachts Schmerzen?

Da die Handgelenke im Schlaf oft abknicken oder – wenn man auf ihnen liegt – gedrückt werden, verschlimmern sich die Schmerzen oft in der Nacht. Wird die Hand ausgeschüttelt oder kräftig gerieben, lassen die Schmerzen meist nach.

Medianusnerv in der Hand

Medianusnerv in der Hand

Karpaltunnelsyndrom: Behandlung

Das Karpaltunnelsyndrom kann sowohl konservativ als auch operativ behandelt werden. Allerdings werden die Ärzte erst dann operieren, wenn die Beschwerden besonders stark sind und das Karpaltunnelsyndrom mit einfachen Mitteln nicht behoben werden kann.

Erster Schritt in der Behandlung ist daher konservative, das heißt nicht-operative Behandlung. Ausnahme: Wenn Unfälle, Blutungen oder Entzündungen das Gewebe im Handwurzelbereich anschwellen lassen, wird in der Regel rasch operiert.

Konservative Therapie

Wenn das Karpaltunnelsyndrom leichte bis mittelstarke Beschwerden verursacht, reicht häufig die Behandlung mit einer gepolsterten Schiene aus. Diese wird nachts getragen und verhindert, dass die Hand im Gelenk abknickt. Tagsüber sollte man mechanische Überbelastung vermeiden.

Zusätzlich können gegen die Schmerzen folgende Mittel eingesetzt werden:

  • Kortison in Tablettenform oder als Spritze in den verengten Bereich (Karpaltunnel)
  • evtl. entzündungshemmende Schmerzmittel (nicht-steroidalen Antiphlogistika) – ob diese neben dem Lindern der Symptome einen Effekt beim Karpaltunnelsyndrom haben, ist bisher jedoch nicht erwiesen

Operation

Muss das Karpaltunnelsyndrom operiert werden, stehen dafür zwei Techniken zur Wahl:

  • Die klassische (häufigere) offene Operation kann sowohl in sogenannter Leitungsanästhesie (Betäubung der Nerven, die Arm und Hand versorgen) oder in Vollnarkose durchgeführt werden.
  • Der minimal-invasive (endoskopische) Eingriff erfolgt über zwei Röhrchen, für die nur kleine Hautschnitte nötig sind. Bei dieser Operationsmethode entstehen nur kleine Narben. Dadurch ist das Risiko geringer, dass das Handgelenk dauerhaft in der Bewegung eingeschränkt wird.

Bei der Opreration durchtrennt der Arzt die bindegewebige Platte, die den Handwurzelkanal nach oben begrenzt. Das nimmt den Druck vom Medianusnerv. Wenn nötig, entfernt der Arzt außerdem vorhandene Weichteiltumoren oder verdicktes Sehnengleitlagergewebe.

Wann werden die Fäden gezogen?

Etwa 14 Tage nach der Operation werden die Fäden gezogen. Zu diesem Zeitpunkt sollte die Hand auch wieder einsatzfähig sein und der Betroffene kann seinen Alltag wieder aufnehmen.

Wie lange dauert die Heilung?

Nach der Operation beginnt umgehend die Rehabilitation mit Bewegungsübungen. Allerdings darf die Hand erst nach und nach mehr belastet werden. Das bedeutet, dass man für einen Zeitraum von etwa vier bis sechs Wochen keine schweren manuellen Tätigkeiten ausführen darf.

Was kann ich selber tun?

Bei einem Karpaltunnelsyndrom können Sie nicht viel selbst tun. Treten die Beschwerden nur hin und wieder auf, sollten Sie versuchen, die Hand nicht zu überlasten. Allerdings sollte das Karpaltunnelsyndrom zusätzlich ärztlich versorgt werden. Unbehandelt nehmen die Symptome mit der Zeit zu, was sich auf die Funktionsfähigkeit der Hand auswirken kann.

Karpaltunnelsyndrom: Ursachen

Der Handwurzelkanal wird nach oben von einer Bindegewebsplatte (Retinaculum flexorum) begrenzt. Diese Platte spannt sich wie ein Dach über die knöcherne Mulde. In dem so gebildeten Kanal verlaufen die Sehnen der Fingerbeugemuskulatur gemeinsam mit dem Medianusnerv oder Mittelnerv.

Das Karpaltunnelsyndrom ist das klassische Beispiel einer peripheren Nervenleitungsstörung, die hervorgerufen wird, wenn der Nerv komprimiert, also zusammengedrückt wird. Der Mittelnerv wird in diesem Fall eingeengt, weil das Bindegewebe anschwillt.

Warum das Bindegewebe anschwillt, ist in den meisten Fällen unklar. Oft lassen sich für das Karpaltunnelsyndrom keine direkten Ursachen ermitteln. Mediziner sprechen dann von einem idiopathischen Karpaltunnelsyndrom. Bei folgenden Grunderkrankungen entwickelt sich jedoch häufig zusätzlich ein Karpaltunnelsyndrom:

In einigen Fällen aber sind die Ursachen eindeutig. Dann kann man zwei Mechanismen unterscheiden:

  • Lokale mechanische Reizung des Medianusnervs durch Druck von außen, etwa aufgrund von:
  • Den ganzen Körper betreffene Erkrankungen (systemische Erkrankungen) oder hormonelle Veränderungen, die ein Karpaltunnelsyndrom begünstigen können – z.B.: Auch bei Patienten, die sich regelmäßig einer Blutwäsche (Dialyse) unterziehen müssen, kann der Druck auf den Medianusnerv steigen und sich ein Karpaltunnelsyndrom entwickeln.

Karpaltunnelsyndrom: Diagnose

Die typischen Beschwerden lassen bereits auf ein Karpaltunnelsyndroms schließen. Die Diagnose wird durch die körperliche Untersuchung unterstützt. 

Mithilfe einer Elektromyographie (EMG) sowie dem Ermitteln der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) und kann der Neurologe zudem Unterschiede zwischen der erkrankten Hand und der gesunden Hand feststellen.

Besteht Verdacht auf eine knöcherne Ursache (z.B. ein Bruch des Handgelenks), so ist eine Röntgenaufnahme des Handgelenks und gegebenenfalls der Handwurzelknochen nötig.

Außerdem kann der Arzt für die Diagnose eines Karpaltunnelsyndroms bestimmte klinische Tests durchführen:

  • Hoffmann-Tinel-Zeichen: Der Mittelnerv wird am Handgelenk abgeklopft um zu prüfen, ob das Schmerzen (sog. Klopfschmerz) und/oder Sensibilitätsstörungen auslöst.
  • Phalen-Test: Der Arzt beugt das Handgelenk möglichst weit und prüft, ob nach etwa einer Minute Schmerzen und Gefühlsstörungen zunehmen.
  • Flaschen-Test: Der Betroffene soll mit der erkrankten Hand eine Flasche umfassen. Beim Karpaltunnelsyndrom ist das oft nicht möglich, da der Daumen nicht weit genug abgespreizt werden kann.

Geht das Karpaltunnelsyndrom möglicherweise auf Gewebeveränderungen (z.B. Tumoren oder Ganglien) zurück, werden bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanztomographie (MRT) oder eine Ultraschalluntersuchung (Sonographie) des Handgelenks eingesetzt.

Karpaltunnelsyndrom: Verlauf

Wenn das Karpaltunnelsyndrom nicht behandelt wird, nehmen die Beschwerden weiter zu. Ausgeprägte Schmerzen können in den Unterarm, gelegentlich sogar bis in die Schulter ziehen. Im weiteren Verlauf nimmt die Kraft der Fingermuskulatur ab, sodass der Daumen nicht mehr richtig zugreifen kann.

Behandelt nimmt das Karpaltunnelsyndrom jedoch in der Regel einen guten Verlauf. Die Operation kann meist die Schmerzlen lindern und oft ganz beseitigen. Auch die Gefühlsstörungen und der Kraftverlust können sich nach dem operativen Eingriff bessern. Oft dauert es aber eine Weile, bis die Beschwerden ganz verschwunden sind.

Es gilt: Je früher Diagnose und Behandlung erfolgen, desto günstiger verläuft ein Karpaltunnelsyndrom!

Suchen Sie daher bei Beschwerden des Handgelenks frühzeitig einen Arzt auf. Ist der Mittelnerv durch eine langanhaltende Druckbelastung erst einmal stark geschädigt, können dauerhafte Ausfallerscheinungen die Folge sein.

Karpaltunnelsyndrom in der Schwangerschaft

Wenn sich im Verlauf der Schwangerschaft Flüssigkeit im Gewebe ansammelt, kann auch das Bindegewebe am Handwurzelkanal anschwellen. So bildet sich besonders gegen Ende der Schwangerschaft häufig ein Karpaltunnelsyndrom. Nach der Geburt, wenn die Flüssigkeit nach und nach aus dem Gewebe ausgeschwemmt wird, verschwinden auch die Beschwerden wieder von selbst.

Karpaltunnelsyndrom: Vorbeugen

Sie können einem Karpaltunnelsyndrom nicht gezielt vorbeugen, da die Ursache in den meisten Erkrankungsfällen ungeklärt bleibt (idiopathisches Karpaltunnelsyndrom). Generell sollte man rechtzeitig einen Arzt aufsuchen, wenn das Handgelenk Beschwerden bereitet. So können Sie Folgeschäden vorbeugen.

Karpaltunnelsyndrom: Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Karpaltunnelsyndrom":


Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Abrufdatum: 29.6.2017)

Müller, M., et al.: Chirurgie. Für Studium und Praxis. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2014

Online-Informationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): www.gesundheitsinformation.de (Stand: 5.11.2014)

Breusch, S., Mau, H., Sabo, D.: Klinikleitfaden Orthopädie Unfallchirurgie. Urban & Fischer, München 2013

S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie, der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie, der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie: Karpaltunnelsyndrom. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 005/003 (Stand: 30.6.2012)

Hoffmann, R., et al.: Checkliste Handchirur. Thieme, Stuttgart 2009

Schiebler, T.H., Korf, H.-W.: Anatomie. Steinkopff, Darmstadt 2007

Aktualisiert am: 30. Juni 2017

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