Hodenkrebs: Therapie beim Nichtseminom

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (25. Juli 2016)

Wenn ein Hodenkrebs vom Typ "Nichtseminom" ist, kann nach der operativen Entfernung des befallenen Hodens je nach Erkrankungsstadium eine Chemotherapie oder eine Überwachungsstrategie erfolgen.

Anders als bei Seminomen wird bei Nichtseminomen normalerweise keine Strahlentherapie eingesetzt. Das liegt daran, dass Nichtseminome nicht beziehungsweise kaum strahlenempfindlich sind. Dagegen steht bei Nichtseminomen als zusätzliche Maßnahme nach der Entfernung des Hodens die Entfernung von Lymphknoten aus dem hinteren Bauchraum zur Verfügung (sog. retroperitoneale Lymphadenektomie).

Überwachungsstrategie (auch Wait-and-see- oder Surveillance-Strategie)

Wie bei Seminomen gilt auch bei Nichtseminomen: Wenn sich der Hodenkrebs noch in einem frühen Stadium befindet (Stadium I, Krebs ist auf den Hoden beschränkt), besteht die Möglichkeit, mit einer weiteren Therapie abzuwarten: In regelmäßigen Abständen kontrolliert der Arzt, ob es Anzeichen für Tochtergeschwulste (Metastasen) oder einen Hodenkrebs-Rückfall (Rezidiv) gibt. Diese werden dann umgehend entsprechend behandelt.

Die Überwachungsstrategie eignet sich nur für Nichtseminome, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit noch keine Gefäße des Hodens angegriffen haben. Ärzte können dies feststellen, indem sie den entfernten Hoden unter dem Mikroskop betrachten. Wenn bereits Tumorzellen in die Hodengefäße eingedrungen sind (sog. Gefäßinvasion), bedeutet das in der Hälfte der Fälle, dass sich bereits Metastasen gebildet haben.

Chemotherapie

Bei einer Chemotherapie setzen Ärzte Medikamente ein, die Zellen daran hindern, zu wachsen. Bei einem Nichtseminom in einem frühen Stadium kann die Chemotherapie vorbeugend eingesetzt werden. Dafür erhält der Patient meist ein bis zwei Zyklen einer sogenannten Polychemotherapie. Sie umfasst wie beim Seminom mehrere Tumormedikamente – sogenannte Zytostatika –, zum Beispiel im Kombinationsschema "PEB" die Wirkstoffe CisplatinEtoposid und Bleomycin.

Befindet sich ein Hodenkrebs in einem weiter fortgeschrittenen Stadium, in dem sich bereits Lymphknotenmetastasen bis zu einer Größe von 5 Zentimetern gebildet haben (Stadium IIA-IIB), gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Es werden zunächst werden drei Zyklen Chemotherapie eingesetzt und anschließend eventuell noch immer vorhandene Tumorreste durch eine Operation entfernt.
  2. Die Ärzte entfernen zuerst die befallenen Lymphknoten und verordnen anschließend – soweit notwendig – noch eine Chemotherapie.

Welche Abfolge die richtige ist, hängt unter anderem davon ab, zu welcher Untergruppe von Nichtseminomen der Tumor gehört.

Ärzte empfehlen eine Chemotherapie, wenn der Hodenkrebs bereits so weit fortgeschritten ist, dass sich Lymphknotenmetastasen gebildet haben, die größer als 5 Zentimeter sind oder wenn Blutgefäße oder sogar andere Organe von dem Krebs betroffen sind. Durch sie gelingt es in der Regel, Lymphknoten- und Organmetastasen zu vernichten. Bei solch ausgeprägtem Krebsbefall kommt die Chemotherapie als erste Behandlungsmaßnahme zum Einsatz; danach folgt mitunter eine Operation, um eventuell noch vorhandene Tumorreste zu entfernen.

Eine Chemotherapie umfasst bei einem frühen Hodenkrebsstadium bei Nichtseminomen meist ein bis zwei, in fortgeschritteneren Stadien drei bis vier Zyklen und findet stationär statt. Betroffene müssen während der Chemotherapie nicht die ganze Zeit im Krankenhaus verbringen, sondern nur bestimmte Tage.

Entfernung der Lymphknoten

Bei einem Nichtseminom in Stadium I (d.h. bei einem auf den Hoden begrenzten Hodenkrebs) bilden sich bei etwa drei von zehn Männern kleinste Lymphknotenmetastasen im hinteren Bauchraum. Um das Risiko für einen Hodenkrebs-Rückfall zu reduzieren, können Ärzte die entsprechenden Lymphknoten vorbeugend in einer Operation entfernen, der sogenannten retroperitonealen Lymphadenektomie.

Wenn sich der Krebs bereits in einem weiter fortgeschrittenen Stadium befindet, in dem bereits kleinere Lymphknotenmetastasen im hinteren Bauchraum vorhanden sind (Stadium IIA-IIB) kann die retroperitoneale Lymphadenektomie sinnvoll sein, um Krebsherde zu entfernen. In einigen Fällen schließt sich an die Operation eine Chemotherapie an, um alle Tumorzellen im Körper abzutöten.

Ebenso kann nach einer Chemotherapie eine Operation notwendig sein: Wenn noch Krebsgewebe im Körper vorhanden ist, muss es entfernt werden. Dies kann vor allem bei einem Hodenkrebs im weit fortgeschrittenen Stadium, mit großen Lymphknotenmetastasen oder sogar Fernmetastasen (ab Stadium IIC), vorkommen.

Sowohl die Entfernung der Lymphknoten im hinteren Bauchraum (retroperitonealen Lymphadenektomie) als auch die Entfernung von Tumorresten (Residualtumorresektion) sind sehr anspruchsvolle Operationen – vor allem, wenn eine große Tumormenge aus dem Körper entfernt werden muss. Insbesondere bei vorbeugenden Operationen können Ärzte die Lymphknoten in manchen Fällen mithilfe der "Schlüsselloch-Chirurgie" (Laparoskopie) entfernen. Sind jedoch bereits größere Metastasen vorhanden oder müssen Resttumoren entfernt werden, ist dies meist nur durch eine offene Operation möglich.

Mögliche Nebenwirkungen einer operativen Entfernung der Lymphknoten sind unter anderem:

  • Wundheilungsstörungen
  • Infektionen
  • dauerhafter Verlust der Ejakulationsfähigkeit und damit der Fähigkeit, auf natürlichem Wege ein Kind zu zeugen

In unmittelbarer Nähe zu den Lymphknoten, die bei der Operation entfernt werden, verlaufen Nerven, die für den Samenerguss wichtig sind: Sie sorgen dafür, dass die Spermien beim Orgasmus über die Harnröhre nach außen gelangen. Heutzutage ist es sehr selten, dass diese Nerven bei einer Entfernung der Lymphknoten beschädigt werden. Durch nervenschonende Operationsverfahren bleibt bei 95 von 100 Männern die Fähigkeit zum Samenerguss erhalten. Auch bei einer operativen Entfernung von Tumorresten kann in vielen Fällen die Ejakulationsfähigkeit erhalten werden.

Werden die Nerven bei dem Eingriff verletzt oder im schlimmsten Fall sogar durchtrennt, ist ein normaler Samenerguss nicht mehr möglich. Der Samen wird stattdessen in die Harnblase befördert (sog. retrograde Ejakulation). Dadurch ist es nicht mehr möglich, auf natürlichem Wege ein Kind zu zeugen. Allerdings kann in diesem Fall für eine künstliche Befruchtung Samen aus dem Urin gewonnen werden.

Die Operationen beeinträchtigen weder die Potenz, also die Versteifungsfähigkeit des Glieds, noch das Gefühlsleben oder die Orgasmusfähigkeit.

Wie Nichtseminome in den verschiedenen Krankheitsstadien in der Regel behandelt werden, fasst die folgende Tabelle zusammen:

Therapie beim Nichtseminom

Stadium Behandlungsmöglichkeiten
Stadium I operative Entfernung des Hodens (Orchiektomie), danach (je nach feingeweblichem Befund):
  • Überwachungsstrategie oder
  • 1-2 Zyklen Chemotherapie
  • gegebenenfalls Entfernung von Lymphknoten
Stadium IIA-IIB operative Entfernung des Hodens, danach:
  • Entfernung von Lymphknoten, anschließend ggf. Chemotherapie oder
  • 3 Zyklen Chemotherapie, anschließend ggf. Entfernung noch befallener Lymphknoten
ab Stadium IIC operative Entfernung des Hodens, danach:
  • 3-4 Zyklen Chemotherapie
  • anschließend ggf. Entfernung noch befallener Lymphknoten