Dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeits­störung): Ursachen

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (19. April 2016)

Als Ursache für die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) gilt eine frühe Traumatisierung: Wer eine multiple Persönlichkeit hat, wurde mit großer Wahrscheinlichkeit in frühester Kindheit (meist vor dem fünften Lebensjahr) wiederholt massiv sexuell oder körperlich missbraucht (teils in ritualisierter Form) oder extrem – bis hin zur Verwahrlosung – vernachlässigt.

Selten sind andere Traumata die Auslöser für eine dissoziative Identitätsstörung: Infrage kommen zum Beispiel auch schwere Lebenssituationen wie extreme Armut oder Krieg, in denen die Kinder den Verlust von Angehörigen miterleben mussten. Wenn eine multiple Persönlichkeitsstörung scheinbar ohne schweres Trauma in der frühen Kindheit entsteht, kann eine Erklärung hierfür lauten, dass sich die Betroffenen nicht mehr an die ursächlichen Erlebnisse erinnern.

Dass schwere Traumata eine dissoziative Identitätsstörung verursachen können, liegt an der gefährlichen und hilflosen Lage, in der sich die Kinder befinden: Hilfe können sie nicht erwarten, da die Täter meist nahe Angehörige sind, die drohend fordern, nichts von den Erlebnissen zu erzählen. In dieser Situation trennen die Kinder als Schutzreaktion das reale Geschehen vom Bewusstsein ab und schaffen so einen gedanklichen Rückzug aus der unerträglichen Situation. Eine multiple Persönlichkeitsstörung entsteht, wenn sich die Betroffenen dabei in zwei oder mehr Identitäten aufspalten, wobei jede Identität bestimmte Funktionen in den jeweiligen Situationen übernimmt und in einer ähnlichen Situation wieder zum Vorschein kommen kann. Diese Teilidentitäten haben alle ihre Aufgaben:

  • So entstehen zum Beispiel Helferpersönlichkeiten, welche die Rolle des Beschützers für die Betroffenen übernehmen, indem sie Situationen vermeiden, in denen ein Missbrauch stattfinden könnte.
  • Andere Teilpersönlichkeiten sorgen beispielsweise dafür, dass die Betroffenen mit den Anforderungen in der Schule zurechtkommen.

Dissoziation

Die für die dissoziative Identitätsstörung kennzeichnenden Teilidentitäten entstehen durch sogenannte Dissoziation: Dies bedeutet so viel wie die inhaltliche Trennung verschiedener Teile des Erlebten voneinander. Dieser Vorgang kann als eine Art Bewältigungsmechanismus in belastenden, stressigen oder traumatischen Situationen unbewusst ablaufen und lässt sich nicht steuern: Einige Hirnregionen arbeiten dann nicht weiter, sodass die Informationsweiterleitung im Gehirn teilweise blockiert ist. Dies schützt auch vor Erinnerungen an die belastende Situation.

Empfinden die Betroffenen die Dissoziation als Erleichterung, gelingt sie bei späteren Traumatisierungen immer leichter. Im Extremfall kann dabei eine multiple Persönlichkeit entstehen: Innerhalb einer Situation können dann mehrere Teilidentitäten abwechselnd zum Vorschein kommen, um das zugefügte Leiden zu verteilen und es so seelisch überleben zu können. Eine psychische Störung ist dieser Schutzmechanismus dann, wenn die Teilidentitäten ohne die ursächlichen Situationen weiterbestehen oder schon geringe Alltagsbelastungen ausreichen, um Dissoziationen auszulösen. Im Erwachsenenalter belastet die dissoziative Identitätsstörung die Betroffenen zunehmend, da sie bei der Bewältigung des Alltags hinderlich ist.

Die Fähigkeit zur Dissoziation ist also die Grundvoraussetzung dafür, dass sich Teilidentitäten abspalten und somit eine dissoziative Identitätsstörung entstehen kann. Doch nicht jeder Mensch kann dissoziieren. Bei Kindern ist die Fähigkeit zur Dissoziation aber in der Regel gut ausgeprägt. Ursache für die multiple Persönlichkeitsstörung ist daher typischerweise eine Traumatisierung in früher Kindheit.


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